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VIII. Schlussbetrachtung

 

Die sprachliche Gestaltung der Türhüter-Parabel ist gänzlich dem Inhalt untergeordnet. Die Umstände bzw. Äußerlichkeiten werden erst dann erwähnt, wenn damit inhaltliche Implikationen verbunden sind. Der Erzähler übernimmt eine völlig empathische Position – auf rein sprachlicher Ebene wird ausgedrückt, wie Leser, Mann vom Lande und Erzähler plötzlich mit dem Äußeren des Türhüters konfrontiert werden. Analog verhält es sich mit der überproportional häufigen Nennung des Türhüters gegenüber dem Mann. Der Mann tritt in den Hintergrund, statt um den Mann bzw. seinen Eintritt in das Gesetz geht es immer mehr um den Türhüter – genauso hält sich K. in Das Schloß mehr mit Mittlerfiguren auf als mit dem Sujet seiner ursprünglichen Suche. Die Protagonisten werden abgelenkt oder lassen sich ablenken – je nach Sichtweise. Durch besondere sprachliche Mittel, wie die Zeitform sowie die Verwendung veralteter Formen, erhält die Türhüter-Legende eine generelle Intension und ihre zeitliche Einordnung wird verhindert. Ein Gegensatzpaar wird aufgebaut: Der Mann vom Lande mit natürlicher Einfalt und Zutrauen zu sich selbst gerät in die Welt vor dem Gesetz und versucht sich deren Spielregeln auf dem Wege des Verstehens und unter Zuhilfenahme von Verhaltensweisen, welche modernen, urbanisierten Gesellschaften entstammen, zu ergründen. Dies beginnt mit einem Unterordnen unter den Türhüter und findet seinen Ausdruck in Überredungs- und Bestechungsversuchen. Deren Aussichtslosigkeit wird jedoch allein auf rein sprachlicher Ebene manifest. Die Monotonie der Versuche ist schon in der Sprache angedeutet. Als Greis jedoch legt er all die künstlichen Verhaltensweisen ab, er wird „kindisch“ und in seiner infantilen Einfalt formuliert er die entscheidende Frage an den Türhüter. Das modrige Schlossgebäude, das auf Dachkammern residierende Gericht, die Flöhe im Pelz des Türhüters, jedoch noch mehr das allzu menschlich-triebhafte Verhalten der Repräsentanten laufen dem erhabenen Schein der Institutionen zuwider. Sie persiflieren sich selbst durch die Banalität ihrer Repräsentanten und ihres eigenen Seins. Die Repräsentanten veranstalten zu ungewöhnlicher Zeiten und Umständen sog. „kleine Verhöre“ und „Erkundigungen“, welche von den Protagonisten nicht ernst genommen werden (können). Sie scheitern an ihren Körpern in Gestalt von Schlaf und Tod. Die oftmals bemühten Kategorien von Schuld löst überzeugend Emrich bezüglich des Türhüters, bezüglich des Mannes bzw. K. und Josef K. verhält es sich so, dass diese ihr natürliches Selbstvertrauen verlieren.
 

Der Mann realisiert, dass seine Methoden versagt haben und in naiver Einfalt, in der Natürlichkeit eines Kindes oder eines Greises findet er seinen Zugang zum Gesetz. Bloß er stirbt. Franz Kafka selbst hat als Suchender und Fragender dieses Stadium überwunden: Der Prozeß mit seinem „bösen Ende“, wonach Josef K. zum Tode verurteilt und in einem Steinbruch hingerichtet wird, stellt ein Zwischenstadium dar. Nach der Fassung der Handschrift steht einer Integration in die Welt des Schlosses in Gestalt von Erwartungen, welche an ihn gerichtet werden durch die anderen Akteure, nichts im Wege. K. ist Gerstäcker nützlich und daher hilft er ihm in Form von Kost und Wohnung sowie ganz konkret durch die Dunkelheit im Gasthof. Dort bei der Greisin, wiederum nach einem Understatement der Umstände, wie auch schon bei Bürgel in Das Schloß, werden ihm grundsätzlichere Einsichten gewährt werden. Allein das „aber“ ist Indiz genug. In einzelne Entwicklungsaspekte aufgeteilt sind die Stichworte Suche („Ruf“), Be- und Ergreifen-Wollen der verschiedenen Gesetze der Welten und schließlich die Rückkehr zur natürlichen Einfalt und dem damit verbundenen Selbstvertrauen. Das Schloß ist, sofern man zu Franz Kafkas persönlicher Entwicklung sich zu äußeren gewillt ist, das schlussendlich Gültige, weil Letztgeschriebene. Der Prozeß ist die Zwischenstation eines Suchenden. Auch finden sich in ihm viel stärker Entsprechungen aus Franz Kafkas eigenen Lebensumständen. Das Schloß hingegen ist viel stärker abstrahiert von seinem eigenen Leben. Die Frage, ob es sich bei diesem Roman um ein Fragment oder einem Entwicklungsroman handelt, bliebe zu untersuchen. Indizien für die letztgenannte Lesart drängen sich nach Lektüre der Fassung der Handschrift förmlich auf. Rein auf sprachlicher Ebene lässt sich der Wandel von abstraktem Gesetz zu konkretem Gebäude begründen, so wie auch seine Umkehrung zum Schluss der Türhüter-Legende. U. Gaier hat dies auch, wie erwähnt, hinlänglich dargestellt. Die Begriffe „Glanz“ und „Feuer“ müssen auf individualpsychologischer Ebene dechiffriert werden. Eine allgemeine Aussage darüber vornehmen zu wollen, würde der Rezeption durch den Leser einen Zwang auferlegen. Die Motivation, das Gesetz zu suchen, liegt offenbar in jedem Menschen selbst: K. erhält einen Ruf, der nicht im Sinne eines amtlichen Gesuchs und Versprechens auf Anstellung gemeint sein kann, auch der Mann vom Lande folgt offenbar ein in ihm selbst begründetes Streben nach Sinnerfüllung. Beide können die Sphäre der Schloß- und Gesetz-Welt nicht verlassen, sie erwägen nicht einmal diese Option. Insofern sind sie vollkommen unfrei und empfinden einen inneren Zwang. Türhüter und Schlosssekretäre sind qua Amt mächtig: Der Türhüter scheint das Tor zu versperren und besitzt ein vermeintliches Wissen über die nächsten Türhüter. Nur dies scheint weniger ein Wissen als viel eher seine Angst zu sein. Die Sekretäre sind so mächtig, dass ihnen die Frauen im Dorf hörig sind, gleichwohl sind sie – sofern sie in der existentiellen Situation zwischen Schlafen und Wachen überrascht werden – vollkommen ohnmächtig und erklären sich bereit, K.s Anliegen zu erfüllen. Genauso ohnmächtig ist Josef K., als er des Morgens verhaftet wird. Nur K. überwindet in Das Schloß die Isolation des Individuums und findet einen Eingang in die Welt des Dorfes. Er wird Teil dieser Gesellschaft. Seine innere Welt, welche sich manifestiert in seinem bis dato falschen Tun – bei Josef K. in Der Prozeß ebenfalls hinlänglich dargestellt -, findet eine Vernetzung mit der äußeren Welt in Form von Gerstäcker und dessen Mutter. Diese innere Welt existiert in Vollkommenheit nur in einem einzigen Zustand – dem Traum. Allein während des Träumens sind die Protagonisten ganz sie selbst. Dies gilt für jeden Menschen, alles andere, was im Zustand des Wachseins an uns gerichtet wird, sind die Wahrheiten, Kriterien und Welten anderer. Unsere eigenen Wahrheiten gelten nur dann uneingeschränkt, wenn wir uns ganz auf uns selbst konzentrieren und dies erfolgt im Traum[1], wenn sich das Individuum isoliert aus Gesellschaft und träumend über sich selbst reflektiert. In der Phase des Aufwachens, im Moment des Ankommens der träumenden Seele in der Welt der Dinge und Gesellschaft sind Menschen besonders verletzbar. Daher eröffnet Bürgel als Mensch, mitnichten in seiner Rolle als Schlossbeamter K. die Möglichkeit der Erfüllung seiner Anliegen.

 


[1] Eine Zusammenstellung von Primärtexten Franz Kafkas zum Sujet Traum findet sich in: Kafka, Franz [1993].


Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur