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IV. Integration in die Welt des Gesetzes und des Schlosses - Der Roman als Entwicklungsroman?

 

Der Mann, der bei seiner Ankunft vor dem Gesetz groß war, kann sich, als er seine letzte Frage an dem Tür­­hüter richten will, nicht mehr aufrichten. Der Türhüter muss sich „zu ihm hinunterneigen“. Selbst wenn der Mann durch die Antwort auf die Frage seinem Ziel näher käme, er müsste an seinem eigenen Körper scheitern, der ihn an der Fortsetzung seiner Reise hindern würde. Er stirbt, nachdem er sich einen Weg zum Erstrebten geöffnet hat. Ein gewisses Maß an Unsicherheit bleibt auch bei dieser Deutung: Der Türhüter könnte ja nur Mitleid mit dem Mann haben und ihn zynischerweise vorhalten, wie einfach er die Erlaubnis zum Eintritt hätte erhalten können. Der Leser nun könnte sich zu Recht fragen, warum der Mann solange braucht, um die „so einfache und auf der Hand liegende Frage zu stellen“[1], wie es Carsten Schlingmann formuliert. Die Antwort auf diese Frage ist recht einfach, aber auch Carsten Schlingmann bleibt sie schuldig. Der Mann kann natürlich erst nach jahrelangem Studium bemerkt haben, dass niemand außer ihm in all der Zeit Einlass begehrte, und die entscheidende Frage stellen. Zum ersten Mal wendet der Mann bei seinen Versuchen nicht Methoden an, von denen er glaubt, sie gehörten in die Welt vor dem Gesetz. Es sind nicht einmal „natürliche“ Methoden, sondern Verhaltensweisen, welche Menschen erst entwickeln, wenn sie in komplexer strukturierten Gesellschaften leben: Darunter fallen Bitten, Beeinflussen oder Be­stechen. Er zeigt im Prinzip die Verhaltensweisen von Städtern. Hier kommt der Gegensatz zwischen Natur und Zivilisation zum Tragen, auch Aspekte von Industrialisierung und Urbanisierung fließen in die Methoden des Mannes ein. Schließlich gebraucht er „alle Erfahrungen“, welche er in dieser Welt gewonnen hat. Er hat erfahren, dass diese Methoden, von denen er glaubte, dass sie wirken würden, die falschen sind. Er überwindet das Rollenspiel in komplex strukturierten Gesellschaften und gewinnt seine Natürlichkeit zurück. Er kehrt zu seiner Ausgangsfrage, zu seiner individuellen Suche zurück. Erst in seiner Todes­­stunde dringt er in die Kategorien ein, erst dann begreift er die Ordnung der Welt des Gesetzes, wird Teil dieser Welt. Er verstirbt dann allerdings, weil das menschliche Leben endlich ist.

Im Roman Das Schloß findet sich ein ähnlicher Sachverhalt. Max Brod hat für die von ihm herausgegebene Fassung des Romans die letzten beiden Absätze gestrichen.
[2] Bei Max Brod endet der Roman nach der Unterhaltung von Josef K. mit der Wirtin über Kleiderfragen. In der Fassung von Malcom Pasley hingegen findet sich noch ein Absatz, der zweite endet mitten im Satz. In der von Malcom Pasley veröffentlichten Fassung bietet Gerstäcker Josef K. „Kost und Wohnung“[3] an. Was jedoch ist der eigentliche Grund für sein Interesse an K.?

" 'Ich weiß warum Du mich mitnehmen willst', sagte nun endlich K.[.] Gerstäcker war es gleichgültig, was K. wusste. 'Weil Du glaubst, daß ich bei Erlanger etwas für Dich durchsetzen kann.' 'Gewiß', sagte Gerstäcker, 'was läge mir sonst an Dir.' K. lachte, hing sich in Gerstäckers Arm und ließ sich von ihm durch die Finsternis führen."
[4]

 

Gerstäcker gesteht auf K.s Nachfrage, dass ihm an K. nur etwas liege, weil K. bei Erlanger etwas für ihn durchsetzen könne. Was diese Passage in Fassung der Handschrift so wichtig macht, ist folgender Sachverhalt: K. wird die Möglichkeit eröffnet, in einer gesicherten Existenz im Dorf zu leben. Einer Integration, dem zentralen Ziel von K., steht nichts mehr im Wege. Zum ersten Mal werden seine Gedanken (hier: dass er errät, was Gerstäcker ganz selbstverständlich von ihm verlangt) nicht als kindlich oder falsch bezeichnet. Er scheint jetzt endlich in die dörflichen Denkschemata eingedrungen zu sein. Ein Indiz dafür ist, dass es dem Leser unschlüssig vorkommt, warum gerade K. Gerstäcker beim Schloßsekretär Erlanger helfen könnte. K. hat nach Analyse der Fakten eigentlich bei dem nächtlichen Verhör im Herrenhof versagt. Dass K. durch Erlanger während des nächtlichen Verhörs überhaupt die Möglichkeit erhält, sein Anliegen einem Repräsentanten des Schlosses vorzutragen, zeichnet ihn vor den anderen Dorfbewohnern aus. Diese empfinden es teilweise sogar als Auszeichnung, wenn sie von den Repräsentanten der Schlossbehörde sexuell ausgebeutet werden. Er versagt zwar objektiv, aber immerhin wird sein Anliegen, nämlich zunächst einmal überhaupt Gehör zu finden, anerkannt. Wäre er nicht an den Bedürfnissen seines Körpers gescheitert, so wäre diesen Anliegen - zumindest der Aussage Bürgel zu Folge - sogar entsprochen worden. Vergleichbar sind die beiden Schicksale auch insofern, als dass der Mann und K. nach diesem Eindringen in die spezifischen Bedingungen sterben. Zumindest behauptete dies Max Brod und strich die beiden Absätze innerhalb der von ihm besorgten Ausgabe von Franz Kafkas Werken. K. soll – nach Fassung der Handschrift - sozusagen von Gerstäcker zu dessen Werkzeug gemacht werden und insofern wird er mit einer Erwartungshaltung, hier dem Gewähren von Hilfe, konfrontiert. Aber auch Gerstäcker hilft K. – zunächst erst nur durch die Sicherung seines Daseins in Gestalt von Wohnung und Essen, aber auch durch Finsternis der Räume im Wirtshaus. K. wird mit Erwartungen der Gesellschaft an ihn konfrontiert und das macht ihn zum Teil der dörflichen Gemeinschaft. Er muss dem Schloss als Gebäude gar nicht näher kommen, sondern ein Einrichten im Dorf ist der Beginn für die Integration in die Welt des Schlosses.
Die Handschrift nunmehr endet mit der folgenden Passage:
"Die Stube in Gerstäckers Hütte war nur vom Herdfeuer matt beleuchtet und von einem Kerzenstumpf, bei dessen Licht jemand in der Nische gebeugt unter den dort vortretenden Dachbalken in einem Buche las. Es war Gerstäckers Mutter. Sie reichte K. die zitternde Hand und ließ ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe sie zu verstehen, aber was sie sagte"
[5]

Leider erfahren wir nicht, was sie sagte, jedoch die Situation erinnert stark an den Schluss der Türhüter-Legende: Die Großmutter ist alt und weise geworden, sie hat die Gesetze der Schloss-Welt erkannt und begriffen. Ihre Stimme ist schwach und die Hände zittern – Indizien des nahenden Todes. Gleichwohl oder gerade deshalb wird sie K. einige Fragen beantworten können, welche sich ihm im Laufe seiner Suche in der Schloss-Welt gestellt haben. Dass sie nach diesem Understatement der äußeren Umstände, wonach sie - nur unter Mühen und leise und im Dunkel am Boden kauernd - zu ihm spricht, korrespondiert mit der Bürgel-Szene im Roman bzw. mit der Türhüter-Legende. Die äußeren Umstände sind gleichgültig, können sogar als unseriös gelten, es bleibt das „aber“. Sie wird K. grundsätzliche Dinge zu sagen haben, allein die adversative Konjunktion aber deutet es an. Nur die Gesetze, welche für K. gelten, sind keine Weltgesetze oder universelle Regeln, es sind seine persönlichen. Und diese gehen schlussendlich niemanden etwas an.
In Kenntnis des wirklichen Romanschlusses und der motivischen Entsprechung in Vor dem Gesetz handelt es sich beim Roman Das Schloß nicht um ein Roman-Fragment, sondern streng genommen um einen Entwicklungsroman. Es handelt sich um einen Prozess, welcher mit einer Suche beginnt, eine Findung als Zwischenstation hat und mit Überwindung endet: Es ist die Integration von K. in die Welt des Schlosses
[6]. Max Brod zumindest behauptete, Kafka hätte ihm erzählt, K. sterbe nachdem er die Mitteilung vom Schloss erhalten habe, dass er nunmehr im Dorf leben und arbeiten dürfe. Max Brod ist im Rahmen seiner Herausgeberschaft von Kafkas Werken durchaus vorzuwerfen, dass durch seine eigenmächtigen Streichungen die Intension des Romans an einer entscheidenden Stelle verändert wurde.

Wie im folgenden Kapitel dargestellt werden wird, ist ein Widerspruch zwischen dem schnöden Sein und dem autoritären Anspruch der Institution, vor allem jedoch seiner Repräsentanten vorhanden. Durch das Verhalten der Repräsentanten, aber auch durch die Tatsache, dass sich das Schloss bei näherer Betrachtung als recht verkommen und baufällig erweist, werden die Institutionen selbst persifliert. Sie können eigentlich gar nicht ernst genommen werden. Hier liegt meins Erachtens auch der Schlüssel zu Kafkas Werk: Den Protagonisten wird nach jahrelangem Warten eine Integration in die jeweilige Welt angeboten. Nur sie drohen an ihren Körpern zu scheitern. K. überkommt in der entscheidenden Szene mit dem Schlosssekretär ein dramatisches, fast unwirklich anmutendes Schlafbedürfnis. Der Mann kann seine Erfahrungen nicht für sich nutzen und auch nicht weitergeben – im Gegensatz zu Gerstäckers Mutter. Die positive Lesart von Franz Kafkas Werken ist: K. integriert sich in die Welt des Dorfes und der Mann erkennt immerhin kurz vor seinem Tode den Glanz des Gesetzesinneren.

 


[1] Schlingmann, Carsten [1995], S.103.
[2] Vgl. Kafka, Franz [1983]: Bd. Das Schloß. (Hrsg. Max Brod.) S. 297 sowie Kafka, Franz [1992]: Das Schloß. In der Fassung der Handschrift. (Hrsg. Malcom Pasley). S. 393f.
[3] Kafka, Franz [1992]: Das Schloß. In der Fassung der Handschrift. (Hrsg. Malcom Pasley) S. 393.
[4] Ebd., S. 394.
[5] Ebd., S. 384.
[6] Auch an dieser Stelle muss sowohl auf die Fragestellung als auch auf den Umfang dieser Arbeit hingewiesen werden.
 


Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur