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II. Die Parodie Goethes; These - Der strukturellen Anlage nach sind die Bekenntnisse des Felix Krull ein Schelmenroman, der den deutschen Bildungsroman parodiert, insbesondere Dichtung und Wahrheit von Goethe.

 

 

Zunächst eine Vorbemerkung zur Parodie des Bekenntnis-Themas

 

Ich will noch einmal kurz Bezug auf Augustinus nehmen: Im Sinne Augustinus umfasst die confession dreierlei: Eingeständnis (Sühnebekenntnis), Glaubensbekenntnis und Lobpreisung. In der dreigliedrigen Reihenfolge steht die confession als Sühne nach der contritio (sünde) und vor der satifactio (Versöhnung).

Goethe hat an keiner Stelle davon gesprochen, daß es ihm darum gehe, sein Leben in Dichtung und Wahrheit als Bekenntnis-Werk zu bewältigen im Gegenteil. Das Werk soll in keiner Weise lamentabel, sondern "vergnüglich und erbaulich" sein. Auch Krull, "qui n'a absolument rien à déclarer" (TS 388). Bei Krull ist von Sündenbeichte, Reue und Bußfertigkeit keine Spur, er ist sich "keiner Schuld ... bewusst". Lediglich kleinere Missgeschicke des Alltags, wie etwa das Versäumnis sich zu vergegenwärtigen, dass niemand im Raume ist, als er das Schmuckkästchen der Mme Houpfé öffnet, werden bedauert. Ja selbst die Phase, in der in Frankfurt als Zuhälter tätig ist, wird stolz als von "einschneidenster Bedeutung" (TS 384) geschildert. Der 40jährige berichtet "nicht ohne Feierlichkeit" und "nicht ohne Rührung" aus seinem Leben. Gleich zu Beginn des I. Buches, 1. Kapitels versichert Krull, ganz im Stile neuzeitlicher Bekenntnisliteratur à la Rousseau, die bis ins Mittelalter hineinreicht, dass er entschlossen sei, "mit dem vollendesten Freimut vorzugehen und weder den Vorwurf der Eitelkeit noch den der Schamlosigkeit dabei zu scheuen. Welcher moralische Wert und Sinn wäre auch wohl Bekenntnissen zuzusprechen, die unter einem anderen Gesichtspunkt als demjenigen der Wahrhaftigkeit abgefaßt wären" (266). Seine Bekenntnisse - und so persifliert er Rousseau - sind kein Selbstgericht, sondern Selbstfeier und in der Distanz der Jahre nachträglicher Genuss. Auch hier schimmert die narzisstische Grundkonzeption Krulls hindurch.

 

 

Die Parodie Goethes

 

1. Parodie des Sprachstils

 

Thomas Sprecher hat sich in seiner Dissertation die Mühe gemacht, beide Text  sehr genau zu analysieren, bis hin zum Durchzählen einzelner Wortarten und dem systematischen Vergleich Mann'scher und Goethe'scher Syntax. Ein sehr dankbare Arbeit, wie ich nebenbei bemerken will.

 

Hier will ich einige Ergebnisse referieren: Bei Goethe findet sich eine starke Anlehnung an die antike Rhetorik, besonders an die lateinische. Dabei sollen vor allem die flektierten und substantivierten Präsens-Partizipien Erwähnung finden. Gleich dutzendfach werden von beiden Autoren verwendet: Fragende, Liebende, Reisende, Schauende, Verweilende. Bei Goethe kann dies sicherlich mit seinem Faible für die Antike erklärt werden, bei Krull ist es einerseits (vom Autoren indentiert) Parodie auf Goethe und andererseits (vom Erzähler indendiert) ein Teil des bildungsbürgerlichen Habitus Felix Krulls, dessen er für seine Existenz als Hochstapler bedarf.

 

Darüber hinaus stellt Sprecher eine Fülle von Stab- und endreimenden Wortpaaren fest.

Bei Goethe: Lust und Liebe, Leben und Leiden, Handel und Wandel, Thronen und Kronen, Hang und Gang, Gebet und Gesang, Drang und Druck, Wissen und Wollen, Beredung und Beratung, Tun und Treiben, Formen und Farben

Bei Felix Krull: Lust und Liebe, Tun und Treiben, Farben und Formen, - alle schon bei Goethe [als Einschub], Lust und Last, Seele und Sinn, Vereinigung, Vertraulichkeit und Vermischung, Hang und Drang, Wunsch und Willen

 

Bei Goethe werden diese Stilmittel verwandt, um die Grundtendenz des Maßvollen, Würdigen oder wie Sprecher es formuliert des Gemessen-Gravitätischen zu verstärken, Krull hingegen wendet auch mit einer parodistischen Intension derartige Stilmittel an, etwa Leichtsinn und Lust, Motten und Mücken, Busch und Bank, Teller und Tassen, Gelächter, Gekreisch und Gejachter, schatzend und klatschend, Gären und Gieren, Gebelfer und Gequäk.

 

Klangspielerische Elemente, für die der Autor Goethe und der Erzähler Krull beide eine Vorliebe besitzen, seien nur am Rande erwähnt. Nur ein Beispiel: "Ich kam zur gewöhnlichen Stunde und fand den Vater allein, an meinen Tritten und Schritten, an meinem Gehen und Kommen, an meinem Tragen und Behaben, er noch manches aufbesserte und übrigens mit mir zufrieden schien."  Bei Krull: "War ich nicht bestellt und bestallt dahier?", "wandelte sich diese Beklemmung in die freudige Beklommenheit", "Aber verstohlen will ich dich stehlen sehen." "Augensterne - Sternenaugen", "Gott-Tier, den Tiergott" usw.

 

 

2. Euphemismus

 

Recht häufig finden sich bei beiden Autoren Euphemismen (von griech.: eufemein: angenehme Worte gebrauchen, günstig reden). Euphemismen werden meist dann verwandt, wenn es darum geht in einer diplomatischen Sprache, eine Ablehnung indirekt auszudrücken. Goethe etwa bemerkt, "dass die Männer altern und die Frauen sich verändern". Krull entkleidet sich nicht etwa bei der Musterung, sondern er versetzt sich in den natürlichen Zustand, Bordelle sind "gefriedete Häuser", Prostituierte "Venuspriesterinnen, Nymphen und Phrynen". Thomas Sprecher hat sich keine Mühe gescheut und auch die Verwendung der Vorsilbe wohl untersucht. Sie drückt das Angenehme, Gute und Richtige aus und wird bei Goethe über neunzig und bei Krull über fünfzig Mal benutzt. Auch der Superlativ findet rege Anwendung, insbesondere im Alterwerk Goethe, aber vor allem bei Krull selbst. Auch hier setzt sich die Grundkonzeption von Krull als Hochstapler konsequent bis auf die Ebene der Sprache durch. Jemand, der den Superlativ verwendet, also angibt, das Äußerste zu kennen, begeht schon fast Hochstapelei. Umso mehr ist klar, warum Krull ihn anwendet. Einige Beispiele: "der grösseste Lerneifer", "die gelesenste Zeitung" und jetzt abenteuerlich "die zusammengesetztesten Zeitungen", in "gewähltester Form". Ähnlich verhält es sich mit der besonders "goethe'isch" klingenden Form des absoluten Superlativs, des Elativs (auf + Superlativ): "aufs genaueste", "aufs beste" und "aufs zierlichste".

 

Bei Krull werden aber auch mit litotetische Formen (Litotes = Schlichtheit, zur Untertreibung) zur Erzeugung von Ironie benutzt, um Übergänge, Zwischenstufen zwischen voller Bejahung und radikale Verneinung zu erschaffen. Krull führt während der Rosza-Episode an, dass er sich "eine mässige Teilhaberschaft an dem Gewinn nicht missfallen" lassen habe. Ob er Rosza aktiv zur Prostitution gezwungen hat oder sich nur gelegentlich finanziell aushelfen hat lassen, bleibt unter dem Schleier dieser Ironie verborgen.

 

 

3. Goethe-zeitliche Spracheigenheiten

 

Krull greift eine ganze Menge an Stilmitteln der Goethe-Zeit auf: Es finden sich Archaismen wie die Präteritalformen ward und wurde oder frug und fragte. Außerdem: die fehlende Apokope beim Dativ-"e": "Kalt traf es ihm ans Herze" statt Herz, das sich bereits zu Thomas Manns Zeit durchgesetzt hatte. Des weiteren wird gelegentlich die Endsilbe des attributiven Adjektivs weggelassen: "gross Ungemach", "ein einträglich Ding", "ein liebend Paar". Bei Goethe: "kein ander Gespräch" oder "ein löblich Mittagsfest". Der Vollständigkeit halber seien noch erwähnt nicht gebräuchliche Präsensformen im Krull: Etwa "Zwischen Engel und Tier ... stehet der Mensch, näher zum Tier stehet er". Außerdem verstärkt der häufige Gebrauch von Fremdwörtern die euphemistische Tendenz, drastische Begebenheiten zu mildern und dadurch Distanz zu schaffen. Zudem dienen sie dem bildungsbügerlichen Habitus.

 

Auch die weiteren Aspekte: etwa Wortbildung, insbesondere Adjektivkomposita, wie bei Goethe: rhythmisch-bequem, lustig-gesellig, geistreich-herzlich und bei Krull: fahrlässig-alltäglich, heitersinnlich, südbleich etc. schaffen insbesondere im Krull sprachliche Ungenauigkeiten. Aussagen werden relativiert, insbesondere bei kopulativen Komposita: Bei Krull: natürlich-ungerecht, gerührt-achselzuckend, fettig-golden. Bei Goethe: stummlebendig, trocken lebhaft, scharf-zarte Bemerkungsgabe. Der Leser wird durch diese sprachlichen Provokationen, eigentlich handelt es sich um Paradoxa, aufgefordert, die vom Erzähler beabsichtigte Bedeutung aufzuspüren.

 

 

4. Parodie von Wesenszügen

 

Hier wären vor allem Aspekte der Auserwähltheit und Glückhaftigkeit zu nennen. Goethe wird Schlag 12 geboren, "So was Sonniges" (TS 429) widerfährt auch Krull: seine Geburt fällt auf einen Sonntag, er ist ein Sonntagskind. Felix sieht sich wie Goethe als ein glücklich-beglückender "Liebling der Menschheit" und der Götter, begabt "mit Segen oben vom Himmel herab". Die Frage ist, ob Felix, der Glückliche, auch einer solchen "Segenscombination" genügen kann. Genau das kann er im Gegensatz zu Goethe nicht und insofern wird das Motiv der Auserwähltheit parodiert.

 

Auf Grund des zeitlichen Rahmens will ich verweisen auf Thomas Sprecher, der weitere Aspekt in Bezug auf körperlichen Adel, Bildung, Verkleidung und Verwandlung behandelt. Durch diese Untersuchungen kann man ziemlich eindeutig zu dem Schluss gelangen, dass es sich bei Felix Krull um eine Parodie auf Goethes Dichtung und Wahrheit handelt.

 

 

Zur "Allsympathie"

 

Das Glockenspiel an der Tür der Krull'schen Villa, das ím Windfang die Melodie "Freut euch des Lebens" spielt, kehrt als Leitmotiv wieder nach dem Kuckuck-Exkurs. Nach dem Selbstmord des Vaters, um den Felix eher pflichtgemäß einige Tränen vergießt, bekommt der Ruin der Familie gar ein ironisch-groteskes Nachspiel. Krull hat offenbar bis in letzter Konsequenz nach diesem Motto gelebt, sich an leiblichen und sexuellen Genüssen (Feste und sein Verhältnis zu Felix' Gouvernante) der Welt gehalten solange es irgendwie ging. Sobald der Punkt erreicht wurde an dem ihm dies unmöglich war, hat er sich ein selbstbestimmtes Ende gesetzt. Gegenüber Kuckuck erwähnt Krull dieses Lied im Speisewagen, nachdem dieser unter anderem referiert hatte: "Das Leben ist eine Episode, und zwar im Maßstab der Äonen, eine sehr flüchtige." (538) Krull bemerkt, "ich habe es [das Lied] früh erklingen hören und immer gern gehabt, aber durch Ihre Worte von der 'flüchtigen Episode nimmt es nun freilich eine ausgedehntere Bedeutung an" (538) Im Lob der Vergänglichkeit schreibt Thomas Mann: Vergänglichkeit "ist die Seele des Seins, ist das, was allem Leben Wert, Würde und Interesse verleiht, denn sie schafft Zeit, - und Zeit ist, wenigstens potentiell, die höchste nutzbare Gabe, in ihrem Wesen verwandt, ja identisch mit allem Schöpferischen und Tätigen ... allem Fortschritt zum höheren und Besseren."

Kuckkuck meint gegenüber Krull, dass die dem Sein angemessenste Einstellung die "Allsympathie" sei. Der Mensch befinde sich in Mitten des Kosmos und stünde auch an der Spitze der Evolution. Dies bezieht Krull als Narziss selbstverständlich sofort auf sich selbst. Der Mensch, so verstanden als Krone der Evolution, die auch bei Kuckuck nicht unbedingt rein naturwissenschaftlich-atheistisch zu erklären ist - wie durch die Verwendung biblischer Terminologie klar wird - der Mensch als Krönung der Evolution also habe (und das unterscheidet ihn von der organischen Natur) das Wissen um die Endlichkeit alles Seins, das "Wissen vom Anfang und Ende". (547)

Das Wissen um die Endlichkeit jedoch mündet nicht in nihilistischen Selbstzweifeln und Weltverneinung, sondern in einer Art Lebensmaxime: Pflücke den Tag, könnte das Motto sein. Krull jedoch begreift sich getreu Goethes Winckelmann-Aufsatz als "das letzte Produkt der sich immer steigernden Natur" und leitet daraus auch eine Art antrophozentrisches Weltbild ab, was sich unter anderem bei seinem Besuch im Museum in Lissabon manifestiert.

strittig / unklar: Demgegenüber hat sich auch Schimmelpreester ein Wissen um "Anfang und Ende" erworben, gleichwohl verkehrt es sich bei ihm, der als Priester des Schimmels, das Vergängliche, das Verwesende preist, in das Gegenteil. Er stellt in dieser Frage das nihilistische Zerrbild Krulls dar (so wie er es äußerlich ebenfalls tut).

 

 

Leitfragen

  • Durchläuft Felix Krull eine Art Entwicklung, an deren Ende eine selbstkritische Bilanz seines Lebens steht?
  • Zeigt Felix Krull bereits zu Beginn des Romans Wesenszüge, die in weiterem Verlaufe lediglich "verfeinert" und "ausgebildet" werden, also gleichsam konstante Charakteristika?


Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte