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Smart Bombs und Soft Targets: Über die verschwiegenen zivilen Opfer

UJN 02.04.2011


"74 Luftschläge am ersten Tag des NATO-Kommandos" meldet der Libyen-Ticker von n-tv, als handle es sich um die Wasserstandsmeldungen eines überschwemmten Flusses und als würden nicht jeden Tag durch den Krieg noch mehr Menschen getötet werden. Als die US-Militärs einst in Vietnam den Erfolg ihres Krieges empirisch nachweis- und messbar machen wollten, begannen sie, jeden Tag die Leichen der umgebrachten Vietcong zu zählen – mit verheerender öffentlicher Wirkung. Im zweiten Irak-Krieg verzichteten die US-Militärs offiziell auf diesen Body Count. Auch ist bis heute umstritten und unklar, wie viele zivile Opfer 1999 etwa die sechswöchige Bombardierung von Ex-Jugoslawien  durch die NATO-Flieger während des Kosovo-Krieges gekostet hat. Die Schätzungen bewegen sich zwischen 1200 und 2500 toten Zivilisten. Und doch nähert sich die Einsatzdauer im Libyen-Krieg allmählich der in EX-Jugoslawien an, auch wohnen in beiden Ländern und Hauptstädten vergleichbar viele Menschen.

 

So hat die Allianz der Willigen vor drei Wochen einen Krieg begonnen, der nicht so genannt werden darf, weil dessen Strategie und Ziele sonst in den nationalen Parlamenten zum Gegenstand von Kontroversen werden würden, und über dessen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung man nicht wirklich viel erfährt: Die einzigen Zahlen über die zivilen Opfer, die veröffentlicht werden, stammen vom Gaddafi-Regime selbst und werden von den Krieg führenden Ländern als schiere Propaganda einfach abgetan.

 

US-Präsident Barack Obama rechtfertigte diese Woche in seiner Rede an die Nation die "kinetic military action" in Orwell'scher semantischer Verdrehung damit, dass mit den Bombardierungen Menschenleben gerettet würden. Dabei ist selbstredend das Gegenteil der Fall: Der Apostolische Nuntius von Tripolis, Bischof Giovanni Innocenzo Martinelli erklärte vor zwei Tagen der katholischen Nachrichtenagentur agenzia fides: "Insbesondere im Stadtteil Buslim [der Hauptstadt Tripolis; A.d.A.] wurde bei Luftangriffen ein Wohnhaus getroffen, in dem allein 40 Zivilisten ums Leben kamen. Bereits gestern hatte ich berichtet, dass bei Bombenangriffen auch Krankenhäuser beschädigt wurden. … Bei den Luftangriffen auf die verschiedenen Stadtviertel werden zwar gezielt militärische Objekte bombardiert, doch diese befinden sich auch mitten in Wohnvierteln, so dass auch die Zivilbevölkerung betroffen ist." Die NATO meinte dazu lapidar, den "Zwischenfall" untersuchen zu wollen. Ihre Einsatzpraxis selbst scheint sie jedoch nicht zu hinterfragen. Business as usual.

 

Bereits vor Tagen hatte Prof. Michel Chossudovsky erklärt: "The bombings are not strictly directed against military targets. They are also bombing hospitals" und er zieht in dem Interview insbesondere Parallelen zur Bombardierung von Ex-Jugoslawien. Auch Euronews berichtet davon, dass ein Krankenhaus bombardiert worden sei. Gestern meldete ein BBC-Reporter, dass nach glaubwürdiger Auskunft eines Arztes in einem Dorf nahe des Ölhafens von Brega, wo gerade besonders heftig gekämpft wird, sieben weitere Zivilisten ums Leben gekommen seien.

 

Je länger der Krieg andauert, um so massivere Zweifel sind an den Eingriffen, der vermeintlichen Zielgenauigekeit der NATO-Bomben  und der einseitigen Parteinahme für eine der Bürgerkriegsparteien angebracht. Erst gestern Nacht berichtet die BBC davon, dass bei den Kämpfen beim Ölhafen von Brega zehn Rebellen bei der Bombardierung ihres Konvois durch NATO-Flieger ebenfalls ums Leben gekommen sind. Friendly Fire und Bomben auf Wohnviertel und Krankenhäuser - sieht so die Befreiung eines Landes von einem blutrünstigen Diktator aus, Monsieur Dany Cohn-Bendit?

 

Vor dem Hintergrund dieser Berichte erscheint der Artikel von David Kirkpatrick in der New York Times: "Libyans Offer Credible Case of Death by Airstrike", der vorgestern nach den anderen Medienmeldungen veröffentlicht wurde, überaus zynisch, impliziert doch bereits die Überschrift, dass es sich bei den anderen Berichten allesamt um Falsch- oder Propagandameldungen handle. Kirkpatrick "berichtet" in seinem Artikel davon, dass Verwandte eines 18 Monate alten Babys, das bei der Explosion der von der NATO unter Beschuss genommenen Munitionsfabrik getötet wurde, erklärt hätten: "No, no, no, this is not from NATO" und weiter: "What NATO is doing is good". Selbst wenn es sich tatsächlich so zugetragen haben sollte, was schwer vorstellbar ist, gibt es eine entschiedene Grenze und diese  ist dadurch beschrieben, dass man unschuldige Opfer für einen moralisch fragwürden und rechtswidrigen Krieg nicht instrumentalisieren darf.

 

Kurzum: Nach offizieller NATO-Lesart gibt es keine zivilen Opfer und willfährige Mainstream-Medien pflichten bei, anstatt ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen. Und wenn es diese zivilen Opfer in absoluten Ausnahmefällen trotzdem tatsächlich einmal geben sollte, ist das Gaddafi-Regime  selbst dann schuld, wenn die NATO-Bomben direkt oder indirekt den Tod von Menschen verursacht haben.

 

War is peace, freedom is slavery, ignorance is strength.

(George Orwell: 1984)

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte