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Lektüre und Lektion

 

 

Zurück in seiner Kabine erinnerte sich Lucas beim Gedanken an Phong und dessen Spreißel in der Fußsohle ungenau an eine andere Situation. Es verhielt sich mit diesem Gefühl wie mit einem déjà-vu, als ob er eine derartige Begebenheit bereits einmal erlebt hätte, was er nach einigem Sinnieren verneinen konnte, oder aber, als ob er Ähnliches in irgendeinem der vielen Bücher einfach bloß gelesen hätte. Ihm fiel aber weder der Name des Autors ein, noch waren ihm die genauen Umstände des Textes präsent, er wusste nicht viel mehr, als dass die Geschichte erzählte von einen Jüngling, von dessen Anmut und dem Schwerpunkt, welcher in ihm selbst ruhen sollte.

Eigentlich hatte Lucas nicht die Absicht gehegt, sich während dieser Reise lange mit Büchern aufzuhalten, immerhin hatte er in den letzten zwanzig Jahren seit seinem dreizehnten oder vierzehnten Lebensjahr stets gerne und viel gelesen und dies immer schon anderen üblichen Abendvergnügungen vorgezogen. In den letzten Jahren hatte er begonnen, dieses abendliche Lesevergnügen zunehmend um ein paar Gläser Rotwein zu ergänzen, was sich für das Verständnis des Geschriebenen durchaus als zuträglich auswirkte, auch wenn man zunächst geneigt sein mag, eher Gegenteiliges zu vermuten. Wenn sich allerdings gerade am Wochenende die Gelegenheit bot, mit Freunden in einem der Berliner Clubs tanzen zu gehen oder neue Menschen kennenzulernen, dann fiel ihm die Entscheidung meist nicht schwer. Trotz dieser Wertschätzung gegenüber der Literatur hatte er von seinen vielen Büchern, die er im Laufe zweier Jahrzehnte erworben hatte, nur zwei oder drei Dutzend in sein neues Leben mitgenommen. Die Drei- oder Viertausend anderen Bücher hatte er verschenkt und verkauft in der Hoffnung, man möge sich ihrer würdig erweisen, die alten Geschichten darin durch Lektüre wiederbeleben und mit den darin hausenden Geistern interagieren, insbesondere in den Träumen.

Das Ringen um Worte, der Drang sich mitzuteilen, kurzum Literatur entsteht fast immer wegen der argen Zustände in der Welt und der aus ihnen entstehenden Leiden. Für Lucas verkörperte sie den Versuch, sich anderen Menschen zu offenbaren und von diesen Zustimmung zu erfahren, dass es ihnen ganz ähnlich ergeht. Gute Literatur diene daher der Überwindung der Vereinzelung, weil sie das Experiment unternimmt, die eigene Gefühlswelt mit dem menschlichen Leben im Allgemeinen und Besonderen, nämlich der des Lesers, in Kongruenz zu bringen. Insofern ist Literatur in der Regel exemplarisch menschlich. Das ehrliche Wort in einem Buch ist, genauso wie der innige Kuss im Spiel der Liebe, ein Gemeinschaft und Vertrauen stiftender Weg aus der Isolation eines Menschenschicksals heraus. Beides hatte Lucas bereits erfahren. Das Wort vernetzt dabei in abstrakt-universeller Hinsicht, der Kuss verbindet auf der personell-konkreten Ebene und kann – sofern an den richtigen gerichtet, von diesem erkannt und auf gleiche Weise erwidert – auch zum Griff zu den Sternen werden.

Wie bereits erwähnt, hatte sich Lucas also wenige Bücher mitgenommen und diese eigentlich schon vor einem halben Lebensalter auch gelesen: Darunter fanden sich die beiden, die im Besonderen gerungen und gelitten hatten, Heinrich von Kleist und Franz Kafka, des weiteren Georg Büchner und Elias Canetti, schließlich Thomas Mann und Herrmann Hesse. Ganz oben auf dem Stapel in seiner Kabine lag Kafkas Proceß und weil es das nächstliegende Buch ganz oben auf dem Büchertürmchen war, griff er danach. Er begab sich mit ihm auf das vordere Freideck, fand dort ein dickes Tau vor, das zusammengerollt auf den Holzdielen des Deckes lag und das er als ziemlich einladend empfand. So setzte er sich zunächst in die Rundungen des zusammengerollten Taus hinein, lehnte sich alsbald zurück und richtete sich recht behaglich darin ein. Es war ein wenig zu dunkel zum Lesen, aber als er das Buch leicht nach vorne anwinkelte, reichte der Widerschein der Beleuchtung an Bord zum Studium des Prager Franzerls hinlänglich aus.

Lucas zündete eine Zigarette an, las und war schon nach wenigen Seiten Lektüre in Kafkas Welt eingedrungen und gefangen. So wie es auch beim ersten Mal vor vielen Jahren geschah. Den Proceß hatte er damals, er mochte 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein, an zwei Abenden im Bett und unmittelbar vor dem Schlafengehen gelesen: Der Roman beginnt ein wenig grausig, erinnerte sich Lucas: Des Morgens zwischen Träumen und Wachen, in dem Zustand, in dem wir als Menschen wohl am Verletzbarsten sind, wird Josef K. nicht etwa bloß durch ein Klingeln an seiner Wohnungstür geweckt. Dies würde zur Unzeit ausreichen, um einen Menschen in Schrecken zu versetzen, vielmehr stehen zwei Gerichtsbeamte sogar dicht vor seinem Bett, als er die Augen aufschlägt, und erklären ihm knapp, er sei verhaftet. Den Grund seiner Anklage wird er nie erfahren, die Anklage kann nur eine universelle sein. Und so gräbt jeder Leser, der durch den empathischen Erzählstil zu Josef K. selbst wird, in seinem eigenen Leben mehr nach versäumten Möglichkeiten und verschleuderten Potentialen als nach strafrechtlich Relevantem und prüft, wie denn seine eigene Anklage lauten könnte. Fast jeder ist in gewisser Hinsicht schuldig, weniger in Gestalt einer Gesetzesverletzung, so doch im biographischen Sinne. Kafkas Romane umkreisen zutiefst menschliche Fragen, wie Lucas selbst wohl wusste, etwa nach dem Verlust des natürlichen Zutrauens zu sich selbst, der infantilen Unschuld, nach dem Menschen inmitten von modernen technisierten Massengesellschaften, dem isolierten Individuum oder nach der Unmöglichkeit ansatzweiser oder gar völliger Mitteilung zwischen den Menschen. Selbst in der Liebe scheitert die angestrebte Verbindung und Vereinigung, der Liebesakt im Schloß-Roman gerät zu einer viehisch anmutenden Posse unter dem Tresen eines Gasthauses und in Lachen ausgeschütteten Bieres und allerlei Unrats.

Kafkas Alpträume, mitunter auch ahndevolle Halbgedanken drangen bis in die Träume des jungen Lucas Leòn vor, bedrohten und verfolgten ihn eine ziemlich lange Zeit. Viele Jahre später, er verdoppelte inzwischen fast seine Lebensjahre in der bis dahin zerronnenen Zeit, erwarb er sich zu dem geistigen Begreifen und Durchschauen einen tieferen, weil emotionalen und somit echten Zugang zu Kafkas Büchern und zu seinen Träumen. Lucas hatte es verloren, wie fast alle Menschen, das Vertrauen in und das Zutrauen zu seinem natürlichen Gefühl und den darin wurzelnden mannigfaltigen Möglichkeiten. Fünf Prozent sind anders. Doch dazu später.

Aus Selbstunsicherheit, die tief in seiner frühesten Kindheit ihren Ausgangspunkt und Ursprung hatte, entwickelte Lucas ein erstaunliches Maß an Selbstbeherrschung. Ein Kind unter Zwang und Starkstrom zugleich, auf der steten und fast suchthaften Suche nach Selbstbestätigung durch andere. Diese versuchte er durch die Liebe der Mutter, Zeugnisse in der Schule, Freundschaftsbekundungen der anderen Kinder und später durch Liebkosungen der Geliebten zu befriedigen. Nach außen hin war Lucas für die ganze Welt zunächst der semmelblonde, braungebrannte Lausbub mit dem breiten Grinsen, dann ein recht wohlgeratener Jüngling mit wachem Geist und einigem Eifer und später schließlich ein reifer, gebildeter junger Mann, dessen Charme nur wenige, aber doch einige mehr als Lucas sich selbst eingestehen wollte, widerstanden. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Als er Ende Zwanzig war, wurde Lucas krank, verlor seine Arbeit, beendete eine lange Jahre währende, aber nur mit halbem Ernst geführte Beziehung und suchte mit aller Welt, da er sowieso gerade am Aufräumen in seinem Leben war, die Kontroverse und Konfrontation und fand diese auch. Wir fassen uns kurz: Er geriet in eine Krise, die ihn zunächst ganz umzuwerfen und aus der Bahn zu schleudern drohte, welche aber alsbald zum reinigenden Gewitter ward und mit deren Hilfe so manche Lebenslüge weggewaschen und fortgespült wurde. Lucas glaubte zu dieser Zeit schon, das Ärgste läge nunmehr hinter ihm. beruhigte sich wieder, sein Leben begann nach all seinen Exaltiertheiten, Gereiztheiten und Verstörungen wieder gemächlich vor sich dahin zu plätschern.

Aber Lucas Leòn zweifelte, zauderte und zögerte erneut - wie viele Jahre zuvor schon. Es dauerte noch einmal ein paar Jahre und nun war er ganz drinnen. Rerum causas cognoscere, so nannten es die alten Lateiner, die Ursachen der Dinge erkennen. Sein ganzes Leben wollte er die gequälten Stieraugen sehen, denen Rosa Luxemburg auf ihrem Gefängnishof während des ersten Weltkrieges begegnete und die sie in ihren Briefen aus dem Gefängnis so lyrisch beschrieb. Sie zeugen wie ein einsames Mahnmal der Menschlichkeit inmitten einer Flut von Chauvinismus und Brutalität. Es gab und gibt sie immer, die Sonnenmenschen, auch und gerade in Zeiten, in denen die Welt in Elend und Gewalt ganz und gar, ja endgültig zu versinken droht, verkörpern sie den edleren und wirklichen Teil der Menschheit, der über die Sinnlosigkeit des Augenblicks und die Grausamkeit der Zeit hinweg in die Zukunft weist. Rosas Briefe entstanden in einer argen Zeit, als sich die Völker Europas auf Befehl von Kaisern, Königen und Zaren und im Interesse der Krupp-Stahl-Barone den Garaus machten. Rosa war in ihrem Kerker so einsam, alle, die sie liebte, wurden, weil es radikale Sozialdemokraten waren, in die vorderste Front in Himmelfahrtskommandos gesteckt, so dass sich das Problem der winzigen Opposition für den Kaiser mit jedem Kriegstag mehr zu lösen schien. Der einzige Abgeordnete im Reichstag, der seine Hand verweigerte und sie nicht in die Höhe reckte für diesen Krieg, ihr politischer Gefährte Karl Liebknecht, wurde trotz parlamentarischer Immunität vom Kaiser an die Front geschickt. Wie arm war bloß dieser Narr auf dem Thron? Mächtige Narren, dachte Lucas, gab es stets viele, auch heute noch in seiner eigenen Zeit. Er dachte an eigentlich schöne Länder wie die Vereinigten Staaten, Russland, Italien, Frankreich...

Hingegen: Wären sich die Männer im I. Weltkrieg nicht als Soldaten mit Waffen, sondern als französischer Arbeiter und deutscher Student begegnet, sie hätten vermutlich so überhaupt nichts gegeneinander, vielleicht sogar viel miteinander gehabt. „Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken, Vögel und Menschentränen gibt“ zierte als zärtliches Zitat von Rosa Luxemburg viele Jahre lang Lucas’ private Briefe. Das war schon immer ein schöner Spruch und in besonderem Maße zugleich ein hehrer, lange unerfüllter Anspruch, der erst spät, aber dafür ungleich intensiver Teil seiner Lebenswirklichkeit wurde. Endlich sah er seine, des Stieres Augen wirklich und spürte auch dessen Leiden. Und nun wusste er auch, warum es immer Menschen gab, die Aggressionen anderer auf sich ziehen. Weil sie diese durch ihr Anderssein, durch ihren lebenslangen Kampf für eine bessere Welt daran erinnern, was es auch heißen kann, Mensch zu sein. Diese spezielle Sorte Menschen findet sich nicht ab mit der Welt, so wie sie diese vorgefunden haben. Es ist ein steter, weil beständiger Widerstreit, der Kampf um eine andere Welt. Menschen nicht nur für einen kurzen Augenblick, sondern wirklich zu überzeugen, und die Wirklichkeit zu verändern, ist in seltenen Fällen bloß von direktem Gelingen und Erfolg gekrönt, sondern geht viel eher zu Lasten des privaten Glücks. Aber wenn Martin Luther King, Rosa Luxemburg, Mahatma Gandhi und andere lichte Erscheinungen unter den Menschen nicht gewesen wären, um wie viel kälter, weil entmenschlichter verhielte es sich denn in der Welt?

Sie ragen inmitten des Ozeans von Menschenmilliarden wie helle Leuchttürme heraus, welche den Weg in eine bessere Zukunft weisen könnten. Doch nur wenige Menschen geben acht auf diese Leuchttürme, verheddern sich im Leben und hadern im Alltag. Irgendwann gehen sie selbst auf eine bisweilen offenkundige, meist jedoch im Verborgenen gehaltene Art und Weise an den Klippen ihres eigenen Lebensschicksals zugrunde; auch wenn sie oft ein hohes Alter erreichen mögen, viele Besitztümer angehäuft haben oder mächtig geworden sind. Geschätzt werden diese Lichtpunkte der Menschheit von vielen, zu Lebzeiten häufig nur von einer Minderheit, am meisten jedoch von der Nachwelt, nur, wie gesagt, die wenigsten richten sich nach ihnen. Jede Zeit hat ihre Leuchttürme …

 

„Ciao Signor Leòn, come va?“ Lucas hob die Augen von seinem Buch, in das er zuletzt mehr hineingestiert als dass er darin gelesen hatte, und sah, ohne dass er sein Kommen bemerkt hatte, Paolo Ferro, Student der Romanistik und Germanistik aus Mailand von vielleicht 25 Jahren, vor sich stehen.

„Sto abbastanza bene, grazie!“ gab Lucas knapp zurück, wandte sich wieder seinem Buch zu und war dabei nicht ganz frei von Ärger, welchen er durch die Störung seiner mehr oder minder reifen Gedanken und gesteigerten Einsichten empfand, zumal just dieser Paolo Ferro in den vergangenen Wochen wiederholt den Kontakt zu ihm gesucht hatte. Lucas war diesen Versuchen am Anfang zunächst höflich-reserviert begegnet, schließlich widerstand er ihnen hartnäckig und fast kindlich-trotzig. Er hoffte, Ferro möge dadurch zu der Einsicht gelangen, dass Lucas ihm gegenüber weiterer Kommunikation unlustig war und seiner Wege gehen. Vielmehr schien dieser Widerstand Ferros entschiedenen Ehrgeiz und Eifer noch anzustacheln.

Interessiert-beflissen, diesmal auf Deutsch und in einem ihm beileibe nicht zukommenden, anmaßend-altväterlichen Ton erkundigte sich Signor Ferro: „Was lesen Sie denn da Schönes, Signor Leòn?“ Allein, dass er Lucas’ Reaktion auf seine erste Frage ignorierte, hätte schon dafür ausgereicht, die Möglichkeit einer näheren Bekanntschaft entschieden abzulehnen. Nein, sein ganzes Wesen widerstrebte Lucas und zwar von Anfang an, bevor Ferro auch nur ein Wort gesagt hatte. Er mutmaßte in ihm einen völlig verbildeten, altklugen Dogmatiker und fand sich dabei alsbald bestätigt, dann jedoch auch in gewisser Weise widerlegt,.

An Paolo Ferro war äußerlich nichts Besonderes: Von der Gestalt her vielleicht einen Meter siebzig groß, von hager-schlankem Körperbau, mit dünnen Armen und einem kleinen Bäuchlein, das sich eingedenk seiner sonstigen, eher schmal-schmächtigen Erscheinung besonders grotesk ausnahm. Die braunen Haare hatte er sich, vermutlich um den bereits einsetzenden Haarausfall zu kaschieren, nach vorne ins Gesicht gekämmt. Er besaß dünne Augenbrauen, grüne Augen, eine große Nase, auf deren Rücken ein sich deutlich abhebender Höcker von einem früheren Bruch des Nasenbeins herrührte und diesen aufs Lebendigste und dauerhaft bezeugte. Sein Mund war klein, die Lippen blass, fast farblos und schmal. Man konnte wahrlich nicht behaupten, Paolo Ferro wäre von der Natur aus sanfter Milde reichlich beschenkt worden, vielmehr hatte sie ihn aus roher Willkür auf eine grobschlächtige Weise heimgesucht.

Bereits bei der Frage nach seiner Lektüre sah Lucas alle Dämme brechen. Franz Kafka würde einem Studenten der Germanistik, so fürchtete er, hinlänglich Stoff für ausufernde Einlassungen bieten und Lucas würde diese nicht unkommentiert lassen können, dazu war er zu sehr Kafka-Kenner, dazu lag ihm sein Prager Franzl dann doch zu sehr am Herzen. Lucas stellte sich dem zu Erwartenden, gedachte den Spieß umzudrehen, diesen Ferro eines Besseren zu belehren. „Ich lese den Proceß von Franz Kafka!“, antwortete er schließlich fast bekenntnishaft.

„Oh, povero Francesco!“, meinte Paolo mit ziemlich bedauerndem Gesicht und hob zudem beide Arme bis zur Höhe seines Gesichts an, um seinen Ausruf des Mitleids zu untermauern.

Lucas dachte, was für ein kleiner Schauspieler, und antwortete prätentiös: „Wenigstens ließ der von ihnen so titulierte arme Franz in seinen Romanen den Protagonisten stellvertretend für sich selbst suchen. Die meisten Menschen hingegen, gerade auch solche in akademischen Zirkeln, stellen sich nie die Frage nach individueller Sinnstiftung. Denn sie ver- und begraben sich in ihren Wissenschaften umso mehr, wie sie ihren eigenen Lebensfragen zu entfliehen, zu entrinnen trachten. In gleichem Maße verlieren sie ihre Natürlichkeit und das angeborene Vertrauen in sich selbst.“ Lucas Leòn war wegen des reichlich anmaßenden Ausrufes von Signor Ferro zunächst doch ein wenig aus der Contenance gebracht. Ferro wurde sichtlich überrascht von dieser Antwort, wusste sie nicht zu deuten, insbesondere nicht, ob und inwieweit Leòns Äußerung nicht auch persönlich gemeint gewesen war. Das war sie selbstredend.

„Wie meinen Sie das denn?“, fragte Ferro.

„Signor Ferro,“ setzte Leòn an und versuchte durch Betonung der Vokale seinem Tonfall einen gewinnenden Ausdruck zu verleihen, „Signor Ferro, Sie würden sich als studente della letterature tedesca doch vermutlich als profunder Kenner Kafkas bezeichnen, oder?“ Ferro nickte ein wenig schüchtern, da er nicht abzuschätzen vermochte, ob und welche Prüfung seiner Kenntnisse ihn erwarten würde.

„Also Sie haben ihn doch sicher gelesen, den Proceß meine ich, und auch die Türhüter-Legende ist Ihnen ein Begriff?“, fuhr Leòn fort. Ferro meinte, an den Roman erinnere er sich wohl, allerdings sei dessen Lektüre viele Jahre her, aber von einer Legende wisse er nichts.

„Wie konnten Sie diese denn überlesen? Sie stellt nicht nur innerhalb des Romans das Kernstück, sondern auch das Herzstück für das Verständnis von Franz Kafkas Büchern dar. Die Legende ist gleichsam der Schlüssel zum Schloss, auch zum Roman mit dem gleich lautenden Titel.“, meinte Leòn nicht ganz frei eines vorwurfsvollen Untertons. Es hatte nicht nur den Anschein, sondern war fast offenkundig, dass Ferro schon nach kurzer Zeit allen Bildungsbürgertums entkleidet war. Einen seiner vermutlich nicht ganz seltenen wunden Punkte und eine Lücke in seiner humanistischen Halbbildung getroffen zu haben, erfüllte Leòn zunächst mit einer gewissen, durchaus hämisch zu nennenden Genugtuung. Dann jedoch, so dachte er, nach diesem ersten, kleinen rhetorischen Sieg nunmehr versöhnlicher gestimmt, wäre es doch ein schöner Gedanke, wenn dieses Gespräch nicht zu einem schnöden Schaulaufen literarischer Kenntnisse würde. Er hoffte vielmehr, Ferro möge in gewisser Hinsicht davon profitieren, von seinen Ideen befruchtet werden. Fast wäre Leòn ja Lehrer geworden, aber sein Leben hatte eine ganz andere, unerwartete Wendung genommen…

„Ich will nicht Ihre Blößen ans Tageslicht zerren, zumal es hierfür sowieso zu dunkel ist, weil dieses längst entschwunden ist, oder Sie sonst in irgendeiner Hinsicht bloßstellen. Aber, so denke ich doch, ist es die Sache wert, wenn wir uns kurz austauschen über die Legende, die ich ja auch hier vor mir liegen habe“, nahm Leòn das Gespräch wieder auf. Ferro besann sich nicht weiter und erkannte wohl auf diesem Feld, was Leòn gar nicht vorausgesetzt oder erwartet hatte, dessen geistige Überlegenheit an. Er tat wie Leòn ihn durch eine einladende Geste geheißen hatte, und nahm Platz auf dem blanken Dielenboden des Schiffdecks. Leòn griff nach dem Kafka-Band, suchte das Kapitel Im Dom heraus, fand schnell die Stelle und begann laut zu lesen:

„Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. «Es ist möglich», sagt der Türhüter, «jetzt aber nicht.»

Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt:

«Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.»

Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen.

Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei:

«Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.»

Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert.

«Was willst du denn jetzt noch wissen?» fragt der Türhüter, «du bist unersättlich. »

«Alle streben doch nach dem Gesetz», sagt der Mann, «wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?»

Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an:

«Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.»“

 

Signor Ferro blickte betrübt zu Boden, als Leòn seine Augen vom Buch abwandte und ihm ins Gesicht sah.

„Una storia dolorosa e triste, povero Francesco”, murmelte Ferro leise.

Nichts anderes hatte Leòn erwartet: „Aber warum denn ist die Geschichte schmerzhaft und traurig?“

„Weil der Mann vom Lande ins Gesetz nicht eintreten durfte und sein Leben mit sinnlosem Warten verbracht hat“, entgegnete Ferro etwas verwundert.

„Sie hätten also auch gewartet und auf Einlass gehofft?“, fragte Lucas.

„Ja, sicher“, sagte Ferro, „der Türhüter ist ja schließlich derjenige, der über den Einlass entscheidet und da er diesen verweigert, ist es ziemlich logisch, dass der Mann wartet.“

„Mitnichten“, gab Leòn zurück, machte Ferro gegenüber eine Handbewegung und eine entsprechende Mimik, dieser möge sich fürs Erste bescheiden und ihm die Gelegenheit geben, einige längere Ausführungen zu machen. Er holte aus und sagte: „Signor Ferro, wir wollen einmal ganz am Anfang beginnen. Zu Beginn der Legende wird der Mann als ‚Mann vom Lande’ vorgestellt. Wir denken dabei doch ganz unweigerlich an die ‚Unschuld vom Lande’. In dieser Redensart hat sich der Sinn bis heute erhalten. Uns kommen assoziativ mutige Menschen in den Kopf, die ihre Natürlichkeit und darauf gründend das Bewusstsein ihrer selbst ganz und gar ungebrochen und für das ganze Leben bewahrt haben. Der Mann vom Lande wird aber im Fortgang der Legende und in der ihm fremden – und das ist entscheidend – … in der ihm fremden Welt des Gesetzes unsicher. Er verliert seine Unschuld, er wird zum Mann allein und geht verlustig seines toll-tumben Zutrauens zu sich selbst, das genau die Voraussetzung gewesen wäre, um in das Gesetz zu gelangen…“

„Aber der Türhüter hat es ihm doch ausdrücklich verboten“, fiel Ferro ihm ins Wort, währenddessen sich Leòn ob seines letzten Alliterationstierchens nicht ganz eines selbstgefälligen Lächelns erwehren konnte.

„Ja, aber erst als der Mann, anstatt mit einem kurzen Gruß und einem gefälligen Nicken in Richtung des Türhüters vorbei ins Innere des Gesetzes zu gehen, beginnt, sich an diesem Türhüter aufzuhalten, indem er ihn um Einlass ‚bittet’. Er widmet sich selbst und schließlich sein Leben ganz und gar dem Türhüter, anstatt sich weiter auf sein Ziel, das Gesetz zu konzentrieren. Ja, noch nicht genug damit, der Türhüter, Signor Ferro, lesen Sie es gerne noch einmal nach, … der Türhüter tritt sogar beiseite und fordert dadurch den Mann geradezu auf, trotz seines Verbotes einzutreten….“ Leòn schloss seinen Satz, weil er spürte, wie sehr Ferro es drängte, einen Gedanken loszuwerden.

„Signor Leòn, dass der Türhüter den Mann indirekt durch sein Beiseitetreten sogar auffordert, das erscheint mir inzwischen durchaus erwägenswert. Andererseits gebe ich zu bedenken, wenn schon dieser erste Türhüter selbst bereits den Anblick des dritten Türhüters nicht mehr ertragen kann, wie er sagt, wie sollte dann der Mann diesen aushalten können?“, warf Ferro ein.

„Nun, ich greife ein wenig vorweg und behaupte, der Türhüter ist ein Wichtigtuer und begeht in gewisser Hinsicht Amtsanmaßung“, erwiderte Leòn knapp und fuhr dann fort „Erst als der Mann sich mit ihm abgibt, erst als er von seiner Suche nach dem Gesetz abkommt, erst dann baut sich dieser vor ihm auf. Zunächst wird sein Äußeres nicht weiter beschrieben, es ist nicht weiter von Belang, so sieht das auch der Erzähler, erst als sich der Mann auf ihn fokussiert, ist es von Interesse, weil es ihm erst dann auch Angst macht: Da erfahren wir von einem ‚Pelzmantel’, einer Spitznase und einem ‚schwarzen, tatarischen Bart’, der allerdings lang und dünn ist und wohl fröhlich im Wind weht; Dies sollte wohl eher unsere Heiterkeit hervorrufen, denn unsere Angst erzeugen. In diese Lesart, wie ich sie pflege, passend, erfahren wir fortan, dass im Pelze des Türhüters – zunächst ein Zeichen von Reichtum und Adel – auch Flöhe ihre beschaulich-behagliche Heimstatt haben. Durch seine Erscheinung, wie sie uns der Text übereignet, persifliert sich der Türhüter im Grunde genommen selbst. Und das allein auf sprachlicher Ebene.“ sagte Leòn und fügte augenzwinkernd hinzu: „Wobei ich nicht unterschlagen will, dass es hier auch eine zweite Lesart gibt, nämlich die für eher furchtsame, weil zu sehr vergeistigte und übersteigerte Menschen.“

Ferro bedachte das zuletzt Gesagte kurz, ignorierte geflissentlich die persönliche Andeutung von Leòn und erwiderte dann ehrlich überzeugt: „Was seine Erscheinung anbelangt, so mögen Sie, Signor Leòn, vermutlich Recht haben und ich vermag dem wenig entgegenzusetzen, aber sind des Türhüters Rolle und Funktion nicht eindeutig, gar glasklar? Er begeht doch keine Amtsanmaßung, er ist der Türhüter des Gesetzes. Zu genau diesem Amt ist er bestimmt worden.“

„Signor Ferro, ich bin fern davon, hier Bekenntnisse abzuverlangen, wer von uns beiden mehr Recht hat. Lassen Sie uns nicht einen Wettbewerb veranstalten! Es ist mir ziemlich gleichgültig, wer hier am Ende Recht hat, was zählt ist der gemeinsame Diskurs, das gegenseitige Infragestellen, das gemeinsame Finden und ganz besonders die Interaktion, die Paarung unserer Gedanken. Sonst hätte ich dem Ganzen sowieso nicht seinen Lauf gelassen, sondern wäre nach ihrem Gruß bescheiden zu meiner Lektüre zurückgekehrt. Zurück zu der Frage, wie der Türhüter in sein Amt bestellt wurde. Wie kam er in sein Amt? Wer teilte ihm diese Funktion zu? Wir wissen aus den Informationen, welche wir aus der Legende selbst erhalten, nicht, wer es gewesen ist. Aber vom Gesetz selbst kann er sein Amt nicht erhalten haben. ...“

„Warum denn nicht?“, warf Ferro ein.

Da Ferro offenkundig nicht selbst auf die Antwort kam, setzte Leòn erneut an: „Der Türhüter selbst bekundet doch, dass er den Anblick bereits des dritten seiner zahlreichen Türhüterkollegen nicht mehr ertragen könne. Ergo war er selbst nie im Gesetz drin, ergo wurde er von diesem Gesetz nie zu einem Dienst vor dessen Toren bestellt. Er ist nur einer der vielen Wichtigtuer, die einem im Leben begegnen, wenn wir eine neue Welt betreten, in der andere schon länger verweilen als wir selbst und denen wir gerne vertrauen, weil wir in dieser neuen Welt noch fremd sind.“

Signor Ferro erschien dies ziemlich einsichtig, er hatte die Augen weit geöffnet und zu Signor Leòn gewandt.

Dieser fuhr fort: „Wir glauben auf diese Weise, indem wir auf den Erfahrungsschatz anderer vertrauen, schneller in uns fremden Welten heimisch zu werden. Der Türhüter ist nur einer der vielen Menschen auf unserem langen Lebenspfad, an den wir uns aus Unsicherheit wenden und der dann behauptet, etwas besser zu wissen als wir selbst. An diese Türhüter und Wichtigtuer halten wir uns, weil wir in einer uns noch fremden Welt sind. Sie geben uns allerlei Gründe und Anlässe innezuhalten, zu verweilen, zu grübeln und aus Gründen ihrer eigenen Selbstbestätigung bei ihnen selbst zu bleiben. Sie versuchen uns abzulenken, weil sie selbst nie drinnen waren. Vielleicht, so eine Vermutung, erträgt der Türhüter es einfach nicht, dass jemand anderer etwas erlangt, was er selbst nicht zu erreichen vermochte. Die Welt ist ja voller unbegründeter Bosheit und der Neid ist eine besonders wache menschliche Regung. Statt Fremden zu vertrauen, sollten wir das Vertrauen in uns selbst fassen, das eigene Gefühl ergründen und uns demnach entscheiden, was wir vom Verstande her zu dem bereits erkundeten Gefühl noch zu ergänzen haben.“ Leòn machte eine kurze Pause. „Zumindest im privaten Umgang mit Menschen sollten wir es so halten“, schränkte er ein und lächelte dabei.

„Demnach stellt der Kern der Geschichte Folgendes dar“, fasste Ferro zusammen: „Der Mann vom Lande verliert seine Unschuld, sein ihm von der Natur gegebenes Zutrauen zu sich selbst, weil er in der Welt des Gesetzes beginnt, seinem vermeintlich wachem Verstand mehr zu vertrauen als seinem ursprünglichen Gefühl!“

Leòn antwortete einigermaßen erleichtert: „Genauso ist es, so wie er auch Methoden bei seinen Versuchen eingelassen zu werden anwendet, die typisch für Menschen in Gemeinschaften, besonders in Zivilisationen sind. Er versucht es durch Überreden und Bestechen. Er misstraut seinem Gefühl, das ist sein Fehler. Er kann nur dann Einlass finden, wenn er sich auf dieses verlässt, nur so ist eine Rückkehr zu seinen eigenen Kräften möglich. Nur so erwirbt er die Befähigung zurück, die Welt bunter zu sehen und zu gestalten, wenn er im Gesetz gewesen ist und den Glanz gesehen hat. Diese Anlagen und Befähigungen wurden ihm mitgeben schon bei seiner Geburt, er verlor sie jedoch. So wie viele Kinder wie kleine Sonnen ihre Lebensbahn steil aufwärts beginnen zu beschreiten und dann wird durch ein wie auch immer geartetes Ereignis ihr Gleichgewicht, der Verlauf ihrer Bahn gestört. Manche werden fast und andere wirklich aus dieser Bahn geworfen. Danach erklären sie das, was sie in ihrem halben Leben nunmehr noch zu erreichen vermögen, für richtig und schön. Fortan ergeben sie sich in demütiger Bescheidenheit dem, was sie als Dasein vorfinden. Sie sind grundsätzlich ganz glücklich damit oder behaupten es zu sein, nur in schwachen Stunden beklagen sie wortreich ihr Schicksal, ohne allerdings etwas zu verändern. Demgegenüber finden einige, allerdings nur sehr wenige Menschen, oft nach langem Leiden trotz dieser Störungen und Verstörungen auf die ursprüngliche Bahn zurück, stürmen dann in das Gesetz hinein und gelangen doch noch auf den Zenit menschlichen Potentials. Sie erklimmen die unter den Menschen höchstmögliche Entwicklungsstufe, nämlich die des homo dei, des göttlichen Menschen, wie Thomas Mann ihn etwas salbungsvoll umschreibt.“

Studente Ferro nickte bei den letzten Sätzen affirmativ, fast ehrfürchtig, als handelte es sich um eine Predigt und als sei dem kaum etwas mehr hinzuzufügen. Eingedenk der Natur der Ausführungen Leòns war dies auch nicht weiter verwunderlich. Dann rieb Ferro sich für Sekunden, kurze Augenblicke, die sich zu langen Momenten addierten, so schien es zumindest, mit der Hand das Kinn, dann den Hals und gelangte schließlich im Nacken an. Leòn spürte förmlich, wie er eines ausgereiften Gedankens schwanger war und ihm diesen mitteilen wollte. Lucas machte eine einladende Geste mit seiner linken Hand und ließ Paolo gewähren.

„Dann müssten“, so setzte dieser an, „auch seine ganzen Versuche, das hartnäckige Ausharren, das Einrichten auf einem Schemel zu Füßen des Türhüters, den dieser sogar zur Unterstützung oder vielmehr zu seiner Ablenkung reicht, das Überreden und Bestechen des Türhüters und endlich auch die Bitte an die Flöhe im Pelz des Türhüters, ihm doch zu helfen, am Ende gar zwangsläufig und von vornherein scheitern? Was uns fesselt im Jetzt und hindert im Fortkommen ist also die Erkenntnis oder vielmehr das, was wir dafür halten?“ Leòn nickte und freute sich ehrlich, dass Ferro auf dem richtigen Weg war, zumindest auf dem, den Leòn als den seinen erkannt hatte.

Ferro fuhr fort: „Demnach war sein Fehler oder Irrtum, dass er auf einen vermeintlichen Experten für das Leben vor dem Gesetz gestoßen ist, auf dessen Amt und Aussagen er mehr gab als auf sein natürliches Gefühl? Es ist sehr verständlich, weil zutiefst menschlich, dass er dies tat, denn schließlich ist er angekommen in einer ihm fremden Welt, die er nicht kennt, die ihn in Frage stellt, von der er nichts weiß und in der er zunächst einmal ganz alleine ist. In ihr kämpft und ringt er um Orientierung, er nimmt behelfsmäßig natürlich jeden sich ihm anbietenden Strohhalm als Hilfe im Kampf gegen das Ertrinken darin.“

„Signor Ferro, ich müsste jetzt zum Thema menschliche Erkenntnis weiteres anmerken, denke aber, wir vertagen dies auf ein anderes Mal, aber lassen Sie mich zunächst meine Verwunderung darüber ausdrücken, in welchem Maß Sie persönlich diese Geschichte abstrahieren, ja Sie geben sich gänzlich auf und ganz und gar hin der Geschichte! Es zeugt von Größe, sich selbst aufzugeben, das vermindert meine Wertschätzung nicht, sondern das entschiedene Gegenteil ist der Fall, diese wächst beständig, vermehrt und steigert sich. Nur wer weiß, was er ist, kann sich selbst verlieren in anderen und diese von Grund auf verstehen. Zunächst waren Sie beim Hören der Legende betroffen und hegten wohl, so nehme ich an eine Art Mitleid mit dem Mann oder vielleicht auch Selbstmitleid? Das ist schon überaus empathisch, aber reife Gedanken und tiefe Einsichten in das Geschriebene anderer gewinnt man erst, wenn man zunächst die sprachlichen Werkzeuge betrachtet und zudem diese Empathie auf alle Handelnden anwendet. Auf diese Weise kann man denn auch den Türhüter durchschauen, wie wir es getan haben. Jedoch auch dabei verhält sich Kafkas Text nicht eindeutig, sondern vielschichtig und mehrdimensional. Doch dazu in Bälde mehr.“

Leòn hielt kurz inne und setzte erneut an: „Ich muss mich jetzt ein wenig selbst am Zügel nehmen und zurückfinden zu unserer Geschichte. Wir haben uns nun eine gewisse Zeit lang, die ja durchaus kurzweilig und lehrreich war und ich nehme mich dabei durchaus nicht aus, aufgehalten mit dem Mann vom Lande und dem Türhüter. Dabei sind wir beinahe dem gleichen Fehler anheim gefallen, sofern man diesen als solchen überhaupt so bezeichnen sollte, wie er in der Legende selbst sich ereignet: Wir haben das Gesetz an sich aus dem Blick verloren“, gab er schließlich zu bedenken, denn Paolo Ferro war sichtlich angetan von dem befruchtenden Diskurs über den Mann und den Türhüter und darüber, wie tief und in welche Richtung sich plötzlich sein Verständnis der Legende gewandelt hatte.

„Signor Ferro, die zentrale Frage liegt jedoch noch unbeantwortet vor uns: Was ist das Gesetz?“ Ferro meinte, das Gesetz müsse ein Gebäude sein oder eine Art Grenze mit einer Mauer.

Leòn entgegnete darauf: „Eigentlich denken wir doch zunächst an eine Art von Strafrecht, wenn wir den Begriff Gesetz hören …“.

Ferro nickte zustimmend und Leòn ergriff wieder das Wort „ … oder, sofern wir etwas vergeistigter sind und zu Abstraktionen neigen, so kommen uns vielleicht die Weltengesetze in den Sinn. Nun, was die Legende so stark macht und warum jeder Leser sich persönlich fragt, wie er sich selbst als Mann vom Lande in der Welt des Gesetzes verhalten hätte, ist das Phänomen, dass Kafka es gelingt, den Leser einzufangen und unter seine eigenen Zwänge und Verzwingungen zu setzen. Bereits nach dem ersten Satz ‚Vor dem Gesetz steht ein Türhüter’ ist man selbst Teil der Welt des Gesetzes, reagiert und interagiert in dieser und natürlich auch mit dem Türhüter. Man ist Teil von Kafkas Welt sozusagen. Das macht einen als empathischen Leser durchaus unfrei.“

„Signor Ferro“, begann Leòn von Neuem, „um Ihnen die letzte These zu beweisen, will ich Sie Folgendes fragen: Was findet sprachlich in diesem ersten Satz der Legende statt, wenn wir gleichzeitig die inhaltliche Dimension betrachten?“

Ferro überlegte und meinte dann ziemlich plötzlich, „Nun, einem Abstraktum, dem Gesetz, wie Sie es ja bereits angedeutet haben, wird das Wort ‚vor’, eine Präposition, welche einen Ort bezeichnen muss, beigeordnet.“

Leòn nickte: „Dem Abstraktum wird ein Ort, also ein Konkretum zugeteilt, wodurch das abstrakte Gesetz in einen wirklichen Ort transferiert wird. Dieser Ort ist räumlich abgrenzbar, vor oder auf ihm kann sich jemand oder etwas befinden. Im Fortgang wird dieser zu einer komplett eigenen Welt entwickelt und entfaltet. Der Leser gibt bereits an dieser Stelle seine ursprüngliche Vorstellung vom Gesetz auf, wird eingefangen in die Welt des Gesetzes, die Welt der Vorstellungen und Träume Kafkas mit all ihren Zwängen und Eigengesetzlichkeiten. Man bedenke, nach nur sechs Worten in einem einzigen kurzen Satz! Wie viele Adjetivhäufungen, Bilder und Vergleiche gebrauchen andere, bis wir selbst als geneigte Leser mehr schlecht als recht Teil dieser Welten werden? Nicht umsonst urteilte ein Genosse im Geiste, Kurt Tucholsky über Franz Kafka: Er schreibt die klarste und schönste Prosa, die zur Zeit in deutscher Sprache geschaffen wird. Er blüht von Phantastischem und Phantasie – aber fest und sachlich sind Sätze und Rhythmus gestaltet’“.

„Nicht unähnlich“, setzte Ferro hinzu, „verhält es sich ja auch mit dem Roman an sich und dem Grund seiner Anklage selbst. Hier akzeptiert Josef K. ohne jeden Widerstand oder Infragestellung der Beamten und des Gerichts einfach seine Anklage. Er und auch der Leser fragen sich im Fortgang nicht weiter, warum Josef K. überhaupt angeklagt wurde. Was soll denn überhaupt sein Verbrechen sein? Die Fundamente dieser Welten werden vom Erzähler gesetzt und von Protagonist und Leser als unerschütterlicher Bezugsrahmen, als natürlich gegeben angenommen, man ist fast versucht zu sagen, hingenommen. Schließlich erwägt auch der Mann vom Lande an keiner Stelle einfach aus der Geschichte auszusteigen, wie man es salopp formulieren könnte. Oder etwa, dass er den Türhüter mitsamt dem Gesetz stehen lassen könnte, seines Weges ziehen und auf die Erkenntnis verzichten könnte, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält“, meinte Signor Ferro.

Dies veranlasste Leòn zu der Mahnung: „Gemach, gemach, diese Frage müsste man erst noch erörtern. Glauben Sie wirklich, es ist eine Art Goethe’sche Erkenntnis, welche der Mann am Ende aus dem Innern des Gesetzes glänzen sieht? Halten Sie den ‚povero Francesco’, den armen Prager Franzerl, wie Sie ihn eingangs nannten und wie ich ihn jetzt einmal nenne, inzwischen für so sehr selbstgefunden, als dass er meinte, mitteilen zu können, was des Lebens letztes Geheimnis sei?“ Leòn schüttelte kurz den Kopf und hob die Hand.

„Nun, er sieht ins Innere und von dort strahlt doch das Licht des Gesetzes. Zu diesem selbst vermag er zwar nicht mehr vorzudringen, weil er an seiner körperlichen Bedingtheit, schlicht an seinem Alter scheitert. Es bleibt aber dennoch die Verheißung einer Art raison d’être, eines Lebenssinns, sofern er mutiger und mehr er selbst gewesen wäre und den Eintritt nicht gewagt, sondern einfach gemacht hätte, so wie wir es ja inzwischen gemeinsam feststellten,“ verteidigte sich Ferro in einem selbstbewussten Tonfall.

„Signor Ferro, bleiben Sie bitte am Text!“, warf Leòn ein wenig missmutig ein, verstand jedoch auf der anderen Seite auch den ehrlichen Eifer Ferros. Leòn fuhr fort und richtete die rechte Hand gegen den dunklen Himmel der Nacht: „An keiner Stelle ist von einem Licht des Gesetzes die Rede, wie Sie es gerade für Ihre Argumentation bemüht haben, sondern vielmehr nur von einem Glanz. Dieser strahlt noch nicht einmal, sondern er bricht lediglich aus dem Innern heraus, so als ob er zwar vorhanden, aber erst im trüben Abendlicht wahrnehmbar werden würde. Franz Kafka hätte in seinem von vielen Störungen durchzogenen und vielen Verstörungen beherrschten Leben sicher nicht die Anmaßung besessen, sinnstiftend das Leben anderer beseelen zu wollen. Das wäre eher Goethes Job gewesen, sofern ich das mal so flapsig ausdrücken darf. Und den hat er auch in seinem literarischen Vermächtnis erfüllt. Kafka hingegen ist sehr viel behutsamer und bescheidener: Er schreibt von einem Glanz. Etwas, ein Gegenstand zum Beispiel, das glänzt, wird angestrahlt und leuchtet nicht aus sich selbst heraus. Es ist eine Art Spiegelung von etwas anderem; In der Wirkung kommt damit eine zwar zarte, so doch fundamentale Distanzierung zum Ausdruck. Zudem stellt es aber auch eine ironische Hinterfragung dessen dar, wonach die in höherem Maße vergeistigten Menschen suchen und streben. Etwas, das glänzt, ist nicht die Ursache des Lichts, es steht in seinem Schein, ist aber nicht die Quelle selbst. An welchem Ort diese wiederum steht, damit lässt Kafka den Leser ganz allein, das muss jeder für sich selbst herausfinden. Die Lösung aller Lebensfragen, die persönliche Sinnstiftung, das Rezept, das Geheimnis, wie halbe Menschen zu ganzen werden, das kannte Kafka nicht, das führte uns zu Goethe und Nietzsche. Die beiden hingegen erhoben genau dieses zum Subjekt ihres Schaffens, der eine in Nuancen zu anmaßend, der andere damit den Totalitarismus begründend und rechtfertigend. Thomas Mann und Hermann Hesse hingegen waren bedachter und fast verschämt darüber, dass sie die heiligen Geheimnisse menschlichen Lebens und die Wege zur Überwindung der Isolation kannten. In deren Romanen durchlaufen fiktive Gestalten diese Prozesse. Am Exemplarischsten ist dieses Konzept, die Vision einer Welt mit Sonnenmenschen, ausgearbeitet im zauberhaftesten Gipfel der Literatur der Deutschen, verkörpert von Hans Castorp im Zauberberg von Thomas Mann.“ Leòn lächelte kurz mehr in sich hinein als gegenüber Ferro und bedachte für sich, jetzt könne er nicht auch noch dieses Fass aufmachen. Er meinte damit den Zauberberg und musste sich sichtlich zusammennehmen, das Gespräch nicht ausufern zu lassen.

Leòn nahm seine Rede wieder auf: „Lassen wir vorerst den Thomas Mann beiseite und kehren wir zurück zu Kafka. Er war insofern ein armer Franz, wie Sie vorher sagten, weil er sich durch Krankheit und körperliche Auszehrung, bedingt durch sein Leben und die Umstände seines Schreibens, fast selbst hinrichtete. Aber seien Sie, Signor Ferro, gerade in der Literatur, in der es gemeinhin um die lange Suche, Findung und den in Wirklichkeit meist misslingenden Versuch der Selbstüberwindung geht, mit Ihren Urteilen behutsamer. Nur weil Sie, Dottore Ferro, Leiden diagnostizieren, dürfen Sie sich noch lange nicht wie ein arroganter Arzt darüber erheben, zumal Sie erst jetzt dessen Ursache zu ahnen vermögen.“

Als Leòn mit seiner Belehrung und abermaligen Zurechtweisung fertig war, blickte Ferro ein wenig betreten zu Boden und entgegnete nichts, so dass Leòn fortfuhr: „Signor Ferro, verzeihen Sie mir diese mahnenden Worte am Ende unseres Gespräches, aber ich war schon ein wenig verärgert, was mir andererseits dieses nicht vergällt. Ich gebe Ihnen dieses Buch gerne mit, vielleicht finden Sie die Tage die Muße, es noch einmal zu lesen und ich freute mich, wenn sich bei passender Gelegenheit eine kurzweilige Unterhaltung entspannte.“

„Bene, capsico“, antwortete Ferro, „Und ganz besonders gerne natürlich zu dem Rezept, dem Geheimnis, das Sie zuletzt andeuteten, Professore Leòn“, meinte er, während er sich vom Boden erhob. Lucas Leòn lachte angesichts der unerwarteten Ehre eines akademischen Titels, der ihm zuteil wurde und von dem er doch so weit wie nur irgend möglich entfernt war und meinte: „Ganz besonders gerne, gute Nacht.“

„Buona notte“, wünschte Ferro, machte kehrt, stieg die Treppe hinab und entschwand im Dunkel des Abends.

 

Es folgte das Abendessen, an dem sich nichts weiter Erwähnenswertes ereignete. Lucas pflegte hernach ein wenig Müßiggang, suchte Zerstreuung, gerne wäre er jetzt tanzen gegangen, doch dazu fehlte auf dem Schiff natürlich die Möglichkeit. Ihm war zwar nach Gesellschaft, aber nach möglichst wenig Intellektuellem. So suchte er nach dem Essen die Stube der Offiziere auf, in welcher er auch Craig und Eric vorfand, der eine Engländer, der andere Australier und beide im Zocken inbegriffen. Sie luden ihn, den sie kaum kannten, so doch recht herzlich ein, sich zu ihnen zu gesellen. Die drei Männer rauchten Zigaretten und Zigarren, tranken Whiskey, spielten Poker und sprachen über Frauen. Es war ein ziemlich unanständiges Gespräch, Craig vertrat entschieden die Auffassung, dass sich das Eine mit verschiedenen Weibern unterschiedlich anhören würde. Das also waren diese sogenannten Männergespräche, wie sie die Heteros mit ihren besten Freunden öfter mal führten, dachte Lucas und konnte sich eines verschmitzen Lächelns darüber kaum erwehren. Eric und Lucas lachten und letzterer meinte, dass Craig wohl eine signifikant große Auswahlgesamtheit, so würde es der empirisch veranlagte Soziologe nennen, aufweisen müsse, um so eine Behauptung in die Welt zu setzen. Sie tranken noch mehr Whiskey, von Zeit zu Zeit auch kaltes Wasser mit sich bizarr gebärdenden Eiswürfeln darin. Craig, der so Mitte, vielleicht auch Ende dreißig war, meinte, ein paar Dutzend hätte er wohl schon als Grundlage für seine Aussage aufzubieten, wofür Lucas nur ein breites Grinsen übrig hatte. Craig, ein Schrank von Kerl mit rasierter Glatze, einem von Aknenarben durchfurchten Gesicht und vollem, rötlich-braunen Bart, war so eine Sorte Typ, der auch ohne weiteres eine Gang in der Bronx von New York befehligen hätte können, welche Crack oder Koks an schmierige Junkies vercheckt. Auch einen Handlanger eines Camorra-Fürsten, der in Neapel von Kleingewerbetreibenden und Ristorante-Besitzern das Schutzgeld einsammelt, hätte er prima abgegeben. Eigentlich mangelte es ihm nur an einer dicken Knarre, welche ihren ganz logischen Ort, als gehörte sie zu seinem natürlichen Wesen, in seinem ausgeprägten Hohlkreuz gefunden hätte. Eric hingegen war ein blonder Hüne, groß, von der Sonne Australiens und während der Arbeit auf dem Segelschiff braungebrannt, sein halb geöffnetes Hemd ließ erahnen, dass er vom Körper her ein typischer Schwimmer oder Surfer sein mochte, wie es ja seine Herkunft nahelegte. Alles an ihm war ebenmäßig, fast zu glatt und so dachte Lucas, auch Eric müsste sein Macken haben, wenn offenbar schon nicht an seinem Körper so doch woanders. Warum sonst sollte jemand auf einem Schiff anheuern, seine Heimat und Familie hinter sich lassen, wenn es nichts gäbe, was ihn von dort vertriebe?

 

Lucas fühlte den Whiskey in sich steigen, die Leistung seines Hirns reduzierte sich zusehends auf einige wenige, aber durchaus dominante Gedanken und er verlor jegliche Scheu. „Ein paar Dutzend Frauen?“ fragte Lucas schließlich Craig, was dieser bejahte. Um erst gar keine Unklarheiten, Zweideutigkeiten oder gar Lügen aufkommen zu lassen, denn danach stand Lucas nun gar nicht der Sinn, schickte er voraus, dass er es meistens mit Männern, bevorzugt ein paar Jahre jünger als er selbst, getrieben habe. Eric blickte ein wenig ungläubig und meinte, ein so „straight and rough guy is gay?“ Lucas lachte, war zugegebenermaßen geschmeichelt und grinste ein wenig zu breit und zu selbstgefällig. Craig wollte wissen, wie es unter Kerlen sich denn mit den Geräuschen verhalte. Lucas dachte kurz nach und stellte dann fest, klar höre sich das unterschiedlich an, aber das hänge mehr mit Beschaffenheit, Größe und Straffheit des Hinterteils zusammen als tatsächlich mit den Sexualorganen. Lucas nickte bestätigend, schließlich wisse er, wovon er rede, sei schon Anfang dreißig, habe mehrere Lebensjahre davon in Beziehungen gelebt, aber es seien dann doch immerhin noch viele schicke Single-Jahre übrig geblieben, in denen er sich verschwenden konnte. Mit denjenigen, mit denen er Sex hatte, würde er eine ganze Kirche füllen können, gab Lucas schließlich zum Besten. Craig und Eric wussten nicht so recht, ob sie ihn eher beneiden oder seine Aussage anzweifeln sollten.

Nach kurzem Innehalten und einem selbstironischen Lächeln fuhr Lucas fort: Zwar könnte er nicht unbedingt den Kölner Dom mit seinen früheren Liebhabern füllen, denn dies halte selbst er nicht für erstrebenswert, so doch aber schon eine durchschnittlich große Dorfkirche auf dem Lande mit ein paar Hundert Plätzen, schränkte Lucas ein. Nicht, dass er dabei wahllos gewesen sei und etwa die eigene kundige Hand nicht einem ungewissen fremden Etwas vorgezogen hätte, so hätte sich da dann doch eine gewisse Menge angesammelt.

Um dergleichen Dinge ging das Gespräch der Männer. Und obschon Lucas neben der geistigen Beschäftigung sich auch gerne, insbesondere anlässlich eines geselligen Beisammensitzens mit viel Alkohol dem Geschlechtlich-Zotteligen zuwandte, wurde er dieses Gespräches bald überdrüssig. Er verabschiedete sich mit dem Verweis, dass der gute alte Whiskey heute doch ein wenig stark wirke, ihm ziemlich schlecht sei und wünschte eine gute Nacht. Irgendwie musste er den Weg in seine Koje gefunden haben und schlief, ohne weiteres Aufhebens um seine Abendhygiene zu machen, in seiner Kabine auf der Koje ein.

 

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur