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III. Vom "Fach der Wirkung": Die Kunst des Betruges oder Künstler versus Betrüger?

 

 

Thomas Mann meint selbst, er führe "seine Grundidee von einst, die travestierende Übertragung des Künstlertums ins Betrügerisch-Kriminelle getreulich durch, sie hat aber unwillkürlich an innerer Weite und Erfahrung gewonnen und sich zu einem vieles aufnehmenden 'humoristisch-parodistischen Bildungsroman ausgewachsen".

 

 

1. Lust an der Illusion

 

Bereits als Kind (vgl. die Szenen im Kurbad Langenschwalbach (I. Buch, 3. Kapitel) zeigt Felix außerordentliche Lust an der Illusion: "Es war einer der schönsten Tage meines Lebens, vielleicht der unbedingt schönste" (282). Felix ist ein "Wunderkind" (281). Er ist Teufelsbub und Engelskind zugleich. Die vorgetäuschten Krankheitssymptome ersparen ihm dem Schulbesuch "Wie oft hatte ich mir eine solche Szene ausgemalt, wie oft mich im Geiste darin geübt, bevor ich mir Mut faßte, mich in Wirklichkeit damit sehen zu lassen". Und weiter unten: "Man träumt davon, aber man tut es nicht." (301). Erst nach langen Selbstversuchen lässt er sich mit seiner Kunst auf der Bühne, der Bühne der Welt sehen. Er ahmt akribisch und nicht ohne künstlerischen Anspruch die Handschrift seines Vaters nach. Bereits hier vermengen sich die Grenzen zwischen Bewunderung für die Kunst, derart perfekte Darbietungen zu liefern und der Abneigung gegen das eigentlich hochstaplerische Tun.

 

 

2. Flucht in die Träume und den Schlaf

 

Schon in Bezug auf seine Geburt verweist Krull, darauf, dass er unlustig sei "das Dunkel des Mutterschoßes mit dem hellen Tag zu vertauschen" und erwähnt gleichzeitig die "außerordentliche Neigung zum Schlaf". "Nichtschlafen heißt ja fragen", so Franz Kafka in einem Brief an Milena. Schlafen bedeutet Nichtfragen, Nichtwahrnehmen, Nichtwissenwollen. An einer Stelle im Roman, dem Kuckkuck'schen Exkurs, trinkt Krull zu viel Mokka, was er dann selbst kritisiert: "Das hätte geheissen, mich mutwillig des Schlafes zu berauben." An dieser Stelle bekommt Krull Antworten auf das Fragen, auf das Wissenwollen und genau deshalb beraubt er sich mutwillig des Schlafes. Gleichwohl werden die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse tendenziös untermalt durch den Traum, den Felix in Folge des Gesprächs mit Prof. Kuckuck hat. "Auf dem Skelett eines Tapirs reitend bewegte ich mich auf einer Milchstraße dahin, die ich als solche daran erkannte, daß sie wirklich aus Milch bestand oder mit Milch bedeckt war, in der die Hufe meines knöchernen Tieres plätscherten." Die vermeintliche Erkenntnis darüber, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird dadurch hinterfragt, dass Krull mit ihr die falschen, ja lächerlichen Bilder verbindet.

Krull ergeht sich stundenlang in Träumereien, wie etwa, dass er ein Kaiser sei. "Ich erwachte zum Beispiel eines Morgens mit dem Entschlusse, heute ein achtzehnjähriger Prinz namens Karl zu sein, und hielt an dieser Träumerei während des ganzen Tages, ja mehrere Tage lang fest." (272) Felix Krull entflieht der Schule und verbringt die Tage im Bett. Auch in Paris spielt sich sein Leben in seiner zweiten Existenz als Flaneur wesentlich abends/nachts nach der Arbeit ab. In der Dämmerung schlüpft er in die zweite Existenz. Er verabscheut den "Tag, der mir mit Angst und Bedrückung drohte" (298). Um der "Tagesfron" (TS 298) zu entrinnen, bekennt er sich zu einer "ungewöhnlichen Schlaflust" (TS 270).

 

 

3. frühe Geistesreife und Überempfindlichkeit

 

Ganz kurz erwähnt seien hier nur die Begebenheiten, dass es Felix bereits als 7jähriger gelingt, eine ganze Gruppe von Menschen durch sein fingiertes Konzert zu täuschen und die Unterschrift seines Vaters nachzuahmen. Bereits erwähnt habe ich die sog. "Was-ist-förderlicher"-Episode, in der Krull sich über sich und seine Beziehung zur Welt Gedanken macht. Diese Menschen "müssen wohl so beschaffen sein, daß die Welt ihnen klein wie ein Schachbrett erschein, da sie sonst die Rücksichtslosigkeit und Kälte nicht hätten, keck und unbekümmert um das Einzelwohl ... damit zu schalten." (274). Das Gleichnis vom Schachbrett ist vermutlich unbewusst zutreffend gewählt, weil es nicht nur gemäß der Freudschen Auffassung vom Künstler als kindlichen, den auf der infantilen Stufe verhaftet gebliebenen Menschen impliziert, sondern auch die intensive Verwandtschaft von Künstler und Hochstapler. Denn beide sind 'spielende' Menschen. Der Hochstapler spielt, um seinen Lebensunterhalt zu fristen; der Künstler spielt um die Gunst und das Zutrauen der Gesellschaft zu gewinnen und sich in ihrer Sichtweise zu legitimieren. Beide Existenzformen, Künstler und Hochstapler, sind typisch unbürgerlich - sie stehen außerhalb des Bürgertums. Gleichwohl müssen beide das Bürgertum annehmen, weil es den Adressaten ihrer Werbung beim Künstler im Sinne ökonomischen Erfolgs und beim Hochstapler das Objekt ihrer Täuschung darstellt.

 

 

4. Verliebtsein in eigenes Aussehen / Wortwahl bei der Schilderung des eigenen Äußeren

 

"Ich aber besaß seidenweiches Haar, wie man es nur selten beim männlichen Geschlecht findet, und welches, da es blond war, zusammen mit graublauen Augen, einen fesselnden Gegensatz zu der goldigen Bräune meiner Haut bildete." (273) Die Augen sind nicht ein meeres- oder himmelsblau, was für Klarheit, Nüchternheit und Klarsicht spräche, sondern sie sind graublau, eine leicht melancholische, undurchdringliche Richtung. Der erwähnte Gegensatz zwischen Haarfarbe und dunklem Teint verbietet den Schluss, dass die Physiognomie Krulls auf einen einfältigen Schönling hindeuten könnte. Vielmehr gibt dieser Gegensatz Rätsel auf, was auch Mme Houpflé anmerkt. "Was ist das? Woher nimmst du bei deinen blauen Augen und blonden Haaren diesen Teint, den hellen Bronzeton deiner Haut? Du bist verwirrend. Ob du verwirrend bist!" (446) Krull: "Jedenfalls konnte mir nicht verborgen bleiben, dass ich aus edlerem Stoffe gebildet oder, wie man zu sagen pflegt, aus feinerem Holz geschnitzt war als meinesgleichen." (273) Dies äußert sich auch in der Musterungsszene, als er die Körper der anderen zu Musternden beschreibt und sich selbst dazu kontrastiert: "die wahre Rangordnung erst im ursprünglichen Zustand sich herstelle und daß die Nacktheit nur insofern gerecht zu nennen ist, als sie die natürlich-ungerechte und adelsfreundliche Verfassung des Menschengeschlechts bedeute".


 

5. Krull als Narziss?


Felix, dem Glücklichen, steht kein ernsthaftes Hindernis im Weg, er findet keinen ernsthaften Widerstand der Welt. Märchenhaft fügt sie sich den Omnipotenzträumen des kindlich gebliebenen Ichs. In der Gesellschaft erfährt er Anerkennung bis in ihre höchsten Spitzen hinein. Selbst das Stehlen, das er ohne jede Mühe vollbringt, geht wie von selbst: mehr zufällig fällt im am Zoll das Schmuckkästchen Mme Houplés in die Hände. Dieses Stehlen ist Teil des narzisstischen Wunschtraums von der Widerstandslosigkeit der Welt.

Auch die sexuellen Beziehungen sind durch Narzissmus bedingt: Felix liebt nicht, er wird geliebt. Er liebt sein eigenes Bild, wie es ihm die Frauen von ihm widerspiegeln. Er hat stets ältere und erfahrene Frauen, Variationen des Narziss-Motivs von der Mutter, bei der dieser zu verbleiben bestrebt ist. Krull, er verweist selbst mehrfach darauf, ist das Brustkind, der Busen ist seine gepriesene Zone, von der Ammenbrust wird ihm das erste Mal "Die große Freude" beschert. Ihn reizt Genovefas "weiße, wohgenährte Brust" und der "wiegende Busen" Maria Pias. Den einzigen Versuch einer gleichberechtigten Beziehung, nämlich mit Zouzou, scheitert just daran, dass eine Mutterfigur, Maria Pia, kurz vor der Vereinigung auf den Plan tritt und Krull der Kindereien zeiht, ja sie bietet sich ihm indirekt an.

Narziss hasst die Wirklichkeit und liebt das wirklichkeitsreine Traumreich, in dem sich alles seinem Willen fügt. Darin besteht der Trost der Kunst: sie erlaubt es, sich die sonst so boshaften Welt im wirklichkeitsreinen Spiel auszurichten nach  eigenem Wunsch. Dem allzu Wirklichen gilt die Ironie. Sie bezweifelt und zersetzt die Wirklichkeit der Welt.

Hermann Kurzke: "Die märchenhafte Widerstandslosigkeit der Welt macht das Beglückende dieses Buches aus. Es befreit vom Widerstand der Welt, bietet eine Utopie des Glücks und unterdrückt alles, was dem im Weg stehen könnte. Es unterdrückt vor allem das Gefühl der Sünde. Im Erwählten, im Faustus und im Frühwerk war der Narzißmus stets von schlechtem Gewissen begleitet, weil er die Welt und die Menschen als Verfügungsmaterial betrachtete. Im Felix Krull entfällt der sittliche Protest".

 

 

IV. Diskussion zur Mann'schen Künstlernatur

 

Schauspieler Müller-Rosé (I., 5.) und Artistin im Zirkus la fille de l'air (III., ab Mitte 1.).

  • Worin unterscheiden sich Müller-Rosés Wirkung und die von la fille de l'air?
  • Welchem Konzept von Wirkung folgt Felix Krull?

 

Prof. Schimmelpreester: "Sie [die Leute; A.d.A] wollen das Talent, welches doch an und für sich eine Sonderbarkeit ist. Aber die Sonderbarkeiten, die sonst noch damit verbunden - und vielleicht notwendig damit verbunden - sind, die wollen sie durchaus nicht und verweigern ihnen jedes Verständnis" (S. 284]

 

Tonio Kröger: "Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt".

 

Intertextualität: Heinrich von Kleist: Über das Marionettentheater.

 

Mme Houpflé: "Der Geist ist wonnegierig nach dem Nicht-Geistigen, dem Lebendig-Schönen dans sa stupidité, verliebt ..." (443) Weiter: "Alle Schönheit ist dumm, weil sie ganz einfach ein Sein ist, Gegenstand der Verherrlichung durch den Geist". (444)

 

Erörterung der These: Felix Krull praktiziert diese Maxime, indem er menschliche Bindungen vermeidet.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte