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Von wegen Lichtgestalt:

John F. Kennedy & die Vorbereitung des Vietnam-Krieges

 

1.1. Strategie

 

Vor dem Beginn seiner eigentlichen Anti-Guerrilla-Strategie entschloß sich Kennedy bereits vier Monate nach seiner Amtsübernahme am 11. Mai 1961, neue Sondereinheiten bereitzustellen und unter Mißachtung des Abkommens von Genf die Zahl der sog. Militiärberater in Südvietnam auf über 685 (am Ende der Amtszeit Kennedys waren es über 16000) zu erhöhen.

 

Südvietnamesische Einheiten und CIA-Agenten sowie weitere Spezialgruppen, darunter 400 Mann der Green Berets, sollten einen Untergrundkrieg führen: sie sollten "in Nordvietnam ... ein Widerstandsnetz, Untergrundbasen und Gruppen für Sabotage und leichte Störaktionen aufbauen". Die Militärberater sollten die südvietnamesische Armee darauf vorbereiten, "in Nordvietnam, soweit nötig und zweckmäßig, stoßtruppartige Überfälle und ähnliche militärische Unternehmen durchführen." Damit wurden durch Kennedy das sog. "Engagement" und die damit verbundenen Operationen massiv ausgeweitet, die dann fast zwangsläufig zu einem  offenen Krieg führen mussten, zumal der sog. Tonkin-Zwischenfall mit den  damit verbundenen Falschinformationen einen willkommenen Vorwand lieferte.

 

Beispiel einer solchen Gruppe: In den Pentagon-Papers wird beschrieben, wie ein Teil einer solchen Beobachtergruppe im Juli 1961 250 Kilometer nördlich des 17. Breitengrades in Gefangenschaft geriet, weil ihr Flugzeug einen Motorschaden hatte. Radio Hanoi berichtet, daß das Flugzeug abgeschossen worden sei und nennt zum Beleg die Einzelteile des Flugzeuges und ihre Fertigungsorte in den USA. Die Überlebenden hätten angegeben, sie seien von den Amerikanern ausgebildet worden und hätten auch von diesen Karten Nordvietnams bekommen.

 

 

1.2. Entwicklung und Konzept

  • Klassische Militärs sahen im Konzept der counterinsurgency (Aufstandsbekämpfung) eine Möglichenkeit, einen konventionellen Krieg in wechselnden Situation zu beginnen, sozusagen als erste Stufe in der Leiter der "flexible response".
  • Counterinsurgency wurde als eine Alternative zu direktem militärischen Eingreifen in der Dritten Welt angesehen; Sie galt als auf einer geringeren Eskaltationsstufe angesiedelt, um ländliche Gebiete zu befrieden und unter der Landbevölkerung Unterstützung für die Diem-Regierung zu kreieren. In dem Programm sollten sich militärische, politische und soziale Maßnahmen sinnvoll ergänzen.
  • Diskussionen darüber gab es bereits in 50er Jahren, im Sommer 1961 dann durch Walt Rostow (Kennedys Außenminister) und Roger Hilsman und wird auch vom CIA in Erwägung gezogen.
  • Eine Gruppe wird nach dem National Security Action Memorandum Nr. 124 vom 18. Januar 1962 damit beauftragt, Leitsätze zu formulieren und Länder zu benennen, in denen die counterinsurgency zur Anwendung kommen könnte. Darunter befanden sich Südvietnam, Laos und Thailand.

 

Counterinsurgency: vier Aktionsradien

  1. Entwicklung der Fähigkeit des südvietnamesischen Militärs zu Anti-Guerrilla-Operationen durch mehr US-amerikanische Militärberater einerseits und speziellen Waffenlieferungen andererseits wie vor allem Helikoptern und bewaffnete Fahrzeuge, um im Feld mobil zu sein. Zusätzlich sollten die Südvietnamesen in neuen Taktiken und Operationsmöglichkeiten geschult werden. Ein weiteres Ziel war, daß es dem Vietcong nicht ermöglicht werden sollte, neben Einheiten in Mannschaftsgröße auch noch komplette Battalione ungehindert zu verlegen.
  2. Verbesserung der zivilen Möglichkeiten der Regierung und Polizei mit Hilfe von pacification programms, deren zentrales Element die Einrichtung sogenannter strategic hamlets, also strategischen Dörfern/Weilern war. Bereits die Franzosen hatten mit der Errichtung ihrer Agro-Villes Erfahrungen gemacht, allerdings sahen diese sich mit dem Problem konfrontiert, daß sich viele Bauern weigerten, ihre angestammte Heimat zu verlassen. R. Thompson, der bereits in Malaysia ein ähnliches Programm durchgeführt hat, wird zu Rate gezogen: Die lokalen Bauern werden in sog. Citizen Irregular Defense Groups organisiert, die betroffenen Dörfer werden befestigt und von Einheiten der regulären südvietnamesichen Armee, Agenten der CIA sowie den erwähnten Gruppen bewaffneter Bauern verteidigt. Thompson zieht im Gegensatz zu den Amerikanern die Strategie "clear and hold" der Strategie "search and destroy" vor, außerdem verspricht er sich, daß ein Erfolg der strategic hamlets weit über Vietnam nach Malaysia, Kambodschia, Thailand und den Philippinen ausstrahlen würde. Kritik an dem ganzen Konzept kommt vom amerikanischen Botschafter in Indien: Er fragt sich, wer denn entscheide, welches Dorf strategisch wichtig sei und welches nicht und sieht außerdem eine schleichende Involvierung der Amerikander, einen point of no return in Vietnam. Beispiele: operation sea swallow in Phu-Yen, die immerhin Territorium unter Kontrolle der Regierung brachte, das seit 1954 von der National Liberation Front (NLF=Vietcong) gehalten wurde. Im Juli 1963 berichtet die CIA davon, daß ungefähr 2000 strategic hamlets eingerichtet worden seien, 7000 weitere seien in Planung.
  3. Mit der Annahme des National Security Action Memorandum 178 wird beschlossen der Einsatz von Herbiziden zur Entlaubung von Wäldern, in denen sich die NLF verbergen konnte, sowie die Zerstörung von Feldern, vor allem mit Reis, in Gebieten, die von der NLF kontrolliert wurden. Die Zerstörung von Feldern wollte Kennnedy zunächst noch nicht anordnen, billigte sie dann aber genauso wie den Einsatz von Herbiziden. Es scheint den Akteuren in Washington bei diesen Maßnahmen doch nicht ganz wohl zu sein, denn McNamara zeigt sich erleichtert, daß keine Nachrichtenagenturen oder Regierungen auf die Berichte des Radio Hanoi über diese Maßnahmen reagieren.
  4. Der vierte Aspekt der counterinsurgency schließlich war die Einrichtung von Lagern mit Spezialeinheiten im zentralen Hochland und in den Waldgebieten, die vornehmlich von Nicht-Vietnamesen besiedelt waren. Vor allem CIA-Agenten hatten dabei die Aufgabe, diesen ethnischen Minderheiten anzuleiten, wie sie ihre Dörfer zu verteidigen hätten. Ende 1962 gab es 25 solcher befestigter Dörfer.

Sicherlich machte das Programm im Frühjahr und Sommer 1962 Fortschritte, so daß Kennedys Entscheidung zunächst als richtig erschien und die counterinsurgency-Strategie als allgemeine Doktrin sowie ein phasenweiser Rückzug erwogen wurde. In einer Studie des Außenministerium von Ende 1962 berichtet Roger Hilsman etwa, die Regierung Südvietnams habe "die Durchführung eines grundlegenden strategischen Konzepts, das den Aufbau von Wehrdörfern und ein systematisches Befriedungsprogramm in den Mittelpunkt stellt vorrangig behandelt" und weiter heißt es "Diem ... delegiert etwas mehr Macht als früher und wird sich zunehmend der Bedeutung der Bauernschaft für die Durchführung des Eindämmungsprogramms bewußt." Vizepräsident Johnson spricht sogar von Diem als the only boy we've got there. Auf Berichte über das sog. Engagment reagierte die US-amerikanische Öffentlichkeit und die Politik zunächst positiv.

 

 

 

1.3. Praxis

 

In seinen Erinnerungen klagt David Marr darüber, daß seine Vorgesetzten sich nicht für die neuen Taktiken und auch nicht für die Analysemöglichkeiten des counterinsurcency interessierten. Es geht offenbar mehr darum, durch Einsatz von Helikoptern und Militärbooten den "Pöbel" aufzuschrecken. Die NLF (Vietcong) reagiert auf den Einsatz neuer Technologie fexibel und versteckt sich flugs in den Mangrovenwäldern, splittet sich in kleinere Gruppen auf, lässt die Waffen verschwinden und taucht ganz einfach für die Dauer der Operation unter die Bauern unter. Resultat dieser Art des Krieges der brennenden Dörfer war, so Marr, "NLF ... resumed their operations with more sucess and public support than before."

 

Die Tatsache, daß sich die Generäle im Rahmen einer geopolitischen ideologischen Ausseinandersetzung mit einem monolithischen, kommunistischen Block konfrontiert sahen, führte dazu, daß das Interesse an einem Verständnis der spezifischen geschichtlichen, kulturellen und politischen Situation Vietnams gering war, zumal ein lokales Aufflammen des Ost-West-Konflikts täglich woanders auf der Welt stattfinden konnte. Die eigentlichen Feinde hingegen säßen in Peking bzw. Moskau, von wo auch die militärischen Aktionen gesteuert würden. Das Motto der meisten Generäle war to find, fix and fight the enemy.

 

Die Kämpfe um das Dorf Ap Bac schließlich zeigten, wie sehr die Südvietnamesen begannen, sich auf die Amerikaner zu verlassen, wie gering die Motivation der Regierungstruppen war und daß sie nicht "ihren Krieg" führten und gewinnen wollten, wie es Kennedy gefordert hatte. Statt auf Grund mehrfacher zahlenmäßiger Überlegenheit anzugreifen wird der Angriff verzögert und die Guerrillas erhalten die Möglichkeit Befestigungen zu bauen. Dann verweigern sich manche Einheiten und verlangten den Einsatz amerikanischer Hubschrauber. John Paul Vann, ein US-Berater der südvietnamesischen Armee, kritisiert die Vietnamesen heftig und dies umso mehr als er feststellen muß, daß Harkins die damm miserable perfomance beginnt als Erfolg zu verkaufen. Schulzinger meint, die meisten amerikanischen Journalisten in Vietnam hätten Ende 62 die Ziele der US-Regierung geteilt, aber nach den Vorfällen von Ap Bac hätte sich das geändert: sie wurden gegenüber den optimistischen Prognosen von Harkins, dem das US-Militär in Vietnam unterstand, skeptischer - nachdem schon vereinzelte Journalisten zuvor die Methoden, mit den Diem und sein Bruder Nhu das Wehrdorf-Programm durchgesetzt hatten, als diktatorisch bezeichnet hatten. Ap Bac hätte der US-amerikanischen Öffentlichkeit bereits vor der sog. Buddhisten-Krise deutlich machen können, daß sich die Ziele der Diem-Regierung nicht mit denen seines Volkes deckten.

 

 

1.4. Gründe für das Scheitern & den Erfolg der NLF (Vietcong)

 

lebensweltliche Differenzen: Die Mitglieder der NLF waren Bauern, sie trugen deren Kleidung und lebten mit diesen gemeinsam in den Dörfern. Die Fragen, um die sich die NLF kümmerte, waren solche, die auch die Bauern beschäftigten. Die Organisationen, die sie gründeten, waren von Bauern und für Bauern. Sie gaben diesen die Möglichkeit selbst gestaltend aktiv zu werden. Im Gegensatz dazu waren die Landverwalter von Diem Mitglieder einer städtischen Elite, für ihre Arbeit qualifiziert auf Grund einer westlichen Ausbildung. Sie interessierten sich weder für die Bauern, noch waren sie diesen, sondern den südvietnamesichen Behörden verantwortlich. Wie auch bei Marr erwähnt, pflegte diese Elite in den Dörfern einen Lebsstil der angesichts der Armut schlicht unangemessen war. Ungerechtigkeiten und persönliche Bereicherung taten ein übriges. Die Ziele der Regierung waren nicht soziale Reformen oder gar eine Landreform, sondern die Ausübung einer Kontrolle über die Landbevölkerung über die strategic hamlets.

 

Im Gegensatz zum Diem-Regime sprach die NLF die Sprache der Menschen: Die Propaganda war einfach, so daß sogar die Bauern sie verstanden wie Shafter anmerkt. Auch die Amerikaner erkannten das und entwickelten Propaganda-Programme mit nationalen Symbolen wie der Nationalfane oder nationalen Führerpersönlichkeiten oder der Verpflichtung zur einer "loyality to the state". Auch hier kann die geistige Ferne zu den Bauern herausgelesen werden: Dem vietnamesischen Reisbauer beschäftigte wohl die Frage, ob er das Stück Land, das er zuvor vom Viet Minh erhalten hatte, nun denn behalten dürfte oder es aber im Falle es Einmarsches der südvietnamesischen Armee wieder abgeben müßte, ungleich intensiver als die Frage einer abstrakten Staatsverbundenheit. Auch die Tatsache, daß die NLF es sich zur Strategie machte, die regionalen Staathalter des Diem-Regimes öffentlich hinzurichten, stieß teilweise sicher auch auf Zustimmung in der Bevölkerung.

 

Einen weiteren Grund für den fehlenden Rückhalt des Diem-Regimes und der Popularität des NLF sieht man in der Rekrutierung lokaler Akteure: Bereits die französischen Kolonialbehörden hatten die traditionelle Methode zur Auswahl dörflicher Verantwortlicher und Vorsteher zerstört. Sie wurden ersetzt durch Männer von außerhalb, die aus ihrem Amt und zu Lasten der Bauern Kapital schlugen. Diese Strategie fährt auch Diem, der zahlreiche Präfekturen mit Angehörigen seines Clans bzw. seiner Familie besetzte bzw. sie sogar verkaufte. Die NLF griff in ihrem Machtgebiet die ursprüngliche Hierarchie und Institutionen des traditionellen Dorfes ebenfalls an. Über village councils wurden den Bauern Möglichkeiten zur Gestaltung eingeräumt, wie etwa in Fragen der Landverteilung, Steuern und Verteilung der gemeinsamen Arbeiten. Jeffrey Race [zititert in Shafter] verweist darauf, daß die Landbevölkerung im Falle eines Konflikts gegen die Regierung in Verteidigung ihrer eigenen, von der NLF gegebener Rechte und ihreres Besitzes kämpfen würde. Jedes Ansinnen der Regierung, die Landbevölkerung solle sich für die Konterrevolution engagieren, würde diese unweigerlich in die Arme der revolutionären Bewegung treiben.

 

Erwerb und Pflege der Loyalität: Die US-amerikanischen Programme sollten nach dem Gießkannen-Prinzip so viele Menschen wie möglich erreichen und diese gingen davon aus, daß nach den Programmen eine loyale Unterstützung des Diem-Regimes automatisch folgen würde. NLF-Programme hingegen waren kontigentiert und wurden gezielt nur an deren Anhänger vergeben. Shafter berichtet davon, daß ein Gutteil der US-amerikanischen Gelder in NLF-Händen landete.

Wesentlichster Grund für das Scheitern von Diem und der counterinsurgency war neben der Verweigerung anderer innenpolitischer Reformen die fehlende Reform der Landverteilung: In den Regionen südlich von Saigon besaßen nur 22 Prozent der Bauern eigenes Land, 28,5 Prozent hatten es gepachtet und 44,5 Prozent hatten gar keinen Besitz an Boden. Viet Minh und NLF sprachen dieses Problem direkt an: fehlender Landbesitz, Verschuldung insbesondere in Zeiten von Mißernten und hohe Steuern. Während des Krieges hatte der Viet Minh Land von Kollaborateueren und abwesenden Landlords konfisziert und es an die Landlosen verteilt. Zur gleichen Zeit reformierten sie das traditionelle System, daß die Dorfvorsteher das gemeinsame Land verwalteten, führten lokale Gerichte ein [nach Abschaffung einer Art Patrimonialgerichtsbarkeit, in der Landbesitzer gleichzeitig auch lokaler Richter war], setzten eine Obergrenze für Besitz und ersetzten das Steuersystem durch eine progressive Einkommenssteuer. Das Regime Diem hingegen unternahm zwischen 1955 und 1960 drei Reformversuche unter den Titeln Landneuverteilung, Pachtreform und Landentwicklung. Keine Reform erreichte ihr Ziel, so zumindest Shafter, oder aber - anders ausgedrückt - alle erreichten ihr Ziel, nämlich die Befestigung der Unterstützung durch die Landlords für Diem. Die Pachtreform beispielsweise verlangte, daß die Bauern eine Art Vertrag unterschreiben mußten, um Schutz gewährt zu bekommen. Insgesamt führten die Reformen dazu, daß die Vorherrschaft der Landlords und die alten hohen Grundrenten wieder eingeführt und den Bauern das Land, das sie vom Viet Minh bekommen hatten, wieder abgenommen wurden. Da diese Maßnahmen natürlich vor allem in Gebieten durchgeführt wurde, in denen das Diem-Regime überhaupt noch administrative Maßnahmen realisieren konnte, wirkten sich die politischen Konsequenzen desaströs für die Unterstützung der Regierung aus, weil die NLF natürlich leicht versprechen konnte, die von dem Viet Minh durchgeführten Reform zu verteidigen - ungeachtet der Kollektivierungspraxis in Nordvietnam. Die Amerikaner verhielten sich völlig indifferent in Fragen der Landreform und realisierten diese nicht als zentrale Konfliktlinie in der vietnamesischen Politik. Während für die milititärische Aufrüstung bereits Hunderte Millionen an Dollar ausgegeben wurde, glaubten die US-Offiziellen nicht, daß Mißstände, die auf den Besitz oder Nicht-Besitz an Land bezogen waren, wichtig wären, so zumindest Rober Sansom, ein früherer CIA-Agent. Weiter: Zwischen 1960 und 1965 gab es weder irgendwelche finanzielle Hilfen für eine Landreform noch Initiativen der US-amerikanischen Berater oder der Regierung für eine Landneuverteilung im Rahmen der oftmals von Diem eingeforderten Reformen. In einer Studie des Stanford Research Institutes äußern sich die Autoren 1966 nach Interviews mit Bauern sichtlich verwundert über diesen Sachverhalt. Weder die öffentlichen Aufgaben einschließlich der Schulen, noch der Wunsch nach Frieden und Sicherheit sei so weit oben auf der Bedürfnisskala der Bauern wie der Wunsch nach eigenem Land und (vor allem bei Mißernten) der Möglichkeit, Kredite aufzunehmen.

 

Auch das Konzept der Wehrdörfer scheitert im April 1963 - seien es 5300 und im Juli gar 7200 gewesen. Der Putsch gegen Diem allerdings fördert zu Tage, daß Diem mit manipulierten Zahlen und auch die US-Berater bzw. die verschiedenen Delegationen der US-Regierung mit schönfärberischen Berichten gearbeitet hatten. In der Provinz Hau Nghia etwa waren nur 8 von 52 angeblichen Wehrdörfern vorhanden, während die NLF 75 Prozent des Provinzterritoriums kontrollierte. In einer anderen Provinz waren nur ein Viertel der Dörfer bewaffnet, andere waren wide open to the vietcong, wurden von ihren Bewohnern selbst zerstört oder wurden sogar von der NLF übernommen und als eigene Machtbasis benutzt. Es gab offenbar keine Kontrollen: so konnte Inventar der Dörfer sowie Ausgleichszahlungen für den Verlust der alten Dörfer von korrupten Verwaltern veruntreut werden, Material fand sich sogar bei der NLF oder auf dem Schwarzmarkt.

 

Während es der US-Administration erklärtermassen um Sicherheit für die Bewohner sowie um die Gewinnung derer hearts and minds gehen sollte, strebten Diem und sein Bruder Nhu nach die Kontrolle derselben. Nhu nutzte auch den neueingeführten Verwaltungsapparat für die Wehrdörfer dazu, Teile der regulären Ministerien zu umgehen und über die neuzuschaffenden lokalen und regionalen Ämter in der Wehrdorfverwaltung persönliche Loyalitäten zu schaffen.

 

Auch zwischen Bauern und Regierung gab es divergierende Motivationen: Für die meisten Bauern war es schlicht uninteressant, in die Dörfer zu ziehen, sie brauchten keinen Schutz, aber die lokale Verwaltung und die Landlords brauchten diesen. Sie wollten nicht den status quo wiederherstellen, was hingegen die Regierung und die lokalen Eliten erreichen wollten.

 

Nicht nur Vollständigkeit halber soll auch noch der Aspekt, den Marr erwähnt, nicht unter den Tisch fallen, sondern weil er mE. auch ein wesentlicher Grund darstellt. Die Entwicklung neuer Technologien, wie etwa des Helikopter-Einsatzes führte dazu, daß die südvietnamesische Armee und die Amerikaner immer weiter sich von der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung entfernten, Kommunikationskanäle erst gar nicht entstanden, während die NLF an den Flüssen, den Verkehrsadern, und auf dem Boden die Kommunikation suchten und dadurch auch auch die Unterstützung von weiten Teilen der Landbevölkerung fanden.

 


Literatur

 

Shafer, D. Michael (1988): The Failure of U.S. Counterinsurgency Policy. Princeton.

Sheehan, Neil [Hrsg.] (1971): Die Pentagon-Papiere. Die geheime Geschichte des Vietnamkrieges. München 1971.

Schulzinger, Robert (1997): A Time for War. The United States and Vietnam 1941-1975. Oxford/New York.



Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur