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V. Scheidung

 

A) Allgemein

  • Weil die Ehe auf Ehekonsens beruhte, war Scheidung in der klassischen Zeit ein einfacher Vorgang. Der Wille einer der Parteien (inkl. des pateris) reichte, um diese zu erreichen. Typischer Grund, der auch von antiken Juristen anerkannt wurde, war Kinderlosigkeit - vor allem beim Fehlen eines Sohnes kam dies vor. Häufig jedoch wird der Frau einfach die Ursache für die Unfruchtbarkeit unterstellt.
  • politische und finanzielle Überlegungen spielten am Ende der Republik für die Oberschicht eine wesentliche Rolle für Scheidungen - kein Zahlenmaterial über Häufigkeit vorhanden, allerdings ist ein Fall von einer siebenfach geschiedenen Frau überliefert.
  • laudatio Turiae: Die "Heldin" bot, wie man der Inschrift entimmt, ihrem Mann die Scheidung an, so daß dieser wieder heiraten und einen legitimen Sohn als Erbe zeugen könne. [Bsp.: des jüngeren Cato bei Plutarch]
  • Gesetzgebung des Augustus sollte nicht Scheidungen erschweren, sondern Wiederverheiratung fördern. Scheidung war ein rein privater Akt und gesetzlich nicht beschränkt - Augustus ließ eine Ausnahme einführen: Ehen zwischen patronus und Freigelassenen. Diese konnte sich nur mit dessen Zustimmung scheiden lassen. Diese Form der freien Ehe war auch die einzige ohne Trennung des Vermögens.

 

B) Scheidung von manus-Ehen

  • nur wenige Belege für die Scheidung von manus-Ehen; da Fau Teil der familias des Gatten => Maßnahmen, um sie daraus auszuschließen; => Bruch der manus-Gewalt durch erneute emancipatio, eben eine remancipatio der Frau; ursprünglich konnte die Frau nicht die Initiative ergreifen.
  • unklare Aussagen beim Philosophen und Biographen Plutarch; geht evt. auf Zwölftafelgesetz zurück; nur dem Ehemann beim vorliegen gewichtiger Gründe erlaubt. Unklare Zeichensetzung: Variante A) "Vergiftung von Kindern, Austausch oder Diebstahl von Schlüssel, Weingenuß" oder als Variante B) "Vergiftung, Austausch von Kindern oder Schlüssel, Weingenuß".
  • in der Republik: nur beim Vorliegen spezifischer Gründe konnte der Mann sich scheiden lassen; bei anderen Sanktionen: Aufgabe je einer Hälfte seines Vermögens an die Frau und an die Göttin Ceres als Weihgabe
  • Dionysios von Halikarnaß behauptet in den ersten 525 Jahren Roms überhaupt keine Scheidung; Spurius Carvilius Ruga erreichte 231 v. Chr. Scheidung von seiner Frau nicht aus o.g. Gründen, sondern weil sie ihm keine Kinder geboren hatte. => Präzedenzfall, in Folge dessen man sich ohne finanzielle Folgen von seiner Frau scheiden konnte => Entwicklung von Verträgen, welche wenigstens die Rückgabe der Mitgift regeln sollten sowie eines Rechtsverfahrens actio rei uxoriae, Verfahren zugunsten des Vermögens der Frau.
  •  in der späten Republik keine Gründe mehr für Zulässigkeit von Scheidungen von manus-Ehen
  • Dionysios von Halikarnaß meint, daß eine durch confarreatio geschlossene Ehe völlig unauflösiglich sei, Philologe Festus hingegen (Ende der Republik) beschreibt Verfahren einer diffarreatio. Außer bei Priester-Ehen war dieses Verfahren zu dieser Zeit sowieso kaum noch in Gebrauch.

 

C) Scheidungsverfahren

 

vermutlich kein festes Verfahren für Scheidung einer freien Ehe vorgeschrieben; Manche behaupten, daß Zwölftafelgesetz, so wie es von Cicero zitiert wird, eine Formulierung beinhaltet: illam suam suas res sibi habere iussit ex XII tabluis clavis ademit exegit. Problem, daß man nicht weiß, wo Satzzeichen waren: Variante A): "Er befahl seiner Frau, ihre eigenen Sachen zu behalten; in Übereinstimmung mit dem Zwölftafelgesetz nahm der die Schlüssel weg und führte sie hinaus" Variante B): "In Übereinstimmung mit dem Zwölftafelgesetz befahl er seiner Frau, ihre Sachen zu behalten; er nahm die Schlüssel weg und führte sie hinaus." Aus Version B folgt also, daß tuas res tibi habeto, du sollst deine Sachen haben, die Formel des Zwölftafelgesetzes sei. Auch Gaius sagt nicht, ob diese oder eine andere Formel (res tuas tibi agito, du sollst deine Sachen mit dir nehmen) wirklich vorgeschrieben waren. Jurist Paulus meint in einem Kommentar zur lex Iulia de adulteriis coercendis: "Keine Scheidung ist gültig, wenn sie nicht von sieben römischen Bürger außer den Freigelassenen desjenigen, der (qui; männl. Form) die Scheidung eingereicht hat, bezeugt ist." Augustus schrieb Scheidung bei Ehebruch der Frau zwingend vor, weil sonst Mann als leno, Zuhälter, verfolgt werden müßte.

Scheidungsbriefe existieren zwar, sind aber nach Gardner nicht üblich gewesen.

 

 

D) Befähigung zur Scheidung

  • Personen sui iuris konnten in einer freien Ehe diese selbst beenden, andere unter der potestas mußten den pater dazu bewegen.
  • lex Iulia et Papia verbot freigelassener Frau die Scheidung von ihrem patronus gegen dessen Willen. Da aber eigentlich Ehekonsens bestand, war dieses Verbot nur eine Form einer lex imperfecta annehmen, konnte also die von ihm untersagte Handlung selbst weder verhindern noch unter Strafe stellen, sondern lediglich die rechtlichen Auswirkungen des Handelns beschneiden. Die Frau konnte weder die Mitgift zurückfordern noch wieder ein conubium erlangen.

 

E) Auflösung einer Ehe ohne Scheidung

  • konnte passieren, wenn einer der Partner das conubium oder das römische Bürgerrecht, civitas, verlor. (Mann wurde Soldat oder Senator, hatte aber Frau aus einer verbotenen Kategorie; Mann wurde zum Verlust der civitas oder Sklaverei veruteilt.)
  • Das Bürgerrecht konnte man verlieren durch ein Urteil auf "Ausschluß von Wasser und Feuer", aquae et ignis interdictio - eine Verbannung oder mit zusätzlichem Verlust des Vermögens, deportatio. Nach nachträglichen Einfügungen in die Digesten löste die deportatio die Ehe nicht auf - in der klassischen Zeit wohl aber. Mitgift der Frau verblieb beim Mann oder konnte vom Vater zurückgefordert werden, sofern sie noch seiner potestas unterstand. Bei Kapitalverbrechen fiel sie an den Fiskus.
  • GENERELL: Bei Versklavung eines Partner galten die Rechte als ruhend. Bei Tod in Gefangenschaft galt er als im Moment der Gefangennahme verstorben. Bei Rückkehr Prinzip, das als postliminium bezeichnet wurde, und den alten automatisch Status wiederhergestellt. Einschränkung bei der Ehe: Bei Rückkehr nicht durch postliminium erneuert, sondern Ehekonsens mußte erneut hergestellt werden. Scheidungsbrief und Trennung war während der Gefangenschaft möglich.

 

F) Verfehlungen des Ehepartners

  • im klassischen römischen Recht keine festgelegten Gründe, Sanktionen für leichtfertige Scheidungen waren eher gesellschaftlicher Natur.
  • Fall Cicero: Er ließ sich von seiner Frau Terentia scheiden. Plutarch führt in seiner Beschreibung eine ganze Reihe von Vorwürfen Ciceros an: Entfernung von Haushaltsgütern, Schulden bis hin zu Nörgeleien. Cicero heiratete bald darauf die junge und reiche Publilia.
  • Obwohl Scheidung nicht an Schuldbegriff gebunden ist, finden sich zwei Belege für den Begriff Schuld: A) Im klassischen Recht konnte eine ehebrüchige Frau vor dem Praetor, eine actio de moribus, bestraft werden. Der Eheman mußte eine Kaution stellen - so Gaius. Gewann der Mann den Prozeß, konnte er ein Sechstel der Mitgift behalten, verlor er, ging er auch der Kaution verlustig. Wenn umgekehrt die Frau die Mitgift zurückhaben wollte, konnte er auf Grundlage einer retentio propter mores versuchen, eben diesen Betrag zu behalten. Hatte der Mann den Ehebruch begangen, so mußte er die Mitgift nicht in drei Jahresraten, sondern sofort zahlen. [Bsp. des Gaius Titinius]. B) Der Begriff culpa findet sich nicht im Kontext von Vergehen, sondern in Bezug auf die Verantwortlichkeiten für die Scheidung. Ulpian meint, daß der Gatte auf Grund der retentio propter liberos ein Sechstel der Mitgift behalten dürfe, wenn die Scheidung durch culpa der Frau oder ihres Vaters erfolgt sei. Cicero verweist darauf, daß wenn culpa (in diesem Sinne moralische Verfehlungen) auf Seiten des Gatten liegt, dieser nichts aus der Mitgift behalten dürfe - auch wenn die Frau den Scheidungsbrief geschrieben habe.

 

G) Bigamie (Doppelehe)

  • Fehlen eindeutiger Formalien bei Eheschließung => Problem der Eindeutigkeit; Fehlschluß, daß mit Eingehen einer neuen Ehe die alte automatisch aufgelöst sei. Beleg: Redner Quintilian beschreibt in seinen fiktiven Gerichtsreden, declamationes, daß ein zurückgekehrter Ehemann die Frau und ihren zweiten Ehemann erschlagen habe und verteidigt sich, er habe einfach zwei Ehebrecher auf frischer Tat ertappt und erschlagen. Jurist Papinian beschreibt ähnlichen Fall: auf Grundlage falscher Nachrichten sei eine Frau eine zweite Ehe eingegangen => zweite Ehe: "nichts, was Strafe verdiente"; Habe sie nur so getan, als sei Gatte gestorben => Bestrafung für Ehebruch.
  • Einzige Strafe in klassischer Zeit für Bigamie war infamia, was aus einem praetorianischen Edikt hervorgeht
  • Bestrafung einer Doppelehe nach der lex Iulia möglich: responsum des Kaisers Valerian aus dem Jahre 258 n.Chr., in dem versichert wirde, daß eine Frau ihr Habe wiedererlangt und sie rehabilitiert wird, weil ihr Mann zwei Ehen hatte und sie nicht (im Gegensatz zu ihm) wegen stuprum angeklagt werden.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte