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Die Quelle des Lichts

 

 

Nach wohl drei, vielleicht vier Stunden wachte Lucas in tiefster Nacht auf. Er fror, es war ihm kalt und ein wenig klamm. Die beiden Bullaugen in seiner Kabine standen weit offen, das Laken seines Bettes wie auch das Kopfkissen waren nass von seinem kalten Schweiß, er spürte die vielen Gläser Whiskey in seinem Blut rauschen und sein Kopf war unendlich schwer. Er griff nach dem Tabak, stand aus seiner Koje auf, erklomm mehr trunken vom Alkohol als vom Schlaf die Holztreppe und gelangte schließlich auf Deck an. Dort angekommen, wurde ihm ein wenig wohler, er drehte sich eine Zigarette, zündete diese an, hustete kurz und blickte in die nächtliche Welt.

Es mochte um fünf Uhr gewesen sein, der Himmel der Nacht war klar, keine einzige Wolke hatte sich am weiten Horizont eingefunden. Er sah nach schräg oben, sein Blick streifte recht ziellos über den Himmel und fand dann doch den Mond. Es war von ihm bloß knapp die Hälfte seiner Kugel zu sehen, scharf durch das Licht abgegrenzt war der Umriss seines halben Kreises gegen den tiefschwarzen Himmel. Im Inneren des halben Mondes aber schienen die Übergänge fließend, so dass es Lucas vorkam, als ob dort größere und kleinere Vertiefungen, so etwas wie Einlassungen vorhanden wären. Fast war er versucht zu glauben, da oben am Firmament hinge bloß ein halber Ring, weil das Innere des Mondes um so viel matter war als der fast hell strahlende äußere Halbring. Lucas erkannte nunmehr schemenhaft eine Art hellblauer Flecken und andere hellere Gebiete auf dem Mondkörper, er dachte, das müssten die Krater, Täler und Berge der Mondlandschaften sein.

Besonders stark war es nicht, das Licht, das der Mond am Himmel auf die Welt des Schiffes warf. So tauchte er diese doch in einen sanften und warmen, milchigen Schein. Der Mond wirkte ein wenig wie eine alte Laterne, deren Licht nur matt eine Gasse mit ausgetretenem, nassem Pflaster einer großen Stadt erleuchtet. Lucas dachte an Prag, in dessen Gassen, auf deren blankem Pflaster des Nachts einst seine Schritte zuerst den nassen Sand auf dem Stein knirschend rieben, um sodann ohne weitere Spuren zu hinterlassen in der Weite der Stadt zu verhallen. Wie viele Menschen hatten auf dieser Welt schon solch ein Leben gelebt, das nichts hinterließ, höchstens für einige Jahre oder Jahrzehnte die Erinnerung ihrer Familie, ihrer Freunde, ihres Dorfes oder gerade noch ihres Stadtviertels, in dem sie gelebt hatten? Nach einigen Jahrzehnten spätestens ist der normale Mensch so gänzlich aus der Welt getilgt, seine Spuren für immer verschwunden und es wird selbst der Grabstein umgelegt und sein Grab neu belegt.

Wer wird meiner je gedenken, dachte Lucas, wenn er einmal nicht mehr wäre? Es waren ihrer mehr, als er in dieser dunklen Nacht glaubte. Zumindest einer fühlte sich so sehr von ihm angezogen, dass er viel Zeit seines kostbaren, weil endlichen Lebens darauf verwandte, zwar nicht Lucas’ ganzes Leben, so doch aber episodenhaft Szenen, Stimmungen und Bilder daraus in geschriebener Form für die anderen Menschen und die Welt danach festzuhalten.

 

Nicht vielen Menschen geschieht es, dass sich andere anschicken, deren Leben in der Welt der Sprache zu fixieren und zu versuchen, anderen Menschen dieses Schicksal mitzuteilen. Was Lucas Leòn so besonders machte, so dass ich dies versuche? Weil er anders war als andere. Das allein genügte wohl kaum als Rechtfertigung, nein, kurzum, er war ein Seelenzauberer. Der Begriff wiegt schwer, aber er war einer jener überaus seltenen Zeitgenossen, die durch eine Begegnung mit ihnen alle schönen Eigen- und Leidenschaften des Gegenübers erwecken, gleichsam herauskitzeln und hervorkehren konnten. Sein zauberhaftes Werk bestand darin, alles Grundgute im anderen zu bestärken und zu betonen, so als ob alles Dunkle, das in jedem Menschen schlummert und lauert, so gar nicht vorhanden wäre, als gebe es bloß noch gleißend helles Licht in der Welt, als sei das Dunkle endgültig besiegt und verschwunden. Dem war und ist nicht so und jedem, der sich dessen bewusst geworden ist, dem ist auch schon halb geholfen. Lucas’ Zauberkunst begründete sich nicht darin, vermittels Berechnung oder Demagogie, Verehrung zu erzeugen und danach zu verführen, das wäre ein leichtes Spiel gewesen, sofern er sich darin versucht hätte. So ein Cipolla war er nicht. Er entschied sich willentlich, diese Methoden nicht anzuwenden, selbst dann nicht, wenn er damit Gutes, wer dies auch immer beurteilen vermöge, bewirkt hätte. Vielmehr wollte er einfach wahrhaftig sein: Redlich, friedsam, aufmerksam und ehrlich. Lucas gewann gleichsam durch sein bloßes, nacktes Sein. Er war bei der Begegnung mit anderen Menschen nicht anders als bei der einen Sache. Er war dabei genauso, wie der andere ihn haben wollte und das war sein größtes Vermögen. Die Wonne, die er dem anderen bereitete, war seine größte Lust.

Wenn ihm fremde Menschen begegneten hatte er nie Ziele, etwa, dass er danach trachtete, diese durch einfühlendes Gewinnen, wortreiches Überreden oder gezinktes Spiel, also durch Manipulation, dazu zu bringen, ihm genehme Dinge zu tun oder zu sagen. Selbst gegenüber Fremden war er frei davon, selbstredend erst recht gegenüber den Menschen, welche er mochte und kannte. Er wusste, dass er zwar nicht in jedem Einzelfall, so doch in der überwiegenden Mehrzahl darauf zählen konnte, dass die anderen Menschen seinem Anstand, seiner Verlässlichkeit, seinem selbstlosen Zuhören, seinem Vertrauen, das er schnell verschenkte, auf lange Sicht nicht anders begegnen würden als mit Offenheit, Warmherzigkeit, Vertrauen und allerlei Angeboten. Der Welt mit einem fröhlichen carpe diem zu begegnen, nicht mit einem imperativen Nutze den Tag, sondern einem empathischen Pflücke ihn doch, den Tag, das wollte er. Sich auf jeden Menschen und jeden neuen Tag, das Spiel der Wolken am Himmel und der Wellen des Wassers, den Zug der Schwalbenschar am Horizont, das satte sommerliche Summen der Bienen und die frisch keimenden Sonnenblumen einzulassen, das war sein Ding, sein Sein, Sinn und Leben. Er hätte auch anders gekonnt. Es gibt immer viele Wege im Leben eines Menschen, das wusste er wohl, aber die dunklen zu beschreiten, das war seine Sache nicht. Zwischen Demagogie und Empathie liegt bloß ein schmaler Grat. Demagogen mögen mit ihrem manipulativen Vermögen zu Macht gelangen, aber zu Empathie sind sie nicht fähig, sie bleiben halbfertig, halbe Menschen sozusagen. Dass Demagogen und Narren die Welt regieren, verwundert nicht weiter.

Verzeiht mir, liebe Lesende, meine etwas privatimen Einlassungen an dieser Stelle. Mir schienen sie schon fast überfällig …. .Wir lassen an dieser Stelle auch wiederum solche Gedanken fahren, ob man in der Welt Spuren hinterlassen müsse, um ein ganzer Mensch gewesen zu sein. Lucas hinterließ Spuren in der Welt, nicht zuletzt bei mir und bei den meisten Menschen, die ihm begegneten. Auch ging es unserem Lucas nicht mehr um all diese Fragen, die alle anderen Menschen an- und umtreiben: Er hatte sich entschieden, in der Welt der Ämter, Mandate, Ehrenauszeichnungen und Schlagzeilen der Zeitungen nichts weiter werden zu wollen. Das war für ihn nicht wichtig, wichtig war, bei sich selbst zu sein und das war er am meisten, wenn er sich verlor…

Lucas schaute erneut nach oben: Der Mond über dem Schiff erleuchtete nicht viel. Nur das Nahe, das Gegenständliche in dieser Welt, als da waren das Schiff selbst und die nächsten Wellen. Diese tauchte er in sein mattes Licht. Aber die Kraft dieser halben Leuchte, dieser kleinen Funzel, wie er für sich meinte, verlor sich rasch in der Weite der nächtlichen See. Er war nur ihr Abbild, ein matt-beschlagener Spiegel ihrer kraftvollen Strahlen, er war nur ihr trüber Glanz. Von ihr, der Sonne, bezog er sein Licht, sie war die Quelle allen Lebens, nur durch sie entstand all das Bunte, Betörende und Farbige der Welt. Er wandte den Kopf und blickte weiter nach oben am Himmel.

Da waren sie fast alle zu sehen, die Sterne, ganz gleichgültig, welche Namen die Menschen ihnen zu allen Zeiten und Orten gegeben und eingeteilt haben. Jede Kultur hat in ihrer Geschichte und in ihren Geschichten ihre eigenen Bilder in den Sternen gefunden. Die Menschen haben seit jeher versucht, sie zu sortieren und zu schematisieren. In vielen Kulturen wurden zwischen ihnen Linien gezogen, Verbindungen geschaffen und Abgrenzungen festgesetzt. Dann formten sich die eigentlich reichlich willkürlich gezogenen Linien zu fiktiven Bildern, als ob es sich um einzelne Wesen handelte, die nun voneinander getrennt ein eigenes Dasein erhalten, ein eigenes Leben eingehaucht bekommen. Dabei sind diese Bilder doch nur im Auge des einzelnen Betrachters existent, bleiben sie schließlich doch nur zutiefst menschliche Projektionen in den endlosen Sternenhimmel hinein. Trotzdem gründen manche wiederum ganze Wissenschaften darauf, auf die viele Menschen sogar große Stücke halten und sich eine Art Weltanschauung in den Sternen zurechtzimmern. Verstanden hatte er dies nie, für ihn blieben die Sterne schlicht andere Sonnen, viele dazu begabt, selbst Leben zu entfalten.

Besonders oft finden sich Tiere als Sternbilder, als ob sich da oben die Tierchen wie auf einer Weide tummelten, die man besichtigt anlässlich eines sonntägliches Spazierganges auf dem Lande oder eines Ausflugs in den städtischen zoologischen Garten. Wie frei von Bescheidenheit und Demut sind wir doch und machen noch die fernsten Sonnensysteme, von denen wir nichts weiter wissen, zu mehr oder minder niedlichen Tierchen, dachte Lucas. Obschon es sich doch um ganze, vollwertige, vielleicht gar perfektere Welten handeln kann und wird als die, auf der wir seit ein paar Tausend Jahren so allerhand Unheil angerichtet haben. Millionen von Sonnensystemen, ein jedes davon dazu befähigt, zumindest gleiches, aber vielleicht auch Größeres zustande zu bringen als das, was wir Menschen hervorgebracht haben. Und wir erklären sie einfach zu bloßen Punkten in unserem Sternensystem, um unsere mehr oder minder lustigen Kinderbilder von Tieren, die in den Sternen wohnen, zeichnen zu können. Sie wussten es früher nicht besser, es zeugt immerhin von Phantasie, sie waren dennoch bescheidener als heute, wo wir es inzwischen besser wissen könnten.

Leòn drehte sich eine weitere Zigarette und allerlei andere Dinge kamen ihm in den Sinn. Schon als kleines Kind hatte er die Stunden der Nacht sehr geliebt, wenn er ganz alleine war, wenn die Welt da draußen so still und sanft war und ihn nichts, kein Lärm, keine Menschen, keine Erwartungen und Pflichten von seinen freien Gedanken und Träumen abhielten und ablenkten. Wenn alles ruhig war und ihn nichts daran hinderte, ganz bei sich selbst zu sein. Diesen glücklichen Zustand auch gezielt und planvoll herbeizuführen, war ein frühes und sein stetes Anliegen. Manchmal bedachte Lucas schon als Kind, wie es wohl wäre, wenn er sich von all dem, was die Welt der Menschen gemeinhin ausmacht, entfernen und sich gänzlich abnabeln und entbinden könnte und weiter, wie es dann wohl wäre in einer Welt, in der nur er wäre. Oft schon hatte er in späteren Jahren gedacht, auf einem einsamen Gehöft nahe dem Meer im Languedoc-Roussillon oder auf einer Hütte in den Bergen der Provence zu leben. Nicht wirklich fern der anderen Menschen, aber doch so, dass man zwar stets die Berührung und Begegnung suchen kann, aber sie nicht aus alltäglichen Bedürfnissen oder Zwängen heraus suchen muss. Die Welt ist wohl zu klein geworden für Einsiedelei, um sich so ganz und gar von ihr abzuschirmen. Zudem stand Lucas noch nicht in aller Konsequenz danach wirklich der Sinn, zumindest nicht für das Jetzt und Gerade, so war es aber für ihn doch ein lebendiger Gedanke, insbesondere dann einmal, wenn er die ersten beiden Drittel seines Lebens hinter sich haben würde, wenn er alt sein würde…

Sein Blick kehrte zu den Sternen zurück und er dachte weiter, so wie der einzelne Mensch stets dazu neigt und aus Gründen der Selbsterhaltung auch dazu neigen muss, sich selbst als Maß zu begreifen, die Welt, die Sterne und insbesondere die anderen Menschen auf sich zu beziehen, so begeht die Menschheit auch in ihrer Gesamtheit genau diesen Fehler und das schon seit Jahrtausenden. Weil der Mensch sich eben als Krönung und Mittelpunkt begreift, erklärt, erforscht, erobert und beherrscht er. Dabei begeht er allerdings meist mehr Fehler, als dass er nicht nur für sich selbst einen Nutzen daraus ziehen würde, sondern es dem Fortkommen aller Mensch und dem kulturellen Fortschritt dienlich wäre. Besäße er jedoch nicht diesen selbstbezogenen Drang und auch keinen egoistischen Zwang, wäre er bloß bescheiden und selbstgenügsam wie eine Butterblume auf der Wiese oder ein Faultier im Waldhain, gleichsam im Zustand infantiler Unschuld, gäbe es vielleicht noch eine Evolution. Schlecht aber stünde es um kollektives Wissen, das sich in Millionen von Büchern angesammelt hat, schlecht verhielte es sich mit der menschlichen Zivilisation, welche erst das Überleben von so vielen unserer Art auf dem Planeten ermöglicht. Schon immer, wenn Menschen ein signifikantes Quantum mehr an Macht oder Wissen als ihre Zeitgenossen erlangt haben, neigten sie dazu, sich für unerreichbar, für vollkommen zu halten, stellte Lucas fest. Es würde die Menschheit von allerlei Großmachtsphantasien und Beherrschungsvisionen erlösen, wenn diese sich selbst mitunter auf den Boden der Tatsachen und den der schnöden Welt zurückholten. Jene, welche uns führen und beherrschen, müssten sich jeden Tag zumindest ein einziges Mal ihrer Winzigkeit, Zerbrechlichkeit und Endlichkeit allen Lebens, gerade auch ihres eigenen, bewusst werden, dachte Lucas.

Der Forscher, sinnierte Lucas weiter, darf und soll, ja muss sich sogar im Détail verlieren, spüren wie das Blut in seinem Kopf rauscht, wenn er eine jahrelang gesuchte Erklärung für ein physikalisches Problem gefunden hat oder endlich das Verbindungsstück zweier Spezies im Abstammungsdiagramm des Lebens beschrieben, schematisiert und kategorisiert und benannt hat. Ja, diese Begeisterung und Hingabe sind unerlässlich, das Platzen eines intellektuellen gordischen Knoten befreiend und die Ausschüttung des Adrenalins berauschend. Wer dies einmal verspürt hat, dessen Drang nach weiterem Verstehen, Be- und Ergreifen wird ihn immer wieder zu neuen Fragen und Antworten führen. Aber auch jeder Forschende sollte einmal am Tag, am Besten am Abend, die Muße finden, Mâze zu halten, zunächst sein Tun in der Welt seiner Wissenschaft einordnen und begründen und schlussendlich sich selbst in der wirklichen Welt der Dinge und Menschen erden. So dachte Lucas beim Blick in die Sterne und beim Anblick aller anderen Welten.

 

Sein Blick ließ ab von den Sternen, schweifte zurück über das Meer und streifte den Himmel und den Horizont. Es überkam ihn ein Schütteln: Noch immer war die Nacht still und klar, das Meer plätscherte sanft unter dem Bug des Schiffes, es funkelten Millionen von Sternen über das weite, dunkle Himmelsfirmament. Doch Lucas fühlte sich wohl in der Welt der Sterne, des Mondes und der Nacht über dem Schiff. Aber plötzlich, als er Richtung Osten schaute, wurde er auf der anderen Seite des Schiffes gewahr, dass sich das schwarze Nichts in der Mitte allmählich veränderte, kaum erahnbar zunächst, dann sich verfärbte, erst in ein dunkles, schließlich in ein helleres Grau. Er sah zwar nicht viel, fühlte jedoch deutlich, dass sich etwas bewegte und ereignete am Horizont. Zunächst bloß als zarte Nuancen im Grau, die anwuchsen, dann als einsame Strahlen zwischen dem dunklen Himmel und der tiefschwarzen See, die sanft schimmerten und beinahe wieder erstarben. In dessen innerstes Zentrum schob sich ganz allmählich etwas Schimmerndes. Alsbald begann es stärker zu strahlen und zu leuchten, es war, als drückte ein lichter Keil in die Mitte des endlosen Schwarz’.

Plötzlich zerteilte das Licht der aufgehenden Sonne ganz jäh Erde und Himmel. Sie richtete das Oben und das Unten der Welt, des Himmels und des Meeres neu ein. Die Umrisse des Schiffes wurden klar und unterscheidbar, die Gegenständlichkeit der Welt kehrte zurück. Die Sonne schuf und gebar ihn stets auf ein Neues, den neuen Tag. Dann nach einigen Sekunden tat sich auf eine richtige Kluft, es wurde heller, aus den vielen Tönen des Grau erwuchs das dunkle Braun des hölzernen Segelschiffes, das Weiß der straff vom Wind gefüllten Segel, das dunkle Grünblau des Meeres unter dem Schiff, das leuchtende Blau des Himmels. Der goldorange Schein der Morgensonne bezauberte die Welt, hauchte ihr eine fast betörende Buntheit und unendliche Mannigfaltigkeit der Formen und Gestalten ein. Schon erkannte Lucas die erste Krümmung ihrer Kugel, schon schob sie sich aus dem Ozean ein Stück weit empor, schon siegte das Licht über die Dunkelheit. Das letzte dunkle Blau des Nachthimmels mit den vielen, allmählich zart verblassenden Sternen und Sternchen wurde verzaubert und verwandelt, verschwand und zerfloss schließlich in dem tiefen Indigo des frühen Himmels und des jungen Tages über Afrika.

Das Licht der Sonne legte sich wie ein zarter Schleier auf seinen bloßen Oberkörper, auf dem sich noch kurz zuvor die kleinen Härchen der Haut im Widerstand gegen den frischen Nachtwind aufgerichtet hatten. Ihr Licht und ihre Wärme vertrieben die Kühle von seiner Haut und die Kälte aus seinem Körper. Sie hauchte ihm Leben ein und schenkte ihm ein behaglich-warmes Gefühl. Getrost und getröstet ging er nunmehr vom Deck hinab in seine Kabine. Mit dem Gefühl und der Gewissheit, am richtigen Ort zur rechten Zeit zu sein, fand er bald darauf einen langen, tiefen Schlaf.

 

 

 

 

******* finis operis *******

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte