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I. Die Vormundschaft über Frauen

 

A) allgemein

  • alle römischen Frauen lebenslang an freiem Handeln gehindert (tutor) [versch. Arten von tutor]; einzige Ausnahmen: vestalische Jungfrauen
  • lex Iulia (18 v. Chr.) und lex Papia Poppaea (9 n.Chr.) bestimmten, daß freigeborene Frauen, die drei - oder bei freigelassene Frauen -, die vier Kinder geboren hatten, und sui iuris waren, auf tutela verzichten wegen ius liberorum, dem Privileg der Kinder wegen.
  • der pater hatte das ius vitae necisque

 

B) Töchter und die Verfügungsgewalt

  • paterfamilias hatte potestas über materfamilias, filiafamilias, filiusfamilias und servi
  • bei Tod des pater => Personen, die seiner potestas unterworfen waren => sui iuris
  • Vater konnte Anerkennung des Kindes verweigern. Kindesaussetzung erst im Jahr 374 n. Chr. verboten. Nach dem Zwölftafelgesetz und der Formel der adrogatio hatte er das Recht, auch seine Kinder selbst zu bestrafen.
  • Es gibt Fälle, bei den Behörden Strafen verhängten und die Verurteilten zur Bestrafung dem paterfamilias oder einer Art Familienrat übergaben, so z.B. Frauen, die im Jahr 186 v. Chr. an den Dionysos-Festen, den Bacchanalien, teilnahmen. Publilia und Licinia, Frauen zweier ehemaliger Konsuln, waren 154 v.Chr. angeklagt worden, ihre Gatten vergiftet zu haben => Verwandte übergaben Magistrat Kaution, sie verurteilten die Frauen und führten die Hinrichtung selbst durch.
  • lex Iulia de adulteriis (18 v.Chr.): Bekräftigung des Rechts des Vaters, den Ehebrecher seiner Tochter sowie diese selbst nach frischer Tat in seines oder seines Schwiegersohnes Hauses zu erschlagen; vielleicht gar Einschränkung der patria potestas wegen Beschränkung auf die beiden Häuser?
  • zur patria potestas gehörte auch noxae deditio, das Recht zum Verkauf oder zur Strafauslieferung an einen durch das Kind Geschädigten (analog bei Sklaven); damit verbunden: Prozedur der mancipatio, beim Sohn ein dreimaliger fiktiver, beim Sklaven ein einmaliger faktischer Verkauf. Annahme heutiger Historiker, daß Auslieferung der Tochter am Ende der Republik nicht mehr praktiziert worden sei. Kaiser Justinian schaffte Strafauslierung für alle Personen ab.
  • fiktiver Verkauf wurde auch zur emancipatio benutzt, um die potestas zu beenden oder zu begründen
  • adoptio: dreimaliger Verkauf des Sohnes, einmaliger der Tochter
  • adrogatio (weitere Form der Adoption): bei Personen, die sui iuris waren, angewandt; formal: legislativer Akt vor dreißig magistratischen Liktoren, welche die comitia curiata, die nach 30 Kurien gegliederte Volksversammlung, repräsentierten und vom Oberpriester, dem pontifex maximus, einberufen wurde.
  • Verkauf wurde auch angewandt, um Sohn oder Tochter sui iuris zu machen und ihnen a) die Abfassung eines Testaments zu ermöglichen und b) Vermögen erwerben lassen, etwa durch die Annahme eines Testaments. (Bsp.: Sohn konnte eigene Familie haben, Ämter bekleiden etc. aber gleichwohl besitzlos sein)
  • Kinder erhalten das sog. peculium, gewisse Geld- oder Sachmittel für alltäglichen Bedarf. Peculium blieb rechtlich im Besitz des Vaters. Pomponius berichtet von einer Frau, die ihr Peculium dazu benutzte, um sich eine Mitgift zu verschaffen.
  • Für Eheschließung war Zustimmung des patris erforderlich. Ulpian deutet an, es sei als Zustimmung der Tochter zu werten, wenn diese nicht widerspreche und daß sie einen Ehemann nur aus moralischen Gründen ablehnen könne.
  • Mindestalter bei Mädchen: 12 Jahre.
  • Seit Augustus: Kinder konnten sich an Magistrat wenden, wenn ihnen die Ehe verweigert wurde.
  • Töchter in manus-freier Ehe blieben der patria potestas unterworfen; Sohn, der manus-Ehe hatte, konnte sich wohl nur mit Zustimmung seines Vaters, der ja dann die potestas über seine Schwiegertochter hatte, scheiden lassen; in manus-freier Ehe: vermutlich keine Zustimmung notwendig
  • Bei Tod des Vaters: Söhne und Töchter haben gleiches Anrecht auf das Erbe - sofern kein anderslautendes Testament existierte

 

C) Ehefrauen und die Verfügungsgewalt des Ehemannes; manus

 

Schwiegertochter in der Position einer filiae loco, "Frau in der Position einer Tochter", er hatte nicht das ius vitae necisque, auch nicht zur Strafauslieferung oder Verkauf. Eigentum einer Schwiegertochter in einer manus-Ehe gehörte dem Schwiegervater bzw. dem Gatten, sofern dieser sui iuris war.

Ehemann in einer manus-Ehe konnte Ehefrau Recht einräumen, ihren eigenen Vormund zu wählen.

 

manus-Ehen konnten auf drei Arten begründet werden:

  1. confarreatio: wurde der Überlieferung nach wegen der Verwendung eines Kuches aus Spelzen bei einem Opfer für Jupiter so bezeichnet (rituelles Mahl). vielleicht diese Form auf Patrizier beschränkt; flamines (höchste Priester) und rex sacrorum (Oberpriester) mußten aus solchen Ehen stammen; 23 n. Chr.: Mangel an Kandidaten für Amt des flamen Dialis;
  2. coemptio: Art Scheinverkauf der Frau; sofern Frau sui iuris, war Zustimmung all ihrer Vormünder notwendig. Beleg: laudatio turiae (inschriftlich erhaltene Grabrede). Die coemptio der Mutter dieser Turia wurde erst einige Zeit nach der Eheschließung durchgeführt. 2 Jhd. n. Chr.: Gaius meint, das sei noch die vorwiegend praktizierte Form der Eheschließung
  3. usus: Ehefrau ging nach einem Jahr Ehe durch Ersitzen in die manus-Gewalt über, es sei denn, sie blieb dem Haus drei Nächte lang fern; jedes Jahr zu wiederholen; findet sich bereits im Zwölftafelgesetz; vermutlich zur Zeit des Augustus wurde drei-Nächte-Regel, vielleicht aus moralischen Gründen, abgeschafft => ergänzt durch Regelung, daß der tutor legitimus dem usus zustimmen mußte. (gründet vielleicht auch bereits auf Bestimmungen des Zwölftafelgesetzes). Frau entschied sich nicht durch Bruch des usus aus der manus-Gewalt heraus, sondern hinein (bzw. ihr tutor).

 

D) Frauen und die Vormundschaft - tutela

  • alle Kinder ohne Vater mußten Vormund haben: tutor impuberis; bei Knaben endete tutela mit 14 Jahren, bei Mädchen mit 12, wenn sie durch eine tutela mulieris ersetzt wurde. Witwen mußten ebenfalls einen tutor haben.
  • tutor legitimus: Keine anderslautende Regelung im Testament des Vaters / Gatten => tutela geht an die nächsten agnatischen Verwandten. A) Bei Töchtern => Bruder, Onkel väterlicherseits; B) Sofern Witwe in manus-Ehe => Bruder ihres Gatten oder auch eigener Sohn
  • tutor testamentarius oder dativus: via Testament bestimmt; für 186 v. Chr. erstmals belegt, daß die Frau den Vormund wählen konnte. Möglichkeit, daß im Testament Wechsel des tutors erlaubt oder beschränkt wurde (Jurist Gaius). Möglichkeit - spätestens seit Kaiser Trajan etabliert - einer querela inofficiosi testamenti (Klage gegen ein unangemessenes Testament);
  • Ernennung eines tutors durch Stadtpraetor: War kein tutor durch die beiden anderen Möglichkeiten ernannt worden => Anwendung der lex Atilia (210 v. Chr.) => praetor urbanus und Mehrheit der Volkstribune ernannten tutor; eine Frau, die selbst durch eine Frau freigelassen worden war, bekam immer auf diese Weise einen tutor; in den Provinzen nach den leges Iuliae Titiae seit Mitte des 1. vorchristl. Jahrhunderts auch Statthalter. Zeugnisse aus Ägypten, nach denen Frauen ihren tutor vorschlagen konnten. Ersatzvormund konnte vom Magistrat bestimmt werden, wenn gegen richtigen tutor Gerichtsverfahren anhängig war oder er längere Zeit abwesend war.
  • in iure cessio: Aufgabe des Erbfolgerechts der tutores legitimi, Vormund wechselte
  • coemptio fiduciae causa: fiktiver Verkauf der Frau mit Zustimmung des Vormunds an einen Mann ihrer Wahl, der sie "freiließ" und ihr tutor fiduciarius wurde

 

E) Funktion des tutors/tutela und levitas animi

  • Gewährung seiner auctoritas zu Handlungen seines Mündels bei Vermögensfragen (Verkauf, Freilassung von Sklaven, Schließen von Verträgen, Mitgift, Eingehen einer manus-Ehe, Annahme einer Erbschaft oder Verfassen eines Testaments)
  • auctoritas nur bei res mancipi (Sklaven, Ochsen, anderes Vieh, Land und Gebäude in Italien, landwirtschaftliche Dienstleistungen); bei res nec mancipi nicht nötig;
  • Beispiel der Faustilla (Pfandleihhaus in Pompeii, siehe X.)
  • Eigentümerinnen von Tongruben bei Rom: im 2. und 3. Jahrhundert waren etwa ein Drittel Frauen; 10 von 50 gehörten zur kaiserlichen Familie, sieben dem Senatorenstand an.
  • Zustimmung des tutors bei Schließung einer manus-Ehe und Stellung der Mitgift erforderlich; spätestens seit Ciceros Zeit war sie notwendig in manus-Ehen sowohl bei usus als auch coemptio.
  • Da tutor außerhalb der agnatischen Verwandtschaft entstammen konnte => Möglichkeit der Frau, Eigentum aus der Familie wegzuvererben; Nicht jedoch bei Witwe, die in manus-Ehe verheiratet gewesen war => tutela geht auf agnatische Verwandte über
  • Möglichkeit - spätestens seit Jurist Gaius -, daß tutores zur Zustimmung durch Anrufung des Prätors gezwungen werden konnten: Grund: bei Erbgang ohne Testament waren nämlich agnatische Verwandte selbst betroffen.
  • ius liberorum aus der lex Iulia et Papia des Augustus durchkreutzte Bestimmungen über tutela; wohlhabendere Frauen konnte auch mit Zustimmung des Kaisers ohne die Geburt der drei (resp. vier bei freigelassenen Sklavinnen) Kinder aus der Vormundschaft entlassen werden.
  • Problem, daß es Frauen sui iuris und ohne Vormund gab sowie solche, die dies nicht hatten => Jurist Gaius: "Es gibt kaum ein überzeugendes Argument dafür, daß erwachsene Frauen in Vormundschaft stehen. Die allgemeine Annahme, daß sie wegen der Wechselhaftigkeit ihres Urteils [levitas animi] häufig getäuscht werden und daß es deshalb nur recht und billig ist, sie von der auctoritas eines Vormundes kontrollieren zu lassen, scheint eher vorgeschoben als wahr. ... Zustimmung des Vormunds reine Formsache .."
  • selbst der tutor legitimus konnte nur Handlungen verhindern, seine Macht war negativ
  • "Schwäche des Geschlechts", levitas animi vermutlich aus der griechischen Philosophie übernommen, findet sich seit Cicero immer wieder und gründet darauf, daß Frauen gerade auf Grund der Tatsache, daß sie von den öffentlichen Ämtern ausgeschloßen waren, natürlich nicht die gleichen Erfahrungen haben konnten. Beispiel von Ciceros Gattin Terentia.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte