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I. Sprache, Perspektive, Tempus

 

Kurt Tucholsky: "Er schreibt die klarste und schönste Prosa, die zur Zeit in deutscher Sprache geschaffen wird. Er blüht von Phantastischem und Phantasie – aber fest und sachlich sind Sätze und Rhythmus gestaltet." [1]

Bei der Betrachtung der Sprache der Türhüter-Legende
[2] von Franz Kafka fällt auf, dass die Sprache schlicht, bisweilen sogar karg ist. Diese Aussage gilt auch für viele andere seiner Texte. Die Verba, welche in der „Legende“[3] verwandt werden, entstammen fast ausnahmslos dem alltäglichen Sprachgebrauch, dem Grundwortschatz: stehen, kommen, bitten, sagen, überlegen, fragen, eintreten, sein etc.. In den ersten elf Sätzen findet sich überhaupt nur ein Adjektiv: der Türhüter sei der „unterste Türhüter“. Ein Adverb im achten Satz bezieht sich ebenfalls auf den Türhüter, welcher den Anspruch erhebt, „mächtig“ zu sein. Im zwölften Satz jedoch, als sich der Mann vom Lande angesichts des Anblicks des Türhüters „entschließt..., doch lieber zu warten...“, tauchen verhältnismäßig viele Adjektive auf, welche mit den Substantiven das Äußere des Türhüters konkretisieren: er hat eine „große Spitznase“ sowie einen „langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart“. Darin spiegelt sich ein typisches Stilmittel Franz Kafkas wider: Die unmittelbaren Umstände, die spezifische Beschaffenheit von Gegenständen oder die besonderen Merkmale von Personen werden dem Leser erst dann mitgeteilt, wenn diese für die Entwicklung der weiteren Vorgänge von Bedeutung sind, niemals sind sie bloßer Selbstzweck. Der Leser betrachtet gemeinsam und gleichzeitig mit dem Mann das Äußere des Türhüters – er ist auf genau der gleichen Erkenntnisstufe. Bei dem erwähnten Beispiel nun führt der Erzähler nicht einfach aus, der Mann fühle sich durch den Anblick des Türhüters entmutigt und trete deshalb nicht ein, sondern er beschreibt jedes Detail am Türhüter, welches den Mann vom Eintritt abhält. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass der Erzähler vollkommen die Gedanken­gänge des Mannes nachvollziehen kann. Durch die direkte Schilderung des Türhüters wird andererseits eine Distanzierung des Erzählers gegenüber dem Mann deutlich. Ob der Türhüter eher grotesk mit seiner „Spitznase“ und seinem „langen, dünnen“, aber „tatarischen Bart“ wirkt, ist dem individuellen Gefühl des Lesers überlassen. Insbesondere der Bart als ein Zeichen seiner fremdländischen Herkunft könnte bei xenophoben Menschen ein Gefühl der Ablehnung provozieren.


Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist eine Tatsache, auf welche Heinz Politzer bereits hingewiesen hat: Der Türhüter wird weit häufiger genannt als der Mann vom Lande, nämlich einundzwanzigmal gegenüber siebenmal, davon lediglich zweimal in der vollständigen Bezeichnung als „Mann vom Lande“. Im Roman Der Prozeß, in dessen sogenanntem Dom-Kapitel die Legende angesiedelt ist, soll, so Heinz Politzer, damit lediglich ausgedrückt werden, dass der Gefängnis­geistliche Josef K. „in die Irre...führen“
[4] wolle, da dieser, ebenfalls ein Mann vom Lande, „der Suggestion gehäufter Wörter leicht zugänglich“[5] sei. Franz Kafka veröffentlichte die Legende 1915 in der Unabhängigen jüdischen Wochenzeitschrift Selbstwehr und 1920 in dem Sammelband Ein Landarzt[6]. Er war demzufolge der Meinung, der Text könne für sich stehen. Obwohl er gegenüber seinen eigenen Werken zeitlebens sehr kritisch eingestellt war, berichtet er von einem „Zufriedenheits- und Glücksgefühl, wie ich es zum Beispiel besonders der Legende gegenüber habe“[7]. Deshalb müssen werkimmanente Gründe für die augenfällige, recht häufige Nennung des Türhüters existieren, welche nicht unbedingt nur durch das Dom-Kapitel erklärt werden können. Zu Beginn des Textes steht der Erzähler über dem Ganzen: er platziert die Figuren auf dem Spielbrett. Vor dem Gesetz steht ein Türhüter, zu dem ein Mann kommt. Diesem wird durch den Türhüter der Eintritt in das Gesetz verwehrt. Der Mann fragt, ob er später werde eintreten dürfen. Bis zu dieser Stelle werden die beiden Figuren nicht näher beschrieben, ihre Reden werden indirekt wiedergegeben. Im fünften und im achten bis zwölften Satz jedoch spricht der Türhüter in direkter Rede. Der Mann und der Leser werden gleichzeitig mit dem Erzähler und mit den Aussagen des Türhüters konfrontiert. Erzähler auf der einen Seite sowie der Mann und der Leser auf der anderen Seite befinden sich trotzdem nicht auf der gleichen Erkenntnisstufe. Der Erzähler identifiziert sich zwar derart mit dem Mann, indem er dessen gedankliche Motivation versteht und schildert, bleibt aber letztlich doch Herr des Geschehens.

 

Der Türhüter wird, um auf die eigentliche Ausgangsfrage zurückzukommen, auch deshalb weit häufiger genannt, weil der Erzähler in der ganzen Legende immer wieder die Versuche des Mannes schildert, einge­lassen zu werden. Der Türhüter wird so zum Adressaten der Handlungen des Mannes; „Er“, der Mann, wendet sich an den Türhüter. Das Innenleben des Türhüters interessiert den Erzähler indes nicht. Besonders deutlich wird dies, weil der Erzähler nur auf die Gedankengänge und –schlüsse des Mannes eingeht und diesen durch Konjunktionalsätze eine Logik gibt. Schließlich „überlegt“ der Mann und „fragt dann“ oder folgert aus der offenstehenden Tür und dem Türhüter, der zur Seite tritt, dass er nunmehr eintreten könne. Allerdings wird in dieser Passage auch deutlich, dass der Erzähler zugleich wiederum von oben, gleichsam auktorial, die äußeren Geschehnisse betrachtet. Dass „das Tor zum Gesetz offen steht wie immer“, kann der Mann selbst nicht beurteilen, denn wie wollte er, der gerade erst beim Gesetz angekommen ist, behaupten, die Tür stünde schon immer offen?

Selbst so subjektive Handlungen des Mannes, wie die Bitte an die Flöhe im Pelz des Türhüters, ihm doch zu helfen, kann der Erzähler verstehen – auch wenn er nicht versäumt, den absurden Versuch gemeinsam damit zu erwähnen, dass der Mann „kindisch“ werde. Als der Mann „jetzt“, nachdem er alt und schwach geworden ist und sein Augenlicht fast verloren hat, den „Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht“, erkennt, folgert der Erzähler, dass er „nun“, da er den Glanz gesehen habe, nicht mehr lange lebe. Der Erzähler entfernt sich wieder vom Mann. Er zweifelt nicht direkt die Sinnhaltigkeit seines Tuns an, sondern er nimmt eine übergeordnete Funktion ein. Lapidar konstatiert er dann: „Nun lebt er nicht mehr lange.“ Da er sich von der Perspektive des Mannes wiederum entfernt hat und wohl auch um die Wichtigkeit der Frage zu betonen, lässt er den Mann die entscheidende Frage selbst formulieren und gibt sie in direkter Rede wieder.

Franz Kafka bewirkt mit verschiedenen sprachlichen Kunstgriffen, dass jede zeitliche Einordnung der Legende unmöglich und ihr daher ein grundsätzlicher Anspruch zugeordnet wird. Neben dem Ausdruck „Mann vom Lande“, auf den gesondert im folgenden Kapitel eingegangen werden wird, finden sich verhältnismäßig viele Beispiele für stark deklinierte Dativ-Objekte: „zum Schlusse sagt er immer“, „aus der Türe des Gesetzes“ und „vor seinem Tode“. Schon zu Franz Kafkas Schaffenszeit war eine starke Beugung des Dativs nicht mehr gebräuchlich. Durch dieses Stilmittel klingt die Sprache veraltet, die Legende wird bewusst in einen unbestimmbaren Zeitraum transferiert.
Der Text ist im Präsens geschrieben. Im Gegensatz zum Präteritum, welches den Erlebnis­charakter von Ereignissen betont und Ausdrucksform für eine zeitliche Distanz ist, stellt das Präsens die grundsätzliche und allgemeingültige Intention der Legende in den Vordergrund. Eine zeitliche Einordnung wird dadurch unmöglich. Das Perfekt wird nur in den Textstellen verwandt, wo es erzähltechnisch notwendig wird, um einen Bezug zur Vorgeschichte oder aber einen Zusammenhang mit den vorausgegangenen Ereignissen innerhalb des Textes herzustellen: der Mann hat die Schwierigkeiten, denen er sich gegenüber­sieht, nicht erwartet, und hat sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet. Durch das jahrelange Studium hat er die Flöhe im Pelzkragen des Türhüters erkannt. Schließlich stellt er, mit „allen Erfahrungen der ganzen Zeit“ gewappnet, die Frage „Wie kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?“

 

 

 


[1] Tucholsky, Kurt [1975], Bd. 3, S. 92.
[2] Alle folgenden Zitate, die nicht eigens durch eine Fußnote gekennzeichnet sind, beziehen sich auf: Franz Kafka [1983], Bd. Der Prozeß, S. 182ff.
[3] Franz Kafka selbst hat in seinen Tagebüchern für diesen Text die Bezeichnung Legende gewählt. In: Kafka, Franz [1983], Bd. Tagebücher, S. 326. Da in dieser Arbeit die Frage nach der Gattung des Textes nicht untersucht wird, wird im Folgenden keine andere als eben die von dem Autor gewählte Bezeichnung benutzt. Es sei jedoch darauf verwiesen, dass er den Text mitunter auch anders bezeichnet hat. Vgl. Fußnote 41.
[4] Vgl. auch Politzer, Heinz [1978], S. 284.
[5] Ebd., S. 284.
[6] Zur Rezeptionsgeschichte siehe auch Binder, Hartmut [1994], S. 10f..
[7] Kafka, Franz [1983], Bd. Tagebücher, S. 326.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte