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Dieses Papier ist wirklich uralt, aber es formuliert jenseits von Detailfragen die Leitlinien zum Umgang mit gentechnischen Methoden in der Medizin, welche grundsätzlich gelten, und es ist insofern immer noch aktuell. Da es nicht mehr im Netz zu finden ist, dokumentiere ich es hier.


 

GEMEINSAME ERKLÄRUNG

 

der BAGen Gen- und Reproduktionstechnologien, Arbeit, Gesundheit, Soziales sowie Behindertenpolitik von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN

Berlin, den 12. Oktober 1997 [redigierte Fassung]

 

Fazit des Kongresses "Gen-Medizin - Das Versprechen einer Gesellschaft ohne Krankheit und Behinderung" von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN

[mit großer Mehrheit bei einer Gegenstimme und keiner Enthaltung beschlossen]

 

 

Das Menschenbild von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN geht davon aus, daß jeder Mensch als einzigartiges, unverwechselbares Individuum unabhängig von Fähigkeiten oder etwa körperlichen Einschränkungen Menschenwürde hat. Die durch die Gentechnik verheißene Vision vom behinderungsfreien, leidensfreien Menschen lehnen wir ab. Dem bioethischen Bild vom Menschen gelten Krankheit und Behinderung als Normabweichungen. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN hingegen gehen von einem integrativen Krankheitsbegriff aus. Der menschliche Organismus hat die Möglichkeit der Krankheit wesensmäßig an sich. Nur wer krank werden kann, ist gesund.

 

Die öffentliche Debatte um den Einsatz der Gentechnik in der Medizin wird bisher einseitig geführt. In der Öffentlichkeit wird überwiegend der Eindruck erweckt, ohne Gentechnik sei eine Heilung von Krankheiten nicht möglich. Viele GentechnikerInnen wollen immer wieder der Gesellschaft weismachen, daß unsere Zukunft und die Identität des Menschen in den Genen liegt. Es verwundert deshalb nicht, wenn viele Menschen große Hoffnungen in die zukünftige Entwicklung der Gentechnik setzen. Die Hoffnung auf Heilung nehmen wir sehr ernst. Gerade deshalb halten wir die Versprechungen, die gemacht werden, für unethisch.

 

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN halten die Gentechnik auch in der Medizin für einen grundsätzlich falschen Ansatz. Die herkömmliche Medizin hat bei der kausalen Behandlung von chronischen Krankheiten überwiegend versagt. Mit der Gentechnik wird dieser Sackgassenweg verstärkt, weil sie nur Teilerklärungen für das Phänomen Krankheit liefern kann. Allenfalls für einen geringen Teil von monogenen Erbkrankheiten kann sie Erklärungsmuster ermöglichen, ohne den Betroffenen Hilfe anbieten zu können. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Gene. Das reduzierte biologisch-mechanistische Menschenbild der Gentechnik gefährdet die grundlegenden Werte der Demokratie, die Menschenwürde und das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

 

Gesundheit ist auch durch Gentechnik nicht machbar. Das Risiko zu erkranken, liegt weniger in den Genen als zum Beispiel in der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht. Ernährung, Umwelt- und Lebensbedingungen, Arbeit und Sozialpolitik haben maßgeblichen Einfluß auf die Gesundheit der Bevölkerung. Der einseitige Blick auf die Gene lenkt von diesen Problemen ab.

 

In der Medizin gibt es vielversprechende Ansätze, die ohne Gentechnik auskommen. Eine bevorzugte Förderung von alternativen wissenschaftlichen Konzepten in der Medizin ist Ziel GRÜNER Wissenschafts- und Gesundheitspolitik. Dazu gehören alle Ansätze, Krankheit als eine Ganzheit im sozialen Kontext zu untersuchen und zu behandeln ebenso wie Verfahren der Naturheilkunde, zum Beispiel Phytomedizin und Homöopathie. Im Bereich der Forschung sollen Projekte gefördert werden, welche die Entstehung der chronischen Erkrankungen aus epigenetischen Zusammenhängen untersuchen. Auch bei der Ursachenforschung wie z.B. der Umweltmedizin gibt es einen großen Nachholbedarf. Dieser soll durch ein Umlenken der Forschungsgelder aufgeholt werden. Die Gentechnik verbaut Zukunftschancen. Wir wollen Forschungsansätze stärken, die bisher vernachlässigt wurden. Wir sprechen uns gegen die staatliche Alimentierung der Gentechnik aus.

 

Gentests werden zunehmend im Rahmen der Pränatalen Diagnostik angewandt. Sie dienen der Prognose von Gen-Defekten beim Embryo. Damit wird die vorgeburtliche Auslese behinderten Lebens befördert. BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN lehnen diese Entwicklung ab. Schwangeren Frauen wird im Rahmen der Pränatalen Diagnostik die Verantwortung für die Lösung eines primär gesellschaftlichen Problems auferlegt.

 

Forschung in der Medizin soll dem Leitbild der Nachhaltigkeit folgen. Zu diesen Prinzipien gehören Interdisziplinarität, die Integration von ökologisch-ökonomischen sowie sozialen und technischen Fragestellungen, die stärkere Hervorhebung gesellschaftlicher Bezüge und die Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen .

Es gibt einzelne Gentests und Medikamente aus dem Genlabor, die einen bedingten diagnostischen bzw. therapeutischen Nutzen haben. Eine verantwortungsvolle Politik kann sich aber nicht über Einzelfälle begründen. Die besonderen Risiken der Gentechnik werden durch eine Anwendung nicht geringer, genausowenig wie die grundsätzliche Kritik widerlegt wird.

 

BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN lehnen Gentechnik grundsätzlich und für alle Anwendungsbereiche ab. Wir wollen deshalb die Gentechnik zurückdrängen. Um Fehlentwicklungen zu verhindern, bedarf es neben den von uns entwickelten Forderungskatalogen für die jeweiligen Anwendungsfelder auch eines grundsätzlichen Instrumentariums: umfassende Haftung mit Versicherungspflicht, höhere Sicherheitsstandards sowie ein Verbot der Patentierung von Genen. Die Keimbahnmanipulation muß verboten bleiben.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte