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VIII. Kinder

 

A) Allgemein

  • in der klassischen Zeit: manus-Ehe => potestas des Vater; unter keinen Umständen hatte die Frau die potestas, gleich ob es sich um eheliche oder uneheliche Kinder handelte. Sofern sie keine manus-Ehe hatte, gehörte sie nicht einmal zur gleichen famila.
  • Verstarb Vater und wollte, daß die Mutter das Vermögen des Kindes verwaltet, ging das nur unter Umweg über das fideicommissum.

 

B) Status

  • Kind, das einer rechtsgültigen Ehe entstammte, iustum matrimonium, entstammte, dessen Eltern also das conubium hatten, hatte den Status des Vaters. kein conubium => Status der Mutter
  • Beginn des 1. vorchristlichen Jahrhunderts durch lex Minicia: Wenn ein Elternteil fremden Rechtsstatus hatte, mußte dieser schlechtere übernommen werden. Fand allerdings wohl keine Anwendung auf Fall, daß freie Römerin ein Kind durch einen Sklaven bekam. Bis ins Jahr 52 n. Chr. galten all diese Kinder als freie Bürger - ungeachtet der Folgen für die Mutter. Von dem senatusconsultum Claudianum so behandelt, als sei es von einem unbekannten Vater.

 

C) Legitimität

  • sofern in iustum matrimonium geboren => legitimes, unter potestas stehendes Kind, das auch erbberechtigt war. Kinder, die nicht in legitimer Ehe geboren waren => illegitim; juristisch vaterlos und Personen sui iuris, auch kein Erbanspruch
  • Soldaten durften während der Dienstzeit nicht heiraten, auch nachträgliche Eheschließung legitimierte sie nicht => als liberae naturales bezeichnet
  • Vater konnte, egal er freigeboren oder freigelassen war, ein männliches Kind durch adrogatio adoptieren. Bei Mädchen unklar.
  • Frauen konnten nicht adoptieren, da sie keine potestas ausüben durften. Ulpian erwähnt jedoch beiläufig, daß Frauen "nicht ohne Genehmigung des Kaisers adoptieren" könnten.

 

D) Geburtsnachweise

  • in Rom keine Verpflichtung Neugeborene registrieren zu lassen. Die augusteische lex Aelia Sentia und die lex Papia Poppaea jedoch schufen Verfahren für Registrierung legitimer Kinder mit Bürgerrecht (innerhalb 30 Tage nach Niederkunft) professio (Erklärung) vor einem Magistrat => Einzelheiten in die tabula professionum (Namen des Vaters, seinen Tribus, Abstammung, Name des Kindes, der Mutter und das Datum)
  • Registrierung illegitimer Kinder verboten; trotzdem wichtig, Status zu dokumentieren => testationes, sieben Zeugen der Geburt

 

E) Vormundschaft, Kontrolle und Sorgerecht

  • ius vitae necisque und potestas des Vaters (s.o.); Kind blieb nach Scheidung in potestas des paters
  • Mutter konnte bei schlechtem Lebenswandel des Vaters Kind bei sich haben, ohne daß sie die potestas besaß => tutor; bei Tod des Vaters => tutor legitimus oder durch Magistrat bestimmt

 

F) Ungewollte Kinder: Kindstötung und Aussetzung

 

In Rom zumindest war das Töten von Neugeborenen, die nicht krank oder behindert waren, ein Thema, das mit einem Tabu belegt war. Der jüdisch-hellinistische Philospoph Philon etwa behauptete, daß Neugeborene manchmal erdrosselt oder ertränkt würden und sieht auch die Kindesaussetzung als gleich schlimm wie Mord an: "Manche setzen sie an einem verlassenen Ort aus, wobei sie - wie sie angeben - hoffen, daß die Kinder gerettet würden, in Wirklichkeit sie aber dem schlimmsten Schicksal überlassen." (de specilibus legibus 3.114-115) Gemäß der Rechte des paters, konnte dieser ein Kind als sein eigenes anerkennen und es aufziehen oder auch aussetzen. Dieses Befugnis hatte er auf Grund seines Rechtes über Leben und Tod, ius vitae necisque. Jane Gardner berichtet davon, daß dieses Recht gegenüber heranwachsenden Kindern vermutlich bereits in der früher Kaiserzeit nicht oder kaum mehr angewandt wurde. Sofern eine derartige Strafe als notwendig erachtet wurde, sollte das Kind dem Magistrat übergeben werden. Kaiser Hadrian ließ einen Vater bestrafen, der seinen Sohn auf Grund eines Ehebruchs mit seiner Stiefmutter umgebracht hatte. In Bezug auf Neugeborene jedoch bleibt das Recht auf Tötung auch in dieser Zeit existent. Erst zur Zeit der severischen Kaiser begann man, Kindesaussetzung als Mord anzusehen, gesetzlich untersagt wurde sie jedoch erst 374 n.Chr..

Vermutlich in der Zeit das Kaisers Trajan erging das senatusconsultum Plancianum sowie durch einen Senatsentscheid aus der Zeit Hadrians wurde bestimmt, daß der Ehemann, wenn ihn seine geschiedene Frau binnen 30 Tagen von einer Schwangerschaft informiert hatte, entweder seine Vaterschaft ausdrücklich ablehnen mußte oder aber das Kind, selbst wenn er es nicht als sein eigenes anerkannte, aufziehen mußte. Bei beiden Möglichkeiten verwirkte er das Recht, das Kind aussetzen zu lassen. Das erklärt sich insofern, als daß der Vater eines illegitimen Kindes keine patria potestas erwarb und konnte folglich auch nicht von seinem Recht, es aussetzen zu lassen, keinen Gebrauch machen.

Die ausgesetzten Kinder fielen meist wilden Tieren oder Raubtieren anheim. Gelegentlich mögen sie auch von Fremden aufgenommen worden sein. Sofern sie versklavt wurden, mußten sie jedoch in dem Fall freigelassen werden, wenn sie ihren Status als Freigeborene beweisen konnten. In Ägypten, wo sich die meisten Zeugnisse für Sklaven-Findlinge finden riskierte jeder, der einen solchen Findling als sein eigenes Kind adoptiere, den Verlust von einem Viertel seines Vermögens bei seinem Tod. Aus welchem Grund diese Regelung bestand, ist unklar.

Trotz der patria potestas kann man wohl davon ausgehen, daß sich in den Fällen, in denen eine Familie aus Gründen der Armut nicht noch ein zusätzliches Kind ernähren konnte, sich der Vater der Zustimmung der Mutter versicherte, bevor er ein Kind aussetzte. Von Gaius Melissus aus Spoletum, einem Findling, der später ein Bibliothekar Kaiser Augustus' werden sollte, war es allgemein bekannt, daß dieser auf Grund eines Streites seiner Eltern ausgesetzt wurde.

Sofern die Mutter ohne Zustimmung des Vaters in einer Ehe, in der die manus bestand, ein Kind aussetzte, konnte dieser mit guter Aussicht auf Erfolg ein Rechtsverfahren anstreben, da sie "etwas", das ihm gehörte, entfernt hatte. Im Falle illegitimer, freigeborener Kinder verhielt es sich bei der Aussetzung anders: Die Mutter hatte in diesem Fall das Kind nicht direkt getötet, da es keiner pater familias und somit auch keine patria potestas gab, konnte niemand einen Besitzanspruch auf das Kind erheben. Wenn die Mutter das Kind unmittelbar tötete, handelte es sich rein rechtlich um Mord, jedoch wurde derartige Fälle selten geahndet, weil niemand offenbar ein direktes Interesse an Strafverfolgung hatte und der Beweis, daß es sich um Mord handelte, angesichts der hohen Säuglingssterblichkeitsrate teilweise sehr schwer zu erbringen war.

 

 

G)    Abtreibungen

 

Abtreibung von Kindern war nicht illegal und sie findet nur insofern Eingang in die Digesten, als daß Modalitäten aufgeführt werden, unter denen sie strafbar sein kann. Vor der Geburt hatte das Kind keinen eigenen Status, es konnte weder unter die potestas des Vaters fallen, noch etwa sui iuris, also eigenen Rechts, sein. Der Jurist Paulus meint dazu: "Das Kind im Mutterleib ist geschützt, als wäre es ein Teil der menschlichen Gesellschaft, soweit es um die Vorteile des Kindes nach seiner Geburt geht, obgleich es einem anderen vor seiner Geburt keineswegs von Nutzen ist." (Digesten I.5.7) Ulpian in Digesten 25.4.I: "Der Fötus ist ein Teil des Körpers der Mutter." L. Glantz kommt in der Untersuchung Is the Foetus a Person? A Lawyer's View zu einem ähnlichen Fazit, der Fötus stelle kein Rechtssubjekt dar. Allerdings bedeute dies nicht, daß er keine Rechte und keinen Schutz genossen habe. In den Digesten 25.5; 25.6 und 37.9 wurden Folter und Exekution einer verurteilten Schwangeren auf die Zeit bis nach der Geburt des Kindes aufgeschoben.

Sowohl die Rechtsstellung der Mutter zwischen dem Zeitpunkt der Zeugung und der Niederkunft als auch der im voraus in Bezug auf das werdende Kind postulierte Anspruch auf ein Erbe waren relevant. Für die frühe Kaiserzeit findet Jane F. Garnder in Women in Roman Law and Society einige literarische Zeugnisse für Abtreibung sowie Anleitungen zur Abtreibungen in einigen medizinischen Büchern von Soranos und des älteren Plinius. Auch sind darin keine Hinweise enthalten, daß Abtreibung illegal sein könnte, sie können jedoch einen Scheidungsgrund darstellen. Nero etwa, so wird durch Tacitus berichtet, wirft seiner Frau folgende Verfehlungen als Scheidungsgründe vor: Unfruchtbarkeit, Ehebruch, Verrat und Verschwörung mit dem Flottenkommandanten sowie Abtreibung. Etwas paradox bleibt, inwiefern eine Frau, die unfruchtbar sein soll, abtreiben kann. Der Vorwurf der Abtreibung zielt auf die Bestimmung, daß eine Abtreibung wider des Willens des Mannes dazu führte, daß dieser ein Achtel der Mitgift behalten konnte.

Cicero hingegen mißbilligt aus moralischen Gründen die Abtreibung, weil eine solche Tat ganz allgemein zum Aussterben von Familien und zum Sinken der Anzahl freier Bürger führen würde. Hintergrund dafür war die Tatsache, daß die Kindersterblichkeitsrate von etwa 45 Prozent innerhalb der ersten fünf Lebensjahre dazu führten, daß sich Mortatlitäts- und Fertilitätsrate etwa die Waage hielten, wenn jede römische Frau etwa fünf Kinder gebar. Zu Ciceros Fall zurück: Die beiden Frauen waren angeklagt, nach dem Tode ihrer Männer deren Kinder abgetrieben zu haben, weil sie von anderen Männern bestochen wurden, deren Interesse es war, daß der verstorbene keine legitimen Nachkommen mehr bekam.

Unter den severischen Kaisern wurde Abtreibung, so Jane Garnder, schließlich zum strafwürdigen Verbrechen: In einem Reskript verfügen Septimius Servus und Antonius Pius, daß eine Frau, die abgetrieben hatte, für einige Zeit verbannt werden sollte, da es dem Juristen Marcianus zufolge "unbillig erscheinen konnte, daß sie ihren Ehemann um ihre Kinder betrogen habe." Auch Ulpian nimmt Bezug auf diesen Fall. Demnach war es im Umkehrschluß auch in dieser Zeit nicht strafbar, wenn der Ehemann einer Abtreibung zugestimmt hatte. Bestraft wurden Leute, die Abtreibungsmittel, Liebestinkturen oder empfängnisfördernde Drogen vertrieben, sofern diese Mittel zum Tode führten.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte