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Über das Schreiben gegen den Krieg


 

Der wesentlichste Grund dafür, warum ich schreibe, besteht darin, dass ich zur Herausbildung einer Gegenöffentlichkeit zu den Konzernmedien beitragen will. Wie wichtig diese ist, stellen wir besonders dann fest, wenn "unsere Wertegemeinschaft" beginnt, für Kriege zu trommeln und das Politestablishment im Gleichklang mit den Konzernmedien versucht, in der Bevölkerung Akzeptanz für Kriege zu schaffen. In einem hohen Maße gelang ihnen dies beim Libyen-Krieg, - ein neuer Versuch wird aktuell in Syrien unternommen.

 


Krise der Friedensbewegung

 

Trotz der guten Mobilisierung, wie sie anlässlich der Jahrestage des NATO-Krieges in Afghanistan erfolgt, ist es nicht zu leugnen, dass die Friedensbewegung in der Krise steckt. Dies äußert sich nicht nur in vergleichsweise geringen Teilnehmerzahlen bei Anti-Kriegs-Demonstrationen, sondern noch mehr darin, wie weit die "Idee", Waffengewalt könne Menschenrechte schützen, selbst in "linke" Diskurse vorgedrungen ist und welches Maß an Desinformation vorherrscht. Dabei besteht zwischen Desinformation und bellizistischen Ansätzen ein reziprokes Verhältnis: Je geringer der Zugang zur Gegenöffentlichkeit ist, je unkritischer werden auch der Bruch des Völkerrechts oder die Anwendung militärischer Gewalt gesehen. Im Falle Libyens etwa wurde m.W. von den großen Konzernmedien, deren Texte gemeinhin in den Sozialen Netzwerken gepostet werden und deren Inhalte selbst sog. Linke flächendeckend rezipieren und weiterverbreiten, kaum einmal hinterfragt, wo denn eigentlich die Beweise für die angebliche systematische Bombardierung der libyschen Zivilbevölkerung sind[1]. Es wurde auch nicht kritisiert, dass die Einrichtung einer sog. Flugverbotszone (UN-Resolution 1973) in ein siebenmonatiges, systematisches Bombardement des Landes mit 26.323 Lufteinsätzen und 9.658 Angriffen[2] mündete oder plötzlich ein völkerrechtswidriger Regime Change forciert wurde. Es kam auch kaum jemand unter den "Qualitätsjournalisten" auf die Idee sich zu fragen, welche Kräfte der Westen in Libyen unterstützt. Kurzum: Der Widerstand gegen diesen Krieg, der nach anfänglichem Zögern und Enthaltung im UN-Sicherheitsrat später von Deutschland mit offen bekundetem Wohlwollen und Unterstützung stattfand, hielt sich in Grenzen. Alsbald sahen sich sogar die Kriegsgegner, die sich auf Gewaltverzicht und Völkerrecht beriefen, zwischen bellizistischen Menschenrechtsrittern vom Schlage Daniel Cohn-Bendits und Gaddafi-Fans zerrieben.

 

 

Als Flugzeugträger der Amerikaner


In den 80er Jahren war es für jedermann offensichtlich, dass Mitteleuropa das Hauptschlachtfeld eines (atomaren) Krieges werden könnte. Mit zahllosen US-Basen in einem Land, das bis heute als Flugzeugträger der Amerikaner fungiert, und einer sich als Erfüllungsgehilfe verstehenden Regierung waren die Adressaten für den Protest klar, eine persönliche Betroffenheit im Falle eines Krieges war nicht von der Hand zu weisen. So konnten an Aktionstagen Hunderttausende auf die Straße gebracht werden – ganz anders jedoch, wenn ein Krieg in einem fernen Land stattfindet. Heutzutage fehlt eine akademische Elite, die früher die ökonomischen Motive und geostrategischen Hintergründe für militärische Gewalt thematisierte. Dieser akademische Mainstream hatte sich insbesondere im Gefolge der Vietnam-Proteste in den 70er Jahren herausgebildet und verstand sich fast sui generis als links, als antiimperialistisch und antimilitaristisch. Im Jahre 2012 hingegen dominieren individualistisch-"konsumistische" Lebensentwürfe in der "gebildeten Schicht".



Aus dem Elfenbeinturm heraus


Umso mehr kommt es nunmehr auf den harten Kern der Friedensbewegung an, um nach wie vor Demos zu organisieren, Aktionen zu initiieren, internationale Kontakte usw. zu halten, vor allem jedoch muss sie eine Gegenöffentlichkeit stärken, um gegen die Konzernmedien eine andere Sichtweise gegenüber solchen Kriegen zu entwickeln. Wie notwendig diese ist, hat der Libyen-Krieg ebenso gezeigt wie die aktuellen Kampagnen, welche die nächsten Kriege im Nahen / Mittleren Osten vorbereiten sollen. Diese Gegenöffentlichkeit, eine Art Graswurzeljournalismus aus freien Bloggern, kleinen (Blog)Zeitungen, investigativen Plattformen wie Wikileaks und weiteren Medien, die das Web 2.0 nutzen und deren Inhalte sich über Soziale Netzwerke verbreiten, kommt eine zentrale Rolle zu, um darüber aufzuklären, welche geostrategischen und ressourcenbezogenen Motive westlichen Interventionen im Namen der Menschenrechte zugrunde liegen und mittels Instrumentalisierung des Völkerrechts und direkter militärischer Gewalt umgesetzt werden. Dazu muss die teilweise institutionalisierte Friedensforschung aus ihrem Elfenbeinturm hervorkommen, ihre akademischen Reservate verlassen und auf die kritische Öffentlichkeit des Web 2.0 zugehen. Sie muss sich ferner um klare Sprache, schlaglichtartige Darstellungen statt 20seitiger Positionspapiere, die mehr der Selbstvergewisserung dienen, und um die Herausbildung großer Netzwerke bemühen. Solche Netzwerke entstehen erst durch die Interaktion - will sagen, einfach "etwas ins Netz zu stellen", genügt nicht mehr, sondern diese Inhalte müssen in Netzwerken annonciert und "promoted" werden. Sonst werden selbst die wertvollsten Perlen in der Informationsflut des Internets untergehen.  Ein weiterer zentraler Aspekt besteht in der Pflege sozialer Kontakte, was unter anderem auch einen persönlichen Austausch beinhaltet in Form von Diskussionen in Facebook-Threads oder in Blogs.

 

 

Chancen des anarchischen Web 2.0

 

Die Kritik an neoimperialistischen Kriegen und den gerne unterschlagenen, primär materiellen Motiven (Rohstoffe) darf nicht zwischen Konzernmedien auf der einen und den im Netz allerorten wabbernden Verschwörungstheorien andererseits untergehen. Wenn sich die Friedensbewegung um diese ad-hoc-Bündnisse immer wieder neu bemüht, dann hat sie im Web-2.0-Zeitalter eine so große Chance wie noch nie zuvor, in einer beachtlichen Breite ihre Analysen und Forderungen darzustellen. Zu diesem Zweck bedarf es keiner Zeitungsverlage und Druckerpressen, sondern eines geschulten Verstandes, über den die langjährigen AkteurInnen natürlich verfügen. Kurzum: Es geht darum, die vorhandenen Erkenntnisse breit zu vermitteln und zu kommunizieren, dass diese generell andere Sicht auf Expansion und Krieg tatsächlich existiert und wo auf sie zurückgegriffen werden kann. Nur dann wird die Friedensbewegung eine kritische Gegenöffentlichkeit stärken und ihr die Argumente an die Hand geben, um gegen die herrschende Politik und die Konzernmedien zu streiten und sich nicht verdummen zu lassen. Diese Aufklärungsarbeit ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass sich Menschen ihres Verstandes bedienen, sich politisieren und mobilisieren lassen für Engagement auf der Straße oder als Multiplikatoren einer urdemokratisch verfassten, bisweilen anarchischen Gegenöffentlichkeit 2.0.

 



Anmerkungen


[1] Dabei hätten sich die Medien durchaus auf amtliche Dokumente stützen können. Die Fraktion DIE LINKE etwa fand durch eine parlamentarische Anfrage im Bundestag heraus, dass die Bundesregierung keine Beweise für eine "systematische Bombardierung" der Bevölkerung in Libyen hat. Das war jedoch der Rechtfertigungsgrund für die UN-Resolution 1973. Vgl. dazu a.: Die Kriegslügen über Libyen und Schleichende Eskalation jenseits der Legalität
[2] NATO (Naples Media and Information Centre): NATO and Libya - Operational Media Update [pdfDatei], 24.10.2011

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte