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I. Gattungsgeschichtliche Zuordnung: Felix Krull als Parodie des Bildungsromans oder als Beispiel eines Pikaresken Romans?

 

 

Der Titel "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" stellt den Roman in die Tradition der Bekenntnisliteratur (u.a. Augustinus, Rousseau, Goethe) als rechtfertigende Lebensberichte. Bekenntnisse sind in aller Regel Bildungsgeschichten, in denen die Altersweisheit distanziert auf die Jugendtorheiten zurückblickt.

Insbesondere in der deutschen Literatur entwickelt sich die Form des Bildungsromans: Darin wird die Entwicklung und Bildung eines Menschen von einer sich selbst noch unbewussten Jugend zu einer allseits gereiften Persönlichkeit geschildert, die ihre Aufgabe in der Gesellschaft bejaht und erfüllt. Dieser Bildungsgang, gesehen als gesetzmäßiger Prozess, führt über Erlebnisse der Freundschaft und Liebe, über Krisen und Kämpfe mit den Realitäten der Welt zur Entfaltung der natürlich geistigen Anlagen, zur Überwindung eines jugendlichen Subjektivismus, zur Klarheit des Bewusstseins. Jedes neu erreichte Niveau, jede neu errungene Erkenntnisstufe ist Grundlage und Voraussetzung zum Erwerb eines stets klar definierten Ziels der Reifung und Vollendung, der harmonischen Übereinstimmung von Ich, Gott und der Welt. Häufig weisen Bildungsromane einen zwei- oder dreigliedrigen Aufbau auf: Jugend- und Wanderjahre, Läuterung und Einordnung in das Gefüge der Welt. Als Beispiele für Bildungsromane können angeführt werden: Rousseau: Émile, Goethe: Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre sowie Dichtung und Wahrheit, Novalis: Heinrich von Ofterdingen, Hölderlin: Novalis.

 

Demgegenüber steht das Konzept des Pikaresken Romans, der auch im europäischen Ausland bereits vor dem Bildungsroman weite Verbreitung fand. Häufig ist der Pikareske Roman in der Ich-Form und der Perspektive des Helden, des Pikaro (fahrender Schelm), geschrieben. Die einzelnen Geschehnisse sind rein additiv über die Person des Schelms miteinander verbunden. Dazwischen finden sich Einschübe, etwa moraltheoretische Auslassungen und Kommentare. Die Geschehnisse spielen an vielen unterschiedlichen Orten und auch die Figuren wechseln beständig. In politisch-sozialer Hinsicht wird die Gesellschaft häufig aus dem Blickwinkel eines sozial deklassierten, etwa weil besitz-, bildungs- oder heimaltlosen Helden oder indirekt auch anderer Figuren, angeprangert. Die Figur des Pikaro verkörpert dabei den Typ des Abenteurers, des Weltklugen, des Schalks, der gleichzeitig einfältig und gerissen agieren kann. Er ist eine Art Anti-Held.

 

Versuchen wir nun die gattungsspezifischen Besonderheiten beider Romankonzeptionen auf die Bekenntnisse des Felix Krull zu beziehen:

  • Zweifelsohne handelt es sich um einen Romen in Form einer Ich-Erzählung, um eine rein fiktive Autobiographie, welche der überführte und verurteilte Hochstapler Felix Krull im Alter von 40 Jahren verfasst. Der Erzähler wendet sich auch direkt an den Leser; etwa im Vorwort oder im I. Buch, 8. Kapitel) Es finden sich zahlreiche Stellen, an denen sich der Erzähler Felix Krull den Leser direkt anspricht: "etwaiger" (309), "unbekannter" (311), "mitfühlender" (523), "geneigter" (578), "feinfühlender" (549) etc.
  • Das Motiv des Abenteuers, des ständigen Ortswechsels sowie der unterschiedlichsten Figuren ist gegeben, genauso wie der Wechsel der Schauplätze (Eltville im Rheingau, Frankfurt, Paris, Lissabon, Weltreise) [Im Grunde genommen gehört hierzu auch die Beschäftigung mit der Erden-, Lebewesen- sowie Menschheitsgeschichte, außerdem des Universums und des Weltalls in Lissabon] sowie die Begegnung mit Figuren aus zahlreichen sozialen Schichten (etwa dem Künstler Pater Schimmelpreester, Hausarzt, Künstler Müller-Rosé, Prostituierte Rosza, die Militärbehörde, dem Kleinkriminellen Stanko, dem Hehler Horologer in Paris, Kellnern, Aristokraten, Industriellen)
  • Ebenfalls gattungsspezifisch für den Pikaresken Roman sind die Reflexionen des Protagonisten über sich selbst sowie sein Verhältnis zur Welt.
  • Das erste Beispiel im Roman, die sog. "Was ist förderlicher"-Episode, findet sich im I Buch, 2. Kapitel, letzter Absatz: "'Was ist förderlicher?', fragte ich mich, 'daß man die Welt klein oder daß man sie groß sehe?' ... wer alle Dinge und Menschen für voll und wichtig nimmt, wird ihnen nicht nur dadurch schmeicheln und sich somit mancher Förderung versichern, sondern er wird auch sein ganzes Denken und Gebaren mit einem Ernst, einer Leidenschaft, einer Verantwortlichkeit erfüllen, die, indem sie ihn zugleich liebenswürdig und bedeutend macht, zu den höchsten Erfolgen und Wirkungen führen kann. ... Übrigens habe ich es unwillkürlich und meiner Natur gemäß stets ... die Welt für eine große und unendlich verlockende Erscheinung geachtet" (274ff) Zunächst soll diese Textstelle lediglich als eines der zahlreichen Beispiele für - ich will es mal philosophische Exkurse nennen, die Felix unternimmt - dienen. Auf die Frage des Verständnisses dieser Textstellen kommen wir dann zurück beim Thema Allsympathie.
  • Zur Szene mit Mme Houpflé im II Buch, 9. Kapitel: Die Szene erstreckt sich über fast zehn Seiten und umfasst einen Dialog mit wörtlicher Rede von Krull und Mme Houpflé. Was seinen Umfang anbelangt, kann dieser Dialog also mit den großen Dialogen im Krull (Musterung, Marquis de Venosta, Prof. Kuckuck sowie Zouzou) auf eine Ebene gestellt werden. Es sei erwähnt, dass die intensive Schilderung erotischer Erlebnisse gerade auch für den Pikaresken Roman charakteristisch ist.
  • Obwohl Krull im Einstellungsgespräch mit Hoteldirektor Stürzli meint: "Ich finde die Gesellschaft reizend, so wie sie ist, und brenne darauf ihre Gunst zu erwerben." (II, Mitte 8, 417), so kann man die Krull'sche Erkenntnis vom Vorhandensein ungerechter sozialer Zustände nicht unterschlagen, wenn er seinen 16-Stunden Arbeitstag sowie die "sehr schlechten Mahlzeiten" (II, 1. Absatz; 434) benennt. Vielleicht sollte man diese Gedanken nicht als Erkenntnis, sondern als schlichte, nicht wertende Schilderung auffassen. Außerdem beschreibt er Reaktion mancher Gäste bei seiner Arbeit als Liftboy: "Andere freilich verbissen sich jedes Entzücken oder hatten das nicht einmal nötig, da ihr Herz erkaltet und nur noch Klassenhochmut darin übriggeblieben war." (Ebenda, gleicher Absatz) Obwohl hier auch der Begriff Klassenhochmut verwendet wird, sollte man sich hierbei nicht irreführen lassen. Es geht Krull nicht um eine Veränderung dieser Welt. Mit dem sich "das Entzücken verbeißen" meint Krull keineswegs eine fehlende Anerkennung seiner Arbeit, sondern seines Seins, seiner Existenz und seines Äußeren. Dass er von Entzückung und nicht etwa von einem dankenden Lächeln für den von ihm erbrachten Dienst am Lift spricht, wird untermauert. Entzücken kann sich bestenfalls auf die Erscheinung eines Menschen, auf Krull als Liftboy Armand, nicht jedoch auf die von ihm erbrachte Serviceleistung des Liftfahrens selbst beziehen. Krull (oder Armand/Marquis) will sich in der Welt widergespiegelt sehen, er liebt sie nicht um ihrer selbst willen, sondern weil sie ihn liebt. => Narzissmus
  • "Wir sind alle sehr schlecht untergebracht. Auch die Verpflegung ist schlecht, sowie die Bezahlung. Aber an Strike ist nicht zu denken. Zu viele sind bereit, an unsere Stelle zu treten. Man sollte diesen ganzen ausbeuterischen Kasten in Asche legen" (II, 7. Kapitel, letztes Viertel; 397) Weiter fährt Krull jedoch fort: "Es war ein sehr netter, kindlicher Junge ..." Durch diese Charakterisierung des "Jungen" als nett-kindlich, also naiv-sentimental, im unmittelbaren Anschluss an diese radikale Gesellschaftskritik erreicht Krull eine Distanzierung, die für ihn selbst den Wunsch nach einer gesellschaftlichen Umgestaltung trotz mancher in Ansätzen vorhandener Einsicht negiert. Erklärbar wird dies im Zusammenhang mit der Tatsache, dass diese Gesellschaft so überlebt und schließlich auch dekadent und scheinhaft sie auch sein mag, das Objekt des Hochstaplers Krull darstellt. Sie ist es, deren Bestand er sichern und deren Gunst (sprich: Anerkennung und Güter) er erwerben bzw. erschleichen will.

Fazit: In den Bekenntnissen des Felix Krull sind wesentliche strukturelle und motivische Elemente des Pikaresken Romans von Thomas Mann aufgegriffen worden. Augenfällig, was im Folgenden noch auszuführen zu sein wird, sind die zahlreichen motivischen und sprachlichen Bezüge zum deutschen Bildungsroman.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte