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Nach zehn Jahren: Eine ernüchternde Genom-Bilanz

UJN 13.06.2010

 

Kurzer Kommentar bei scienceblogs.de

zum Artikel A Decade Later, Genetic Map Yields Few New Cures in der New York Times vom 12.06.2010

 

"Wenn die Forschung weiter so rasch wie derzeit vorankommt, dürften um die Jahrhundertwende klinische Versuche für eine ganze Reihe von Krankheiten in Gang sein", so der amerikanische Molekularbiologe Inder Verma in einer Prognose Ende 1990. Als Mitte der 90er Jahre die Decodierung des Humangenoms in großem Stile begann und Craig Venter fast wöchentlich Schlagzeilen generierte, wie viel Prozent denn schon entschlüsselt worden seien, gab es nur wenige Stimmen, die daraufhin hinwiesen, dass man damit vielleicht alle Buchstaben eines fremden Alphabets lesen  könne, sich vielleicht sogar den Sinn einzelner Worte begreifbar machen werde, mitnichten aber nach Abschluss des Humangenomprojektes fähig sei, ein ganzes Buch in einer fremden Sprache zu lesen.

 

 

Das genetische Paradigma, das ein Erklärungsmuster auf einer relativ einfachen Ebene von genetischer Kodierung und Dekodierung liefert, ist unzulässigerweise auf die komplexe Ebene der Zelle und des Organismus ausgeweitet worden. In der molekularbiologischen Forschung wird oft der Eindruck erweckt, fast alle Erkrankungen seien auf die genetische Struktur zurückzuführen. In der Genetik wird schließlich jedes Lebewesen auf die Struktur seines Erbgutes, seiner DNA zerlegt. Allein die verschiedene Abfolge der vier Grundbausteine ist demnach verantwortlich für verschiedene Arten - Mensch wie Tier. Dieser reduktionistische Ansatz führt zu einem deterministischen Konzept von Krankheiten: Je nach Intaktheit der Gene wird geschlossen, ob ein Mensch krank oder gesund ist. Wegen der einseitigen Paradigemstellung in der Erklärung von Krankheitsursachen wird in der Gentherapie das Wirken dieser sich selbst organisierenden Strukturen (molekulare, zelluläre Netzwerke) ignoriert. Über diese Netzwerke wissen wir jedoch nicht viel mehr, als dass sie existieren. Dennoch werden bereits Menschen gentherapeutisch behandelt, ohne dass überhaupt die Grundlagen vollständig erforscht sind. Selbst die monogenen Erbkrankheiten können nach dem derzeitigen Stand der Technik nicht nur über rein genetische Anomalien erklärt werden. So gibt es etwa eine Reihe von Erbkrankheiten, bei denen die Patienten trotz einer bekannten Genmutation eben nicht die entsprechenden Krankheitsbilder aufweisen. Die Medizin vermag vielleicht die Sprache der Gene zu buchstabieren, vom Verständnis ihrer Grammatik oder gar Semantik ist sie jedoch weit entfernt.

Jenseits der Dekodierung und der schlichten Diagnose hat die Gentherapie mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten zu kämpfen, die durch verschiedene Methoden des Gentransfers (retrovirale Vektoren oder chemisch-physikalische Verfahren mit Liposomen- bzw. Goldpartikelbeschuss) nicht zufriedenstellend gelöst werden können. Prof. John Fagan, der an der Decodierung von Genen beteiligt war, die Krebs auslösen können, spricht bei der somatischen Gentherapie  schon seit Jahren von einer "technologischen Sackgasse".

Finanzierbar und therapierbar wäre bestenfalls eine kleine Anzahl von monogenen Erbkrankheiten. Übrigens sollte man bedenken, dass mit den Geldern, die dafür ausgegeben werden, auch elementarste Hygienemaßnahmen in der sog. Dritten Welt finanziert werden könnten. Selbst in der BRD kämen diese Verfahren nur einem erlauchten Kreis von Patienten zugute. Zumindest die gesetzlichen Krankenkassen würden niemals Hunderttausende Euro für somatische Gentherapien ausgeben.

Es gibt eine wachsende Kluft zwischen der Decodierung von defekten Genabschnitten, also der Diagnose sowohl im embryonalen Stadium als auch bei bereits geborenen Menschen und den eigentlichen Therapiemöglichkeiten. Es werden zwar immer mehr Erbkrankheiten und genetische Prädispositionen für Massenleiden gefunden, Therapieverfahren selbst jedoch scheitern bzw. werden aus Kostengründen erst gar nicht entwickelt. Angesichts von immer mehr Krankheiten und Merkmalen, für die man genetische Prädispositionen findet, wird es für Befürworter und Humangenetiker selbst schwer, sich für oder gegen eine "selektive Abtreibung", also aus eugenischen Gründen, zu entscheiden.

Eine "genetische Normalität" beim Menschen wird konstruiert, Abweichungen davon als krank oder behindert klassifiziert. Vermeintlich objektive naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden auf diese Weise in gesellschaftliches und politisches Handeln transferiert: Entschieden müssen wir uns gegen eine solche Einteilung in wertvolles und wertloses Leben wehren. Eine Bewusstseinsbildung in dem Sinne, dass ein Mensch mit Behinderungen oder mit einer potentiell genetisch verursachten Krankheit, wie etwa Krebs, besser gar nicht zur Welt gekommen wäre, läuft einer humanen Gesellschaft zuwider. Krankheitsursachen sind komplexer als Humangenetiker behaupten. Ob eine genetische Prädisposition tatsächlich zum Ausdruck kommt, hängt viel stärker von zivilisatorischen Zwängen, ungesunder Lebensweise, krankmachenden Arbeitsplätzen und einer vergifteten Umwelt ab. Hier muss eine Politik ansetzen, die sich nicht auf Reparatur und Eugenik konzentriert, sondern auf Pluralität, Solidarität, und Ursachenbekämpfung.

 

Weitere Texte zum Thema finden sich im Archiv - Gentechnik.

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur