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Gute Gründe für die Gentechnik?

 

"Bitte sage mir, welchen Weg ich gehen soll!"

"Das hängt davon ab, wohin du willst"

(Lewis Carrol: Alice im Wunderland)

 

Die Gentechnik wird von ihren BefürworterInnen gerne als "Schlüsseltechnologie" oder "Zukunftstechnologie" bezeichnet. Von CDU/FDP längst als vermeintlich unerläßliches Instrument im globalen Wettbewerb gefördert, wird die Gentechnik auch von der SPD in deren Bestreben, dem Bild einer "modernen" Partei zu entsprechen, zunehmend positiv besetzt. Das Synonym "modern" für Technologie, Wachstum und Beschleunigung trübt den Blick für die Risiken, deren Erfassung für die Bewertung einer Technologie ebenso wichtig ist wie die Erfassung der Chancen.

 

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN stellen infrage, daß diese Vereinnahmung des Begriffes "modern" unserer Zeit entsprechend ist. Modern kann, bei allem, was wir heute wissen, nur eine Politik sein, die sich am Leitbild der Nachhaltigkeit orientiert. Eine Politik, die bestrebt ist, ökonomische, ökologische und soziale Ziele zu verbinden und gemeinsam zu erreichen. Vom Neben- bzw. Gegeneinander dieser Ziele zum überlebensnotwendigen Miteinander zu kommen, wird nur gelingen, wenn die Politik Nachhaltigkeit als Gestaltungsaufgabe und Innovationschance erkennt, anstatt sich nur in Sonntagsreden und auf bewußt folgenlosen internationalen Gipfeln zu ihr zu bekennen. Gemessen am Prinzip der Nachhaltigkeit, also an den Maßstäben von Naturverbrauch bzw. -zerstörung und der Belastung für nachfolgende Generationen, ist die Gentechnik eine Risikotechnologie und keine Zukunftstechnologie.

 

Risikotechnologien definieren sich anhand der Kriterien Reichweite und Eingriffstiefe. Maßstab ist die Wirkung des Eingriffs in Raum und Zeit und die Überschaubarkeit der erwünschten Wirkung und eventueller unerwünschter Nebenwirkungen. Wird die Kluft zwischen dem, was uns möglich ist zu tun, und dem, was uns möglich ist, über die Folgen unseres Tuns zu wissen, unüberschaubar - einfacher ausgedrückt: wenn wir weiter werfen als wir sehen -  entsteht nach Hans Jonas die Verantwortbarkeitslücke.

Neue Organismen, die mithilfe der Gentechnik entstehen, sind nicht einfach mit Mutationen in der Natur vergleichbar. Genmanipulation kann absichtlich oder aus Versehen auch schädliche Genveränderungen in Serie produzieren. Damit tritt eine Gefahr auf, die bisher auf unserem Planeten systemimmanent ausgeschlossen war: die Möglichkeit massenhafter Verbreitung genetischer Fehler. Die Natur kennt auch keinen Gentransfer über Artgrenzen hinweg. Letztlich wäre aber auch ein solches Geschehen in der Natur keine Legitimation für menschliches Handeln, denn Menschen tragen für ihr Tun Verantwortung.

 

Eine Gesellschaft - bzw. ihre demokratisch legitimierten VertreterInnen - kann sich für die bewußte Inkaufnahme von Risiken entscheiden. Um ein solches Risiko wie das der "Nebenwirkungen" der Gentechnik in Kauf zu nehmen, muß es allerdings gute Gründe geben.

 

1986 verabschiedeten die GRÜNEN auf der 8. Bundesversammlung den "Hagener Beschluß": die kategorische Ablehnung der Gentechnik mit dem Ziel, "...den Einstieg in das Zeitalter der Gentechnik (zu) verhindern". Die Wirklichkeit von 1997 sieht anders aus, denn die herrschende Politik fand es nicht nötig, die Gentechnik zu verhindern. Sie hat im Gegenteil - nicht nur in Deutschland - mit Subventionen, Haftungsfreistellungen und ohne öffentlichen Diskurs dafür gesorgt, daß die Gentechnik in die Landwirtschaft, die Lebensmittelproduktion, die Medizin und die Schwangerenvorsorge eingezogen ist. Als gute Gründe dafür werden Hoffnung auf Heilung bisher unheilbarer Krankheiten, Arbeitsplätze und Weltmarktchancen genannt.

Wir stellen uns angesichts der geschaffenen Fakten einer doppelten Aufgabe. Die Gentechnik muß vor dem Hintergrund ihrer zwischenzeitlichen Entwicklung und der realen Anwendung erneut bewertet werden, und es muß ein politisches Instrumentarium benannt werden, das den Umgang mit der Gentechnik regelt.

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte