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1. Kapitel: DIE GENTECHNISCHE HERRICHTUNG DER NATUR

 

 

1.1. LANDWIRTSCHAFT

 

Der Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft soll umweltschonende Anbaumethoden ermöglichen, Erträge steigern, Produktionskosten senken und den Hunger in der Welt besiegen, so die Versprechungen der Gentechnikindustrie. Durch gentechnische Eingriffe in pflanzliches und tierisches Erbgut werden Eigenschaften und Inhaltsstoffe von Pflanzen verändert und den Bedürfnissen einer industrialisierten Landwirtschaft und Lebensmittelherstellung angepasst. Risiken, die durch die Schaffung neuer, vermehrungsfähiger Organismen entstehen, werden als spekulativ abgetan, die Genmanipulation mit herkömmlicher Hybridzüchtung gleichgesetzt. Als Beleg für die Risikolosigkeit werden die weltweit über 5000 Freilandversuche angeführt, die jedoch fast ausschließlich ohne begleitende Risikoforschung durchgeführt wurden. Vor allem zu Langzeiteffekten fehlen Erkenntnisse. Einige dieser „spekulativen“ Risiken sind bereits Realität geworden.


Gentechnik ist nicht gleich Züchtung

Zwischen Eingriffen in Pflanzengenome und herkömmlicher Hybridzüchtung bestehen erhebliche Unterschiede, deren Auswirkungen auf Pflanzeninhaltstoffe und das biologische Umfeld noch weitgehend unbekannt sind. Bei der herkömmlichen Züchtung werden verschiedene Sorten ein und derselben Art miteinander gekreuzt, Erbanlagen dadurch ausgetauscht und neu kombiniert. Mit Hilfe der Gentechnik hingegen werden einzelne oder mehrere Gene aus verschiedenen Arten über alle Artgrenzen hinweg übertragen und neu kombiniert.

 

Auskreuzung von genmanipulierten Eigenschaften

Bei unkontrollierter Verbreitung von manipuliertem Erbgut muß mit Auswirkungen auf das biologische Gleichgewicht und die biologische Vielfalt gerechnet werden. Dieses Problem ergibt sich mit fast allen transgenen Kulturpflanzen jeweils in den Ländern und Regionen der Erde, in denen nahverwandte, kreuzbare Wildarten vorkommen, etwa bei Raps. Das Einkreuzen von Rapspollen, welche die Herbizidresistenz vermitteln, in Stoppelrüben unter Freilandbedingungen wurde bereits nachgewiesen.

Auch bei Mais und Kartoffeln, die in Europa keine natürlichen Artverwandten haben, besteht die Gefahr der Fremdbefruchtung. Für Landwirte, die nach den Richtlinien des kontrollierten ökologischen Anbaus (z. B. Demeter, Bioland) wirtschaften, können solche Auskreuzungen zu erheblichen Einbußen führen, da gentechnikfreie Ware garantiert werden muß.

Der horiontale Gentransfer betrifft vor allem Bakterien, die über eine Vielzahl von Transfermöglichkeiten verfügen. Die Möglichkeit der Übertragung von Genen transgener Pflanzen auf Mikroorganismen wurde in Versuchen belegt. Bakterien sind wichtige Mitglieder des Lebensraums Boden, der jedoch noch weitgehend unerforscht ist, weshalb Genmanipulationen besonders riskant sind. Die Auswirkungen auf die Bodenfruchtbarkeit können nicht prognostiziert werden.

 

Gentechnisch erzeugte Resistenzen

Ein Großteil der Freilandversuche konzentriert sich auf transgene, herbizidresistente Pflanzen. Neuere Untersuchungen belegen, daß der Anbau von herbizidresistenten Pflanzen eine vermehrte Anwendung von Unkrautvernichtungsmitteln zur Folge haben wird. Vor allem in basta-resistenten Beständen werden in der Praxis neben der zwei- oder dreimaligen Anwendung von Basta weitere Herbizide angewendet werden müssen, um resistent gewordene Unkräuter bekämpfen zu können. Entgegen den Erwartungen des Herstellers hat in Australien ein dort gefürchtetes Unkraut bereits eine Resistenz gegen den Wirkstoff Glyphosat des Herbizids "Roundup" entwickelt. Durch den großflächige Einsatz von großen Mengen sind negative Auswirkungen auf das Grundwasser zu erwarten, zudem wenig über den Abbau von Herbziden im Boden bekannt ist.

Neben der Herbizidresistenz wird mit Hilfe der Gentechnik auch versucht, Krankheitsresistenzen und Insektenresistenzen in Kulturpflanzen zu vermitteln. Was zunächst wegen der möglichen Einsparung von Pestiziden positiv bewertet werden kann, zeigt bei näherem Hinsehen eine ganze Reihe von Problemen.

Ein besonderes Risiko der Freisetzung virusresistenter Pflanzen besteht in der Entstehung neuer Virusarten, die Kultur- und Wildpflanzen schädigen können. Zudem können sich die Viren einen neuen Wirtskreis erschließen und auch veränderte Symptome hervorrufen. Umfassende Erkenntnisse fehlen auch hier. Dessen ungeachtet laufen in Deutschland bereits Versuche mit virusresistenten Zuckerrüben.

Insektenresistenzen werden durch den Einbau von Genen des "Bacillus thuringiensis" in Nutzpflanzen erreicht. Die so manipulierten Pflanzen produzieren ein giftiges Eiweiß, das die entsprechenden Schädlinge tötet; die Pflanzen werden also selbst zum Insektizid. Bisher ging man noch davon aus, daß dieses Toxin für Menschen und Tiere ungefährlich ist. Im Labortest wirkte der Stoff jedoch schädigend auf menschliche Blutzellen, direkte Injektionen in die Blutbahn von Mäusen waren sogar tödlich. Eine mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwartende Resistenzbildung bei den zu bekämpfenden Schadinsekten kann zu erheblichen volkswirtschaftlichen Schäden in der Landwirtschaft führen. Bei der 1996 in den USA erfolgten ersten großflächigen Anpflanzung von insektenresistenter Baumwolle, wurde auf einem Teil der Fläche ein hoher Befall von Schädlingen festgestellt, gegen die die Pflanzen eigentlich resistent sein sollten. Der Schädlingsbefall mußte mit Insektiziden bekämpft werden, was durch die Genmanipulation eigentlich vermieden werden sollte. Inzwischen ist klar, daß die Schädlinge bereits Resistenzen entwickelt haben.

Beachtet werden müssen auch mögliche Auswirkungen auf Nützlinge und Bodenlebewesen. Neue Organismengruppen können mit relativ hohen Dosen des Toxins konfrontiert werden. Untersuchungsergebnisse weisen bereits auf eine veränderte Zusammensetzung der Bodenmikroorganismen hin, welche für die Fruchtbarkeit des Bodens sehr wichtig sind. Die Wirkung auf Nützlinge und andere Insekten ist noch nicht ausreichend bekannt.

In vielen Fällen können Schädlingen durch den gezielten Einsatz von natürlichen Feinden bekämpft werden. Seit 20 Jahren wird mit Erfolg eine Schlupfwespe zur Maiszünslerbekämpfung eingesetzt.

 

Veränderung der Inhaltsstoffe - nachwachsende Rohstoffe

Nachwachsende Rohstoffe werden für die Landwirtschaft als neue Perspektive, ja sogar als ein für die Zukunft unverzichtbarer Produktionsbereich gesehen. Um eine maximale Ausbeute von bestimmten Inhaltsstoffen zu erreichen, werden Pflanzengenome so manipuliert, daß ein Stoff, zum Beispiel eine Fettsäure oder Stärke zu einem höheren Anteil enthalten ist, als bei bisher gezüchteten Sorten üblich. In Freilandversuchen werden in Deutschland Kartoffeln mit höherem Stärkeanteil und Raps mit verändertem Fettsäuremuster getestet.

Zur Veränderung der Produktqualität werden auch völlig pflanzenfremde Gene in Nutzpflanzen übertragen. So wurde in Luzerne ein Hühnergen eingebaut, um eine „Verbesserung“ des Proteingehalts zu erreichen. Und zur Erzeugung von menschlichem Serum-Albumin und schmerzsenkendem Enkephalin wird mit dem Einbau menschlicher Gene in Kartoffeln und Raps experimentiert.

Auch wenn Pflanzen nicht unbedingt als Nahrungsmittel eingesetzt werden müssen, sind Auswirkungen auf die Gesundheit von Wildtieren zu beachten. Bezogen auf den Menschen sind die Auswirkung transgener Pollen, etwa aus Raps im Honig, schlicht unbekannt.

Zu erwarten ist die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen im Vertragsanbau für zentrale Ölmühlen oder Stärkefabriken. Für die BäuerInnen und die betreffende Region würde dies Anbau in Monokulturen und Abhängigkeit von dem jeweiligen Vertragspartner bedeuten.

 

Forstpflanzen

Bisher spielt der Einsatz der Gentechnik in der Forstwirtschaft nur eine untergeordnete Rolle. Mit Ausnahme der Pappel erwiesen sich bisher Versuche, transgene Waldbäume herzustellen, als weitgehend erfolglos. Grundsätzlich werden jedoch dem Einsatz der Gentechnologie in der Forstwirtschaft ähnliche Möglichkeiten wie in der Landwirtschaft eingeräumt. Beschleunigung der Züchtung, verbesserte Vitalität und höhere Toleranz gegenüber Giften, Krankheiten und Schädlingen, schnelleres Wachstum und Verbesserung der Holzqualität werden als Ziele angestrebt. Angeblich können diese Ziele nur auf diesem Weg erreicht werden. In Großhansdorf in Schleswig-Holstein findet ein Versuch mit transgenen Pappeln statt. Neben den unabwägbaren Risiken einer unkontrollierten Freisetzung von neuen Genkonstrukten und den möglichen Folgen für die Artenvielfalt, besteht die Gefahr, daß versucht wird, den Einsatz von umweltfreundlichen Technologien und Maßnahmen zur Schadstoffreduktion durch genmanipulierte, gegen Gifte resistente Bäume, zu ersetzen.

 

Transgene Tiere

Die Gentechnologie greift mit ihrem ungeheueren Potential auch in Tiere ein. Das Vermischen der Erbsubstanz des Tieres mit fremdgenetischem Material, sei es vom Menschen, von anderen Tierrarten, von Pflanzen oder Mikroorganismen stellt eine neue Eingriffstiefe des Menschen am Tier dar. Tiere werden in die Kategorie von Maschinen gerückt, durch den technischen Eingriff ihrem Selbstzweck entfremdet sowie oft einem ganz neuartigen Tierleid ausgesetzt. Ein Ziel der Genmanipulationen sind schneller wachsende und futtereffizientere Tiere durch den Einbau fremder Wachstumsgene ins Erbgut. So gibt es bereits Fische mit Menschen- oder Rattengenen und Geflügel, die das Wachstumshormon von Rindern bilden. Hühner, Enten Truthähne, Kühe, Schweine und Schafe wurden mit einem veränderten Hormonrezeptor versehen, wodurch Stoffwechsel und Wachstum der Tiere kontrolliert werden sollen. Das unnatürlich schnelle Wachstum beeinträchtigt die Gesundheit der Tiere massiv.

 

Neue Abhängigkeiten

Die Gentechnik ist vor allem eine Rationalisierungstechnologie. In der Landwirtschaft wird sie einen nochmaligen Industriealisierungsschub einleiten und damit Arbeitsplätze vernichtet. Vor allem kleinere Betriebe werden betroffen sein. Die Landwirtschaft gelangt immer mehr in die Abhängigkeit der Chemiemultis, denen eine weitgehende Monopolisierung des Saatgut- und Pestizidmarktes gelungen ist.. Das manipulierte Saatgut und das dazu passende Herbizid gibt es von einem Hersteller im "Doppelpack". Die Böden werden nun erst recht den Giftduschen ausgesetzt und die Landwirschaft wird auch weiterhin am Tropf der Subventionierung hängen und fragwürdige Massenprodukte als Lebensmittel für einen übervollen Markt anbauen. Tiere und Pflanzen werden wie technische Gerätschaften behandelt, Massenproduktionsbedingungen unterzogen und es werden ihnen Leistungen abverlangt, die jenseits der natürlichen Möglichkeiten liegen.

Auch in der sog. Dritten Welt begünstigt teures, transgenes Saatgut die industrielle Landwirtschaft. KleinbäuerInnen werden von Plantagenwirtschaft verdrängt, Armut und Hunger verschärft. Der Hunger wird sich mit Gentechnik nicht beseitigen lassen, denn Hunger wird durch ein komplexes Zusammenspiel von Armut, zu knappen oder zerstörten Ressourcen, von falscher Politik und Krieg verursacht. Hunger ist eine soziales und politisches Problem, das nicht von einer Technologie gelöst werden kann. Die genetische Vielfalt, die für viele BäuerInnen in der sog. Dritten Welt die Grundlage für Ihre Existenz bedeutet, wird verdrängt durch uniformes Saatgut, angebaut in Monokulturen. Zusätzlich wird die biologische Vielfalt durch unkontrollierte Verbreitung von transgenem Erbgut gefährdet. Wenn zum Beispiel Vanille und Kakaobutter im Genlabor hergestellt werden können, dann verlieren Dritte-Welt-Länder weitere Devisenquellen.

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN wenden sich entschieden gegen Gentechnik in der Landwirtschaft. Wir sprechen uns gegen jede Art von Freisetzung genmanipulierter Organismen in die Natur aus. Unsere Solidarität gilt deshalb den zahlreichen Initiativen, die sich gegen Freisetzungen wenden.

 

Forderungen

  1. Keine staatliche Unterstützung für gentechnische Anpassung der Natur an die Anforderungen von Industrie und Technik. Staatliche Förderungen in der Forschung sind in diesem Bereich einzustellen.
  2. Im Rahmen der Patentierungsrichtlinien muß ein Verbot der Patentierung von Pflanzen und Tieren sowie deren Erbgut aufgenommen werden.
  3. Klärung und Verschärfung des Produkthaftungsrechts und Einführung einer umfassenden Haftung mit Versicherungspflicht gegenüber den Betreibern gentechnischer Anlagen und Freisetzungen für ökologische und gesundheitliche Schäden.
  4. Genehmigungsverfahren für Freisetzungen unter Beteiligung der Öffentlichkeit für jeden Standort.
  5. Kennzeichnung und Überwachung von Kulturen, die in der Europäischen Union zur Inverkehrbringung und zum Anbau zugelassen sind.
  6. Verbot von Genmanipulationen und Qualzuchten an Tieren.

 

 

1.2. ENZYME

 

Katalysatoren sind für die chemische Industrie von grundlegender Bedeutung. Synthetische Katalysatoren und Biokatalysatoren verfügen über enorme Entwicklungspotentiale. Nicht gentechnische Biokatalysatoren können ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeit sein. Für die Weiterentwicklung der Enzymtechnologie ist die Gentechnik nicht zwingend notwendig. Der Gentechnik bzw. einer gentechnischen Enzymproduktion sind ökologische Risiken inhärent.

Zwar macht der Einsatz gentechnologischer Methoden enzymatische Verfahren vielfach attraktiv, indem die Wirksamkeit und die Ausbeute an Enzymen bei gegebenem Soff- und Energieeinsatz verbesssert wird, erzielt werden diese Vorteile jedoch nur durch eine wachsende Eingriffstiefe, durch wachsende ökologische Langfristrisiken der Produktionsstämme und durch Ausweitung des Allergierisikos bei Beschäftigten wie VerbraucherInnen.

Wirtschaftspolitisch wird die gentechnische Enzymherstellung dazu beitragen, in den Kernbereichen ihrer Anwendung eine zunehmende Zentralisierung, Technisierung und Industrialisierung momentan noch klein- und mittelständischer Produktionszweige zu forcieren. So ist beispielsweise für die Lebensmittelverarbeitung mit zunehmenden Marktanteilen der großen transnationalen Unternehmen zu rechnen, die als einzige in der Lage sein werden, hohe Forschungs- und Entwicklungskosten zu finanzieren.

Ressourcenschonung und Risikominimierung sind für BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN wichtige Ziele. Schon jetzt ist unsere Gesellschaft damit überfordert, die Vielzahl von synthetischen chemischen Verbindungen und ihre Nebenreaktionen zu überwachen und effektiv zu kontrollieren. Durch die Gentechnik wird diese Unübersichtlichkeit jedoch noch potenziert. Deswegen gehört es zu einer vorausschauenden Forschungs- und Technologiepolitik, gezielt Risikominimierung zu betreiben und die Gesellschaft von Managmentpflichten zu entlasten und ihr keine neuen aufzubürden.

 

 

1.3. GENTECH-FOOD

 

Die Lebensmittelerzeugung ist eines der wichtigsten Anwendungsgebiete, auf dem mit der Gentechnik geforscht, entwickelt, experimentiert und produziert wird. Genmanipulierte Lebensmittel verstärken die Tendenz der Entfremdung unser Ernährung von der Natur. Lebensmittlel werden durch die Gentechnik immer industrialisierter, uniformierter und ungesünder. 95 Prozent der Bevölkerung fordern eine Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel. Drei von vier Deutschen lehnen den Verzehr von genmanipuliertem Obst und Gemüse kategorisch ab.

Gesundheitliche Risiken

Die Auswirkungen genmanipulierter Lebensmittel können vor allem auf Kleinkinder und allergisch reagierende Menschen beträchtlich sein. Wer hätte schon vermutet, daß eine genmanipulierte Sojasorte der US Firma Hi-Bread International, der ein Gen der Paranuß übertragen würde, als starkes Allergen wirkt? Dieses Produkt konnte gerade noch rechtzeitig aus dem Marktzulassungsverfahren in den USA genommen werden. Mit der ungekennzeichneten Vermarktung kann das Einkaufen für Allergiker zum Russisch-Roulette werden.

Absolut überflüssig ist die Verwendung von Antibiotika-Resistenzen als sog. Marker-Gene in Pflanzen. Wissenschaftliche Studien belegen die Übertragung von Antibiotikaresistenzen im menschlichen Magen-Darm-Trakt auf dort angesiedelte Mikroorganismen. Beim Einsatz entsprechender Antibiotika in der Therapie gegen Krankheiten können dann resistente Erreger nicht mehr bekämpft werden. Diese Antibiotika entfallen dann dauerhaft als Therapeutika.

 

Novel-Food-Verordnung

Seit Mai 1997 gilt die sog. Novel-Food-Verordnung zum Umgang mit neuartigen Lebensmitteln in der Europäischen Union. Diese Verordnung genügt nicht den an sie gestellten Ansprüchen nach der Kennzeichnung von Gentech-Food. Sie verschleiert mehr, als sie offenlegt. Ein großer Teil der genmanipulierten Lebensmittel ist von ihr ausgeschlossen und darf ungekennzeichnet vermarktet werden. Die zahlreichen Schlupflöcher und Interpretationsmöglichkeiten machen sie nahezu undurchführbar.

Solange gentechnisch erzeugte oder veränderte Enzyme, Aromen, Extraktionsmittel und Zusatzstoffe von dieser Verordnung, die eigentlich die Produktionsverfahren „neuartiger“ Lebensmittel transparenter machen sollte, ausgeschlossen und von der Kenn­zeichnungspflicht befreit sind, kann niemand mehr feststellen, aus welchen Bestandteilen Lebensmittel wirklich bestehen.

Eine weitere Absurdität dieser Verordnung betrifft die Kontrollmöglichkeiten der wenigen Lebensmittel, für die sie überhaupt gilt. Denn die Hersteller transgener Produkte werden nicht verpflichtet, mit den Antragsunterlagen auf Zulassung auch die entsprechenden Nachweismethoden und -instrumente für die vorgenommenen Genmanipulationen mitzuliefern. Nur so ist jedoch eine wirksame Kontrolle durch die Untersuchungsbehörden möglich. Die SteuerzahlerInnen werden also de facto gezwungen, die Erforschung von Nachweismethoden zu zahlen.

 

Die Novel-Food-Verordnung muß novelliert werden. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN fordern,

  1. daß die Kennzeichnung der Produkte, die unter die Novel-Food-Verordnung fallen, grundsätzlich Auskunft über die Art der Veränderung sowie über das Produktionsverfah­ren gibt. Aus der Etikettierung muß eindeutig hervorgehen, daß gentechnische Metho­den angewandt wurden,
  2. daß Zusatzstoffe, Enzyme und Extraktionsmittel unter die Novel-Food-Verordnung fallen,
  3. daß die Kennzeichnung nicht nur für den/die EndverbraucherIn, sondern auch für alle Stufen der Lebensmittelproduktion (vom Saatgut bis zum Endprodukt) erfolgt,
  4. daß alle umweltschonend und sozialverträglich hergestellten Produkte, die auf die Ver­wendung gentechnischer Methoden verzichten, offensiv gefördert werden,
  5. daß gentechnikfreie Märkte erhalten bleiben,
  6. daß für Produkte mit Öko-Label weiterhin gilt, daß sie ausschließlich ohne gentechnische Methoden und ohne die Verwendung gentechnisch hergestellter Sub­stanzen hergestellt wurden.

 

Weitere Forderungen zu Gentech-Food

Wegen der absehbaren, verbleibenden Lücken und Schwächen der Novel-Food-Verordnung müssen sich die Anstrengungen aber auch auf die Einführung eines Gütesiegels „Gentechnikfrei“ richten. Eine Richtlinie zur Positivkennzeichnung ist unerläßlich. Wir sehen hierbei als Problem die Verlagerung der Beweislast auf die falsche Seite. Nicht wer natürliche Lebensmittel anbietet, sollte dies beweisen müssen, sondern wer genmanipulierte Ware verkaufen möchte, muß dazu stehen. Da die Nachweispflicht ständige Kontrolle und enorme finanzielle Aufwendungen bedeutet, würden sich gesunde Nahrungsmittel verteuern. Deshalb fordern wir ein staatlich garantiertes Gütesiegel "Gentechnikfrei" für den Fall, daß die Novel-Food-Verordnung nicht in unserem Sinn novelliert wird.

Hersteller und Anwender transgener Produkte müssen die volle Haftung für ihr Tun gegenüber Mensch und Natur überneh­men (Umwelt- und Gefährdungshaftung). Geht es nach der Industrie, dann werden ihr zwar die Erträge aus dem Verkauf transgener Produkte zufließen, die langfristigen Kosten und die Verantwortung jedoch sollen der Allgemeinheit zugeschoben werden.

Genmanipulierte Lebensmittel sind überflüssig, umweltschädigend und gefährlich. Sie decken keinen Bedarf, der nicht mit natürlichen Lebensmitteln schon zu decken wäre. Nahrung muß für den Menschen sicher sein. Sie darf keine, wie auch immer gearteten Risiken für Gesundheit und Leben bergen. Zu den fundamentalen Bürgerrechten gehört auch das Recht, zu wissen, was auf den Tisch kommt.

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte