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Missbrauchte Rosa

Zur "radikalen Realpolitik" und der zweifelhaften Luxemburg-Rezeption in Teilen der LINKEN

UJN 18.01.2016 [bearbeitet]

 

Nicht zu Unrecht verweist Andreas Wehr auf "die Verklärung [Rosa Luxemburgs] durch ihre Reduzierung auf die Rolle einer sanften, menschlichen und zutiefst weiblich empfindenden Frau und damit ihre Stilisierung als Alternative zu dem als kalt und rücksichtslos dargestellten Mann Lenin."[1] (siehe auch: Antikommunismus 2.0)

 

Diese verniedlichende Luxemburg-Rezeption übernahmen Teile der ehemaligen PDS vom linken Mainstream der alten Bundesrepublik und ergänzten sie um eine weitere Nuance: In ihrem Bestreben, für ziel- und planloses Regierungshandeln in rot-roten Koalitionen eine theoretische Unterfütterung zu finden, wurden sie im Werke Rosa Luxemburgs fündig: Die Mär von der "revolutionären Realpolitik" war geboren, die nunmehr allerorten vom sog. "Forum Demokratischer Sozialismus" (FDS), einer Parteiströmung der LINKEN, bis hin zu Katja Kipping, Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Parteivorsitzende, herhalten muss. Auch die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch hat sich erst unlängst des Begriffs wiederholt befleißigt. Im Nachhinein ist nicht nachweisbar, wo der Ursprung dieses sich gegenseitigen Zitierens liegt. Angelegentlich wird dieser Begriff – etwa im inoffiziellen Parteiblog Lafontaines Linke – dann gleich noch zur "radikalen Realpolitik" kastriert.

 

Benjamin Hoff, Sprecher des FDS, verwendet den Begriff in seiner von ihm verfassten ersten These der 13 FDS-Thesen zum Parteiprogramm der LINKEN ebenfalls. Er beruft sich nach vorherigem Zitat in der Bibliographie in Bezug auf das Luxemburg-Zitat von der "revolutionären Realpolitik" ausschließlich auf: "Luxemburg, Rosa, Sozialreform oder Revolution, GW 1/1: 367–466"[2], und somit auf einen der wichtigsten Texte Luxemburgs, so als fände sich dort dieser Begriff. Genau das jedoch ist nicht der Fall.

 

Rosa Luxemburg

 

Bloß: Luxemburgs Auseinandersetzungen mit dem gewerkschaftlichen Etatismus, der kleinbürgerlichen Angst um die Gefährdung von Organisationsstrukturen und Gewerkschaftskassen sowie der revisionistischen Strömung in der SPD um Eduard Bernstein liefern alles andere, nur nicht die Rechtfertigung dafür, dass regierungsversessene Epigonen im reformerischen Sumpf versinken und sich währenddessen auf Luxemburg berufen können. Was Luxemburg zu derartigen Regierungsbündnissen heutzutage sagte, können sich die Revisionisten 2.0 eingedenk Luxemburgs eindeutiger Positionierung in einer vergleichbaren Frage, nämlich der Regierungsbeteiligung der französischen Sozialisten durch Alexandre Millerand, eigentlich zusammenreimen. Dazu hat Luxemburg 1901 eine umfängliche und überaus eindeutige Schrift publiziert: "Die sozialistische Krise in Frankreich"[3].

Und so findet sich selbstredend der Begriff "revolutionäre Realpolitik" nicht etwa in einem der theoretischen Hauptwerke Luxemburgs, wie Sozialreform oder Revoultion?, Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, die Krise der Sozialdemokratie [sog. "Junius-Broschüre"] oder der Akkumulation des Kapitals, sondern lediglich in einem bescheidenen Zeitungsartikel, den sie anlässlich des 20. Todestags von Karl Marx am 14. März 1903 im sozialdemokratischen Vorwärts veröffentlicht hat, einem klassischen, tagesaktuellen Gebrauchstext. Aber selbst in diesem schreibt sie: "Die einmal erkannte Richtung des ökonomischen und politischen Prozesses in der heutigen Gesellschaft ist es, an der wir nicht nur unsren Feldzugsplan in seinen großen Linien, sondern auch jedes Detail unsres politischen Strebens messen können. Dank diesem Leitfaden ist es der Arbeiterklasse zum erstenmal gelungen, die große Idee des sozialistischen Endziels in die Scheidemünze der Tagespolitik umzuwechseln und die politische Kleinarbeit des Alltages zum ausführenden Werkzeug der großen Idee zu erheben. Es gab vor Marx eine von Arbeitern geführte bürgerliche Politik, und es gab revolutionär Sozialismus. Es gibt erst seit Marx und durch Marx sozialistische Arbeiterpolitik, die zugleich und im vollsten Sinne beider Wörter revolutionäre Realpolitik ist."[4] (Hervorhebungen nicht im Original). Der Kontext ist selbsterklärend und es erübrigen sich weitere Kommentare und Mutmaßungen, was Luxemburg damit wohl ausdrücken wollte, insbesondere dann, wenn man just gegen die direkt postulierte Intension "im vollsten Sinne beider Wörter" die "revolutionäre Realpolitik" zur "radikalen Realpolitik" (siehe oben) umdefiniert.  


Auch inflationäres Falschzitieren bzw. eine Überhöhung macht den Begriff nicht authentischer oder zentraler, als er ist und schon gar nicht gewichtiger, als den lebenslangen Kampf Rosa Luxemburgs gegen kleinbürgerlich-behäbige Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre, der ihr Gesamtwerk durchzieht. Es stellt sich allerdings die Frage, wie sauber die Rezensenten argumentieren, wenn sie Zitate in Texten unterstellen, wo sich diese nicht finden lassen und sie zudem zum zentralen Begriff erhöhen. Der nächste Schritt der Revisionisten 2.0 innerhalb der LINKEN, scheinbar stets um historische Legitimation durch eine offenkundig dann doch unpassende Kronzeugin bemüht, dürfte dann vermutlich sein, aus dem Nebenbegriff "revolutionäre Realpolitik", den man dem Hauptwerk unterjubelt und zur zentralen Kategorie verabsolutiert, über den Zwischenschritt "radikale Realpolitik" sich dann schlussendlich das Programm für ein "nachhaltiges Regieren" zurechtzuzimmern. An dem Punkt trifft man sich dann auch terminologisch mit rot-grünen Placebo-Reförmchen im Rahmen des sog.
Cross-Over. Wir dürfen gespannt sein, zu welchen semantischen und theoretischen Verrenkungen sich die Revisionisten 2.0 fürderhin versteigen werden.

 

 

Nachtrag

 

Es geht mir im Grundsatz auch überhaupt nicht darum, "hundert Jahre alte Texte [als] Gebrauchsanleitungen" für "heutige[...] Politik" (Blog Lafontaines Linke zu diesem Artikel) anzuwenden, sondern ich verwehre mich lediglich gegen die in der LINKEN grassierende verniedlichende Luxemburg-Rezeption, insbesondere dagegen, dass versucht wird,  mit zweifelhaften Methoden einen isolierten Nebenbegriff Luxemburgs als zentrale Kategorie für ihr Gesamtwerk zu etablieren.

 

 


Anmerkungen

 

[1] Andreas Wehr: Die Sache mit dem Kommunismus, in: junge Welt, 15.01.2011.

[2] Die 13 fds-Thesen finden sich hier, eine Entgegnung "Fds setzt massive Polarisierung auf die Tagesordnung" hier und zwei grundsätzliche Statements zum Programmentwurf hier und hier.

[3] In: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Bd.1, 2. Halbband, Berlin 1979, S.5-73.; (Hier im Netz zu finden.)

[4] Rosa Luxemburg: Karl Marx. In: Gesammelte Werke, a.a.O. S.369-377. (Hier im Netz zu finden.)

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur