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Rudolf von Fenis (zwischen 1158-1192 bezeugt)Zu Rudolf von Fenis: Minne gebiutet mir

 

 

I. Einleitung

 

Die vorliegende Arbeit zu dem Minnelied Minne gebiutet mir von Rudof von Fenis (auch: Graf Rudolf II. von Neuenburg) entstand im Rahmen eines Seminars zur mittel- und althochdeutschen Dichtung, das von Prof. Dr. C. Ortmann an der Universität Konstanz gehalten wurde. Nach dieser Einleitung wird im zweiten Abschnitt der Arbeit eine Paraphrase des Minneliedes hergestellt. Angesichts des Ziels, mögliche Interpretationsansätze nicht bereits durch die Entscheidung für die ein oder andere Übersetzungsvariante zu antizipieren, soll zunächst eine möglichst nah am Text orientierte, direkte Übertragung des Textes in das Neuhochdeutsche vorgenommen werden. Damit werden zunächst auch semantische und syntaktische Ungereimtheiten in Kauf genommen. Der dritte Abschnitt dient dazu, auf die Form des Minneliedes einzugehen. Dabei spielen sowohl die beiden überlieferten Versionen in der Weingartner bzw. Stuttgarter Liederhandschrift sowie in der Großen Heidelberger bzw. Manessischen Liederhandschrift eine Rolle, als auch Metrik und Reimscheima. Im vierten Abschnitt werden auf Grundlage der Resultate des dritten Abschnittes erste Ansätze für eine Interpretation beschrieben. Daran schließt an der fünfte Abschnitt, in dem eine Einordnung des Minnelliedes in den Kontext der Hohen Minne unternommen werden soll. Zu diesem Zwecke wird eine knappe Konkretisierung des Begriffs der Hohen Minne vorgenommen und kurz deren formale und inhaltliche Implikationen für das Minnelied Minne gebiutet mir betrachtet. Der sechste Abschnitt beschäftigt sich kritisch mit der Dissertation von Axel Eisbrenner: Minne, diu der werlde ir vröude mêret. Untersuchungen zum Handlungsaufbau und zur Rollengestaltung in ausgewählten Werbungsliedern aus „Des Minnesangs Frühling“. Als Resultat dieser Vorarbeiten schließlich wird im siebten Abschnitt eine Übersetzung des Minneliedes in das Neuhochdeutsche vorgenommen, welche auf die gewonnenen strukturellen, semantischen und interpretatorischen Erkenntnisse aufbaut. Der achte Abschnitt dient dazu, die Ergebnisse dieser Arbeit zusammenzufassen und abschließend zu bewerten. Der neunte Abschnitt schließlich umfaßt das Verzeichnis der benutzen Literatur.

 


II. Paraphrase

 

Rudolf von Fenis: Minne gebiutet mir[1]

 

I
  Minne gebiutet mir, daz ich singe   Minne gebietet mir, daß ich singe


 

unde will niht, daz mich iemer verdrieze

und will nicht, daß mir [dies] je verdriese.

 

 

nu hân[2] ich von ir weder trôst noch gedinge

  Dabei habe ich von ihr weder Trost noch Hoffnung,

 

 

unde daz ich mînes sanges iht genieze.

 

  daß ich durch meinen Sang irgendeinen Lohn erhalte.

 

5

Si wil, daz ich iemer diene ûf einen tag[3],

  Sie will, daß ich immer diene ein Leben lang,

 

 

dâ noch mîn dienst ie vil kleine wac[4],

  wo doch mein Dienst sehr wenig wog

 

 

unde al mîn staete niht gehelfen

mac.

  und all meine Stetigkeit nicht helfen vermochte.

 

 

 

nu waere mîn reht, moht ich, daz ich ez lieze

 

 

  Nun wäre es mein Recht, [so] mochte ich, daß ich es ließe

 

II

 

 

Ez stêt mir niht sô. ich enmac ez

niht lâzen,

  Es steht nicht so [um] mich. Ich vermag es nicht zu lassen,

 

 

daz ich daz herze von ir iemer bekêre.

  daß ich das Herz von ihr für immer bekehre [alternativ i.S. von: daß mein Herz sich je von ihr abkehrt].

 

 

ez ist ein nôt, daz ich mich niht

kann mâzen:

  Es ist eine Not, daß ich mich nicht mäßigen kann:

 

 

ich minne sî, diu mich dâ hazzet

sêre,

 

  ich minne sie, die mich da sehr haßt

 

5

Und íemer tuon, swie ez doch dar umbe mir ergât.

  und immer tun [wird], wiewohl es mir dabei auch ergeht.

 

 

mîn grôziu staete mich des niht

erlât,

  Meine große Stetigkeit erläßt mich dessen nicht,

 

 

unde ez mich leider kleine vervât.

  obgleich es mir wenig nützt.

 

 

 

ist ez ir leit, doch diene ich ir iemer mêre.

 

 

Ist es ihr leid, so diene ich ihr doch immer mehr.

 

III

 

Iemer mêre wil ich ir dienen mit staete

  Immer mehr will ich ihr dienen mit Stetigkeit.

 

 

und weiz dóch wol, daz ich sîn niemer lôn gewinne.

  Und weiss doch wohl, daß ich dafür  niemals Lohn gewinne.

 

 

ez waere an mir ein sin, ob ich dâ baete

  Es wäre klug von mir[5], wenn ich dort bäte,

 

 

dâ ich lônes mich versaehe[6] von der minne.

 

  wo ich [auf] Lohn rechnen dürfte von der Minne.

 

5

Lônes hân ich noch vil kleinen wân

  [Auf] Lohn habe ich doch nur sehr wenig Hoffnung.

 

 

ich diene ie dar, da ez mich kleine

kan vervân,

  Ich diene dort, wo es mir wenig nützen kann

 

 

- nu liez ich ez gerne, moht ich es lân-

  Nun ließe ich es gerne, mochte ich es lassen.

 

 

 

ez wellent durch daz niht von ir

mîne sinne.

 

 

  Es wollen meine Sinne darum doch nicht von ihr [lassen].

 

IV

 

Mîne sinne wellent durch daz niht

von ir scheiden,

  Meine Sinne wollen trotzdem nicht von ihr scheiden,

 

 

swie si mich bî ir niht will lân belîben.

  wiewohl sie mich bei ihr nicht bleiben lassen will.

 

 

sî enkan[7] mir doch daz niemer geleiden:

  Doch wird sie es mir nicht verleiden können:

 

 

ich diene ir gerne und durch sie

allen guoten wîben.

 

  Ich diene ihr gerne und durch sie allen guten Frauen.

 

5

Lîde ich dár under nôt, daz ist an mir niht schîn.

  Leide ich dabei unter Not, wird diese an mir nicht offenbar.

 

 

diu nôt ist diu méiste wúnne mîn.

  Diese Not ist meine größte Wonne.

 

 

sî sol ir zorne dar umbe lâzen sîn,

  Sie soll ihren Zorn darüber seinlassen.

 

 

wan sie enkan mich niemer von ir vertrîben.

  denn sie kann mich niemals von ihr vertreiben.

 

 

III. Zur Form des Minneliedes

 

Minne gebiutet mir ist in zwei Handschriften überliefert worden, einerseits in der Weingartner bzw. Stuttgarter Liederhandschrift [B], die vermutlich Ende des 13. bzw. zu Beginn des 14. Jahrhunderts entstand, und andererseits in der Großen Heidelberger bzw. Manessischen Liederhandschrift [C], die wahrscheinlich zu Beginn des 14. Jahrhunderts angefertigt wurde.

 

Der Text ist in B und C nur mit vergleichsweise geringfügigen Abweichungen vorzufinden. Die Herausgeber des Minnesangs Frühlings folgen im Wesentlichen B als Leithandschrift, vermutlich weil sie die frühere Datierung der Entstehung als wichtiges Kriterium für die Authenzität des Textes ansahen. Handschrift B weist einige Eigentümlichkeiten in der Schreibweise auf, die auf eine stärkere mundartliche Färbung der Sprache hindeuten.[8] Dies jedoch rekonstruieren zu wollen, wäre fast unmöglich, da über den Schreiber, dessen Mundart und dessen Vorlage nichts oder wenig bekannt ist.

 

Gleichwohl sollte man die Variante in der Handschrift C nicht übergehen: Mindestens in einem Falle erscheint der Text in C gegenüber B wahrscheinlicher. Strophe I, Vers 5: Si wil, daz ich iemer diene an sölhe stat [B] gegenüber Si will, daz ich iemer diene einen tag [C]. In diesem Fall sollte man im Gegensatz zu den Herausgebern Des Minnesangs Frühling C folgen, weil ein Blick auf das Reimschema des Minneliedes diesen Schluß nahelegt. Untersucht man die Variante des Minneliedes in B, so stellt man in den vier Strophen mit den jeweils acht Versen folgendes Reimschema fest: Kreuzreim (a,b,a,b), im Anschluß daran ein dreifacher Reim (c,c,c) und im achten Vers schließlich die Wiederaufnahme des Reims b aus dem zweiten bzw. vierten Vers. Im besagten fünften Vers der ersten Strophe der Variante B allerdings wird dieses Reimschema durchbrochen. Die Variante C bietet als Versende das Wort tag an. Das tag mit einem verhärteten G im Auslaut würde sich sich also auf wac und mac reimen. Mindestens an dieser einen Stelle des Minneliedes also ist es geboten, auf Grund der metrischen Form der Variante in der Handschrift C zu folgen.

 

Wie bereits erwähnt, besteht das Minnelied aus vier Strophen mit jeweils acht Versen in einer gemischt-daktylischen Rhythmisierung, den sogenannten mittelhochdeutschen Daktylen: Auf eine Hebung folgen im Regelfall zwei Senkungen. Der größte Teil der Verse umfaßt zehn Silben, ein Teil jedoch auch zwölf Silben. Sie sind damit den romanischen Zehn- und Zwölfsilberversen nachgebildet, wobei Rudolf von Fenis durchaus nicht immer demselbem Schema entsprach. In der Rhythmisierung spiegelt sich auch die Bezugnahme der mittelhochdeutschen Dichtung auf die provenzalisch-französische Troubadourlyrik und das romanische Strophenschema wider.[9] Die Über- bzw. Unterfüllungen des Verses können beim mündlichen Vortrag durch Tonbeugungen geglättet und auf diese Weise ein weitgehend einheitliches Grundschema hergestellt werden. Als Versschluß wurden in dem ersten bis vierten sowie dem achten Vers jeweils weibliche Kadenzen verwandt, im dreifachen Reim des fünften bis siebten Verses finden sich jeweils männliche Kadenzen. Dieses Schema wird in der zweiten Strophe durchbrochen - der Dreifach-Reim besteht in dieser Strophe aus weiblichen Kadenzen. Die acht Verse sind jeweils nach dem oben erwähnten Schema gereimt: Kreuzreim, dreifacher Reim, Wiederaufnahme des Reims des zweiten bzw. vierten Verses im achten Vers. Eine besondere inhaltliche Entsprechung für die Setzung von jeweils weiblichen oder männlichen Kadenzen ist nicht feststellbar.

 

Rudolf von Fenis erreicht mit dem Reimschema eine relative Geschlossenheit der Verse: Das Grundthema wird in den ersten vier Versen eingeführt, in dem fünften, sechsten und siebten Vers ausgeführt, schließlich im achten Vers (vorläufig) abgeschlossen. In der zweiten, dritten und vierten Strophe werden im ersten Vers jeweils einzelne Begriffe aus dem letzten Vers der vorausgegangenen Strophe wiederaufgenommen: daz ich es lieze (I, 8)[10] und Ich enmac es niht lâzen (II, 1), iemer mêre (II, 8) und Iemer mêre (III, 1) sowie mîne sinne (III, 8) und Mîne sinne (IV, 1). Diese formale Geschlossenheit der einzelnen Verse durch den abschließenden Reim, ist also nur vorläufig und setzt sich auf die jeweils nächste Strophe durch wörtliche Übernahmen fort. Das Minnelied erhält dadurch ein hohes Maß an Geschlossenheit. Der letzte Vers einer Strophe stellt auch inhaltlich stets eine Art Überleitung, ein Verbindungsstück zur darauffolgenden Strophe dar: Im achten Vers der ersten Strophe erwägt das Lyrische Ich, den Minnedienst zu lassen, diese Erwägung wird im ersten Vers der zweiten Strophe aufgegriffen. Am Ende der zweiten Strophe wiederum beschreibt der Minnende, daß er seinen Dienst noch verstärken wird. Dieses wird zu Beginn der dritten Strophe wieder aufgenommen und in den folgenden Versen ausgeführt. Schließlich versucht er am Ende der dritten Strophe die sinne von ihr zu lassen und überführt auch diesen Gedanken in die vierte Strophe.

 

Diese fast logische Struktur, diese Zielgerichtheit der Ablaufs verleiht dem Minnelied stark mündlichen Charakter. Dieses Struktur ist gerade auch durch die Form der Präsentation mittelhochdeutscher Minnelieder[11] bedingt: sie wurden meist an weltlichen (aristokratischen) Höfen in der Regel mit instrumentaler Begleitung durch Harfe und Fidel vorgetragen. Häufig wurden sie als Kontrafaktur bereits bekannter Minnelieder aufgeführt. Eine bereits bekannte Singweise, die oft aus romanischen Minneliedern stammte, wurde dabei verwendet und ein neuer Text dazu vorgetragen. Bei Minne gebiutet mir handelt es sich um eine Kontrafaktur des Liedes De bone amo et de loiaul amier von Cace Brulé[12]. Da die Minnelieder gesungen wurden, ist eine strenge Gliederung nötig, die mittelalterliche Strophenform des Kanzone. Sie gliedert sich jeweils in Aufgesang und Abgesang: Bei Minne gebiutet mir untergliedert sich jeden Strophe, wie oben bereits beschrieben, in zwei Teile: Aufgesang in den ersten vier Versen, welche durch einen Kreuzreim miteinander verbunden sind, sowie in den Abgesang, der aus einem dreifachen Reim besteht.

 

 

 

IV. Interpretation

 

Die erste Strophe kann in mehrere Teil zergliedert werden: Die ersten beiden Verse schildern kurz die formalen Anforderungen der Minne: der Minnende singt und wirbt dadurch um eine frouwe, ein Edelfräulein, die durchaus auch verheiratet sein konnte. Ein Grundmotiv des Minneliedes, die staete, die Beständigkeit oder auch Verlässlichkeit dieses Minnedienstes wird durch iemer verdriese bereits im zweiten Vers der ersten Strophe indirekt eingeführt: Er läßt sich seinen Dienst nicht verleiden, weil er beständig in seinen Anstrengungen ist. Daraufhin wird eine Art Grundwiderspruch aufgebaut: Obwohl das Lyrische Ich minnt, kann es von ir weder trost noch gedinge (I, 3) erwarten und durch den Sang, der konkreten Ausdrucksform seiner Verehrung, auch nicht belohnt zu werden. Das Pronomen ir müßte sich syntaktisch betrachtet auf die Minne beziehen, könnte aber auch bereits eine konkrete Person repräsentieren, nämlich die frouwe. Gleichwohl wird die eigentliche Person, welche das Lyrische Ich minnt, an keiner Stelle des Minneliedes benannt. Durch die Verwendung der Pronomina in den folgenden Versen jedoch wird deutlich, daß es sich um eine konkrete Person handeln kann, da diese etwas wil, deren Herz bekehrt werden soll usw.. Demgegenüber könnte man den fünften Vers durchaus auch als weitere Anforderung des Minnedienstes verstehen: Sie, die Minne, schreibt (paradoxerweise) vor, daß dieser Dienst ein Leben lang dort geleistet werde, an dem dieser vil kleine wac (I, 6) (Litotes für wenig) hatte[13]. Die mit diesem an sich sinnlosen Dienst, von welchem keine Erfüllung erhofft werden kann, verbundene Grausamkeit ginge dann nicht etwa von einer frouwe aus, sondern von der Minne und ihren Erfodernissen selbst.

 

Auf Grund dieser Aussichtslosigkeit des dienstes folgert das Lyrische Ich das reht (I, 8), ez (I, 8), also dieses Werben, sein lassen zu können. Nach den gängigen gesellschaftlichen Konventionen, eben dem Recht, ist der Minnende in der Tat durch keinerlei Zwang zur Minne gezwungen: Formal gesehen obliegt es seiner freien, rationalen Entscheidung, diesen Dienst zu tun oder sein zu lassen. Zu dieser Verstandeskategorie, also das Recht auf seiner Seite zu wissen, kommt aber eine weitere Ebene, die das Lyrische Ich an die frouwe bindet: er vermag nicht das herze von ir ... [zu] bekêre (II, 2). Der neuhochdeutsche Begriff Herz hat gegenüber herze eine semantische Verengung erfahren: Im Mittelhochdeutschen bedeutet herze so gut wie alles, was für Gefühl, Seele, Gemüt, Mut, aber auch Verstand, Vernunft und Überlegung stehen kann. Da der Minnende das Recht hat, seinen Dienst zu beenden, und folglich auch keinen äußerer Zwang zur Minne besteht, wird herze hier gleichsam als Chiffre für ein Gefühl gebraucht und repräsentiert nicht einfach bloß eine eine nüchterne Überlegung. Durch das Verb bekêren, also ablassen, wird diese Deutungsweise untermauert.

 

Der Minnedienst und die damit verbundenen Tugenden sowie die konkrete Person, welche der Minnende verehrt, werden konsequent miteinander verwoben: Wie bereits in der ersten Strophe deutlich wurde, kann auch zu Beginn der zweiten Strophe nicht einfach zwischen dem Dienst an sich und der konkreten frouwe unterschieden werden. Das Recht, daß er ez [den Dienst; A.d.A.] lieze (I, 8) wird wiederum in eine konkrete Person transformiert, weil der daz herze von ir nicht lassen kann. Eine Übersetzung, die über jeden syntaktischen und semantischen Zweifel erhaben wäre, scheint es an dieser Stelle (II, 1-2) nicht zu geben. Zwei Varianten sind denkbar: der Minnende könnte es nicht aufgeben wollen, daß er ihr Herz für immer bekehre, indem es ihm gelingt, ihre Zuneigung zu gewinnen. Die zweite Lesart, daß er sein Herz je von ihr ablassen könnte, würde dieses hoffnungslose Werben, das beinahe schon einen pathologischen Aspekt aufweist, untermauern. Und in der Tat: Er empfindet es als nôt (II, 3), als Drangsal, daß er sich nicht mäßigen kann. Mâze kann als Transformation gesellschaftlich geächter Gefühle in gesellschaftlich sanktionierte Handlungen, wie etwa die Triebunterdrückung und die Kompensation im Minnedienst, verstanden werden. Daß er dieser Form des Minnedienstes nicht entsprechen vermag, weil er sie wohl zu sehr liebt, empfindet er als Qual. Gleichwohl scheint auch die Frau, der er diesen Dienst entgegenbringt, diese Form nicht einzuhalten - er minnt sie, diese jedoch haßt ihn. Damit wird ein direkter Widerspruch aufgebaut: Liebe und Haß, wie man es neuhochdeutsch formulieren könnte. Der Haß, den sie ihm gegenüber empfindet, ist auf die Ewigkeit angelegt (und iemer tuon; II, 5), genauso wie seine große Beständigkeit (staete; II, 6). Eine Auflösung dieses Widerspruch zwischen ihrem Haß und seiner Liebe durch den Beweis seiner staete wird vom Minnenden offenbar selbst nicht einmal mehr erwartet: die Frau ist des Minnedienstes leid und auch er erhofft sich keinen Lohn im Sinne einer Erhörung mehr daraus. Aus dieser Aussichtslosigkeit folgert der Minnende, daß es klug an ihm wäre, den Dienst dort zu tun, wo er zumindest die Möglichkeit auf Erhörung erkennt: Sein Verstand erwägt, sich an eine andere Frau zu wenden. Er will ez aufgeben, doch er kann es nicht - sein Wollen, sein Verstand steht im Widerstreit zu seinen sinne[n] (III, 8).

 

Das Werben um die Frau erfährt eine neue Dimension: durch den Begriff sinne wird der erotische Aspekt eingeführt. Diese Lesart wird dadurch unterstützt, daß erstmals Körperlichkeit beschrieben wird: Sie will ihn nicht bei sich belîbe[n] (IV, 2), also bleiben[14], lassen. Damit kann durchaus auch eine örtliche Nähe gemeint sein. Ob damit nun das Werben an sich oder gar das Verweilen an ihrer Seite gemeint ist, wird von Rudolf von Fenis schlußendlich im Unklaren belassen. Durch beide Stellen wird deutlich, daß es sich keineswegs nur um ein „schwärmerisches Werben“ des Mannes geht, sondern darum, daß er die frouwe auch körperlich begehrt. Für die Übertragung des Wortes sinne in das Neuhochdeutsch hat dies die Konsequenz, daß mehr als nur Gedanken[15] gemeint sind. Mit dem Begriff Gedanken wird der rationale Aspekt als Motiv für dieses Werben zu stark betont und die emotionale Ebene, das Begehren und das Gefühl an sich, würde zu stark in den Hintergrund geraten. Diese Stelle des Minneliedes hat insofern eine zentrale Funktion, weil an ihr deutlich wird, daß der Werbende nicht etwa durch den Minnedienst und seine Konventionen zum Dienst gezwungen wird, zumal er auch das Recht hat, diesen zu lassen, sondern durch sein Gefühl für die frouwe. Der Minnende kann trotz aller Beständigkeit nichts ausrichten, auch die körperliche Nähe scheint ihr zuwider. Er wendet seinen Blick von der konkreten Person, der frouwe, ab und generalisiert: Er diene ihr gerne und dadurch diene er gleichzeitig allen guoten wîben (IV, 4). Er erhöht seinen Dienst an dieser einen Frau im Besondern zu einem Minnedienst an allen edlen Frauen. Er zeigt auch (ganz gemäß der Konvention) nicht, daß er dabei leidet.

 

Der Entwicklungsbogen innerhalb des Minneliedes schließt sich: Der Ausgang war der Minnedienst (Minne gebiutet mir; I, 1) und mit Hilfe von Beständigkeit versucht der Werbende seine Verehrung für die Frau auszudrücken. Er exemplifiziert geradezu den Minnedienst an einer konkreten Person. Als dieses Werben mißlingt, sublimiert er diesen unmittelbaren Dienst an einer Person unter den Minnedienst im allgemeinen, die einzelne Frau und der Dienst an ihr wird quasi zum Symbol für den Minnedienst an sich. Der oben bereits angeführte Widerstreit in der dritten Strophe zwischen Verstand und Konvention auf der einen sowie dem Begehren und dem Gefühl auf der anderen Seite wird in der vierten Strophe scheinbar aufgelöst: diu nôt ist diu meiste wunne mîn (IV, 7). Je größer also der zorne (IV, 7) der Frau und ihre Ablehnung, desto größer auch seine Anstrengungen und die Freude. Folglich, so die Logik des Lyrischen Ichs, könne die Frau ihre Ablehnung ruhig aufgeben, da sie dadurch dem Minnenden sogar noch größere Freude bereiten würde. Dieser Widerspruch wird jedoch nur scheinbar aufgelöst: Mit seiner Lösung stellt sich ein neues Paradoxon: Wie kann jemand, der Not und Qual erleidet, dieses gleichzeitig als Wonne empfinden? Erklärt werden kann dies wohl damit, daß der Minnedienst zwar schlußendlich auf Minneerfülluung abzielte, gleichsam jedoch der Weg dahin als eine Art Reifeprozeß begriffen wurde, um überhaupt der frouwe würdig zu sein. Insofern könnte das Lyrische Ich die Werbung als Prozeß zur "Vervollkommung seines Charakters" begreifen. Zwar wird deutlich, daß es diesen Prozeß gibt, ein Ende jedoch ist nicht unmittelbar absehbar. Da die frouwe ihn haßt (II, 4) und dieses iemer tuon (II, 5) wird, ist seine Hoffnung auf Minneerfüllung zumindest zweifelhaft, wenn nicht gar unrealistisch.

 

 

V. Minne gebiutet mir im Kontext der Hohen Minne

 

Der Minnedienst[16] an sich zeichnet sich durch ein Spannungsverhältnis zwischen geistige Liebe und Sinnlichkeit aus. Die Tugenden sind hoher muot (geistiges Hochgestimmtsein), zuht (Anstand), mâze (Maßhalten, oder auch: Triebunterdrückung und -sublimierung), êre (Ansehen, Geltung, Würde), triuwe (Treue), staete (Beständigkeit, Verläßlichkeit) sowie milte (Freigebigkeit). Stellt der Minnende diese Tugenden unter Beweis, dann darf er sich auch Erhörung bei dem Edelfräulein erhoffen.

 

Wie bereits ausgeführt, ist der eigentliche Dienst bei einem eigentlich existenten Edelfräulein Minne gebiutet mir stark fiktionalisiert: Das Fräulein wird weder konkret benannt oder beschrieben, genausowenig wie der Werbende. Daher dängt sich der Eindruck auf, bei diesem Dienst handelt es sich um eine Versinnbildlichung des Minnedienstes an sich. Durch generalisierende Formulierungen, wie etwa allen guoten wîben (IV, 4) ist diese Sichtweise förmlich determiniert.

 

Minne gebiutet mir reiht sich in den Liedtypus der sog. Hohe Minne ein: Sogenannte Frauenstrophen, in denen die umworbene Frau ihre Sehnsucht nach Liebe ausspricht, waren für die donauländische Minne (ca. 1150/60 bis 1175)[17] charakteristisch. In der Hohen Minne hingegen (ca. ab 1170 bis 1190)[18] wird darauf in der Regel verzichtet. Das Dienstverhältnis zu einer Frau wird zunehmend fiktiv gestaltet. Das Edelfräulein selbst wird zu einem unreichbaren Ideal stilisiert, deren Gunst zu erlangen per se unmöglich ist, gleichgültig was der Werbende auch unternimmt. Der Dienst wird entpersonalisiert und rein fiktiv gestaltet, die zentralen Begriffe der Minne werden miteinander kombiniert und variiert, der Dienst wird zum Rollenspiel. Günther Schweikle zur Hohen Minne: "So wie das Lyrische Ich keine bestimmte Person darstellt, wendet sich diese Lyrik auch nicht an eine individuelle Herrin. Die frouwe ist vielmehr Inbegriff des Weiblichen, darüber hinaus auch Inbegriff aller ethischen, schwer zu erringenden Werte. Damit wird das Lyrische Ich zum Träger einer kollektiven Gefühlshaltung"[19]. Hilkert Weddige: "... das Ich und Du repräsentieren als ritter und vrouwe das Selbstbewußtsein eines Standes. Subjektives ist objektiv, Individuelles typisch. Das Ich existiert nur als Rolle, als öffentliches Leitbild einer aristokratisch-höfischen Gesellschaft."[20] Auch merker und huote, welche die Gesellschaft und deren Konventionen repräsentieren, treten in den Hintergrund. In dem vorliegenden Minnelied schließlich spielen sie für das Spannungsverhältnis zwischen den Personen kaum eine Rolle mehr. Minne gebiutet mir entspricht sowohl formal dem Liedtypus der Hohen Minne als auch inhaltisch durch die Setzung der Charaktere und Begriffe.

 

Mit der Abstraktion der Personen werden auch die Verhaltensweisen, welche diese befolgen sollen, generalisiert, sie werden dadurch eigentlich erst zu Tugenden, in dem sie abgekoppelt von Einzelschicksalen exemplarisch vorgeführt werden. Der Werbende unternimmt alles, um seinen Dienst zu erfüllen: er versucht es mit Beständigkeit, mit Maße, Bescheidenheit (ich diene ie dar, da ez mich klein kan vervân; III, 6) und schließlich auch mit dem Versuch sein Schicksal in sein Gegenteil umzudeuten: diu nôt ist diu méiste wúnne min (IV, 6). Da dieses Minnelied generalisiert, jenseits realer Personen den Minnendienst an sich beschreibt und keiner der Versuche mit Erfolg gekrönt ist, werden die Tugenden und der Minnedienst selbst ad absurdum geführt. Eine unmittelbare, anklagende Kritik durch das Lyrische Ich, den sinnlos Werbenden, wird daran gleichwohl nicht formuliert.

 

"Nach herrschender Forschungsmeinung [kommt] nur Rudolf II in Frage", so Günther Schweikle[21], zu dem Thema, um welche historische Person es sich bei Rudolf von Fenis handelt. Rudolf II wird 1158 und 1182 urkundlich erwähnt und stammte aus dem Geschlecht der Grafen von Neuenburg (Neuchâtel) im Schweizer Jura, also dem Grenzgebiet zwischen deutschem und romanischen Kulturraum[22]. Nach Forschungen von Ernst Baldinger kann die Entstehungszeit der Werke von Rudolf von Fenis auf ungefähr 1190 datiert werden[23]. Günther Schweikle hingegen setzt der Entstehungszeitraum für seine Werke auf die Jahre von 1180 bis 1185 an.[24] Ohne auf diese Forschungen und die Frage der genauen Datierung näher einzugehen, spricht dies (literaturhistorisch gesehen) ebenfalls dafür, daß Minne gebiutet mir in der Zeit der Hohen Minne, vermutlich in deren Spätphase, entstanden ist.

 

 

VI. Zu Axel Eisbrenner's Dissertation in Bezug auf Minne gebiutet mir

 

Axel Eisbrenner beschäftigt sich in seiner Dissertation Minne, diu der werlde ir vröude mêret: Untersuchungen zum Handlungsaufbau und zur Rollengestaltung in ausgewählten Werbungsliedern aus 'Des Minnesangs Frühling'  auch mit Rudof von Fenis' Minne gebiutet mir[25]. Axel Eisbrenner geht zurecht davon aus, daß der Text nur mit "marginalen Differenzen"[26] in B und C vorzufinden ist und insofern das Minnelied als verhältnismäßig gesichert gelten kann. Allerdings übersieht Eisbrenner die beiden Varianten des Verses in B und C[27]. Zwar wird der Inhalt des Verses dadurch nicht substantiell verändert, allein das ansonsten konsequent durchgehaltene Reimschema spricht dafür, auch an dieser Stelle eine Variante zu wählen, welche diesem am ehesten entspricht.

 

Auch Axel Eisbrenner verweist darauf, daß zu Beginn einer jeden Strophe der Gedanke des letzten Verses der vorausgegangenen Strophe wiederaufgegriffen wird und auf diese Weise eine relative Geschlossenheit des Minneliedes erreicht wird. Er verweist auf verschiedene Dilemmata, mit denen sich das Lyrische Ich konfrontiert sieht. Zu Beginn einer jeder Strophe stellt sich demnach ein neues, welche im Folgenden dann jeweils ausgeführt werden. Dies erzeuge den "Eindruck einer letztlich unendlichen Bewegung."[28]

 

Axel Eisbrenner stellt fest, daß die "vrouwe ... zu einer Art Stellvertreterin"[29], gelangt jedoch zu dem Resultat, daß der Dienst nicht mehr die "Minneerfüllung zum Ziel hat, sondern gleichsam 'rational' motiviert ist"[30]. Darauf aufbauend nimmt er folgende Schlußfolgerung vor: "Diese neue Motivation ist der Inhalt dessen, was die sinne [III, 8 und IV, 1; A.d.A.] wollen, die nun als neue Instanz auf dem Plan, wo die große staete [...], die innere Absage ('es zu lassen') nicht mehr verhindern."[31] Eisbrenners Lesart, wonach der Werbende mit Hilfe seines Verstandes, also seiner Sinne, rational entscheidet, greift zu kurz. Zwar mag auch eine Übertragung des Begriffes sinne mit Sinn, Bewußtsein oder Gedanken, zunächst naheliegen, gleichsam jedoch empfiehlt sich eigentlich eine andere Variante, die sich vor allem aus dem Kontext der dritten Strophe ergibt. In dieser dritten Strophe beschreibt der Werbende zunächst, daß er wenig Hoffnung auf Lohn für seinen Dienst habe und daß er dort diene, wo es ihm nichts nützen könne (III, 5 und III, 6). In dem darauffolgenden Vers schildert er sein grundsätzliches Dilemma: nu liez ich es gerne, moht ich es lân (III, 7). Eine etwas freiere (sinngemäße) Übersetzung könnte wie folgt lauten: Nun würde ich es gerne lassen, so ich es denn nur könnte. Mit dieser Übersetzung würde dem Sachverhalt Rechnung getragen, daß der Verstand das Werben zwar aufgeben will, er dennoch dazu nicht in der Lage ist, eben weil das Gefühl dem widerstrebt.

 

Axel Eisbrenner führt seine stark verstandesorientierte Interpretation auch in der vierten Strophe fort: "Das Ich betrachtet nun die Konsequenzen ..."[32], "... das Ich will diese Qual nicht zeigen und sie sogar als größte Freude auffassen"[33]. Eisbrenner unterstellt mit seiner Lesart dieser Stellen des Minnesliedes eine Art Selbstreflexion eines bewußt agierenden Lyrischen Ichs, das seine Verhaltensweisen kategorisieren kann. Zwar mag man die Aussage, der Werbende unternehme verschiedenartigste Versuche, um die Minneerfüllung zu erhalten, anerkennen und teilen, gleichwohl greift eine nur den Verstand bemühende Lesart des Minneliedes zu kurz: Benützt der Minnende denn tatsächlich nur seine sinne, seinen Verstand, um die Minneerfüllung zu erreichen, so kann damit nicht erklärt werden, warum der Werbende den Dienst, den er längst als aussichtslos erkannt hat und dessen Aufgabe er erwägt, diesen denn nicht tatsächlich auch aufgibt. Axel Eisbrenner führt dann auch konsequent seine Argumentation zu Ende und meint die "Argumentation des Dichters [sei] sehr originell."[34] Damit ist, frei nach Eisbrenner, die Uminterpretation der durch die Ablehnung erfahrenen nôt in wúnne gemeint, um quasi die frouwe auszutricksen. Da der Werbende durch ihre Ablehnung Wonne erfahre, könne sie diese ruhig aufgeben. Unbestritten stellt dies einen Aspekt, einen definitorischen Trick von Rudolf von Fenis dar, gleichwohl bliebe das Verständnis des Minneliedes fragmentarisch, wenn man sich allein auf die Kunstgriffe des Autors beschränkte. Aus der Warte des Lyrischen Ichs jedenfalls stellt sich dieser Versuch, sein Schicksal umzudeuten, anders dar[35]: Trotz aller Versuche, trotz der Respektierung der mittelalterlichen Tugendideale kann er sich keine Erhörung erhoffen. Daher empfindet er nôt, also Qual, Mühe oder Drangsal. Für den Werbenden muß der Minnedienst grausam sein. Daß dies selbstverständlich auch mit der Tugendideologie zusammenhängt, wird nicht angesprochen.

 

 

VII. Übersetzung

 

I

 

Die Minne gebietet mir, daß ich singe

 

 

und will es nicht, daß ich dessen jemals überdrüssig werde.

 

 

Dabei habe ich weder Trost noch Zuversicht,

 

 

daß mein Singen jemals belohnt wird.

 

5

Sie will, daß ich ein Leben lang dort diene,

 

 

wo mein Dienst bislang doch so wenig wert war.

 

 

Und auch meine Beständigkeit nicht zu helfen vermochte.

 

 

Nun wäre es mein Recht, so ich wollte, es sein zu lassen.

 

 

 

 

II

 

Es steht nicht so um mich. Ich vermag es nicht zu zulassen,

 

 

daß mein Herz jemals von ihr abläßt.

 

 

Es ist ein Jammer, daß ich mich nicht mäßigen kann:

 

 

Ich liebe diejenige, die mich nur haßt.

 

5

Und immer tun wird, wiewohl es mir dabei auch ergeht.

 

 

Wegen meiner großen Beständigkeit vermag ich es nicht zu lassen,

 

 

obgleich es mir wenig nützt.

 

 

Ist es ihr auch leid, so diene ich ihr trotzdem immerfort.

 

 

 

III

 

Immerfort will ich ihr mit Beständigkeit dienen,

 

 

und weiß jedoch sehr wohl, daß ich niemals belohnt werde.

 

 

Es wäre vernünftig von mir, wenn ich dort bäte,

 

 

wo ich auf Lohn von der Minne rechnen könnte.

 

5

Auf Lohn habe ich nur noch geringe Hoffnung.

 

 

Ich diene dort, wo es mir nur wenig nützen kann.

 

 

Nun ließe ich es gerne sein, könnte ich es nur lassen,

 

 

da mein Gefühl nicht von ihr lassen will.

 

 

 

 

IV

 

Mein Gefühl will trotzdem nicht von ihr ablassen,

 

 

obgleich sie mich nicht bei sich dulden will.

 

 

Doch wird es ihr nie gelingen, mir dieses zu verleiden.

 

 

Ich diene ihr gerne und dadurch allen edlen Frauen.

 

5

Erleide ich dabei Not, so wird diese an mir nicht offbar.

 

 

Diese Not ist meine größte Wonne.

 

 

Sie soll ihren Zorn deswegen seinlassen,

 

 

da sie mich niemals von ihr vertreiben kann.

 

 

VIII. Zusammenfassung

 

In der Arbeit wurde versucht aufzuzeigen, daß in dem Minnelieb Minne gebiutet mir verschiedene äußere Formen eingehalten wurden - zumindest in der Mehrzahl der Strophen. Anders ausgedrückt: Der Autor hat die Form des Minneliedes nicht zwanghaft über den Inhalt gestellt. Das Versmaß sowie die Melodisierung des Minneliedes lassen auf eine Beeinflußung durch den romanisch-französischen Kulturkreis schließen. Die äußere Form des Minneliedes, die Überleitung von Form und Themen auf die jeweils folgende Strophen zeugen von einem hohen Maß an (sprach)handwerklichen Können des Autors, genauso wie die Überleitung und Verbindung der verschiedenen Argumente dem Lied einen stark rhetorisch Charakter verleihen. Themen des Liedes hingegen stellen eine Rezeption typisch mittelhochdeutscher Themenkreise dar: Minne, Minnedienst und die damit verbundenen Tugenden. Das Lyrische Ich wirbt mit Beständigkeit, findet jedoch keine Erhörung, da die frouwe die Verehrung des Werbenden mit Haß beantwortet. Die Variation, die Fiktionalisierung der verschiedenen Tugenden sowie deren Inbezugsetzung zu einem konkreten Dienst, ja die fast spielerische Vermengung beider zeugen davon, daß es sich bei Minne gebiutet mir um ein sehr ausgereiftes Beispiel für ein Minnelied der Hohen Minne handelt. Angestrebte Verhaltensweisen des Lyrischen Ichs werden erst dadurch zu Tugenden, zu allgemein erwünschter Konvention, indem sie über die einzelnen Menschen hinweg abstrahiert werden. So gesehen entwickelt und exemplifiziert Rudof von Fenis diese in seinem Minnelied. Zwar wurde dem Prozeß des Werbens um eine frouwe  im Mittelalter eine große Bedeutung beigemessen, gleichwohl deutet vieles bei Minne gebiutet mir daraufhin, daß dieser Prozeß gar kein Ende findet, es also per se unmöglich ist irgendwann einmal Minneerfüllung zu erfahren. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines derartigen Minnedienstes wäre damit aufgeworfen.

 

 

IX. Literatur

  • Ernst Baldinger [1923]: Der Minnesänger Graf Rudolf von Fenis-Neuenburg. In Neujahrsblätter der Literarischen Gesellschaft Bern. Bern 1923.
  • Axel Eisbrenner [1995]: Minne, diu der werlde ir vröude mêret. Untersuchungen zum Handlungsaufbau und zur Rollengestaltung in ausgewählten Werbungsliedern aus „Des Minnesangs Frühling“. Stuttgart 1995.
  • Gerhard Hahn [1992]: dâ keiser spil. Zur Aufführung höfischer Literatur am Beispiel des Minnesangs. In: Grundlagen des Verstehens mittelalterlicher Literatur. Stuttgart 1992. S. 86 -107.
  • Beate Hennig [1993]: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Tübingen 1993.
  • Hermann Paul (neu bearb. von Siegfried Grosse und Peter Wiehl) [1989]: Mittelhochdeutsche Grammatik. Tübingen 1989.
  • Hugo Moser, Helmut Tervooren (Hrsg.) [1977a]: Des Minnesangs Frühling. Bd. 1. Texte Stuttgart 1977.
  • Hugo Moser, Helmut Tervooren (Hrsg.) [1977b]: Des Minnesangs Frühling. Bd. 2. Editionsprinzipien, Melodien, Handschriften, Erläuterungen. Stuttgart 1977.
  • Günther und Irmgard Schweikle [1990]: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart 1990.
  • Günther Schweikle [1977]: Die mittelhocheutsche Minnelyrik. Bd. I. Die frühe Minnelyrik. Texte und Übertragungen. Einführung und Kommentar. Darmstadt 1977.
  • Peter Wapnewski [1979]: Waz ist minne. Studien zur Mittelhochdeutschen Lyrik. München 1979.
  • Hilkert Weddige [1987]: Einführung in die germanistische Mediävistik. München 1987.



 

Fußnoten

 

[1] Rudolf von Fenis: Minne gebiutet mir. In: Hugo Moser / Helmut Tervooren, 1977a, S. 167f. Der wiedergegebene Text folgt der Version in der Handschrift B - mit Ausnahme von I, 5 auf Grund der Metrik. Vgl. a. Abschnitt III. dieser Arbeit.

[2] lan aus han nach Apparat von Hugo Moser / Helmut Tervooren, 1977a, S. 167.

[3] tag; Nhd.: Tag, Zeit, Frist, Leben, Lebensalter.

[4] wac [Präteritum] von wegen [Va]; Nhd.: wiegen, Wert haben.

[5] Im Apparat des Minnesliedes nach: Hugo Moser / Helmut Tervooren, 1977a, S. 168.

[6] Prät/Konj. von versehen (stV, Va).

[7] 3. Pers. Sg., Präs.; Infinitiv von enkunnen.

[8] Günther Schweikle, 1977, S. 5ff, ordnet auf Grund dieser sprachlichen Besonderheiten den Enstehungsort der Weingartner bzw. Stuttgarter Liederhandschrift dem Bodenseeraum zu.

[9] Vgl. a. Hilkert Weddige, 1987, S. 254ff.

[10] Zitierweise in Bezug auf das Minnelied: Die römische Ziffer entspricht der Strophennummer, die arabische der Versnummer innerhalb der jeweiligen Strophe.

[11] Zur Aufführung höfischer Literatur: vgl. a. Gerhard Hahn, 1992, S. 86ff.

[12] Minne gebiutet mir. In: Hugo Moser / Helmut Tervooren, 1977b, S. 86. Ebenso: Günther Schweikle, 1977, S. 90.

[13] Nach der in der Handschrift B überlieferten Version würde diese Stelle besagen, daß er seinen Dienst an einem Ort vollbringt, an dem dieser nur geringen Wert hat.

[14] belîben würde im Neuhochdeutschen zu beleiben*. Das "e" allerdings wird synkopiert.

[15] So etwa Günther Schweikle in seiner Übersetzung. Vgl. Günther Schweikle, 1977, S.209.

[16] Vgl. a. Hilkert Weddige, 1987, S. 243ff.

[17] Zur Datierung vgl. a. Hilkert Weddige, 1987, S. 247.

[18] Ebd., S. 258.

[19] Günther Schweikle, 1990, S. 306f.

[20] Hilkert Weddige, 1987, S. 254.

[21] Günther Schweikle, 1977, S. 450.

[22] Günther Schweikle, 1977, S. 450-467, geht in seiner Arbeit auf diese interessante Frage der wechselseitigen Beeinflußung von Autoren der Troubadourlyrik und Rudolf von Fenis ein.

[23] Ernst Baldinger, 1923, S. 38 ff.

[24] Zur Person des Grafen Rudolf II von Neuenburg: Günther Schweikle, 1977, S. 455f.

[25] Axel Eisbrenner, 1995, S. 210ff.

[26] Axel Eisbrenner, 1995, S. 210.

[27] Vgl. a. Abschnitt III dieser Arbeit.

[28] Axel Eisbrenner, 1995, S. 216.

[29] Ebd., S. 214.

[30] Ebd..

[31] Ebd..

[32] Ebd. S. 215.

[33] Ebd..

[34] Ebd..

[35] Axel Eisbrenner relativiert seine eigene Interpretation in einem anderen Kontext später durch einen knappen Verweis auf die psychische Situation des Werbenden. "Hier führt es zu der phantastisch-irrealen - oder auch tragischen [sic!] - Situation, daß das Ich sogar Leid als Freude betrachtet (betrachten will?"). Ebd.. S. 216f.

 

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte