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Gentechnische Methoden und Risiken in der Pharmakaerzeugung und -verwendung

 

 

Durch den Einzug gentechnischer Methoden in die Medikamentenherstellung sollten sowohl eine höhere Wirksamkeit als auch weniger Nebenwirkungen der Präparate erreicht werden. Unendlich viele Hoffnungen auf Heilung wurden durch GenTech-Industrie und GentechnikerInnen geweckt. Nach gut einem Jahrzehnt Erfahrungen mit der gentechnischen Produktion von Medikamenten sehen die Ergebnisse durchaus dürftig aus. In diesem Aufsatz soll zunächst am Beispiel von Humaninsulin die gentechnologische Methode an sich beschrieben werden. Daran anschließend werden einige weitere Beispiele von gentechnisch erzeugten Medikamenten angeführt, damit zusammenhängende wirtschaftlichen Aspekte skizziert und auf Sicherheitsaspekte eingegangen.

Produktionsverfahren Humaninsulin

Fast allen gentechnisch-erzeugten Medikamenten ist eines gemeinsam: Über Genmanipulation, über die Einfügung einer fremden, intakten Gensequenz, welche die Entstehung eines bestimmten Proteins kodiert, werden Wirtszellen (Bakterien oder auch Hefe- und Säugetierzellen) zur Synthese dieses Proteins gebracht. Diese Wirtszellen werden in großen Einheiten vermehrt, im Anschluß daran abgetötet und der gewonnene Stoff isoliert und chemisch modifiziert.

Affen-DNA und Humaninsulin

I. Schritt: Aus einer gesunden (im Sinne von insulinproduzierenden) Bauchspeicheldrüse der Affenart Macaca fascicularis[1] werden Zellen entnommen und die m-RNA[2] isoliert. Über Reverse Transkriptase wird die m-RNA zur c-DNA[3] komplementiert und die Gensequenz, welche die Insulinsynthese kodiert, isoliert.

II. Schritt: Aus Escherichia coli (E. coli) Bakterien, die aus der menschlichen Darmflora stammen, werden zunächst Plasmide[4] isoliert. Mit Hilfe von Restriktionsenzymen, einer Art "biologischer Schere", werden die Plasmide aufgeschnitten. Die jeweils einsträngigen Enden von Plasmid und DNA-Strang (Insulin-Gen) werden durch Ligase, einem "biologischen Klebstoff", miteinander verbunden. Die rekombinanten Plasmide werden auf die Wirtsbakterien übertragen. Im Anschluß daran werden die transformierten (genmanipulierten) Bakterien in einem Fermenter in großen Mengen vermehrt, das entstandene Proinsulin aus der Zellmasse isoliert und auf chemischem Wege zu Insulin umgewandelt, indem aus der Mitte des Moleküls eine Aminosäuresequenz isoliert wird. Das eigentliche Insulinmolekül besteht aus einer Kette mit 51 Aminosäuren.

Die Insulinproduktion bei Hoechst

Bei der Firma Hoechst in Frankfurt, die 1994 die endgültige Genehmigung zur großtechnischen Erzeugung von Humaninsulin mit gentechnologischer Methodik erhielt, findet diese Produktion in drei verschiedenen Betriebseinheiten statt. Im Betriebslabor wird zunächst die eigentliche Genmanipulation vorgenommen und die Vermehrung begonnen, in Fermtec schließlich die Lösung in einem Produktionsfermenter angesetzt und die Bakterienkultur vermehrt. Durch Zugabe eines laktoseähnlichen Stoffes produzieren die Bakterien das gewünschte Vorinsulin. Die Bakterien werden schließlich durch ein Desinfektionsmittel abgetötet. In der Chemtec genannten Stufe werden die vorher abgetrennten E. coli-Bakterien chemisch zerstört, das Vorinsulin freigesetzt und abgeschöpft. Ein angelagerter Molekülrest (Beta-Galaktosidase) wird in Ameisensäure durch Chloryan abgespalten. In der letzten Phase, der Insultec, wird das Rohinsulin aufbereitet, modifiziert und gereinigt.

 

Beispiele gentechnisch-erzeugter Medikamente

Humaninsulin
Wirkungsweise von Insulin

Insulin regelt im menschlichen Körper den Glukosehaushalt. Ist mehr Glukose vorhanden als benötigt wird, so wird sie in Glykogen umgewandelt und in Leber und Muskelzellen zwischengelagert. Für gewöhnlich liegt die Glukose-Konzentration im Blut zwischen 0,7 und 1,1 mg pro Liter. Durch das Ansteigen der Konzentration wird die Insulinsynthese in den Beta-Zellen der Leber bewirkt. Das Insulin setzt sich an den Rezeptoren der Leber- und Muskelzellen fest und übermittelt dadurch die Information, daß Glukose gespeichert werden soll. Sinkt die Glukose-Konzentration im Blut, wird die Produktion von Insulin eingestellt. Fällt die Glukose-Konzentration unter den Normalwert, werden die Alpha- und Deltazellen der Langerhans'schen Inseln aktiviert und produzieren Glukagon, das wiederum die Umwandlung von Glykogen in Glukose bewirkt.

Ursachen für Diabetes

Generell kann zwischen zwei Arten von Diabetes unterschieden werden. Der Typ 1 (juveniler Diabetes) tritt bereits bei Jugendlichen auf und kann mit schweren Komplikationen einhergehen, die im Regelfall die Lebenserwartung der Erkrankten senkt. Bei Menschen mit juvenilem Diabetes ist die Funktion der Beta-Zellen in den "Langerhans'schen Inseln" in der Bauchspeicheldrüse, gestört und die Insulinproduktion des Körpers beeinträchtigt. Das hat zur Folge, daß der Glukosewert im Körper zu hoch ist. Etwa 5 Prozent der Diabetes-Kranken in Deutschland leidet an diesem Typus.

Typ 2 (Altersdiabetes) kommt bei Erwachsenen vor, in der BRD sind dies rund 95 Prozent aller Diabetes-Kranken. Ursachen für den Typ 2 können eine erkrankungsbedingte Erschöpfung der Bauchspeicheldrüse sowie Störungen der Insulinaufnahme durch die Rezeptoren in den Muskelzellen sein. Rund ein Drittel der DiabetikerInnen, die an Typus 2 leiden, müssen Insulin zu sich nehmen. Interessant ist dabei, daß die Zahl der Diabetes-Kranken des Typ 1 seit Jahren relativ konstant ist, während der Typus 2 stark zugenommen hat. Zwar spielen wohl erbliche Komponenten bei der Entstehung von Diabetes mellitus eine gewisse Rolle, viel wichtiger jedoch sind andere, nichtgenetische Faktoren, wie etwa psychische Belastungen, Streß und insbesondere Ernährungsgewohnheiten.

Herstellungsverfahren

Neben der gentechnischen Erzeugung in Wirtszellen kann Insulin noch mittels zweier weiterer Methoden gewonnen werden.

Tierisches Insulin: Seit den 20er Jahren wurde Diabetes-Kranken tierisches Insulin, das man aus Schweine- und Rinderbauchspeicheldrüsen gewinnen kann, verabreicht. Das Rinder-Insulin unterscheidet sich vom menschlichen Insulin in drei Basenpaaren, das Schweine-Insulin lediglich in einem. Die bei Rinder-Insulin anscheinend häufiger auftretenden allergischen Reaktionen, so der "Bremer Gesundheitsladen", liegen nicht in der Abweichung des Rinder-Insulins, sondern an präparatspezifischen Konservierungsstoffen.

Semisynthetisches Insulin: Hier wird die Aminosäure, in der sich das Insulin des Menschen von der des Schweins unterscheidet, durch ein chemisches Verfahren abgespalten. Diese wird durch die entprechende Aminosäure ersetzt, so daß das Endprodukt mit dem menschlichen Insulin identisch ist.

Humaninsulin verdrängt andere Insulinarten

Vor einigen Jahren begannen die drei Konzerne Eli Lilly (USA), Novo Nordisk (Dänemark) sowie die Hoechst AG, die inzwischen über 90 Prozent des Weltbedarfs an Insulin decken, mit einer Kampagne zur "Umprogrammierung" der Diabetes-Kranken von tierischem Insulin auf Humaninsulin. Flankiert von einer breit angelegten Anzeigenkampagne[5] wurde an ÄrztInnen ein Betrag von 50 bis 100 Mark für jeden von tierischem Insulin auf Humaninsulin umgestellten Patienten bezahlt. Formal erhielten die ÄrztInnen diesen Betrag für das Ausfüllen eines Fragebogens. An Krankenhäuser wurde sogar kostenlos Humaninsulin abgegeben. Inzwischen sind ca. 80 Prozent aller insulinpflichtigen PatientInnen auf Humaninsulin umgestellt worden. Sowohl beim Gebrauch von semisynthetischem Insulin als auch von Humaninsulin, so das Resultat einer Schweizer Studie[6] vor zwei Jahren, kann jedoch eine gravierende Nebenwirkung auftreten: Symptome für eine bevorstehende Hypoglykämie, also einer Unterzuckerung (Herzklopfen, Zittern, Hungergefühl und Schwitzen), wie sie bei tierischem Insulin auftreten, unterbleiben bei rund einem Drittel der PatientInnen, die mit Humaninsulin behandelt wurden. Diese Menschen haben ein unkalkulierbares Risiko zu tragen, da sie jederzeit in Ohnmacht fallen und schwere Gehirnschäden davontragen können. Im Straßenverkehr gab es dadurch bereits tödliche Unfälle. Entgegen den Versprechungen der Pharmaindustrie treten auch bei Humaninsulin allergische Reaktionen auf, da selbst gentechnische Methoden Verunreinigungen im Endprodukt nicht völlig ausschließen können.

Wachstumshormon Somatotropin

Somatotropin, ein Wachstumshormon, wird im Hypophysenvorderlappen synthetisiert. Es besteht aus 191 Aminosäuren. Eine unzureichende körpereigene Produktion von Somatotropin führt zu Wachstumsstörungen. Die Folge: Minderwuchs. Bislang wurde der Bedarf an Somatotropin aus Leichen gewonnen. Inzwischen ist die entsprechende Gensequenz, welche die Somatotropin-Synthese kodiert, in E. coli-Bakterien oder Säugetierzellen eingebaut worden. Bei dieser Produktion von Somatotropin treten zwei wichtige Sicherheitslücken auf:

Die Einfügung des Somatotropin-Gens in die Säugetier-DNA[7] birgt die Gefahr, daß "stillgelegte" retrovirale DNA-Sequenzen reaktiviert werden. Schlimmste Folge: eine unbemerkte Verseuchung des Präparats mit Retroviren.

Die zweite Sicherheitslücke besteht darin, daß eigentlich noch viel zu wenig darüber bekannt ist, durch welche Mechanismen das menschliche Wachstum überhaupt reguliert wird.

Gleichwohl wird Somatotropin als Medikament weiter verabreicht. Eine Diskussion darüber, warum Minderwuchs überhaupt als Krankheit therapiert wird, findet nicht statt. Durch die gentechnische Produktion von Somatotropin und dem damit verbundenen Wunsch der Herstellerfirmen, daß sich die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten amortisieren, werden neue Anwendungsfelder für Somatotropin (z. B. als leistungssteigerndes Mittel für SportlerInnen) gesucht,

"Betaseron" 

Ende 1995 wurde das gentechnisch erzeugte Beta-Interferon unter dem Markennamen "Betaseron" von Berlex, einer Schering-Tochter, auf den bundesdeutschen Markt eingeführt. Versprochen wurde (Presseschlagzeile: "Schering will Sklerose stoppen") bei schubartig verlaufender Multipler Sklerose, daß weniger MS-Schübe zu erwarten seien. Eine Untersuchung aus den USA an MS-kranken PatientInnen, die vier Jahre mit Betaseron therapiert worden waren, zeigte - so Prof. Dr. Seidel -, daß "kein signifikanter Einfluß" von Betaseron auf den Krankheitsverlauf festzustellen ist. Nur bei neun Prozent der MS-Kranken, die mit Betaseron behandelt worden waren, seien weniger MS-Schübe feststellbar gewesen. Als Nebenwirkungen traten starke Depressionen auf. Sogar Suizid-Versuche kamen vor, vielleicht auch mitverursacht durch die enttäuschten Hoffnungen der PatientInnen. Als Folgeerkrankungen wurden schwere Hautschäden und Geschwüre (Nekrosen), die in den USA bei fünf Prozent der PatientInnen auftraten, sowie schlecht heilende Gewebeschäden an den Injektionsstellen beobachtet. Zudem fand teilweise eine recht massive Immunreaktion statt. Antikörper gegen den Wirkstoff Beta-Interferon wurden gebildet. Die Indizien deuten darauf hin, daß selbst die bescheidenen therapeutischen Erfolge von nicht allzu langer Dauer sein werden.

Daneben gibt es noch 20 Subtypen an Interferonen, die allerdings mit sehr zweifelhaften Erfolgen gegen die unterschiedlichsten Krankheitsbilder eingesetzt werden.

Der L-Tryptophan-Skandal

L-Tryptophan, eine essentielle Aminosäure, ist in Nahrungsmitteln vorhanden. Medikamentös wird es als Schlafmittel und Antidepressivum eingesetzt. Außerdem wird es als Nahrungsmittelzusatz verwandt. Vor einigen Jahren stellte die japanische Arzneimittelfirma Showa Denko die Produktion von L-Tryptophan auf genmanipulierte Wirtszellen um. 1989 erkrankten in den USA und in der BRD über 2000 Menschen an dem Eosinophilie-Myalgie-Syndrom (EMS). Sie litten unter starken Muskelschmerzen und damit verbunden einem starken Anstieg der Anzahl der eosinophilen weißen Blutkörperchen. Sklerodermieartige Hautveränderungen und Schäden des Muskel- und Nervensystems waren die Folgen. Fast 30 Menschen starben und Hunderte erlitten bleibende Schäden. Bis heute sind die eigentlichen Ursachen nicht vollständig geklärt. Die Ursache für die Erkrankungen wurde zunächst in zwei auffälligen Verunreinigungen des Präparats gesehen: im sog. "Peak E" (einem Tryptophan-Doppelmolekül) sowie im "UV-Peak 5" (einem Anilinabkömmling). Verschiedene Indizien lassen dies jedoch inzwischen zweifelhaft erscheinen. Die Reinheit des L-Tryptophan der Firma Showa Denko betrug mehr als 99,6 Prozent, der vorgeschriebene Wert der Food-and-Drug-Administration (FDA). Der FDA obliegt in den USA die Zulassung von Nahrungs- und Arzneimittel. Die FDA konnte auch nicht ausschließen, daß die charakteristischen Veränderungen eben aus der gentechnologischen Methodik resultieren. Zwar mögen gentechnisch erzeugte Medikamente einen höheren Reinheitsgrad besitzen, gleichwohl können Verunreinigungen auftreten. Ein besonderes Problem stellt sich: Mit den heutigen Nachweismethoden war es beim Fall L-Tryptophan nicht möglich, die eigentlichen Ursachen für die Erkrankungen und Todesfälle zu finden. Es erscheint durchaus wahrscheinlich, daß die genmanipulierten Wirtszellen den Aufbau eines Stoffes bewirkten, welcher selbst nicht nachweisbar ist bzw. dessen Konzentration unterhalb der Nachweisgrenze liegt.

Gerinnungsfaktor VIII

Bluter (Hämophile) leiden unter einem genetisch bedingten Mangel des Gerinnungsfaktors VIII. Daher wird ihnen dieser Faktor über Bluttransfusionen oder auch als isoliertes Protein verabreicht. Bei Transfusionen besteht immer die Gefahr, daß HIV oder auch Hepatitis B und weitere Viren übertragen werden. Mehrere Jahre nach Entdeckung und Nachweisbarkeit des HIV geschah es, daß Bluterkranke durch unzureichend oder kaum kontrollierte Bluttransfusionen mit HIV infiziert wurden. Inzwischen gibt es jedoch Methoden, mit deren Hilfe die bekannten Krankheitserreger zuverlässig abgetötet werden können. Das eigentliche Problem liegt also in der Überwachung des Spenderblutes.

Derzeit sind 15 Präparate auf dem Markt, in denen der Gerinnungsfaktor VIII als Protein enthalten ist. Zwei dieser Präparate der beiden Konzerne Bayer und Baxter werden mit Hilfe von tierischen Zellinien aus Hamstern hergestellt. Am Beispiel des Faktor VIII werden die Grenzen gentechnischer Methoden deutlich: Während die Beta-Interferon-Bildung "lediglich" von 600 Basenpaaren bewirkt wird, sind es bei Faktor VIII 186.000. Dieses Gen konnte nur Stück für Stück isoliert werden. Es gilt, je komplexer der Wirkungszusammenhang von körpereigenen Synthese- und Regulationsmechanismen, desto schwieriger ist auch deren Nachahmung im Labor. Genauso wie beim Somatotropin besteht die Gefahr, daß eine Rekombination zwischen eingefügter Gensequenz und Hamster-eigener DNA, die aus Retroviren stammt, stattfindet und dies zur Verseuchung des Präparats mit Retroviren führt. Zudem ist beim Gerinnungsfaktor VIII die Absurdität mancher gentechnischer Vorhaben noch offensichtlicher als sonst. Warum überhaupt sollten die neuen und unkontrollierbaren Gefahren eingegangen werden, wenn es jetzt bereits sichere Möglichkeiten gibt, den Wirkstoff auf herkömmlichem Wege zu produzieren?

Erythropoietin (EPO)

Bei Menschen, die an Nierenversagen leiden, tritt meist auch eine Form der Blutarmut auf, die renale Anämie. Diesen Menschen fehlt eine besondere Steuersubstanz, das Erythropoietin (EPO). Ihnen konnte bislang mit Bluttransfusionen geholfen werden. Seit einigen Jahren wird EPO auch gentechnisch erzeugt: aus Zellkulturen der weiblichen Keimdrüse des chinesischen Hamsters. EPO fördert die Bildung der roten Blutkörperchen. Es wird nicht ausschließlich in der Niere produziert, sondern auch in der Leber. Bei der Verabreichung von EPO kann es passieren, daß die Leber als Produktionsort ausfällt, da EPO ja künstlich verabreicht wird. Da der körpereigene Steuerungsmechanismus für die Bildung von roten Blutkörperchen nicht mehr richtig funktioniert, führt dies dazu, daß die Synthese von roten Blutkörperchen ausschließlich von dem künstlichen EPO abhängig wird. Da bei der EPO-Erzeugung Wirtszellen verwendet werden, die Säugetieren entstammen, besteht auch hier die Gefahr der Kontamination des Präparats mit Retroviren.

Blutgerinnungstherapeutika

Zum Auflösen von Blutgerinnseln, etwa nach Operationen, wurden bislang mit herkömmlichen Methoden gewonnene Antikoagulantien, zum Beispiel Heparin, verwandt. Der Gen-Code für das Bißsekret des Blutegels (Hirudin, welches die Gerinnung des Blutes im Körper des Blutegels verhindert) wurde entschlüsselt und das Gen in Hefezellen eingebracht. Aus genmanipulierten Hamsterzellkulturen wiederum wird der Gewebe-Plasma-Aktivator (Tissue Plasminogen Activator; TPA) isoliert. TPA, bestehend aus 527 Basen, ist verantwortlich für die Umwandlung von Plasminogen in Plasmin, welches wiederum für die Auflösung des Fibrins zuständig ist.

Derzeit befinden sich beide Medikamente noch in der klinischen Erprobungsphase, der Beweis ihrer Wirksamkeit ist bislang noch nicht erbracht.


Krebs und AIDS

Krebs

Die aus genmanipulierten Bakterien hergestellten Faktoren Filgastrim und Molgranostim sowie Lenogastrim sind Proteine, welche die Bildung von Blutkörperchen anregen sollen, damit in der Chemotherapie das Infektionsrisiko gesenkt werden kann. Das Beta-Interferon wird von den Bindegewebszellen (Fibroblasten) gebildet.

Ein gentechnisch (aus Hamsterzellen) erzeugtes Beta-Interferon ist unter anderem für die Therapie von Krebs des Innenohres zugelassen worden. Es soll vor allem bei Entzündungen (häufige Nebenreaktionen von Krebs-Therapien) helfen. Interferone galten vor einigen Jahre als Allheilmittel gegen Krebs, weil im Laborversuch Krebszellen durch Interferone am Wachstum gehindert werden konnten. Inzwischen beurteilt selbst die sog. Fachwelt nach 15 Jahren Erfahrungen mit rekombinanten Interferonen die Perspektiven bedeutend nüchterner.

Interferone wirken nicht - wie ursprünglich versprochen wurde - gegen jede Krebsart, sondern nur gegen einen Teil.

Sie rufen heftige Nebenwirkungen hervor, so daß Interferone nur bei "austherapierten PatientInnen" eingesetzt werden.

Es werden Resistenzen gegen Interferone gebildet.

Interferone können jedoch auch nach wie vor auf herkömmlichem Wege aus Spenderblut isoliert werden. Bei allen Präparaten, die aus menschlichem Blut gewonnen werden, müssen allerdings schärfere Sicherheitskontrollen durchgeführt werden.

Zytokine (Interferone und Interleukine) sorgen für Funktion und Wachstum jener Körperzellen, aus denen das Immunsystem besteht. Sie werden verabreicht, um das Immunsystem bei solchen Therapien zu stärken, die es besonders angreifen. Die Wirkstoffe haben also gegen die eigentlichen Krankheiten keinen therapeutischen Nutzen, sondern werden lediglich gegen die Nebenwirkungen dieser Therapien eingesetzt.

AIDS

Ein Alpha-Interferon findet bei der Behandlung des bei AIDS-Kranken auftretenden Karposi-Sarkoms Verwendung - wohl mit zufriedenstellenden Ergebnissen.

In Brasilien und Thailand sollen im Menschenversuch Vacczine gegen HIV getestet werden. Genentec, ein Unternehmen aus den USA, und die Weltgesundheitsorganisation WHO planen, Bruchstücke des reinen HI-Virus an Menschen zu verabreichen. Vom HI-Virus gibt es zwei Arten und ca. 20 Subtypen, die sich jeweils in ihrer spezifischen Proteinhülle voneinander unterscheiden. Das eingesetzte Vacczin ist (wenn überhaupt) nur gegen einen der 20 Subtypen wirksam. Allerdings nicht gegen den Typus, der in Thailand und Brasilien vorherrscht, sondern gegen den US-amerikanischen. Wem diese Menschenversuche nutzen sollen, bleibt offen. Unterstellt man einmal, daß eine Immunisierung gegen diesen einen Subtypus gelänge, so ist damit längst kein Impfstoff gegen HIV gefunden. Im Gegenteil: jährlich werden neue Subtypen des HIV mit bislang unbekannten Modifizierungen in der Proteinhülle gefunden. Ein Impfstoff würde also immer den neu entstehenden HIV-Varianten "hinterherhinken" und eine falsche Sicherheit vorgaukeln. Dies hätte wiederum zur Folge hätte, daß sich wieder mehr Menschen mit HIV infizieren werden. Eine Impfung gegen HIV erscheint schon deshalb illusionär, weil sich die einzelnen Subtypen sogar von Mensch zu Mensch unterscheiden.

Enorme finanzielle Mittel werden von staatlicher und privater Seite etwa für die Erforschung von HIV-Impfstoffen ausgegeben, ohne daß nach 10 Jahren greifbare Resultate vorlägen. Aus den Bereichen hingegen, in denen es um die Betreuung von AIDS-Kranken oder um Prävention durch AIDS-Aufklärung geht, werden massiv staatliche Mittel abgezogen. Unmittelbare Folge: die jüngere Generation, die das Aufkommen von AIDS nicht bewußt erlebt hat, geht ungleich leichtfertiger mit dieser Gefahr um als die Generationen, die dies direkt erlebt haben.

Es wird auch in der nächsten Zukunft kein Allheilmittel gegen Krebs und AIDS geben. Gleichwohl werden Krebs und AIDS als Krankheiten, durch welche jeder potentiell betroffen ist, von den Gentechnik-Betreibern geschickt für die Akzeptanzbeschaffung der Gentechnik instrumentalisiert. Die tatsächlich vorhandenen therapeutischen Ansätze und Medikamente jedoch erfüllen diese Versprechen auf Heilung keineswegs. Bestenfalls können Medikamente in diesem Anwendungsfeld Symptome bekämpfen, keinesfalls die Krankheitsursachen selbst. Eine alternative Politik hieße hier nicht, sich an dem Zukunftsorakeln und den dreisten Versprechungen der Gentechnik-Betreiber zu beteiligen, sondern die wirklichen Ursachen von Krebs anzugehen. Diese liegen nicht etwa monokausal in einer genetischen Prädisposition, sondern zum größten Teil in krankmachenden Arbeitsplätzen, einer vergifteten Umwelt, zivilisatorischen Gewohnheiten und sicher auch in einer teilweise zu sorglosen Lebensweise. Medizin verkommt zusehends zu einer Art Reparaturwerkstatt, auf deren technisches Können man vertraut.

 

Ein lohnender Markt?

 

 

Der Pharmamarkt ist eine vielversprechende Geldquelle. Allein der Absatz von gentechnisch erzeugtem Insulin liegt bei den drei Konzernen Eli Lilly, Novo Nordisk und Hoechst bei weit über zwei Milliarden Mark. Durch den geschickten Werbefeldzug und die Prämien für die Umstellung von insulinpflichtigen PatientInnen ohne Indikation haben die Konzerne fast sämtliche kleineren Hersteller von tierischen Insulinarten vom Markt gedrängt. PatientInnen sehen sich plötzlich mit der Situation konfrontiert, daß das Insulin, auf das sie viele Jahre hinweg gut ansprachen, nicht mehr produziert wird, weil die entsprechende Herstellerfirma in Konkurs gegangen ist. Die Firma Novo Nordisk etwa, die in der Schweiz 96 Prozent des Bedarfs an Humaninsulin deckt, hat angekündigt, bis zum Jahr 2000 die tierischen Insuline völlig vom Markt zu nehmen. Deshalb haben sich Zuckerkranke zusammengeschlossen, um die Wiederaufnahme der Produktion von bestimmten tierischen Insulinen zu ermöglichen. Den Spritzen-Pen, den sich Zuckerkranke bei bevorstehender Hypoglykämie wie einen Kugelschreiber auf den Arm drücken, füllt Novo Nordisk zukünftig nur noch mit Humaninsulin. "Das hat uns ins Fixerzeitalter zurückgeworfen, als wir mit Spritzen und Ampullen in einer Toilette verschwinden mußten", so die Aussage eines Schweizer Zuckerkranken.

Trotz der beschriebenen Zweifel an dem therapeutischen Nutzen von Betaseron wird dieses weiter verschrieben. Schering verdient schließlich an jedem Patienten über 28.000 Mark pro Jahr. Laut Schering-Chef Guisseppe Vita wird erwartet, daß Betaseron entscheidend dazu beiträgt, den Gesamtumsatz von Schering für 1996 auf über 5 Milliarden Mark zu erhöhen.

Hauptantriebsfeder für die Produktion gentechnisch erzeugter Medikamente ist das Patentrecht. Da der Patentschutz auf viele herkömmlich erzeugte Medikamente ausläuft, gilt es für die Pharmaindustrie, ein Patent auf ein neues Produktionsverfahren, ein Medikament bzw. ein Gen selbst zu erreichen. Diese Strategie wird auch dadurch deutlich, daß im Rahmen der Gesundheitsreform Medikamente mit Patentschutz von der Festpreisbindung ausgenommen werden.

Der Marktanteil von gentechnisch erzeugten Medikamenten am gesamten Pharmamarkt beträgt ungefähr fünf Prozent. Die meisten der gentechnisch erzeugten Medikamente haben die gleiche Wirkung wie bereits vorhandene. Sie stellen also keine therapeutische Neuerung dar. TPA zum Auflösen von Blutgerinnseln wirkt kaum besser als die herkömmlich produzierte Streptokinase, ist jedoch rund zehnmal so teuer. Auch Forschung, klinische Tests und Zulassungsverfahren sind entgegen den Erwartungen der Pharmaindustrie viel teurer und langwieriger, so daß nur wenige dieser neuen Präparate überhaupt eine Marktchance haben.

 

Risikopotentiale

Generell sind folgende Einwände in Bezug auf die biologische Sicherheit gentechnischer Methoden in der Medikamentenerzeugung zu formulieren:

Die zur Produktion eingesetzten Mikroorganismen (Bakterien und Hefe) können binnen kürzester Zeit mutieren, also ihre Erbanlagen verändern. Es könnte der Fall eintreten, daß ein neuer Bakterienstamm entsteht, der mit seinen Genprodukten die Produktion verunreinigt. Diese könnten auch die herkömmlichen Reinigungsverfahren (etwa Wasserabscheidung, chemische Verfahren) überstehen und mit den Wirkstoffen gemeinsam in das Medikament gelangen. Die Folgen könnten fatal sein.

Eine ungewollte Freisetzung gentechnisch veränderter Mikroorganismen kann über die Abluft, das Abwasser und die MitarbeiterInnen einer Anlage erfolgen. So konnten bereits mehrfach Laborstämme von Mikroorganismen auf den Laborjacken der MitarbeiterInnen nachgewiesen werden. Selbst wenn eine Filterdichte von 99,99 Prozent technisch machbar wäre und umgesetzt würde, hieße das noch immer, daß 1000 von 10 Millionen Mikroorganismen ins Freie gelangen würden. Anlagenwartung sowie das Animpfen der Lösung bedeuten für die MitarbeiterInnen solcher Anlagen besondere Gefahrenpotentiale, zumal rein äußerlich eine Kontamination mit Mikroorganismen nicht offensichtlich ist.

Es ist nachgewiesen, daß sich im resorbierenden Teil des Darmtrakts versehentlich freigesetzte E. coli-Bakterien vom Stamm K 12 W3110, die bei der Insulinproduktion verwendet werden, dauerhaft ansiedeln können. Die ihnen eingefügte Resistenz gegen ein Antibiotikum könnte sich als Selektionsvorteil gegenüber den anderen E. coli-Bakterien im Darm erweisen, wenn etwa ein Mensch mit diesem Antibiotikum behandelt wurde und die natürliche Darmflora dadurch weitgehend zerstört ist. Dieses Antibiotikum entfiele dauerhaft als Therapeutikum.

Zudem können Bakterien über die Ausbildung von Plasmabrücken untereinander ihr genetisches Material austauschen. In der Empfängerzelle findet eine Rekombination mit der aufgenommenen DNA statt, und neue Eigenschaften können dadurch entfaltet werden.

Sicherheitsuntersuchungen haben gezeigt, daß sich die E. coli-Bakterien aus dem Labor auch dann wieder vermehren können, wenn sie drei Wochen ohne Nährlösung im Boden waren. Zudem bleibt das veränderte Erbgut von toten Bakterien im Boden sehr lange intakt und kann von lebenden wieder aufgenommen und weitervermehrt werden.

 

Fazit

Mit dem Einzug der Gentechnik in die Medikamenten-Herstellung ist ein unglaublicher Konzentrationsprozeß verbunden. Kleinere und mittelgroße Firmen - das zeigt das Beispiel Humaninsulin - können weder Logistik noch finanzielle Ressourcen für umfangreiche Forschung und kapitalintensive Produktion aufbieten, um mit großen, multinationalen Konzernen, die gentechnische Methoden anwenden, konkurrieren zu können. Der Pharmamarkt konzentriert sich weiter auf einige wenige international operierende Konzerne.

Ein Großteil der neuen, gentechnisch-erzeugten Medikamente substituiert lediglich bereits vorhandene. Risiken (mögliche Kontamination des Präparats, Allergien sowie gravierende Nebenwirkungen) werden in Kauf genommen, obwohl besser erforschte Medikamente vorhanden sind, zum Beispiel tierisches Insulin oder aus Blutkonserven gewonnener Faktor VIII.

Nicht allein die Nebenwirkungen eines gentechnisch erzeugten Medikaments sollten gegen die auf herkömmliche Weise produzierten Präparate abgewogen werden, sondern immer auch die grundsätzlichen Risiken der gentechnologischen Methodik berücksichtigt werden. Dies führt dazu, daß gentechnische Methoden im Pharma-Bereich per se ein Risiko bedeuten.

Gentechnisch erzeugte Medikamente besitzen zwar häufig einen höheren Reinheitsgrad als konventionell erzeugte Präparate. Gleichwohl spielt weniger die Quantität als vielmehr die Qualität der Verunreinigung eine Rolle für das allergene Potential eines Stoffes.

Die Forschungen im pharmazeutischen Bereich erhalten dadurch eine besondere Brisanz, weil die Ergebnisse natürlich auch andernorts angewandt werden. So wird nicht einfach nur Somatotropin mit Hilfe irgendwelcher Säugetierzellen erzeugt, sondern die künstliche Herstellung von sog. humanidentischen Wirkstoffen setzt voraus, daß die menschliche DNA entschlüsselt wird. Wenn man eine menschliche Gensequenz, welche die Synthese eines Proteins kodiert, in andere Säugetierzellen einfügt und diese vermehrt wird, müssen zuvor natürlich die Forschungen am Humangenom geleistet werden. Wie diese Erkenntnisse aus der völligen Entschlüsselung des menschlichen Erbguts im Rahmen der eugenischen Tendenz der vorgeburtlichen Schwangerschaftsuntersuchungen angewandt werden, liegt außerhalb des gesellschaftlichen Einflusses, wenn diese Grundlagenforschungen am menschlichen Erbgut erst einmal erfolgt sind.


Mit GenTech-Medikamenten sind, wie in diesem Aufsatz dargelegt wurde, zu unrecht viele Hoffnungen verbunden. Darauf werden Bündnis 90/Die Grünen eingehen müssen, wobei manche unbequeme Konfrontation nicht erspart bleiben wird.

Anstatt jedoch unreflektiert der Propaganda der GenTech-Betreiber aufzusitzen und diesen sogar Persilscheine für einzelne Präparate auszustellen, ist es an Bündnis 90/Die Grünen als technikkritische Partei, die fachlich begründeten Einwände gegen GenTech-Medikamente aufzugreifen und in die politische Auseinandersetzung zu tragen. Wer, wenn nicht sie, sollte diese Kritik denn überhaupt noch laut und vernehmbar formulieren?

Bei allem Verständnis, dem einzelnen kranken Menschen helfen zu wollen, muß es einer politischen Kraft in letzter Konsequenz darum gehen, die Rahmenbedingungen menschlichen Daseins zu verändern. Kurzum, den Teil der Krankheitsursachen zu minimieren, welcher in sozialen und wirtschaftlichen Systemen von der Politik regulierbar ist. So gesehen gilt die Devise: Eine wirklich ökologische Politik stellt die beste Prävention gegen Krankheiten dar. Eine solche Politik allerdings erfordert viel mehr Engagement und Durchhaltevermögen als nur auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu vertrauen. Es wird sich zeigen müssen, ob Bündnis 90/Die Grünen so viel Rückgrat besitzen.




Fußnoten

 

 

[1]     Insofern ist die Bezeichnung "Humaninsulin", mit der Hoechst warb, eigentlich irreführend und unzutreffend.

[2]     Die m-RNA (Messenger-RNA) besteht im Gegensatz zur doppelsträngigen DNA lediglich aus einem Nukleotidstrang.

[3]     Die c-DNA enthält gegenüber der herkömmlichen DNA keine Introns mehr, sondern nur Exons, die für die Proteinsynthese notwendig sind.

[4]     Plasmide sind kleinere, ringartig aufgebaute DNA-Abschnitte, die neben den "normalen" Chromosomen in den Zellen vorhanden sind.

[5]     Hoechst warb etwa mit dem Spruch "Ein Traum wird Wirklichkeit". Zudem beschworen die Konzerne die absurde Gefahr, daß Schweine-Insulin knapp werden könnte.

[6]     Zu der erwähnten Studie vgl. a. Urs Zurlinden: Diabetes/Schweine sind bessere Lebensretter. In: Facts 17/1995.

[7]     In der Säugetier-DNA befinden sich - durch die Evolution bedingt - große Mengen an DNA-Sequenzen, die von Retroviren stammen. Werden nun neue Gensequenzen in die DNA der Wirtszelle eingefügt, kann es passieren, daß Wirtszellen-DNA, die aus Retroviren stammt, reaktiviert wird und eine Rekombination stattfindet. Dann können auch neue Retroviren gebildet werden.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte