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II. Afghanistan im Fokus des Westens

 

Neokonservative Geostrategie

 

Das Ende der sog. Blockkonfrontation stellte die deutlichste Zäsur in der Geopolitik seit dem II. Weltkrieg dar. Die vermeintliche Überlegenheit des westlichen Way of Life und das Verschwinden einer direkten Systemkonkurrenz führten dazu, dass verschiedene Apologeten einer Neuen Weltordnung, wie etwa Francis Fukuyama in seinem Buch "das Ende der Geschichte"[1] verkündeten und den finalen Siegeszug von Liberalismus, Marktwirtschaft und Demokratie propagierten. Unter Demokratie versteht Fukuyama ein System, das sich in parlamentarisch-repräsentativen Strukturen erschöpft, mit Marktwirtschaft meint er Kapitalismus, und Liberalismus wird in ökonomischer Dimension als Deregulierung verstanden. Er vernachlässigt dabei allerdings die Entwicklung in der arabischen Welt, genauso wie die wiederkehrenden systemischen Krisen eines sich stets aggressiver gebärdenden internationalen Finanzkapitalismus. Gleichwohl liefern solche Schriften die Begründung dafür, dass sich der Westen als eine Art "Sieger der Geschichte" begreift und seine Regierungen glauben, ihre Art des Wirtschaftens auf den ganzen Globus ausdehnen zu dürfen.

 

 

"Hegemonie der neuen Art"

 

 

Die Vorstellung von den USA als der einzig verbliebenen Supermacht und wie deren Vorherrschaft zukünftig insbesondere gegen China abzusichern sei, greift Zbigniew Brzezinski, der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, 1998 in seinem Buch The Grand Chessboard[2] auf. Die "Hegemonie der neuen Art" wird Brzezinski zufolge im postsowjetischen Zeitalter auf dem eurasischen Doppelkontinent errungen, auf dem sich zwei der drei produktivsten globalen Zentren, drei Viertel der Weltbevölkerung und die größten Energiereserven befinden. Afrika wird in diesem Konzept zur Peripherie erklärt, das sich automatisch durch die Vorherrschaft in Eurasien unterordnen würde. Brzezinski unterteilt Eurasien in funktionale Einheiten: In den Westen (EU), den Süden (Vorderer Orient, Arabische Halbinsel), den Osten (Teile Indiens sowie China, Japan und Indonesien) und den sog. Mittelraum (ehemalige Warschauer Vertragsstaaten). An der Schnittstelle Eurasiens liegen Afghanistan und Pakistan in der Südzone, daran grenzen die früheren zentralasiatischen Sowjetrepubliken an. Brzezinski unterstellt zwischen dem "demokratischen Brückenkopf Europa", Japan und den USA weitgehende Interessengleichheit, wobei sich die Wahl der politischen Methoden offenbar durchaus unterscheiden kann, wie der Fall Libyen zeigt. Das Ziel in diesem Spiel der Mächte besteht darin, die Dominanz über den "eurasischen Balkan" (Iran, Irak, Afghanistan, Tadschikistan und Kasachstan) zu erringen. Diese Länder bilden den Kern Eurasiens und beherbergen entweder selbst Rohstoffe oder ermöglichen den Zugang dazu. In diesem Schachspiel, wie es Brzezinski beschreibt, kommt den USA als der "einzig verbliebenen Supermacht" die Hauptrolle zu, weitere wichtige Akteure sind Japan, Russland, Indien, China, Deutschland, Frankreich, Türkei und der Iran. Außer Russland, China und Iran gehören alle diese Länder der westlichen Hemisphäre an, gerade Russland und China sind jedoch zu mächtig, um sich einer westlichen Dominanz unterzuordnen: Daher ist besonders der Iran schon lange in den Fokus der USA geraten.

 

 

Die Einkreisung des Iran

 

Der Iran liegt nicht nur an einem strategischen Angelpunkt, er besitzt auch die zweitgrößten Reserven an Erdöl, die knapp zwölf Prozent des weltweiten Vorkommens entsprechen. Daran sind gerade auch die USA interessiert, die mittlerweile 62 Prozent ihres Erdöls importieren müssen. Bereits in den 50er Jahren versuchte der Iran, seine Erdölindustrie zu verstaatlichen, was 1953 zum Sturz der Regierung Mossadegh durch die CIA führte. Die machtpolitische Konstellation hat sich in der Golfregion in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, denn der Iran ist nunmehr von fünf Atommächten umgeben: Indien, China, Pakistan, Russland und Israel. Nach dem Zerfall der UdSSR vereinbarten die NATO und die USA zahlreiche Kooperations- und Stationierungsverträge mit den sowjetischen Nachfolgestaaten, die inzwischen einen Ring um den Iran bilden. Dieser nimmt seinen Ausgang im Oman, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Saudi-Arabien, Kuwait, Irak, Türkei, Armenien, Aserbaidschan bis nach Turkmenistan. Mit Pakistan und Afghanistan wird der Ring geschlossen, wobei dort die meisten US-Truppen stationiert sind, so dass Rick Rozoff zu Recht von der "militärischen Einkreisung des Iran"[3] spricht.

 

 

Wie wichtig der Iran in der US-Strategie ist, wurde deutlich, als Präsident George W. Bush das Land gemeinsam mit dem Irak und Nord-Korea als die sog. "Achse des Bösen" in den besonderen Fokus rückte. Bereits 2008 mutmaßte Dmitri Rogosin, der russische NATO-Botschafter, dass Georgien zum Aufmarschgebiet der USA für einen Militärschlag gegen den Iran werden könnte, wahrscheinlicher ist jedoch eine andere Variante: Zwar wird offiziell stets beteuert, die ISAF wolle bis 2014 die sog. "Sicherheitsverantwortung" auf Afghanistan übertragen und dann abziehen, trotzdem ist immer wieder aus NATO-Kreisen erneut zu vernehmen, man plane auch nach 2014 eine Stationierung von bis zu 50.000 Soldaten.[4] Zuletzt ließ sich die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen bei ihrem Antrittsbesuch in Afghanistan in diesem Sinne ein und versprach sogar weiteres militärisches Gerät. Mit der permanenten westlichen Präsenz wird gleichzeitig die Drohkulisse gegenüber dem Iran mit seinem Atomprogramm[5] beibehalten. Da Pakistan trotz völkerrechtswidriger Eingriffe in die nationale Integrität, etwa durch Drohnenangriffe oder die Tötung Osama bin Ladens, letztlich ein souveräner Staat bleibt, ist das faktisch teilsouveräne Afghanistan fast dazu prädestiniert, als Aufmarschgebiet zu dienen und wird als Faustpfand einer eigenen US-Präsenz am Hindukusch so schnell nicht aus der Hand gegeben werden.



 

[1] Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man. New York 1992.

[2] Die folgenden Zitate übersetzt nach: Zbigniew Brzezinski: The Grand Chessboard. New York 1998.

[3] Rick Rozoff: Die Rolle der NATO bei der militärischen Einkreisung des Iran, 11.03.2010; www.voltairenet.org

[4] So etwa die New York Times in dem Artikel NATO Sees Long-Term Role After Afghan Combat: "NATO officials had previously said it was likely that tens of thousands of support troops would remain in Afghanistan past 2014 to provide training and other security guarantees to Kabul", 20.11.2010; www.nytimes.com

[5] Vgl. zum iranischen Atomprogramm auch: Wie in des Kaisers neue Kleider; Warum Grass recht hat.

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte