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2. Kapitel: GENTECHNIK IN DER MEDIZIN

 

 

2.1. PRÄDIKTIVE MEDIZIN

 

Das "Human Genome Project" ist ein gewaltiges, international finanziertes Forschungsprojekt, das die Entschlüsselung des menschliches Erbgutes bis zum Jahre 2005 beenden will. Die Entdeckung von Dispositonen für Krankheit auf den Genen machen die prädiktive (vorhersagende) Medizin möglich.Rund 100 verschiedene Erkrankungen, bei deren Entstehung die Gene eine gewisse Rolle spielen, sind inzwischen im klinischen Alltag durch Untersuchungen am Embryo oder durch Gentests an Kindern und Erwachsenen diagnostizierbar. Eine definitive Aussage darüber, ob eine solche Krankheit auch zum Ausbruch kommt, kann damit jedoch nicht gemacht werden. Bei monogenen Erbkrankheiten liegt die Wahrscheinlichkeit relativ hoch - bei meist über 90 Prozent. Bei anderen jedoch ist dies recht unterschiedlich - meist zwischen 20 und 50 Prozent. Manche Erbkrankheiten, für welche es genetische Ursachen gibt, entwickeln sich erst im Alter von 30 oder 40 Jahren. Es werden auch geringfügige Abweichungen von einer neueingeführten genetischen Norm festgestellt. Die prädiktive Medizin wird mit ihrer Weiterentwicklung unser Verständnis von Krankheit und Gesundheit verändern.

 

 

2.1.1. PRÄNATALDIAGNOSTIK

 

Zur pränatalen Diagnostik zählen alle im Rahmen der Schwangerenvorsorge durchgeführten Untersuchungen vom Ultraschall bis zur Fruchtwasseruntersuchung. Zweck dieser vorgeburtlichen Untersuchungen ist die Minimierung von Risiken für Schwangerschaft und Geburt. Der Preis für Sicherheit durch ständige Kontrolle ist der Rückgang des Vertrauens von Frauen in ihre natürliche Fähigkeit, ein Kind auszutragen und zu gebären. Dieser Vertrauensverlust in die eigene Potenz wird gefördert durch den immer breiter gefassten Begriff der Risikoschwangerschaft - heute werden in den gynäkologischen Praxen 75 Prozent aller Schwangerschaften als risikobehaftet behandelt.

Der Einzug gentechnischer Methoden in die Pränataldiagnostik hat Möglichkeiten und Gefahren eröffnet. Es gibt heute Untersuchungsmethoden, mit denen ein Teil genetisch bedingter Behinderungen festgestellt werden kann. Die Therapie zur Diagnose gibt es nicht - die Konsequenz ist in 98 Prozent aller Fälle der Schwangerschaftsabbruch zu einem relativ späten Zeitpunkt. Die übliche zeitliche Befristung ist hier aufgehoben. Ein Schwangerschaftsabbruch in diesem Stadium heißt Einleiten der Geburt und eventuelles Töten oder Sterbenlassen des Fötus. In dieser psychisch hochbelasteten Entscheidungssituation erhalten die Frauen in den meisten humangenetischen Beratungsstellen keine psychosoziale Unterstützung.

 

Gesellschaftspolitische Bedeutung

Nach dem alten Paragraph 218 fiel der Abbruch nach Feststellung einer genetischen Anomalie unter die embryopathische bzw. eugenische Indikation, die es seit dem 1.10.1995 - der Einführung der Fristenlösung - offiziell nicht mehr gibt. Heute ist in diesem Fall der Abbruch unter medizinischer Indikation entfristet zulässig. Damit wird impliziert, es sei der Gesundheit einer Frau nicht zumutbar, ein behindertes Kind zu gebären und aufzuziehen. Selbstverständlich ist jede Indikation, die sich tatsächlich am Leben und den Rechten der Frau orientiert, akzeptabler als eine, die gesellschaftliche Interessen verfolgt. Dem Selbstbestimmungsrecht von Frauen wird mit Indikationen welcher Art auch immer allerdings nicht genüge getan, sondern ausschließlich mit der Abschaffung des § 218. Im Fall dieser Indikation geht es aber auch keineswegs um das Wohl der Frau, sondern nach wie vor um die Vermeidung behinderter Kinder und die durch diese entstehenden gesellschaftlichen Kosten.

Die Aussage, das Leben mit einem behinderten Kind sei einer Mutter nicht zumutbar - bzw. die dahinterstehende alte eugenische Haltung, Behinderte seien der Gesellschaft nicht zumutbar - bedient das bioethische Menschenbild, das dem Menschen die unantastbare Würde abspricht und ihm stattdessen einen Wert zuspricht, der sich an seinem Nutzen für die Gesellschaft bemisst. Damit wird eine Werteskala des Menschseins erstellt und Ignoranz und Diskriminierung das Tor geöffnet.

Eine Gesellschaft ohne Krankheit und Behinderung wird es nie geben (und wäre auch sicher nicht wünschenswert), auch wenn die Gentechnik das verspricht. Nur ungefähr zwei Prozent aller Behinderungen beruhen auf genetischen Defekten. Weitere zwei bis drei Prozent entstehen unter der Geburt. Die weitaus meisten Menschen mit schweren Behinderungen ziehen sich diese erst im Lauf ihres Lebens zu.

Aufgabe der Politik bleibt, die Rahmenbedingungen für das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern und für ein gesellschaftliches Klima zu sorgen, in dem Behinderung keine Benachteiligung nach sich zieht. Ein sinnvolles gesellschaftliches Ziel ist, einen selbstverständlichen enttabuisierten Umgang mit Krankheit und Behinderung als Ausdifferenzierungen des Lebens anzustreben. Die pränatale Gendiagnostik wirkt hier kontraproduktiv, sie hat gesellschaftspolitisch also negative Auswirkungen.

Der gesellschaftspolitische Blickwinkel ist aber ein anderer als der individuelle. Eine Frau, die heute schwanger wird, sieht sich mit einer Gesellschaft konfrontiert, die wenig auf Kinder und noch weniger auf Behinderte eingerichtet ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob frau sich das Leben mit einem behinderten Kind zumuten möchte - zumuten kann - sehr viel härter. Schon das Leben mit nichtbehinderten Kindern schränkt die Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Frauen im allgemeinen immer noch empfindlich ein.

Jede Frau (bzw.jedes Elternpaar) entscheidet selbst, was sie glaubt, tragen zu können und was über ihre Kräfte geht. Ebenso differierend wie die Belastbarkeit einzelner Väter und Mütter ist das Ausmaß der Belastung, die unterschiedliche Behinderungen für das Umfeld bedeuten können. So wohltuend immer wieder zu hörende Aussagen von Familien sind, die ihr behindertes Kind als besondere Bereicherung erleben, so kann nicht erwartet werden, daß diese Möglichkeit des Erlebens allen Menschen gegeben ist.

Innerhalb dieses Widerspruchs, genetische Pränataldiagnostik im Hinblick auf ihre gesellschaftspolitischen Auswirkungen abzulehnen, aber zu verstehen, daß Schwangere sie eventuell in Anspruch nehmen wollen, sprechen wir uns für folgende Regelungen aus:

  1. Genetische Pränataldiagnostik nur auf ausdrücklichen Wunsch der Frau.
  2. Die Beratung bezüglich der Tests vor und während der Schwangerschaft soll einer unabhängigen Beratungsstelle (wie z.B. Cara in Bremen) vorbehalten sein. Dabei soll die psychosoziale, den Entscheidungsprozeß begleitende Unterstützung Hauptbestandteil der Beratungstätigkeit sein.
  3. Die Diagnose für Dispositionen muß sich auf schwerwiegende Behinderungen und Krankheiten beschränken. Wir sind uns bewußt, wie schwer eine solche Grenzziehung ist - dies müßte Aufgabe einer eigens hierfür zusammenzustellenden Kommission sein
  4. Keine vorgeburtliche Feststellung von Wesensmerkmalen, wie etwa Geschlecht oder Augenfarbe.
  5. Mit einem sogenannten positiven Testergebnis dürfen Frauen nicht wie bisher ohne psychosoziale Unterstützung bleiben.
  6. Gendiagnostische Verfahren müssen strikt von der Schwangerenvorsorge getrennt sein.
  7. Es muß ein gesetzlicher Rahmen geschaffen werden, der es verbietet, daß Ärzte von Versicherungen unter Druck gesetzt werden, entsprechende Untersuchungen durchzuführen. Ein Kind, das mit Behinderungen zur Welt kommt, darf nicht als einklagbarer Schadensfall behandelt werden, wie das in Niedersachsen bereits geschehen ist.

Der § 218 gibt durch Fristsetzung und Beratungszwang beim "üblichen" Schwangerschaftsabbruch und dem Wegfall von Fristsetzung und Beratungszwang, wenn es sich um einen Fötus mit genetischem Defekt handelt, jeweils eine Richtungsweisung für richtiges und falsches Verhalten vor. Damit wird die Menschenwürde von Behinderten ebenso mißachtet wie das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Wir erneuern unsere Forderung nach ersatzloser Streichung des § 218!

 

 

2.1.2. GENTESTS

 

Auf dem Weg zum "gläsernen Menschen"?

Rasante Fortschritte in der Forschung, einfache Zulassungsverfahren und die Aussicht auf kommerzielle Erfolge bewirken eine steile Entwicklung im wachstumsträchtigen Markt der Gendiagnostik. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht die angebliche Entdeckung eines neuen Gens für eine Krankheit, Verhaltensweise oder einen Charakterzug gefunden und der entsprechende Test in Aussicht gestellt wird. In den USA sind bereits die ersten "DNA-Chips" auf dem Markt, an ihrer Weiterentwicklung wird intensiv gearbeitet. Diese diagnostischen DNA-Chips entstammen dem neuen Bereich der Bioinformatik. Sie sollen die Diagnose auf Krankheitserreger, Krebsgene und Erbkrankheiten weiter vereinfachen. Das Ganze ist schnell und billig, dem "Screenen", also dem Durchleuchten einer großen Anzahl von Menschen, stünde damit nichts mehr im Wege.

Belastend kann das Wissen um eine Disposition für eine Krankheit sei, wenn es zur Diagnose keine Therapie gibt. Beispiele dafür sind die sog. "Brustkrebs-Gene", die normalerweise die Entwicklung von Brustkrebs unterdrücken. Wenn diese Gene mutiert sind, können die Frauen mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit an Brustkrebs erkranken. Eine präventive Therapie gibt es nicht. Vor einigen Jahren ging die Medizin von einem Risiko zwischen 80 und 90 Prozent aus. Daraufhin ließen sich in den USA Hunderte von Frauen nach einem entsprechenden Befund Brust und Eierstöcke entfernen, um nicht an Krebs zu erkranken.

 

Gründe für Gentests

Gentests können sinnvoll sein, um Gewißheit über eigene Erkrankungsrisiken oder Klarheit über mögliche familäre Belastungen bei Kinderwunsch zu erlangen.

Gentests können aber auch mißbraucht werden: Manche Menschen erweisen sich auf Grund ihrer Gene als weniger anfällig für schädliche Stoffe. Etwa Chemie- und Atomindustrie könnten danach BewerberInnen auswählen. Besonders problematisch an dieser genetischen Diskriminierung , daß es dann nicht mehr nötig scheint, krankmachende Arbeitsplätze zu verändern, sondern die "passenden Menschen" ausgesucht werden.

Wenn Versicherungen Gentests bekannt sind, werden Menschen mit einem "genetischen Risiko" entweder gar nicht mehr versichert werden oder aber nur gegen Zahlung eines Risikozuschlags. In Großbritannien wollen manche Versicherungen Menschen, die solche Tests gemacht haben, zur Offenlegung dieser Daten beim Versicherungsabschluß zwingen oder sogar selbst Gentests vornehmen lassen.

  1. Der Umgang mit dem neuen Wissen braucht Regularien. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN fordern ein Gesetz zu gendiagnostischen Verfahren an Kindern und Erwachsenen. Darin sollen folgende Mindeststandards festgesetzt werden:
  2. Gentests dürfen nur auf freiwilliger Basis erfolgen. Das Recht auf Nichtwissen ist dem Recht auf Wissen gleichberechtigt.
  3. Automatisierte DNA-Chips, die gleichzeitig auf Hunderte von Gen-Defekten testen können, sind zu verbieten.
  4. Gentests dürfen nur mit vorheriger und gleichzeitiger psychosozialer Beratung stattfinden, insbesondere ist eine Bedenkzeit zwischen erster Beratung und Blutabnahme für die Diagnostik einzuhalten.
  5. Ergebnisse aus Gentests dürfen keinesfalls an Dritte weitergegeben werden. Das Anlegen von Datenbanken und eine Speicherung der Ergebnisse in zentralen Institutionen muß verboten werden.
  6. Versicherungen und Arbeitgeber dürfen weder Fragen nach bereits vorgenommenen Gentests stellen, noch diese selbst veranlassen.
  7. Massen-Screening, d.h. Untersuchungen (Screenen) von Gruppen der Bevölkerung, ist zu untersagen.
  8. Das Verbot der Patentierung von Diagnoseverfahren muß beibehalten werden.

 

2.2. SOMATISCHE GENTHERAPIE

 

"Wenn die Forschung weiter so rasch wie derzeit vorankommt, dürften um die Jahrhundertwende klinische Versuche für eine ganze Reihe von Krankheiten in Gang sein.", so der amerikanische Molekularbiologe Inder Verma in einer Prognose Ende 1990. Inzwischen wurden allein in den USA über 600 Patienten in über 150 gentherapeutischen Versuchen behandelt. Es wäre wünschenswert, wenn Menschen mit schweren Erbkrankheiten geholfen werden könnte. Zahlreiche Wissenschaftler selbst gelangen inzwischen jedoch zu einer anderen Einschätzung. Eine Studie der National Institutes of Health (NIH) von Ende letzten Jahres verweist darauf, daß bislang kein einziger Mensch mit Hilfe der Gentherapie geheilt wurde und mahnt die Forschung in der Öffentlichkeit zur Zurückhaltung mit Heilsversprechen.

 

Erbkrankheiten

Erbrankheiten im engeren Sinne werden durch ein einziges Gen ausgelöst, das entweder vorhanden ist und nicht funktioniert oder aber mutiert ist. Deshalb kann in vielen Fällen ein nötiges Protein nicht aufgebaut werden. Dadurch wird ein spezifisches Krankheitsbild verursacht. Häufig kann dieses Leiden gelindert werden, indem das fehlende Protein dem Körper als Medikament zugeführt wird. Der Ansatz der somatischen Gentherapie besteht darin, fremde, funktionsfähige Gene in die Zellen einzusetzen. Zu den monogenen Erbkrankheiten zählen unter anderem Mukoviszidose, Chorea Huntington, angeborene Immunschwäche und Bluterkrankheit. Bei anderen (polygenen) Erbkrankheiten ist das Zusammenspiel verschiedener Gene gestört.

 

multifaktorielle Erkrankungen

Die Forschung geht aber auch zusehends dazu über, genetische Veranlagungen für Massenleiden, wie etwa Krebs, Arthritis und Herz-Kreislauferkrankungen, zu suchen. Es spielen zahlreiche andere, nichtgenetische Faktoren dafür eine Rolle, ob eine auf den Genen liegende Krankheit überhaupt zum Ausbruch kommt. Die Gen-Forschung geht davon aus, daß solche Erkrankungen auf die Gene zurückzuführen sind. Jedes Lebenwesen wird schlußendlich in die Struktur seines Erbgutes, seiner DNA zerlegt. Allein die verschiedene Reihenfolge der vier Grundbausteine ist demnach verantwortlich für verschiedene Arten - Mensch wie Tier. Dieser Ansatz führt zu einem deterministischen Verständnis von Krankheiten: je nach Funktionieren der Gene wird geschlossen, ob ein Mensch krank oder gesund ist. Der Körper erscheint als bloße Summe verschiedener Gene. Auf dem Genom ist jedoch nicht die Information enthalten, wann und an welchem Ort ein bestimmtes Gen in ein Protein umgesetzt wird. Das Genom steuert auch nicht, wie sich Proteine untereinander organisieren. Wäre es tatsächlich so, daß spezifische Unterscheidungen von Organismen sowie Krankheitsursachen allein genetisch bedingt wären, so müßten in allen Zellen eines Körpers die gleichen Vorgänge ablaufen, da in allen Zellen eines Organismus die gleichen Gene vorhanden sind. Die Spezialisierung bestimmter Zellen und die Ausbildung zu Organen kann also nicht auf rein genetischer Ebene erklärt werden. Das Wirken dieser sich selbst organisierenden Strukturen (molekulare, zelluläre Netzwerke) wird ignoriert. Über diese Netzwerke wissen wir jedoch nicht viel mehr, als daß sie existieren. Ohne daß also die Grundlagen vollständig erforscht wären, wird bereits versucht, Menschen gentherapeutisch zu behandeln. Nicht einmal die geringe Anzahl von monogenen Erbkrankheiten kann nach dem derzeitigen Stand der Technik über rein genetische Ursachen erklärt werden.

 

Risiken der Gentherapie

Vektoren, auch "Gen-Fähren" genannt, sind als Transportvehikel nötig, um körperfremde Gene in Zellen einzuschleusen. So sollen defekte, körpereigene Gene ersetzt werden. Die Zellen sollen dann die fehlenden Proteine aufbauen und so die Krankheit heilen. Das Gen, welches ersetzt werden soll, kann häufig durch die verschiedenen Vektoren nicht genau gefunden werden. Ein an der falschen Stelle eingefügtes Gen jedoch führt nicht zur gewünschten Wirkung bzw. zu überhaupt keiner. Eine Methode zum gezielten Austausch von Genen ist jedoch nach Expertenmeinung nicht absehbar. Selbst bei den Zellen, bei denen das Einschleusen fremder Gene im lebenden Organismus gelingt, wirkt der Effekt wegen der ständigen Erneuerung der Zellen nur kurze Zeit. Gentherapien müßten also häufig wiederholt werden. Auf eine ständige Kontamination mit fremden Genen reagiert der Körper aber mit starker Immunabwehr. Häufig werden Viren als Gen-Fähren benutzt. Diese bergen jedoch einige schwerwiegende Gefahren: Viren-Gene können in das Erbgut von menschlichen Zellen eingebaut werden. Dadurch können Funktion einzelner Gene und Regulationsmechanismen gestört werden. Diese sog. Positionseffekte wiederum können zu Krebs führen. Diese Viren könnten im Körper ihre Vermehrungsfähigkeit wiedererlangen und auch andere Körperzellen, etwa Ei- und Samenzellen, befallen. Einmal im menschlichen Körper, sind sie nicht mehr rückholbar.

Bislang gingen Wissenschaft und Gesetzgebung davon aus, daß die Gefahr der (ungewollten) Menschenzucht in der somatischen Gentherapie nicht gegeben sei, da das eingeschleuste Erbgut nicht an die Nachkommen vererbt werde. Mittlerweile ist jedoch klar, daß die Keimzellen bei der Gentherapie ebensfalls verändert werden können. Keimbahnmanipulationen sind in Deutschland aber seit 1990 durch das Embryonenschutzgesetz verboten.

 

Forderungen

Hoffnungen von schwerkranken Menschen richten sich auf die Gentherapie. Die Wissenschaft muß sich eine Selbstbeschränkung auferlegen und es dürfen nicht weiterhin in der Öffentlichkeit beabsichtigte Forschungen mit deren prognostiziertem Ergebnis gleichgesetzt werden. Angesichts der ausbleibenden Erfolge geraten Wissenschaftler zusehends unter einen Legitimitätszwang. Dies darf jedoch nicht dazu führen, daß unrealistische Hoffnungen auf z.B. Krebs- oder AIDS-Gentherapien geweckt werden.

Auf Grund der Erkenntnisse, die durch verschiedene Arbeiten in den letzten Jahren gewonnen wurden, gelangen wir zu der Einschätzung, daß das Konzept der somatischen Gentherapie weder therapeutisch sinnvoll, noch ausgereift, noch technisch risikolos ist. Die damit verbundene Fixierung auf die Erklärung von Krankheiten über Gen-Defekte verstellt zudem den Blick auf andere, nichtgenetische Ursachen. Die hohen Kosten für Erforschung und Entwicklung müssen sich durchaus daran messen lassen, daß andernorts im Gesundheitswesen elementarste Vorsorgemaßnahmen nicht mehr finanziert werden und durch diese Paradigmenstellung alternative Ansätze verschüttet werden. Solche Forschung zu verstärken, ist unser Ziel.

Unser Bedenken gilt der Weiterverwendung der Forschungsergebnisse in der Keimbahnmanipulation. Mit Hilfe der Gentherapie werden Verfahren zur Manipulation von menschlichen Zellen entwickelt, die auch bei der Keimbahntherapie verwendet werden könnten. Nicht wenige Wissenschaftler plädieren schon heute dafür, das Verbot der Keimbahntherapie noch einmal zu überdenken, wenn die Methode ausgereift ist. Um den "Menschen nach Maß" zu verhindern, muß die Keimbahntherapie verboten bleiben.

Angesichts der Risiken ist nicht verantwortbar, ohne ausreichende wissenschaftliche und gesetzliche Grundlagen gentherapeutische Versuche zu unternehmen. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN verlangen deshalb gemeinsam mit kritischen ForscherInnen zunächst ein Moratium für alle gentherapeutischen Experimente mit Menschen. Dieses Moratorium muß solange gelten bis folgende Bedingungen erfüllt sind:

  1. Für Therapien muß eine eindeutige medizinische Indikation vorliegen. Die zu therapierende Krankheit muß als ausreichend erforscht gelten, insbesondere was nichtgenetische Faktoren anbelangt.
  2. Eine Veränderung der Keimzellen sowie eine Freisetzung von Viren muß ausgeschlossen werden können.
  3. Ein gentherapeutischer Eingriff darf nur dann erfolgen, wenn eine realistische Erwartung besteht, damit die Krankheit des Patienten selbst zu lindern bzw. dauerhaft zu heilen. Diese Erwartung muß durch Vorstudien hinreichend belegt werden können.
  4. Die PatientInnen müssen sachnah und authentisch von den behandelnden Ärzten und von dritter Seite über die Risiken unterrichtet werden.
  5. Daten dürfen nur mit Zustimmung der Betroffenen weitergegeben werden.

In gewissen Abständen sollen Mittelaufwendungen und tatsächlich entwickelte Therapiemöglichkeiten von Wissenschaft und Politik überprüft werden. Sollte sich dabei zeigen, daß die vorgenommene Weichenstellung tatsächlich eine Sackgasse darstellt, muß die Politik den Mut aufbringen, weitere Forschung und Anwendung zu unterbinden.

 

 

2.3. REKOMBINANTE MEDIKAMENTE

 

Neue Medikamente gegen Krankheiten?

Die Pharma-Industrie hat viel versprochen, als sie vor Jahren anfing, sich verstärkt auf die gentechnische Produktionsweise von Medikamenten zu konzentrieren: Neue, sichere und nebenwirkungsarme Medikamente für bislang unbehandelbare Krankheiten. Die Politik half: sie senkte die Sicherheitsstandards bei Genehmigung und Betrieb von Produktionsanlagen, erteilte Patentschutz auf gentechnisch erzeugte Medikamente und ließ sich beim Gentechnikgesetz von den Interessen der Industrie leiten.

Drei gentechnisch erzeugte Medikamente verkaufen sich gut: Humaninsulin, gentechnisch hergestellter Blutgerinnungsfaktor VIII sowie Erythropoietin (EPO). Gentechnisch erzeugtes tPA zum Auflösen von Blutgerinnseln wirkt nicht besser als die herkömmlich produzierte Streptokinase. tPA verursacht jedoch mehr Nebenwirkungen und ist rund zehnmal so teuer wie Streptokinase. Blut-Präparate etwa (z.B. Interferone, Blutgerinnungsfaktor VIII) können nach wie vor auf herkömmlichem Wege aus Spenderblut isoliert werden. Bei allen Präparaten, die aus Blut gewonnen werden, müssen strenge Sicherheitskontrollen durchgeführt werden. Nachdem in den 80ziger Jahren viele Menschen durch Präparate aus Spenderblut an AIDS erkrankten, gewährleisten die inzwischen routinemäßig angewendeten Inaktivierungsverfahren auch bei Produkten aus Blut einen hohen Schutz gegen bekannte Krankheitserreger.

Die therapeutische Wirksamkeit von Interleukin bei der Krebsbekämpfung ist nach wie vor umstritten. Die meisten der gentechnisch erzeugten Medikamente haben die gleiche Wirkung wie bereits vorhandene. EPO hingegen bringt einen wirklichen Therapiefortschritt. Bei Menschen mit Nierenversagen fällt die Hormonproduktion in den Nieren aus. EPO stimuliert die Produktion von roten Blutkörperchen und erspart den Betroffenen so die regelmäßige Blutransfusion.

 

Krebs

Nach der nun fast 100 Jahre andauernden intensiven Krebs-Forschung und den darauf aufbauenden Erfolgen bei einzelnen Krebsarten, wie etwa Kinderleukämie, gelangen Onkologen, zum Beispiel Prof. Dr. Hossfeld zu dem Resultat "Der Krebs ist letztlich unbesiegbar" (Interview im SPIEGEL 39/97). Es wird in der nächsten Zukunft kein Allheilmittel gegen Krebs geben - auch nicht mit Hilfe der Gentechnik. Wer dies in der Öffentlichkeit verspricht, handelt unredlich und weckt unerfüllbare Hoffnungen bei kranken Menschen. Krebs ist inzwischen zur zweithäufigsten Todesursache geworden. Neben der rein medizinischen Forschung, die weitergeführt werden muß, liegt die Chance zur Krebsbekämpfung vor allem in einer anderen Politik: für Arbeitsplätze, die nicht krankmachen, für eine saubere Umwelt, für eine andere Lebenskultur. Hier ist eine andere Politik gefragt, die gestaltend eingreift. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN stehen für eine Politik der Nachhaltigkeit. Das bedeutet in der Gesundheitspolitik zuallererst Prävention. Unsere Konzepte zum Atomausstieg, zum Umbau der Chemieindustrie, zur Arbeitsplatzsicherheit und zur Reduzierung des Individualverkehrs sind hierbei wesentliche Ansätze, um Krankheitsursachen zu verringern.

 

Ein lohnender Markt

Mit dem Einzug der Gentechnik in die Medikamenten-Herstellung ist ein unglaublicher Konzentrationsprozeß verbunden. Kleinere und mittelgroße Firmen können weder Logistik noch finanzielle Ressourcen für umfangreiche Forschung und kapitalintensive Produktion aufbieten, um mit großen Kozernen konkurrieren zu können.

Vor einigen Jahren begannen die drei Konzerne Eli Lilly (USA), Novo Nordisk (Dänemark) sowie die Hoechst AG, die gemeinsam inzwischen über 90 Prozent des Weltbedarfs an Insulin decken, mit einer Kampagne zur "Umprogrammierung" der Diabetes-Kranken von tierischem Insulin auf Humaninsulin. Inzwischen sind ca. 80 Prozent aller insulinpflichtigen PatientInnen auf Humaninsulin umgestellt worden. Nur bei wenigen Diabetes-Kranken waren Allergien auf das bislang eingesetzte Schweine-Insulin der Grund für die Umstellung. Die Häufigkeit von allergischen Reaktionen auf Humaninsulin hat gegenüber tierischen Insulinen abgenommen. Sie können aber auch bei Humaninsulin auftreten, weil Verunreinigungen im Endprodukt auch bei gentechnischer Produktion nie völlig ausgeschlossen werden können. Beim Gebrauch von Humaninsulin, so das Resultat einer Schweizer Studie vor zwei Jahren, kann jedoch eine gravierende Nebenwirkung auftreten: Symptome für eine bevorstehende Unterzuckerung (Herzklopfen, Zittern, Hungergefühl und Schwitzen), wie sie bei tierischem Insulin auftreten, unterbleiben bei rund einem Drittel der PatientInnen, die mit Humaninsulin behandelt wurden. Diese Menschen können jederzeit in Ohnmacht fallen.

Der Absatz von gentechnisch erzeugtem Insulin liegt bei den drei Konzernen Eli Lilly, Novo Nordisk und Hoechst heute bei weit über zwei Milliarden Mark. Durch einen Werbefeldzug und Prämien an Ärzte für die Umstellung von insulinpflichtigen PatientInnen ohne Indikation haben die Konzerne fast sämtliche kleineren Hersteller von tierischen Insulinarten vom Markt gedrängt. PatientInnen sehen sich plötzlich mit der Situation konfrontiert, daß das Insulin, auf das sie viele Jahre hinweg gut ansprachen, nicht mehr produziert wird, weil die entsprechende Herstellerfirma in Konkurs gegangen ist. Deshalb haben sich Zuckerkranke zusammengeschlossen, um die Wiederaufnahme der Produktion von bestimmten tierischen Insulinen zu ermöglichen.

Hauptantriebsfeder für die Produktion gentechnisch erzeugter Medikamente ist das Patentrecht. Da der Patentschutz auf viele herkömmlich erzeugte Medikamente ausläuft, gilt es für die Pharmaindustrie, Patente auf neue Produktionsverfahren, Medikamente bzw. Gene selbst zu erreichen. Von der Politik wird diese Strategie unterstützt, indem im Rahmen der Gesundheitsreform Medikamente mit Patentschutz von der Festpreisbindung ausgenommen wurden. Medikamente müssen für alle verfügbar sein, die sie benötigten. Daher muß auch bei diesen Medikamenten eine Festpreisbindung eingeführt werden.

Die Patentierung von Genen muß auch für die Medikamentenerzeugung verboten werden.

 

Risikoaspekte /Forderungen

Die gentechnische Produktionsweise birgt generelle Risiken. Über die Einfügung eines Genes, das die Entstehung eines bestimmten Proteins steuert, werden Wirtszellen (Bakterien oder auch Hefe- und Säugetierzellen) zum Aufbau dieses Proteins gebracht. Diese Wirtszellen werden in großen Einheiten vermehrt, im Anschluß daran abgetötet und der gewonnene Stoff isoliert und chemisch verändert.

Produktsicherheit: Die zur Produktion eingesetzten Mikroorganismen können ihre Erbanlagen verändern. Ein neuer Stamm kann entstehen, der die Herstellung verunreinigt. Beim Einsatz genmanipulierter Säugetierzellen besteht eine weitere Gefahr: diese können "schlafende Viren" beherbergen. Auch von Nährlösungen, in denen diese Zellkulturen wachsen, können Gefahren ausgehen, weil diese häufig von Tieren selbst stammen. Diese Stoffe und Krankheitserreger können auch die herkömmlichen Reinigungsverfahren überstehen und in das Medikament gelangen. Bevor Unternehmen die Produktion von Medikamenten mittels gentechnisch veränderter Wirtszellen aufnehmen, muß eine strenge Sicherheitsevaluierung stattfinden, in der alle denkbaren Szenarien zur Entstehung und Freisetzung von krankheitserregenden Stoffen und Viren berücksichtigt werden.

Freisetzungen: Eine ungewollte Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen kann über die Abluft, das Abwasser und die MitarbeiterInnen einer Anlage erfolgen. So konnten bereits mehrfach Laborstämme von Mikroorganismen auf den Laborjacken der MitarbeiterInnen nachgewiesen werden. Anlagenwartung sowie das Animpfen der Lösung bedeuten für die MitarbeiterInnen solcher Anlagen besondere Gefahrenpotentiale. Nach einer Freisetzung können sich genmanipulierte Organismen ausbreiten und fortpflanzen. Verändertes Erbgut toter Bakterien kann von lebenden wieder aufgenommen und weitervermehrt werden. Bakterien können untereinander ihr genetisches Material austauschen: kommt manipuliertes Erbgut ins Spiel, können völlig unkalkulierbare Eigenschaften entstehen.

Die gentechnische Erzeugung von Medikamenten wird nach dem Gentechnikgesetz meist der Sicherheitsstufe 1 oder 2 zugeordnet, Freisetzungen sind damit in einem gewissen Umfang durch Abwässer mit gentechnisch veränderten Organismen erlaubt. Diese Deregulierung des Gentechnik-Gesetzes wollen BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN rückgängig machen und die Sicherheitsstandards für derartige Produktionsanlagen erhöhen.

 

Fazit

Der Großteil der bislang gentechnisch-erzeugten Medikamente ersetzt lediglich bereits vorhandene. Selbst wenn die Sicherheitsstandards für gentechnische Produktionsanlagen erhöht werden, wird ein erhebliches Restrisiko gegenüber der herkömmlichen Produktionsweise verbleiben. Bei der Genehmigung muß daher der Nachweis erbracht werden, daß es bei dem zu produzierenden Wirkstoff nicht nur um Ersatz bereits vorhandener, nicht gentechnisch hergestellter Wirkstoffe geht. Rationalisierung und Kostenverringerung dürfen keine Gründe sein, die mit der Gentechnik verbundenen grundsätzlichen Risiken einzugehen. Nur die realitische Aussicht auf die Entwicklung neuer Wirkstoffe für Krankheiten, die bislang unbehandelbar waren, kann eventuell das Eingehen dieser Risiken rechtfertigen. Hierzu ist eine Bedarfsprüfung notwendig.

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN erkennen den Nutzen einiger gentechnisch erzeugter Medikamente in der heutigen medizinischen Situation an. Die Versprechungen jedoch, zahlreiche bislang untherapierbare Krankheiten behandeln zu können, sind nicht erfüllt. Die Frage, ob wir heute nicht mindestens ebenso wirksame Medikamente ohne dieses hohe Produktionsrisiko hätten, wenn sich die Forschung der letzten Jahre nicht auf Gentechnik konzentriert hätte, muß unbeantwortet bleiben. Wir streben auch in der Entwicklung von Medikamenten gentechnikfreie Alternativen an.

 

 

2.4. TRANSGENE TIERE IN DER MEDIZIN

 

Xenotansplantation - Verpflanzung tierischer Organe auf den Menschen

Die Xenotransplantation soll dem Mangel an geeigneten Spenderorgangen abhelfen. Obwohl es seit mehreren Jahrzehnten Versuche gibt, scheiterten die Organübertragungen von Tieren auf Menschen an einer massiven Immunabwehr. Von den rund 30 Xenotransplantationen, die seit 1960 weltweit durchgeführt wurden, überlebten deshalb die PatientInnen selten mehr als einige Wochen. Da alle bisherigen Versuche, diese hyperaktive Abstossungsreaktion zu unterdrücken, wenig Erfolg hatten, richtet sich jetzt die Hoffnung auf die "Produktion" transgener Schweine. Die Zellen von Schweinen werden so manipuliert, daß sie menschliche Eiweisse aufbauen, um so das menschliche Immunsystem zu täuschen.

 

Risiken und Gefahren

Auch mit den transgenen Organen gelingt es nicht, die Immunabwehr zu unterdrücken. Es wären hohe Dosen von Medikamenten, welche das Immunsystem unterdrücken, notwendig. Die PatientInnen würden an anderen Krankheiten, welche durch diese Immunschwäche auftreten, sterben. Vom Transplantat selbst gehen Gefahren aus: Virologen warnen davor, daß mit dem artfremden Organ auch unbekannte oder latente Krankheitserreger, die bei ihrem Wirt keine Symptome verursachen und deshalb unbekannt sind, auf den Menschen übertragen werden. Viele der in den letzten Jahren neu in Erscheinung getretenen Krankheiten sind zonotisch: ihre natürlichen Wirte sind Nager, Vögel oder Schweine. Etliche sind davon auf den Menschen übergesprungen, etwa Grippe-Viren, BSE-Erreger und der Ebola-Erreger. Es gibt die These, daß der Aids-Virus HIV aus dem Affenvirus SIV entstanden ist. Wenn sich die Tierorgane bereits im menschlichen Körper befinden, sind die Möglichkeiten für genetische Kombinationsereignisse zwischen tierischen und menschlichen Krankheitserregern um so kürzer, direkter und zahlreicher.

 

Ethik

Mit der neuen Technik werden Mensch-Tier-Mischwesen geschaffen. Nach einer Xenotransplantation nisten sich überall im menschlichen Körper Tierzellen ein. Was bedeutet es, wenn die Grenzen zwischen Tier und Mensch verwischt werden? Dürfen Tiere genmanipuliert werden, um als Ersatzteillager für Menschen zu dienen? Darf man leidensfähige Lebewesen systematisch zu bloßen Rohstoffquellen erniedrigen? Die Auswirkungen auf die Tiergesundheit sind bei Eingriffen in das Erbgut nicht vorhersehbar. Ein Beispiel dafür sind die transgenen Schweine, die menschliche Wachstumsgene enthalten. Diese Schweine wachsen schneller und werden größer, aber sie leiden an Magengeschwüren, Arthritis, Lungenentzündung, Nieren- und Herzleiden sowie Gelenksdeformationen. Die eigeschleusten menschlichen Wachstumshormone haben zu massiven Störungen im gesamten Stoffwechsel der Tiere hervorgerufen. Xenotransplantation macht erst im Zusammenhang mit der Klonierung von Tieren einen (kommerziellen) Sinn. Ein "Ja" zur Xenotransplantation würde deshalb auch ein "Ja" zur Klonierung bedeuten. Wenn Tiere geklont werden, werden damit gleichzeitig die technischen Möglichkeiten des Klonens von Menschen erschaffen.

 

Animalpharming

Die Pharmaindustrie ist auch daran interessiert, mit transgenen Tieren Medikamente zu erzeugen. Es ist zum Beispiel gelungen, Schafe mit ihrer Milch AAT produzieren zu lassen. Der AAT (= Alpha-1-Antitrypsin)-Mangel ist ein tödlich verlaufender Gen-Defekt, der mit künstlicher Zugabe des Stoffes notdürftig behandelbar ist. Die Erfolgsquote bei den genmanipulierten Schafen rechnet sich allerdings nicht: von 549 befruchteten Eizellen produzierten später nur drei Schafe AAT. Nur ein einziges Schaf erzeugte eine relevante Menge, so daß andere Formen, AAT künstlich herzustellen, kostengünstiger bleiben. Würde dieses Schaf aber nach der "Dolly-Methode" geklont, wäre künstliches AAT angeblich billig zu haben. Um möglichst viele solcher "lebenden Medikamentenfabriken" zu erhalten, müssen diese transgenen Tiere geklont werden.

 

Forderungen

Die Xenotransplantation ist eine Risikomedizin, die in ihren gesundheitlichen Auswirkungen auf Mensch und Tier unverantwortbar ist. Im Rahmen der Forschungspolitik sollen dafür keine staatlichen Mittel bereitgestellt werden.

Eine Genehmigung, transgene Tierorgane auf Menschen zu übertragen, darf nicht erteilt werden. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN wollen ein europaweites Moratorium nach dem Beispiel Großbritanniens und schließlich ein Verbot der Xenotransplantation.

Gentechnische Eingriffe an Tieren lehnen wir genauso ab wie das Klonen von Tieren. Die Bundesregierung ist aufgefordert, sich für ein internationales Verbot der Klonierung einzusetzen.

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte