Home
konkret & abstrakt
Zw. Revolte & Krieg
Afghanistan-Krieg
USA
Krieg in Libyen
Dt. Lit./Ge/PoWi
Reise des Lucas Leon
homo ludens
Archiv - Gentechnik
Kommentar Humangenom
BGH zu PID
Selektion durch PID
Montgomery gegen PID
Grundsatzpapier
Gentech vs Natur
"Gen-Medizin"
Bioethik & Forschung
ökonom. Perspektiven
Schlussbewertung
"Gen-Medizin"
gentech. Pharmaka
Reproduktionsmedizin
Gentech-Raps
Gentech-Mais
Patente auf Leben
cv & über mich
Twitter & Facebook
Kontakt & Impressum
Sitemap

4.Kapitel: WIRTSCHAFTLICHE PERSPEKTIVEN

 

Wenn von Gentechnik als „Schlüsseltechnologie“ die Rede ist, wird dies oft mit wirtschaftlichen Argumenten begründet. Dabei erfüllt die Gentechnik beileibe nicht die in sie gestellten Erwartungen. Im Jahre 1995 prognostizierte „Zukunftsminister“ Rüttgers noch, die Biotechnologie werde im Jahre 2000 in der Europäischen Union Auswirkungen auf 9 Prozent der Bruttowertschöpfung und 8 Prozent der Beschäftigung haben. Dies hätte 450 Mrd.ECU Wertschöpfung und rund 9 Millionen Arbeitsplätzen entsprochen. Die aktuelle Zahl der Beschäftigten in Europa wird in diesem Sektor mit 17200 angegeben, gegenüber 108000 in den USA.

Angesichts solcher Zahlen erscheinen auch Vorhersagen von 23000 bis 40000 Arbeitsplätzen in Deutschland im Bereich der kommerziellen Biotechnologie immer noch sehr optimistisch. Die Hälfte dieser Arbeitsplätze entstehen allein durch universitäre und weitere staatliche Forschung. Pro Jahr gibt die Bundesrepublik in staatlichen und halbstaatlichen Forschungseinrichtung 1,3 Milliarden Mark für die Gentechnik aus. Nirgendwo sind Arbeitsplätze so teuer wie in der Gentechnologie. Gleichzeitig sind Verluste an Arbeitsplätzen in anderen Industrien durch den Einsatz der Biotechnologie zu verrechnen. So sind allein in der pharmazeutischen Industrie seit 1993 in Deutschland über 20000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Deshalb stellt eine Studie der prognos fest: "Würde man vergleichen, wieviel Abeitsplätze durch Bio- und Gentechnik geschaffen und wieviel überflüssig wurden, wäre sie unterm Strich ein Arbeitsplatzvernichter."

 

Fairer Wettbewerb statt Subventionen

Doch selbst die wenigen wirtschaftlichen Erfolge der Gentechnik waren nur durch großzügige staatliche Hilfestellungen möglich. An erster Stelle stehen hier die Forschungssubventionen. In Feldern wie der Krebsforschung ist es heute quasi unmöglich, eine Förderung für Projekte zu bekommen, die nicht auf gentechnische Verfahren setzen. Hinzu kommt bei Industrieprojekten jedoch die Gewährung verdeckter Subventionen. Wenn beispielsweise bei Freilandversuchen auf eine Verpflichtung zu begleitender Grundlagenforschung verzichtet wird, überträgt dies eine enorme Bürde auf zukünftige Generationen, die mit den Ergebnissen dieser Versuche leben müssen.

Wesentliche Voraussetzung zur Durchsetzung fairer Wettbewerbsbedingungen ist ein umfassendes Haftungsrecht. Firmen, die mit gentechnisch veränderten Produkten Gewinne erwirtschaften wollen, müssen auch für eventuelle Schäden geradestehen. Dabei ist es nicht notwendig, auf den Eintritt eines Schadens zu warten, denn dann wäre wahrscheinlich fast jede Firma mit den Haftungspflichten überfordert. Stattdessen ist eine umfassende Haftpflichtversicherungspflicht einzuführen. Projekte, für die sich kein Versicherer findet, sind somit schnell als offensichtlich zu riskant zu erkennen. Voraussetzung ist allerdings, daß es möglich ist, Schäden kausal zuzuordnen. Deshalb muß in Genehmigungsverfahren die Verpflichtung eingeführt werden, Nachweismethoden für den Verbleib genveränderter Organismen und Gensequenzen zu liefern.

Neben dem Haftungsrecht ist das Wettbewerbsrecht essentiell für eine zukunftsfähige Entwicklung auf Gentechnik. Hohe Entwicklungskosten - für ein neues gentechnisches Verfahren im Durchschnitt 500 Millionen DM - und enge Verflechtung zwischen staatlichen, halbstaatlichen und privaten Forschungseinrichtungen fördern einen Konzentrationsprozeß, der in Verbindung mit dem Patentrecht geeignet ist, den Wettbewerb durch Monopole zu ersetzen. Dem muß aktiv entgegengetreten werden.

 

"Standort Deutschland"

Angesichts ihrer geringen wirtschaftlichen Erfolge gerät die Gentech-Industrie zunehmend in die Defensive. Es werden nun keine Versprechungen mehr abgegeben, sondern nur noch vor der Standortverlagerung gewarnt. Es gehe nicht um mehr Arbeitsplätze, sondern um weniger oder noch weniger. Es ist zwar nicht ausgemacht, ob moderne Chemie-, Pharmaindustrie eher mit oder ohne Gentechnik denkbar ist. Fakt ist jedoch, daß es vielfältige Standortalternativen zur Forschung und Produktion von genmanipulierten Produkten gibt. Die Argumente sind deshalb nicht zu dramatisieren, aber ernstzunehmen. Deshalb ist es wichtig, genveränderten Produkten, die unter niedrigen ökologischen und demokratischen Standards (Standortdumping) produziert wurden, den Marktzugang zu erschweren. Dies erfordert eine Verständigung auf Mindeststandards innerhalb der OECD-Länder und eine Abkehr vom engen „Nichtdiskriminierungsprinzip“ in der WTO.

Klargestellt werden muß allerdings an dieser Stelle, daß in der Standortkonkurrenz Dritte-Welt-Länder keine Bedrohung darstellen. Im Gegenteil: die Länder des Südens sind die Verlierer, wenn sich Gentechnik weltweit durchsetzt. Denn die Kontrolle über Saatgut, Pestizide und Patente werden einige reiche Firmen des Nordens besitzen. Leer ausgehen hingegen die Länder, deren genetischer Reichtum die Grundlage für viele Entwicklungen ist. Verlieren werden auch die bisherigen Lieferanten organischer Rohstoffe. Deshalb fordern BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN eine drastische Aufstockung der Ausgleichsmittel im Rahmen des Biodiversitätsabkommens der UN sowie ihren Einsatz zur Abmilderung des Strukturwandels aufgrund der Einführung neuer gentechnischer Verfahren.

 

=> weiter

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte