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VI. Freiheit und Zwang

 

Ingeborg Henel führt aus, dass sich in der Türhüter-Legende der „freie Mensch und der unfreie Beamte“[1] gegenüberstehen. Zwar mag der Mann vom Lande in dem Sinne frei sein, dass kein äußerer, objektiv-zwingender Grund vorhanden ist, vor dem Gesetz viele Jahre zu warten. Gleichsam hieße es jedoch die Logik des Textes und die Spielregeln der Welt in der Legende zu verweigern, wenn man davon ausgeht, der Mann hätte den Ort vor dem Gesetz verlassen können. Gleichgültig, was den Mann vom Lande zu seiner Reise oder besser Suche bewegt hat, und wie er sich vor dem Gesetz verhält, er könnte den Raum vor dem Gesetz nicht verlassen. Man könnte im Allgemeinen die Überlegung anstellen, warum er denn nicht einfach wieder geht. Nur dies entspricht nicht der Binnenlogik des Textes, der Mann bleibt und damit akzeptiert auch der Leser im Grunde genommen die vom Erzähler geschaffenen und vom Mann vom Lande so empfundenen Zwänge. Wir wissen nicht, welcher Art dieser Zwang ist, den der Mann empfindet. Trotzdem muss er vorhanden sein, weil er nicht einmal die Möglichkeit erwägt zu gehen. Die Vermutung, er könne doch wieder gehen, mündet darin, dass sich der Literaturwissenschaftler selbst zum Autoren aufschwingt und Kafkas Welt mit ihren Eigengesetzlichkeiten verlässt. In den beiden Romanen Der Prozeß und Das Schloß befinden sich die Protagonisten in vergleichbaren Situationen und an keiner Stelle der Romane erwägen sie die Alternative, „aus der Geschichte auszusteigen“. Anzuzweifeln ist auch die Aussage, der Beamte sei unfrei: Von seinem Dienstverhältnis ist nur so viel die Rede, dass er den Anblick des dritten Türhüters nicht ertragen könne. Darüber hinaus hat er das Innere nie gesehen. Wie sollte er überhaupt in ein typisches Beamtenverhältnis geraten sein, in dem er unfrei sein könnte, wenn er niemals einen offiziellen Dienstauftrag erhalten hat? Wenn Ingeborg Henel den inneren Zwang, welchem der Mann vom Lande offensichtlich unterliegt, schon ignoriert und behauptet er könne das Gesetz verlassen, dann müsste sie dieses Recht und die Möglichkeit des freien Handelns auch dem Türhüter zubilligen. Hier schließt sich der Kreis: Bei beiden herrscht, wie wir oben gesehen haben, kein objektiver, äußerer Zwang, welcher sie dazu nötigen könnte, in dem Raum zu verweilen, in den sie der Erzähler platziert hat. Es existiert nur ein einziger Zwang und dabei handelt es sich um den vom Erzähler in die Charaktere selbst hinein gesetzten. Dieser Zwang ist manifest in allem Tun des Türhüters und des Mannes. Keiner von beiden ist frei, so wie Ingeborg Henel es behauptet.

 

 

 


[1] Ebd..

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur