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Alan Francis Chalmers: What is This Thing Called Science?

 

 

Chalmers geht in seiner Arbeit [dt. A. F. Chalmers: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie. Berlin, Heidelberg, New York, London, Paris, Tokyo, Hong Kong 1989] zunächst davon aus, daß "in der heutigen Zeit ... Wissenschaft ein hohes Ansehen" (Ebd., S. 1) genieße. Daher wirft sich ihm die Frage auf, "was die Grundlage solcher Auorität darstellt" (S. 1). Er stellt die These auf, wissenschaftliche Theorien könnten weder "endgültig belegt" (S. 2) noch "endgültig widerlegt werden" (S. 2). Chalmers bezeichnet es als Zweck seiner,Untersuchung, neuere wissenschaftsgeschichtliche Schulen aufzuzeigen, insbesondere den Induktivismus, den Falsifikationismus sowie die Wissenschaftstheorien von Imre Lakatos und Thomas Kuhn.

 

 

Induktivismus - Wissenschaft als aus der Erfahrung abgeleitete Erkenntnis

 

Wissenschaft sei überprüfbares Wissen, als Erfahrung durch Beobachtung und Versuche von der Wirklichkeit abgeleitet und objektiv. Diese Auffassung sieht Chalmers als Folge der "wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert" (S. 7). Dann schildert Chalmers die Voraussetzungen wissenschaftlicher Arbeit gemäß dem Konzept des "naiven Induktivismus" (S. 8): Der unvoreingenommende Beobachtende müsse gesunde Sinnesorgane haben und getreu berichten, was er wahrnehme. Die Aussagen seien dann "unmittelbar als wahr bestätigt oder begründet" (S. 8). Sie würden als Beobachtungsaussagen bezeichnet. Diese seien gleichzeitig immer auch Einzelaussagen über Ereignisse, die an einem bestimmtem Ort bzw. zu einer bestimmten Zeit von einem Beobachter vorgenommen würden. Allgemeine Sätze hingegen bezögen sich auf alle Ereignisse einer Art zu allen Orten und Zeiten. Chalmers fragt sich nun, wie Beobachtungsaussagen zu allgemeinen Sätzen zusammengefaßt werden könnten. Der Induktivismus setze dafür voraus, daß drei Bedingungen erfüllt seien: 1. Eine große Anzahl von Aussagen. 2. Die Versuche müßten unter vielen unterschiedlichen Bedingungen wiederholbar sein 3. Keine Beobachtungsaussage dürfe dem allgemeinen Gesetz widersprechen. Je größer die Anzahl der Beobachtungen sei, desto größer auch der Fortschritt der Wissenschaft. Danach geht Chalmers auf die Logik und das deduktive Schließen der Induktivisten ein. Auf Grund der Beobachtungen erhielten sie Gesetze und Theorien und in der Folge seien sie auch im Stande, Vorhersagen (Ableitungen) zu treffen. Deduktives Schließen beruhe, so Chalmers, auf der Logik. Chalmers vertritt die Auffassung, daß Logik nur helfe, wenn die Voraussetzungen wahr seien, dann müsse auch die Schlußfolgerung wahr sein. Ob die Voraussetzungen hingegen wahr oder falsch seien, liege außerhalb der Logik. Im Anschluß beschäftigt sich Chalmers mit Vorhersagen und Erklärungen im Induktivismus am Beispiel der Entstehung eines Regenbogens. Unter Voraussetzung (1) faßt er zusammen die Gesetze über das Licht, die sich durch Induktion beschreiben ließen. Unter Voraussetzung (2) eine "Anzahl derartiger Aussagen, die Einzelheiten des jeweiligen Forschungsgegenstandes beschreiben" (S. 14f) und bezeichnet diese als Anfangsbedingungen. Ein Vorteil, so Chalmers im fünften Abschnitt sei, daß der Induktivismus einen "formalen Ansatz" (S. 16) besitze, um Erklärungen und Vorhersagen zu liefern. Sofern die Bedingungen erfüllt seien, verhielten sich auch die Gesetze und Theorien zuverlässig. Chalmers bezeichnet diesen Ansatz als "auf gefährliche Weise irreführend" (S. 17) und kündigt an, dies zu begründen.

 

 

Das Induktionsprinzip

 

Zunächst kritisiert Chalmers die dritte Bedingung der Induktion, wonach keine Beobachtung dem jeweiligen Gesetz widersprechen dürfe. Chalmers geht davon aus, daß Beobachtungen den Ausgangspunkt der Induktionisten darstellten und wirft die Frage auf, wie man auf deren Grundlage durch induktives Schließen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen gelangen könne. Nach Chalmers könne der Induktionist entweder die Logik bemühen oder versuchen, das Induktionsprinzip durch Erfahrung zu rechtfertigen, was ohnehin "grundlegend für seine Auffassung von Wissenschaft insgesamt ist" (S. 19). Logische Schlüsse seien in der deduktiven Beweisführung dann gültig, wenn ihre Voraussetzungen und ihre Folgerungen auch zwingend wahr sein müßten. Induktive Beweise hingegen, so die Ansicht Chalmers, seien "keine logisch gültigen Beweise" (S. 19), weil es sich nicht so verhalte, daß wenn die Voraussetzungen eines induktiven Schlusses wahr seien, dann auch automatisch die Schlußfolgerung wahr sein müsse. Auch wenn die Schlußfolgerung falsch sei, könnten die Voraussetzungen wahr sein und trotzdem einander nicht widersprechen. Selbst eine Schlußfolgerung, die den Maßstäben der Induktion genüge, müsse nicht wahr sein. "Der Induktivist scheint also gezwungen zu sein, darzulegen, wie das Induktionsprinzip aus der Erfahrung abgeleitet werden kann" (S. 10). Eine solche Ableitung könne darin bestehen, daß sich die Induktion bei vielen Gelegenheiten unter den unterschiedlichsten Bedingungen als brauchbar erwiesen habe. Chalmers stimmt David Hume zu, daß es sich um einen Zirkelschluß handle, weil das Prinzip, das bewiesen werden solle, eben mit diesem Prinzip gerechtfertigt werde. Des weiteren kritisiert Chalmers das Kriterium der hohen Zahl an Beobachtungen und die verlangten zahlreichen Bedingungen. Er verlangt dafür eine Konkretisierung. In Bezug auf die Bedingungen argumentiert Chalmers, daß die Variation der Bedingungen unendlich sei, gleichwohl würden sie reduziert werden. Es existiere also ein "theoretisches Wissen" (S. 22) "vor der Beobachtung" (S. 22), was extreme Induktionisten nicht anerkennen würden. Auf Grund dieser Schwierigkeiten seien die Induktionisten dazu übergegangen, mit einer steigenden Anzahl von Beobachtungen auch eine höhere Wahrscheinlickeit des Eintritts eines bestimmten Ereignisses anzunehmen. Chalmers bemerkt, daß auch Sätze, die eine solche Komponente enthielten, allgemeine Sätze blieben, da sie mit dem gleichen Beweis gerechtfertigt würden wie die ursprünglichen Versionen, nämlich über sich selbst. Wenn dem nicht so wäre, so stelle sich ein zweites Problem: "Jeder Beweis, der auf Beobachtung beruht, besteht aus einer endlichen Zahl von Beobachtungsaussagen, während ein allgemeiner Satz sich auf eine unendliche Zahl möglicher Situationen bezieht. Die Wahrscheinlichkeit, daß der allgemeine Satz wahr ist, ist also gleich dem Bruch aus einer endlichen Zahl durch eine unendliche, was immer Null ergibt." (S. 23) Ein Versuch, aus diesem Dilemma auszubrechen, sei es, Einzelvorhersagen vorzunehmen. Chalmers wendet dagegen ein, daß es darum gehe, Erkenntnis durch allgemeine Sätze zu schaffen. Auch diese Methode, Einzelvorhersagen zu treffen, müsse sich auf allgemeine Sätze beziehen. Sofern jedoch diese einbezogen würden, ginge die Wahrscheinlichkeit der Einzelaussagen wieder gegen Null. Danach beschäftigt sich Chalmers mit den Reaktionen auf dieses Induktionsproblem: David Hume etwa gelange von der Erkenntnis, daß Induktion nicht logisch erschlossen werden könne, zu dem Resultat, daß Wissenschaft insgesamt "nicht rational gerechtfertigt werden kann" (S. 25). Andere hingegen meinten, man müsse das Induktionsprinzip als "unmittelbar einleuchtend" (S. 25) anerkennen. Chalmers wendet dagegen ein, daß das, was wir als einleuchtend empfänden, viel zu sehr von persönlichen Erfahrungen und dem kulturellen Umfeld abhänge, als daß man es zum Kriterium für Wissenschaft machen könne. Die dritte Reaktion bestehe darin, Induktion generell als Grundlage abzulehnen, indem der Nachweis erbracht werde, daß sie nicht notwendig sei. Chalmers verweist dabei auf den Falsifikationismus und dessen Vertreter Karl Popper.

 

 

Die Theorieabhängigkeit von Wahrnehmung

 

Wie bereits im 2. Kapitel dargestellt, stelle die gewissenhafte und objektive Beobachtung eine der wesentlichsten Voraussetzungen dar, so daß sichere wissenschaftliche Erkenntnisse nach dem Induktionismus daraus abgeleitet werden könnten. Dabei spielten, so Chalmers, zwei Annahmen eine Rolle, nämlich erstens, daß Wissenschaft vom Beobachten ausgehe, und zweitens, daß dieses Beobachten eine sichere Grundlage sei. Chalmers widmet sich im 3. Kapitel daher dem "Status und der Rolle der Betrachtung selbst" (S. 27.). Chalmers führt mehrere Belege dafür an, daß der Eindruck, den ein Beobachter eines Gegenstandes erhalte, nicht allein durch die Informationen bestimmt sei, welche auf die Retina projektiert würden. Wahrnehmungen könnten auch geschult werden. Induktivisten, so Chalmers, unterstellten also ohne direkten Beweis eine direkte Verbindung "zwischen den Bildern auf unserer Retina und den subjektiven Wahrnehmungen beim Sehen" (S. 31). Daneben spielten Gemüt und Verstand eine Rolle. Diese Beobachtung gelte auch für viele unterschiedliche Situation. Chalmers schränkt insofern ein, als daß er am erläuterten Beispiel feststellt, daß die Menschen (mit Ausnahme der afrikanischen Stämme) dasselbe sehen würden. Fazit: Es gebe sehr unterschiedliche Wahrnehmungserfahrungen. Im Anschluß beschäftigt sich Chalmers mit der Abhängigkeit von Beobachtungen von einer Theorie. Induktivisten lehnten das Vorhandensein einer Theorie vor dem Forschungsprozeß strikt ab. Chalmers behauptet, daß auch "Beobachtungsaussagen ... in der Sprache irgendeiner Theorie abgefaßt" (S. 33) sein müßten. Er belegt diese These an dem Beispiel der Farbe "rot". Eine induktivistische Schilderung könne sein: Von der Wahrnehmung, die jemand mit seinem Sinn macht, wird ein Teil (der sich auf die Einzelwahrnehmungen bei Sehen roter Gegenstände bezieht) etwas Gemeinsames haben. Beim näheren Untersuchen stelle er fest, daß dieser Teil dem Begriff "rot" zu zuordnen ist. Der Fehler, so Chalmers, bestehe darin, daß aus einer "unendlichen Menge an Wahrnehmungserfahrungen eines Beobachters diejenigen ..., die er beim Sehen roter Gegenstände macht, auf irgendeine Weise für eine Untersuchung zur Verfügung stehen" (S. 34). Damit würde der Begriff "rot" quasi vorausgesetzt, obwohl es gerade darum ginge, denselben zu erklären. Er sei also nicht (entgegen der induktionistischen Behauptung) aus der Erfahrung abgeleitet worden. Eine zweite Schwierigkeit der Induktionisten bestehe darin, daß Beobachtungsaussagen auch fehlbar sein könnten und insofern als Basis für Theorien unsicher würden. Chalmers bezeichnet schließlich die Vorstellung von theoriefreien Beobachten als "absurd und unhaltbar" (S. 36). Beobachtungen und Experimente, meint Chalmers und illustriert dies durch einige Beispiele, würden zur Prüfung einer Theorie vorgenommen. Beobachtungen dienten also dazu, Theorien zu verbessern und zu erweitern und nicht "endlose Listen zielloser Beobachtungen" (S. 37) anzulegen. Chalmers stellt fest, daß nur wenige diese "streng naiv-induktivistische Sichtweise" (S. 38) pflegten. Andere hingegen differenzierten zwischen der Methode, auf deren Grundlage eine Theorie entstünde, und der Art der Rechtfertigung. Theorien würden auf vielerlei Arten kreiert - durch spontanen Einfall, Zufälligkeiten oder nach langer, planvoller Suche.

 

 

Der Falsifikationismus

 

Chalmers schildert zunächst kurz den Falsifikationnismus: dieser gehe davon aus, daß auch das Beobachten theoriegeleitet sei. Theorien würden als vorläufige, spekulative Vermutungen gelten. Diese müßten durch Beobachtung und Experimente überprüft werden. Hielten sie diesen nicht stand, würden sie durch neue ersetzt. Der Anspruch einer Theorie sei nie der, wahr zu sein, sondern immer nur besser zu sein als die vorherigen Theorien. Wissenschaft sei, so Chalmers, eine Menge von Hypothesen. Die Bedingung jeder Hypothese sei, daß sie falsifizierbar sein müsse. Hypothesen seien dann falsifzierbar, wenn logische Beobachtungen potentiell vorhanden seien, die der Hypthese widersprechen würden. Wenn diese Beobachtungen wahr wären, falsifizierten sie die Hypothese. Sei eine Aussage nicht falsifizierbar, könne "die Wirklichkeit alle möglichen Eigenschaften" (S. 43) besitzen. Chalmers fährt in seiner Argumentation fort und meint, eine gute wissenschaftliche Theorie sei allein deshalb falsifizierbar, weil sie eine "definitive Aussage über die Wirklichkeit" (S. 43) mache. Umfaßten Theorien generelle Aussagen, erhöhe sich auch der Falsifizierbarkeitsgrad. Eine gute Theorie sei so gefaßt, daß sie generelle Aussagen über die Welt mache, also sehr falsifizierbar sei, sich gleichwohl in der Anwendung bewähre. Theorien müßten präzise formuliert werden. Je genauer sie ausgedrückt seien, desto falsifizierbarer (und wertvoller) würden sie. Danach konzentriert sich Chalmers auf die Frage, wie wissenschaftlicher Fortschritt durch Falsifikationismus erreicht würde. Zuerst würden falsifizierbare Theorien vorgeschlagen, diese kritisch untersucht und geprüft. Einige würden verworfen, die anderen noch kritischer untersucht. Sei eine Theorie endgültig falsifiziert, würden neue Hypothesen aufgestellt und überprüft. So entstünden immer neue Theorien, die jeweils ihren Vorgängern überlegen seien.

 

 

Der raffinierte Falsifikationismus, neuartige Vorhersagen und der Fortschritt der Wissenschaft

 

Chalmers greift den Gedanken wieder auf und meint, Hypthesen sollten in einem hohen Maße falsifizierbar, gleichzeitig jedoch nicht falsifiziert sein. Für raffinierte Falsifikationisten spiele es eine Rolle, ob die neue Hypopthese gegenüber der vorhandenen, die ersetzt werden soll, einen sinnvollen Ersatz liefere. Wissenschaft entwickele sich so dynamisch. Ein "absolutes Falsifizierbarkeitsmaß" (S. 53) ließe sich nicht bestimmten, da die Falsifizierbarkeitsmöglichkeiten jeder Theorie immer gegen unendlich gingen. Ideal wäre, so Chalmers, wenn Theorien, welche in der Geschichte aufeinander folgen, jeweils falsifizierbarer wären als ihre Vorgänger. Chalmers argumentiert weiter, daß die Forderung, Theorien müßten immer allgemeingültiger, also auch immer falsifizierbarer werden, die Veränderungen von Theorien ausschließe, welche lediglich dazu dienten, eine drohende Falsifizierung zu umgehen (Ad hoc-Modifikationen), etwa durch Ausschluß eines Teils der von der Theorie zu erfassenden Menge. Eine Modifizierung einer Theorie hingegen, welche zu neuen Überprüfungen führe, sei zulässig. Könne eine veränderte, falsifizierbarere Hypothese durch neue Überprüfungen nicht falsifiziert werden, so stelle dies einen Fortschritt dar. Schließlich unternimmt Chalmers noch einen Vergleich zwischen der "induktivistischen und falsifikationistischen Sichtweise von Bewährung" (S. 59). Für den Falsifikationisten, der Theorien falsifizieren und ersetzen wolle, stellten Bewährungen eine Verbesserung der Theorie dar. Für Induktivisten hingegen spiele die logische Beziehung zwischen den Beobachtungsaussagen, die sich bewährt hätten, und die darauf gründende Theorie eine Rolle. Bewährungen hätten also für den Induktivisten lediglich affirmativen Charakter, während der Falsifikationist eine Konkretisierung oder bei Nicht-Bewährung eine Revision der Theorie einleite.

 

 

Die Grenzen des Falsifikationismus

 

Chalmers verweist zunächst auf den unterschiedlichen Stellenwert von Falsifikation und Bewährung einer Theorie: Eine Falsifikation sei endgültig, während eine Bewährung als Kriterium dafür gelte, daß ein Theorie vorläufig anerkannt werde. Beobachtungsaussagen seien theorieabhängig und könnten unwahr sein. Wenn also die Beobachtung falsch sein könne, dann hieße dies bei einer entsprechenden Beobachtung, daß nicht die Theorie unbedingt falsch sein müsse, es könne auch die Beobachtung sein. In der Geschichte sei es häufig so gewesen, daß Beobachtungsaussagen zurückgewiesen und Theorien beibehalten würden. Er verweist auf das Beispiel von Kopernikus' Theorien und dem Problem der Größe der Venus. Daher könnten Theorien eigentlich niemals endgültig falsifiziert werden. Karl Popper versuche, so Chalmers, das Problem der Beobachtungsaussagen zu lösen, indem er zwischen öffentlichen Beobachtungsaussagen einerseits und subjektiver Wahrnehmung andererseits unterscheide. Erstere würden als Basissätze "durch Beschluß, durch Konvention anerkannt, sie sind Festsetzung" (Popper In: Ebd., S. 65). Beobachtungsaussagen würden gemäß des wissenschaftlichen Standes vorläufig anerkannt, wenn sie allen Überprüfungsmöglichkeiten der betreffenenden Zeit widerstünden. Beobachtungsaussagen seien fehlbar und offen für die Revision. Chalmers kritisiert, daß mit Poppers Argument der Falsifikationismus gefährdet sei. Theorien könnten nicht mehr endgültig falsifiziert werden. Daran anschließend befaßt sich Chalmers mit der "Komplexität realistischer Falsifikationen" (S. 66). Chalmers merkt an, daß bei Überprüfung einer Theorie noch Hilfshypothesen, wie etwa Gesetze und Theorien über notwendige Instrumente, sowie die Anfangsbedingungen benötigt würden. Schlußendlich könne auch durch genaue Beschreibung des Aufbaus etc. nicht ausgeschlossen werden, daß eine Theorie deshalb nicht endgültig falsifiziert werden könnte, weil mehrere Faktoren der komplexen Testsituation Fehler bedingten und nicht etwa die Theorie selbst. Theorien könnten geschützt werden, indem die Falsifikation einfach auf "andere Bereiche des komplexen Netzwerks von Annahmen gelenkt" (S. 68) würden. Als Beispiel für den Ablauf von Forschung benennt Chalmers die kopernikanische Revolution.

 

 

Theorien als Strukturen: I. Forschungsprogramme

 

Chalmers meint, sowohl der falsifikationistische als auch der induktivistische Ansatz würde der Komplexität von Theorien nicht gerecht. Daher plädiert er für ein "strukturiertes Ganzes" (S. 79). Ein Beispiel dafür sei die kopernikanische Theorie. Wie bereits mehrfach erwähnt, hingen die Beobachtungsaussagen eng von der Theorie ab. Um diesen Problem auszuweichen, könne man versucht sein, die Termini einer Theorie zu definieren. Dies jedoch lehnt Chalmers mit dem Hinweis zurück, daß dann die zur Definition herangezogenen Begriffe wiederum erläutert werden müßten. Eine zweite denkbare Lösung bestehe darin, Begriffsbedeutungen mittels "ostentativer Definition durch Zeigehandlung und Beobachtung fest[zu]legen" (S. 80). Entgegen einer rein induktionistischen Auffassung, wonach aus der Beobachtung die Theorie mitsamt ihren Begriffen entwickelt würde, stellt Chalmers beim Blick in die Begriffsgeschichte fest, daß zunächst häufig relativ vage Vorstellungen von Begriffen wie "Atom" oder "das Unbewußte" vorhanden gewesen seien und sich diese erst gemeinsam mit der Theorie und Beobachtungen konkretisiert hätten. Neben dieser "Art organisierter Struktur" (S. 81) und den erwähnten historischen Gründen plädiert Chalmers auch wegen des wissenschaftlichen Fortschritts für offene Strukturen. Chalmers geht dann auf die Arbeiten von Imre Lakatos als Versuch ein, Theorien als organisierte Strukturen zu begreifen: Die negative Heuristik eines Programms bedeute, daß die Grundannahmen, der harte Kern, auf den ein Programm aufbaue, nicht verändert werden dürfe. Der harte Kern solle gegen Falsifikation durch Hilfshypothesen gesichtert werden. Die positive Heuristik beinhalte die Angabe darüber, in welche Richtung das Programm gehen solle. Programme könnten progressiv oder degenerativ sein, wenn sie neue Erklärungen lieferten oder aber dies dauerhaft versagt bleibe. Lakatos plädiere, so Chalmers, dafür, daß im Falle einer Beobachtung von Daten, die nicht mit dem Programm übereinstimmten, dies nicht dem harten Kern zu zuschreiben, sondern eher einen anderen Teil der theoretischen Struktur. Lakatos betone des weiteren, daß die beteiligten Wissenschaftler den harten Kern anerkennen müßten. Chalmers problematisiert die positive Heuristik insofern, als daß es dabei darum gehe, den harten Kern zu ergänzen, um ihn unangreifbarer zu machen. Wenn das Programm dann tatsächlich durch Beobachtungen überprüft werde, dann seien gemäß dem Lakatos'schen Konzept eher die Bewährungen als die Falsifikationen von Bedeutung. Schließlich gebe es zwei Kriterien für den Wert von Programmen, erstens ein "gewisses Maß an Kohärenz ..., das die Ausarbeitung eines bestimmten Programms für die zukünftige Entwicklung bringt" (S. 85) sowie zweitens, daß dieses Programm zur Entdeckung neuartiger Phänome führe. Beide Kriterien müßten erfüllt sein, um den Anspruch der Wissenschaftlichkeit zu erfüllen.

 

 

Theorie der Strukturen: II. Kuhns Paradigmen

 

Chalmers widmet sich im achten Kapitel einer weiteren Theorie von komplexen Strukturen. Kennzeichnend für Kuhns Auffassungen, so Chalmers, sei die "Betonung des revolutionären Charakters wissenschaftlicher Theorien" (S. 91). Chalmers faßt Kuhns These zusammen: "Vor-Wissenschaft --- normale Wissenschaft --- Krise --- Revolution --- Neue Normalwissenschaft --- Neue Krise ..." (S. 91). Wissenschaft enstünde dann, wenn sich die verschiedenen, kaum organisierten und auch einander widersprechenden Tätigkeiten unter einem Paradigma vereinten. Das Paradigma bestehe aus allgemeinen theoretischen Annahmen und Gesetzen sowie aus Techniken um diese anzuwenden. Wissenschaftler, welche im Rahmen eines Paradigmas arbeiteten, übten normale Wissenschaft aus. Sie konkretisierten das Paradigma und stießen dabei auch auf Falsifikationen. Wenn ein bestimmtes Maß an Falsifikationen überschritten sei, enstehe eine Krise. Diese wiederum könne überwunden werden, indem ein neues Paradigma entwickelt werde, das von immer mehr Wissenschaftler anerkannt werde. Das neue Paradigma werde akzeptiert und zur Normalwissenschaft. Das Vorhandenseins eines Paradigmas, welches die Ausbildung einer normalen Wissenschaft gewährleisten könne, sei das Kennzeichen, das nach Kuhn Wissenschaft von Nicht-Wissenschaft unterscheide. Das Paradigma beinhalte Vorgaben: Gesetze, Annahmen und instrumentelle Techniken zur Anwendung dieser. Normalwissenschaftler würden diese Anpassung durch eine Art "Rätsel-lösen" (S. 93) versuchen. Gelinge dem Normalwissenschaftler dies nicht, so spreche man von Anomalien und nicht etwa von Falsifikation des Paradigmas. Erst wenn ein rivalisierendes Paradigma geschaffen werde, würde es notwendig, das bislang gültige zu verteidigen. Bedrohlich sei eine Anomalie, wenn sie an den Grundlagen des Paradigmas rühre. Wenn immer mehr Wissenschaftler dem Paradigma mißtrauten, "ist die Zeit reif für die Revolution" (S. 96). Dieses unterscheide sich völlig von dem alten und sei mit diesem unvereinbar. Da für verschiedene Paradigmen unterschiedliche Standarts gelten, verhalte es sich so, daß die Voraussetzungen des jeweils anderen Paradigmas nicht akzeptiert würden. Kuhn vergleiche deshalb einen Wechsel der Paradigmen mit politischen Revolutionen, da kein Argument "logisch oder auch nur probabilistisch zwingend" (Kuhn In: Ebd. , S. 98) sein müsse. Für den Induktivsmus wachse wissenschaftliche Erkenntnis kontinuierlich durch das Anhäufen von Beobachtungen. Von Kuhns Auffassung aus, so Chalmers, sei dies falsch, weil es die Funktion, welche ein Paradigma bei Beobachtung und Experiment habe, nicht berücksichtige. Gerade auf Grund des essentiellen Einflusses eines Paradigmas auf Wissenschaft, welche auf der Grundlage dieses Paradigmas arbeite, sei ein Wechsel des Paradigmas revolutionär.



Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur