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Ärztepräsident Montgomery:

Ich "hätte … den Gesetzentwurf für ein PID-Verbot unterstützt."

 

Kommentar zur PID-Entscheidung

UJN 13.07.2011

 

Dieses Bekenntnis zu einem Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) stammt nicht, wie man annehmen könnte, von einem fundamentalistischen Gentechnik-Kritiker oder einer radikalen Feministin. Nein, diesen Satz diktierte tatsächlich Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der deutschen Ärztekammer, einem Journalisten in den Schreibblock (Das Parlament vom 11.07.2011). Der Bundestag hatte am 8. Juli in zweiter und dritter Lesung mit 326 Ja- zu 260 Nein-Stimmen bei 8 Enthaltungen eine Novelle des Embryonenschutzgesetzes beschlossen, die von den drei vorliegenden Entwürfen die stärkste Liberalisierung zugunsten der bislang verbotenen PID[1] vorsieht.


In den vergangenen 20 Jahren hat sich der männlich-normierte Zugriff auf die menschliche Fortpflanzung im Rahmen der sog. Reproduktionsmedizin massiv ausgeweitet: Heutzutage gelten Frauen jenseits eines Lebensalters von 35 Jahren bereits als "risikoschwanger" und werden den Methoden der Pränatalen Diagnostik unterzogen. Dabei wurden sowohl die Methoden verfeinert, als auch die Diagnosemöglichkeiten verbessert. Was jedoch als Einzelfall begann, hat sich verstetigt und wurde zum Regelfall.

Frank Ulrich Montgomery: "Denken Sie allein daran, dass heute 95 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben werden. Ich sehe auch bei Gentests an künstlich erzeugten Embryonen die große Gefahr, dass am Ende alles gemacht werden könnte, was medizinisch-technisch möglich ist. Wir leben in einer Welt der Salami-Ethik, wo Stückchen für Stückchen abgeschnitten wird."

 

Wiederholt sprachen in der Debatte des Bundestages die PID-Befürworter davon, es handle sich lediglich um eine "begrenzte Zulassung" und verweisen darauf, dass die PID nur bei "hoher Wahrscheinlichkeit" von "schwerwiegenden Erbkrankheiten" oder bei "hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Tot- oder Fehlgeburt" erlaubt sei. Was im allgemeinen Sprachgebrauch als gewichtiges Knock-Out-Kriterium erscheint, erweist sich im medizinisch-technischen Kontext als gummiweiche Aussage: Hier gelten prognostizierte Ereignisse bereits dann als von "hoher Wahrscheinlichkeit"[2], wenn sie lediglich in 25 bis 50 Prozent der Fälle eintreten.

 

Die "schwerwiegenden Erbkrankheiten" werden jedoch erst gar nicht weiter beschrieben. In Großbritannien "wiegt" eine meist nicht näher zu taxierende Wahrscheinlichkeit für inzwischen über 170 Erbkrankheiten bereits als so "schwer", dass die entsprechenden Embryonen selektiert werden. Darunter fallen auch sog. spätmanifestierende Erbkrankheiten. Merkmalsträger können damit symptomlos Jahrzehnte lang leben und durch Früherkennung gibt es zumindest teilweise Therapiemöglichkeiten, so etwa beim mutierten BRCA1-Gen, auch bekannt als sog. Brustkrebsgen, da es normalerweise die Entstehung von Krebszellen im Brustgewebe verhindert. Auch die Chorea major (Huntington), bei der etwa ab dem 40-Lebensjahr erste Krankheitssymptome auftreten, ist dabei. Diese Krankheit verläuft tödlich, im Schnitt versterben die Patienten ungefähr 15 Jahre später, also mit ungefähr 55 Lebensjahren - eine Lebenserwartung, die übrigens nur vier Jahre unter derjenigen von männlichen Russen liegt.

 

Das Parlament: "Künstlich erzeugte Embryonen sollen künftig auch auf schwere erbliche Krankheiten getestet werden können, die erst im Laufe des Lebens ausbrechen. Finden Sie das in Ordnung?"

Montgomery: "Ich lehne es völlig ab, auf Erbanlagen für Krankheiten zu testen, die in der Regel erst nach dem 30. Lebensjahr auftreten […] Da wird es wirklich gefährlich, auch weil wir nicht wissen, welche Therapien wir in 30, 40 Jahren haben. Außerdem können die Menschen mit entsprechenden Gendefekten Jahrzehnte ohne Erkrankung leben."

 

 

Schiere Entgrenzung statt behutsamer Einhegung

 

Was von den Befürwortern Ulrike Flach (FDP), Peter Hintze (CDU) und Petra Sitte (LINKE) den fachlich unbeschlagenen Abgeordneten als vermeintlich restriktive Einhegung verkauft wurde, erweist sich so beim genauen Blick als hemmungslose Entgrenzung. Es nimmt nicht weiter Wunder, dass eine Partei eines sozialkalten Neoliberalismus wie die FDP mit weit über 90 Prozent ihrer Abgeordneten für die PID votierte, dass sich jedoch die beiden linken Parteien SPD und LINKE mehrheitlich[3] ködern ließen, wirft die Frage danach auf, ob an diesen beiden Parteien der sehr kritische Diskurs zur Reproduktionsmedizin, der seit 20 Jahren stattfindet und von Feministinnen, Hebammen und kritischen Ärztinnen getragen wird, spurlos vorübergegangen ist.

 

Diese Ahistorizität geht aber weit über diesen kritischen Diskurs hinaus, denn die Wurzeln sozialdemokratischer und sozialistischer Eugenik reichen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Selbstredend kommt diese Eugenik nicht im weißen Kittel des sog. Rassehygienikers mit Begriffen wie "Aufartung" oder "Aufnordung" daher oder würde von Kathedersozialisten gepredigt, die das "Lumpenproletariat" in personam bekämpfen wollten, sondern sie tritt auf in einer individualisierten Weise: Es wird mit der Pränatalen Diagnostik (PND) und mit der Präimplantationsdiagnostik in potenzierter Form der einzelnen Frau im Rahmen eines zutiefst männlich geprägten Reproduktionsbetriebes die Verantwortung für einen erbgesunden Nachwuchs angelastet. Bei Nichterfüllung droht ihr soziale Stigmatisierung durch Partner und Gesellschaft. In diesem Medizinbetrieb wird die weibliche Autonomie (gerne auch als Selbstbestimmungsrecht in der Politik argumentativ verwandt) zu einer affirmativen Farce. Werden durch PND und PID flächendeckend eine stetig wachsende Anzahl von Merkmalen selektiert, führt diese individualisierte Neoeugenik mit anderen, technisch versierten Methoden zu genau dem gesamtgesellschaftlichen Effekt, der im sog. Dritten Reich mit verbrecherischen Methoden verfolgt wurde, nämlich der vermeintlich "erbgesunden" (zwar nicht "behindertenfreien") Gesellschaft.

 


linke Unbedarftheit und "Emo-Kiste"

 

In Unbedarftheit und Unbekümmertheit fragte etwa die linke Abgeordnete Yvonne Ploetz über den Social-Media-Dienst Twitter, was ihre Follower von der PID hielten, um sodann – vermutlich nach einem "fachlichen Diskurs" über 140 Zeichen - offensiv einer PID-Zulassung das Wort zu reden und noch vor den eigentlichen Beratungen bereits in der ersten Lesung des Gesetzes den Flach/Hintze/Sitte-Antrag zu unterstützten. Eine regelrechte Emo-Kiste fuhr der linke Abgeordnete Steffen Bockhahn, dem es unmöglich scheint, jenseits des eigenen Bauchgefühls mit einem Gesetz umzugehen und der sich bei seiner Rede für die Zulassung der PID demonstrativ einige Tränen "verdrückte", was ihm nicht einmal die eigene Fraktion abnahm. Minuten später verwies er stolz auf Twitter darauf, mit seiner Inszenierung Eingang in die Berichterstattung von WeltOnline gefunden zu haben. Schlicht unangemessen, wenn auf diese Weise mit einem so komplexen und schwierigen Thema umgegangen wird.

 

Besäße DIE LINKE eine konsequente radikalfeministische Position – gleichsam als Widerpart zu der in dieser Frage konsequent und monolithisch neoliberal agierenden FDP – dann hätte die Zulassung der PID mit den Stimmen der LINKEN verhindert werden können.

 

Bar jeglicher Fachlichkeit und mit einer nachgerade tumben Ahistorizität beschloss der Bundestag so am 8. Juli ein Gesetz, das der Abgeordnete Volker Beck zurecht als "ethischen Dammbruch" bezeichnet hat. Es kommt selten genug vor, dass ich Abgeordneten der GRÜNEN (meine ehemalige Partei) recht gebe, aber den Ausführungen von Birgitt Bender, ist im Grunde genommen nur wenig hinzuzufügen:

 


 

 


Anmerkungen

 

[1] Zum Urteil des Bundesgerichtshofs vom 06.07.2010, das eine gesetzliche Neuregelung erzwang, vgl. a.: Zugriff auf die conditio humana – zum Urteil des BGH zur Präimplantationsdiagnostik, 13.07.2010

[2] Vgl. zu den einzelnen Kritikpunkten am Entwurf von Flach/Hintze/Sitte a.: Selektion durch PID, 06.07.2011

[3] Die FDP stimmte mit 94%, die SPD mit 73%, DIE LINKE mit 55%, DIE GRÜNEN mit 41% und die CDU/CSU mit 31% ihrer jeweiligen Abgeordneten für die Zulassung der PID.



Uwe-Jürgen Ness war von 1995 bis 2006 Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Gen- und Reproduktionstechnologien bei BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN und ist seit Oktober 2008 bei der LINKEN.

 

 

Weitere Texte zum Thema finden sich im Archiv - Gentechnik.


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Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur