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VII. Sexualstraftaten

 

A) Allgemein

In der Republik wurde die Ahndung sexueller Verfehlungen den Familien überlassen, in der Kaiserzeit hingegen griff der Staat selbst ein.

 

B) Sexuelle Belästigung

  • Spätestens bis zur Wirkungszeit des Juristen Labeo wurden mehrere praetorianische Edikte zusammengefaßt und unter dem Oberbegriff iniuria behandelt. Bsp.: adtemptata pudicitia, Anschläge auf die Keuschheit: Ein Verfahren wegen inuria konnte gegen denjenigen angestrengt werden, der unverheiratete Mädchen oder verheiratete Frauen ansprach, ihnen nachging oder ihre Begleitung wegnahm, sei es durch Überredung oder Gewalt.
  • Ein Verfahren konnte von der Frau selbst und ihrem Ehemann oder Vater, angestrengt werden, da jeder Angriff auf die Frau auch gleichzeitig als Angriff auf Ehemann oder Vater galt.
  • Wer als Sklavin oder Prostituierte gekleidet war, galt offenbar als Freiwild.

 

C) Vergewaltigung

  • Als per vim stuprum, als durch Gewalt erzwungener Geschlechtsverkehr, konnte gemäß der lex Iulia de vi publica, vermutlich aus Caesars Zeit, ein Strafverfahren von Frauen und Knaben in Gang gebracht werden. Frauen sui iuris konnten diese Verfahren initiieren, deren Väter aber auch Dritte und es gab keine Verjährung, wie etwa bei Ehebruch von 5 Jahren.
  • bei freier Frau war es Kapitalverbrechen, bei Sklavinnen konnte der Herr vermutlich ein allgemeines Verfahren auf Grund von stuprum auf Schadensersatz gemäß der lex Aquilia initiieren.
  • Republik: lex Plautia de vi (ca. 70 v.Chr.) wurde gegen Catilina angewandt, regelte aber vermutlich eher andere Verbrechen. Annahme, daß vor lex Iulia de vi publica Vergewaltigung in der Republik einfach Klage wegen Ehebruch und stuprum erhoben werden konnte. Wurde erst später in die lex Iulia de adulteriis übertragen.
  • Strafverfahren wegen speziellen Gewaltverbrechen wurden erst in der Zeit Sullas eingeführt; sofern Verfahren, dann wegen iniuria.
  • Es gibt keine statistischen Erhebungen über Häufigkeit von Vergewaltigungen.
  • Problem der Abgrenzunng von Vergewaltigung; Angeklagter konnte Auffassung äußern, er habe geglaubt, die Frau sei einverstanden. Konnte die Frau nicht beweisen, daß Vergewaltigung stattgefunden hat, drohte ihr ein Verfahren wegen calumnia, Verleumdung. Handelte es sich lediglich um außerehelichen Verkehr und keine Vergewaltigung, konnten beide immer noch wegen Ehebruch angeklagt werden.
  • Da Prostituierten zum Kreis der Personen gehörten, in quas stuprum non committitur, mit denen Geschlechtsverkehr keine Straftat darstellte, blieb  die Vergewaltigung sogar straffrei.

 

D) stuprum in der republikanischen Zeit

  • als stuprum galt zunächst jede Art sexuellen Fehlverhaltens, erst durch Gesetze des Augustus wurde es als Ehebruch ein eigenständiger Verbrechenstatbestand.
  • in der Republik wurde vermutlich stuprum nicht gesetzlich bestraft, sondern der Familie überantwortet; Valerius Maximus berichtet davon, ein gewisser Aufidianus habe den Erzieher und seine Töchter getötet, weil diese an den Erzieher ihre Unschuld verloren.
  • Schwierigkeit: Fälle, bei denen reguläres Gerichtsverfahren oder Einschreiten des Magistrats in Form der Aedilen folgte, gegeneinander abzugrenzen. Magistrat legte bei letztgenanntem Verfahren den Fall der comitia tributa vor. Fälle: 295 v. Chr.: Anklage durch kurulischen Aedil von verheirateten BürgerInnen wegen stuprum vor der Volksversammlung, 213 v. Chr. erhoben plebeische Aedile Klage vor Volksversammlung wegen unziemlichen Verhaltens, probum - Fall ähnlich gelagert. Vermutlich politische Gründe für Anklagen - ansonsten bliebt es unverständlich, warum 100 v.Chr. auf die mehrfache Unzucht der Fannia, Frau von Gaius Titinius, kein Verfahren folgte. Frauen wurden 213 v.Chr mit Verbannung bestraft - hysterisches Klima in Rom (vgl. auch sog. "Luxusgesetze").

 

E) stuprum in der Kaiserzeit

  • lex Iulia de adulteriis ersetzte mehrere ältere Gesetze über Sexualverbrechen => keine Belege dafür, was genau ersetzt wurde.
  • nach der lex Iulia wurde spezieller Gerichtshof geschaffen, die sog. quaestio perpetua, für Ehebruch und andere Straftaten, die unter stuprum fielen.
  • Ulpian in den Digesten: "Die einzigen Frauen, die man als Konkubinen haben kann, ohne eine Anklage wegen stuprum fürchten zu müssen, sind die, mit denen Geschlechtsverkehr keine Straftat darstellt." (in quas stuprum non committitur)
  • mangels Polizei wurde Anklage in der Regel nur erhoben, wenn dritte Person anzeigt hatten; sexuelle Beziehungen zwischen Verlobten waren eigentlich auch stuprum => Sie wurde jedoch vermutlich von niemanden angezeigt.
  • Geschlechtsverkehr mit fremder Sklavin nicht stuprum => jedoch Möglichkeit der Klage auf Schadensersatz durch Besitzer gemäß der lex Aquilia
  • Verführung eines minderjährigen Mädchens wurde spätestens seit 2. Jahrhundert je nach Stand des Mannes mit Verurteilung zur Arbeit oder deportatio geahndet.

 

F) Inzest und Endogamie

  • Römer verstanden unter incestum sowohl sexuelle Beziehungen zwischen Verwandten als auch Eheschließung; Es spielte keine Rolle, ob durch Adoption in die Familie gekommen oder nicht.
  • keine Zeugnisse, wie in der Republik mit solchen Fällen verfahren wurde; vermutlich in Übereinstimmung mit früheren Präzedenzfällen ließ Tiberius einen Vater und eine Tochter hinrichten. Ehen von Verwandten waren ansonsten einfach ungültig.
  • in der Kaiserzeit fiel incestum unter die lex Iulia de adulteriis; vermutlich ging man milde mit den Beteiligten um, wenn etwa Unklarheit über verwandtschaftliche Beziehungen herrschte und die Ehe aufgelöst wurde. Dann, so Gardner, kein Strafverfahren. Text in den Digesten, der Papinian zugewiesen wird: Inzest nach dem allgemeinen Recht,wie Beischlaf mit nahem Verwandten, wird bestraft, Inzest aus Unkenntnis der Regel konnte entschuldigt werden.
  • Strafe für Inzest, wie auch für stuprum: Verbannung; kam Ehebruch hinzu: deportatio.

 

G) Ehebruch

  • Obwohl die lex Iulia de adulteriis eine ganze Reihe von Straftatsbeständen regelte, wird auf sie oft als Gesetz über Ehebruch Bezug genommen - häufigere Verfahren, da zumindest eine Partei an Verfolgung interessiert war.
  • Frau war schuldig, wenn sie verheiratet war und mit einem anderen als ihrem Mann sexuelle Beziehungen hatte. Ein Mann hingegen nur, wenn die betreffende Frau selbst verheiratet war. Frau konnte keine Klage erheben, aber wegen der Untreue hat sie es relativ einfach, bei Scheidung ihre Mitgift zu bekommen.
  • Ehemann konnte binnen 60 Tagen Klage erheben; danach Vater der Frau; Wenn der Mann seine Frau nicht binnen dieser Frist anklagte, konnte er selbst als leno verfolgt werden. Hierzu durften auch die Sklaven - ungeachtet der römischen Rechtspraxis - gefoltert werden, um zu Aussagen gegen den Besitzer zu gelangen.
  • Strafen: Die Frau verlor die Hälfte der Mitgift und ein Drittel des Vermögens, der Mann die Hälfte des Vermögens. Beide wurden auf verschiedene Inseln verbannt. Die Frau galt nach Veruteilung als probrosae, ihr war es zukünftig (wie Huren, freigelassene Frauen etc.) verboten, eine Ehe mit einem freien Römer zu schließen. Nach Jane Gardner deuten die Quellen nicht darauf hin, daß mit Männern genauso verfahren worden sei.
  • ungeklärte Frage (nach Hinweisen von den Schriftstellern Martial und Juvenal), ob sie in der toga von Prostituierten auftreten mußten. Frauen, die probrosae waren, hatten auch den Verlust der Ehre, infamia, und der Zeugnisfähigkeit vor Gericht sowie den Verlust der Erbfähigkeit zu erdulden.
  • Das in der berühmten Rede Catos verankerte Recht, wonach in der frührepublikanischer Zeit der Ehemann seine in flagranti ertappte Ehefrau mit ihrem Liebhaber umbringen durfte, wurde durch die lex Iulia abgeschafft. Auch bei Cato unklar, ob dieses Recht auch in Ehe ohne manus existierte und ob es nur in Theorie bestand. Recht des paters jedoch blieb bestehen, wurde aber eingeschränkt. Töte der Ehemann trotzdem seine Frau, wurde er vermutlich nur wegen Totschlag verurteilt. Einen Sklaven etwa konnte er töten, sofern er ihn im ehelichen Heim antraf.
  • Ehebruch von Ehemännern mit Konkubinen, Kellnerinnen und Prostituierten war straffrei => Manche freie Römerin ließ sich daher als Prostituierte registrieren.

 

H) Zuhälterei

  • Zuhälterei wurde durch lex Iulia mit gleichen Strafen geahndet wie Ehebruch; nicht Zuhälterei wurde bestraft, sondern die Begünstigung des Ehebruchs. Leno bzw. lena waren allgemein infamia, konnten aber ihr Gewerbe in Bordellen ausüben.
  • Ehemann konnte als leno bestraft werden, wenn er ehebrecherische Frau nicht anzeigte oder gar finanziellen Vorteil daraus schöpfte, so z.B. indem er vorher Geld erhielt, um den Ehebruch zu dulden oder danach (pro comperto stupro).

 

I) Prostitution

  • Prostituierte rekrutierten sich aus Sklavinnen, Freigelassenen aber auch aus römischen Bürgerinnen. Sie galten schon in der Republik als infamis, ehrlos. Prostitution war nicht illegal, die Prostituierten mußten sich bei den Aedilen registieren lassen und waren auch der Besteuerung unterworfen.
  • In der Republik war es ihnen offenbar möglich einen freien Römer zu heiraten, der dann allerdings auch der Ehrlosigkeit, infamia, verfiel. Die lex Iulia et Papia untersagte es ihnen als probrosae nunmehr, freigeborene Bürger, ingenui, zu heiraten.
  • Die Annahme eines Vermächtnis war beschränkt und wenn dann auch nur auf ein Viertel davon begrenzt.
  • Geschlechtsverkehr mit einer unverheirateten Prostituierten, die römische Bürgerin war, blieb straffrei.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte