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Grafik: Claus Samtleben"Drecksblatt, das man austrocknen muss!"

 

Hintergrund der Kampagne gegen die junge Welt

UJN 23.08.2011


 

Gefakte Unterschriften

 

In dem Aufruf "Freiheit und Sozialismus", der zum Boykott der linken Tageszeitung junge Welt auffordert, wurden offenkundig Unterschriften gefälscht. So war zum Beispiel dort unter dem Namen von Ruben Lehnert aus Berlin-Neukölln zu lesen: "Als Freund des Trotzkismus kann ich die Stalinisten der 'Jungen Welt' nicht leiden und hoffe, dass sie bankrott geht. Viva Marx 21! Grüße an Yaak Pabst und Luigi Wolf." Aufgeflogen ist die Manipulation erst durch einen bloßen Zufall, als sich ein Aktivist auf einer parteiinternen Mailing-Liste über Ruben Lehnerts vermeintliche Unterstützung des Aufrufs wunderte und dieser auf Nachfrage mit den Worten "Diesen Eintrag habe ich nicht verfasst" dementierte.


Wie oft kommt es denn vor, dass die Unterschrift eines der mittlerweile über 400 Unterzeichner parteiöffentlich zum Gegenstand von Kritik wird und der Betreffende es dann auch noch mitbekommt, so dass er überhaupt die Möglichkeit hat zu dementieren? Sofern er nicht wirklich prominent ist, was hier nicht der Fall ist, mag das recht unwahrscheinlich sein. Die Frage ist, wie viele gefakte Unterschriften finden sich unter dem jW-Boykottaufruf sonst noch? Wie viele davon sind überhaupt Mitglieder? Offenkundig ist man sogar als einfacher Aktivist gezwungen, im Blog nachzuschauen, ob man nicht selbst Opfer einer solchen Manipulation geworden ist.

 

 

Dreistes Namensplagiat

 

Da es auch über den Blog an sich immer wieder zu Unklarheiten kommt: Der Aufruf "Freiheit und Sozialismus" zum jW-Boykott hat nichts mit dem antikapitalistischen Blog "Freiheit durch Sozialismus" zu tun, sondern der Anti-jW-Blog ist bereits von seiner Anlage her eine Art Plagiat.


Es verhält sich mit dem Internet so ein wenig wie mit dem wirklichen Leben: Wenn sich an einer Ecke der Stadt Unrat und Müll ansammeln, dann gesellt sich alsbald auch weiterer Müll dazu. Will sagen, die Unseriösität der Aufmachung, das schiere Plagieren einer Seite, auf der namhafte Autoren wie Sahra Wagenknecht, Sevim Dagdelen, Wolfgang Gehrcke und andere publizieren, senkt selbstredend die Hemmschwelle zur Manipulation und lädt nachgerade dazu ein, - zumal durch die Anonymität des Netzes befördert – seltsame Spielchen zu veranstalten.

Wenn unter einem Titel wie "Freiheit und Sozialismus" zu wirtschaftlichem Druck gegen eine kleine linke Tageszeitung aufgerufen wird, so ist das grotesk und bezeichnend für das, was die Autoren und Unterzeichner unter den beiden Begriffen Sozialismus und Freiheit verstehen und wie diese im besonderen Spannungsfeld, das sich aus der DDR-Geschichte zwangsläufig ergibt, "aufgelöst" werden sollen. Es drängt sich förmlich der Gedanke nach George Orwells Roman 1984 auf, in dem im "Liebesministerium" das schiere Gegenteil dessen geschieht, was die Bezeichnung suggeriert: Dort wird nämlich gefoltert. In einem solchen "Sozialismus", in dem unter "Freiheit" Zensur, Druck und Einschüchterung subsumiert werden, will ich nicht leben.

 

 

Logo des anti-jW-Blogs "Freiheit und Sozialismus"; Screenshot am 23.08.2011

 

 

Die Verantwortlichen und der Bellizisten-BAK


Im Impressum des jW-Boykott-Blogs finden sich als Verantwortliche Linda Block und für die "Realisierung" ein Mark Seibert. Mark Seibert ist im Karl-Liebknecht-Haus angestellt und schreibt über sich selbst auf seinem Twitter-Account: "Mark Seibert [...] arbeitet bei der LINKEN und twittert aus der Wahlkampfzentrale". Zusätzlich zu seiner halben Stelle in der Parteizentrale ist Mark Seibert noch bei Raju Sharma beschäftigt, Bundestagsabgeordneter und Schatzmeister der Partei. Nachgerade dreist ist es, wenn ein Angestellter der Partei für seine eigentlich privaten Feldzüge dann auch noch den offiziellen Schriftzug der Partei mitsamt dem dazugehörenden Logo für seinen Kampagnen-Blog verwendet, so als ob es sich um eine offizielle Untergliederung oder ein Statement der Partei DIE LINKE handeln würde.

 

Mark Seibert ist übrigens zudem Gründungsmitglied des bellizistischen BAK Shalom, ein Bundesarbeitskreis innerhalb der Linksjugend ['solid]. Auch hier wieder eine semantische Umwidmung zwecks Verunklarung: Der BAK "Shalom" ist nämlich gar nicht so friedliebend, wie man zu denken geneigt ist: So hat er 2009 etwa auf einer Demonstration die Weiterbombardierung des Gaza-Streifens durch die israelische Luftwaffe gefordert[1], bei der über 1500 Menschen zu Tode kamen. Dem Duktus des BAK "Shalom" folgend werden die israelischen Kriege als "Verteidigung" verstanden, wie auch die Operation Enduring Freedom in Afghanistan gut geheißen wurde, denn dort seien schließlich 130 Taliban-Ausbildungslager zerstört worden[2]. Außerdem macht der BAK gegen den Iran Stimmung und findet sich dabei in der Gesellschaft der schlimmsten Kriegshetzer unter den US-amerikanischen Neocons. Man muß kein Freund der Ajatollahs im Iran sein, um sich an die historischen Fakten zu halten und diese besagen, dass seitens des Iran in den letzten Jahrzehnten kein einziger Krieg ausging.

 

umstrittenes Titelblatt der "jungen Welt" am 13.08.2011Zur Titelseite der jW

 

Ja, die Titelseite vom 13. August mit "Wir sagen an dieser Stelle einfach mal: Danke" zum Thema "28 Jahre Berliner Mauer" ist grenzwertig, vor allem das Bild mit den Betriebskampfgruppen (übrigens nicht NVA-Truppen, wie fälschlicherweise behauptet wird) vor dem Brandenburger Tor ist zynisch. Gleichwohl: Von der Textgattung handelt es sich um eine Satire und die darf bekanntlich alles, so Kurt Tucholsky. In solch einem Fall schreibt man einen Leserbrief und argumentiert und protestiert. Die jW ist dafür bekannt, dass sie auch sehr kritische Statements druckt. Dem Boykottaufruf geht es aber gar nicht erst um einen Diskurs über die Mauer und die Hintergründe[3]. Wem ein jW-Boykott letztlich dient, darauf lassen die vielen antisozialistischen Kommentare in dem Blog schließen. Der Aufruf, die jW zu boykottieren, macht sich gemein mit der Springer-Presse. In der BILD-Zeitung setzte Hubertus Knabe, der in der jW-Satire mit "Danke für 28 Jahre Hohenschönhausen ohne Hubertus Knabe" erwähnt wurde, tatsächlich die DDR mit den Verbrechen des sog. III. Reiches gleich. Auf den Punkt gebracht: Das ist Knabes Credo, Lebensaufgabe und -sinn.

An Stasi-Gefängnissen ist nichts schön zu reden, das DDR-System jedoch zu kontexualisieren mit dem sog. III. Reich, das eine industrialisierte Menschenvernichtung betrieben hat und das die halbe Welt in den schlimmsten Krieg riss, wirkt geschichtsrevisionistisch, denn durch die Gleichsetzung mit der DDR werden die Verbrechen des sog. III. Reiches relativiert. Mit der Kampagne gegen die jW werden dumpfeste antikommunistische Reflexe erzeugt und man muss den Initiatoren vorwerfen, dass sie dies tun, um einem kleinen Blatt den Garaus zu machen, das fiesen Machtspielen kritisch gegenübersteht.

 

 

Wie totalitär seid Ihr eigentlich 20 Jahre nach der Wende?


Liebe Genossinnen und Genossen vom Forum demokratischer Sozialismus (fds) und der Emanzipatorischen Linken (EmaLi)[4]: Wie totalitär seid Ihr eigentlich 20 Jahre nach der Wende? Da ist das Wort gefallen vom "Drecksblatt, das man austrocknen" müsse (Achim Bittrich, stellvertretender Landesvorsitzender der LINKEN in Sachsen-Anhalt). Das allein sagt schon alles und welchen Geist der Aufruf atmet. Neben der Kampagne gegen die jW gibt es zahllose Beispiele, wie unter einer fds-Dominanz die innerparteiliche Demokratie geartet ist: Die eiskalte Ausgrenzung der linken Minderheit bei der Listenaufstellung in Mecklenburg-Vorpommern ist nur das letzte, besonders markante Beispiel. Dass die jW genau dies als überregionale Tageszeitung thematisiert, ist natürlich den Leuten, die davon profitieren, ein Dorn im Auge.


In Idealkonkurrenz zu den Anstrengungen, andere auszugrenzen und die eigene Karriere zu befördern, steht natürlich, dass DIE LINKE wegen solcher Kampagnen und Spielchen als ernst zu nehmender Akteur in der politischen Arena ausfällt, daher fordert auch die innerparteiliche Strömung Antikapitalistische Linke in einem Statement:
"Wir rufen alle Genossinnen und Genossen darüber hinaus dazu auf, nach den für DIE LINKE insgesamt nur schädlichen Debatten um Antisemitismus oder Mauerbau, sich nun endlich wieder gesellschaftlich aktuellen Problemen und Herausforderungen zuzuwenden, die die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung tangieren."

 

Die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen, Sprecherin für Internationale Beziehungen, erklärte in einem Post bei Facebook: "Ich frage mich, wieso es keine Kampagne gegen die Profiteure der Krise gibt statt dessen eine Kampagne gegen eine linke Tageszeitung? Was für ein Denken haben diese Leute, wenn sie ein linkes Medium "vernichten" oder "austrocknen" wollen? Die machen genau das, was sie vorgeben zu bekämpfen! Widerlich!" Und Sevim Dagdelen bekennt klar: "Ich werde auch in Zukunft SELBST entscheiden, ob ich für die jw schreibe oder nicht. Und ich werde!"


Fazit: Diejenigen, die wie fds und EmaLi immer den Spruch Rosa Luxemburgs von der "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" nachplappern und sich in einer besonders regressiven Rezeption ihrer Werke "annehmen", scheitern in der Praxis selbst kläglich daran, ihn auch nur im Ansatz umzusetzen. Die Instrumentalisierung der Mauertoten für einen innerparteilichen Kampf ist menschenverachtend und entlarvend.


An der Stelle würde man sich wünschen, dass diejenigen in der LINKEN, die sich jetzt an den Mauern von vorgestern und der jungen Welt abarbeiten, dies an den Mauern von heute tun würden. Und die werden zum Beispiel an der Südgrenze der EU und zwischen Israel und Palästina gebaut. Aber das interessiert genau diese Akteure natürlich herzlich wenig. Warum bloß?


Anmerkungen

 

[1] Widerspruch gegen linkes Lavieren; Israelische Linke rufen in offenem Brief an die Linkspartei zu Dialog über Nahostkonflikt auf, 30.03.2010 (Neues Deutschland)
[2] So wollte der BAK Shalom in einen Leitantrag der Linksjugend ['solid] sich positiv auf den Krieg in Afghanistan beziehen, da "der Krieg der NATO am Hindukusch »den internationalen Terrorismus erfolgreich bekämpft« [habe], weil »über 130 Ausbildungslager der Taliban« zerstört worden seien." In: Linksjugend müpft auf, 29.03.2010
(junge Welt)

[3] Ich bin doch kein Berliner. In: Süddeutsche Zeitung, 13.08.2011. Darin sind einige neue Erkenntnisse über den Mauerbau enthalten: "'Besser als ein Krieg': US-Präsident Kennedy akzeptierte den Mauerbau und ließ Sowjetführer Chruschtschow früh wissen, dass die Abriegelung des Ostens keine Konsequenzen nach sich ziehen würde."

[4] Strömungen innerhalb der Partei DIE LINKE, deren Mitglieder sich besonders vehement für den jW-Boykott aussprechen bzw. die selbst dazu aufgerufen haben.

 


 

Nachtrag

UJN 26.08.2011


Bezug nehmend auf die Unterschriftenkampagne mit Boykottaufruf gegen die junge Welt, hat die Gesamtmitgliederversammlung der LINKEN des Bezirksverbandes Berlin/Tempelhof-Schöneberg am 25. August 2011 mit großer Mehrheit beschlossen, den Boykott der jungen Welt durch Fraktion oder Partei abzulehnen.

 

Abgedruckt wurde der Artikel in Auszügen von der jungen Welt am 24.08.2011 unter dem Titel Eine Art Plagiat. Verschiedene Blogs haben ihn kopiert und veröffentlicht. Für eine kurze diesbezügliche Anfrage vor der Veröffentlichung wäre ich dankbar, ansonsten gelten die Bestimmungen des Impressums dieser Seite.

 

Fortsetzung mit: Aufkündigen des Pluralismus? Ja. Wundervolle Idee.

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte