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Die Freiburger Handfeste aus dem Jahre 1120/22


Dieser Arbeit, einer Quelleninterpretation, liegt zugrunde die Handfeste der Stadt Freiburg im Breisgau aus dem Jahre 1120 bzw. 1122, die von Arno Borst in seinem Buch „Lebensformen im Mittelalter“[1] in einer deutschen Übersetzung des lateinischen Originals veröffentlicht wurde.

 

Im ersten Abschnitt sollen zunächst verschiedene Ausgangsbedingungen bei der Textinterpretation geklärt werden, die für die kritische Arbeit mit Quellen bedeutsam sind. Dabei werden verschiedene Aspekte geklärt: Quellengattung, Entstehungszeit und -ort, Autor/Verfasser, Adressat, Sprache sowie Wahrheitsgehalt, sofern dieser sich bereits durch die äußeren Bedingungen andeutet.

 

Im zweiten Abschnitt werden neben dem Inhalt der Quelle verschiedene Zusammenhänge thematisiert, die den Aspekt „Alltagskultur“ beinhalten. Angesichts der Quellengattung Handfeste, die ja primär sozio-kulturelle und mikroökonomische Regulative des menschlichen Zusammenlebens in einer Stadt beinhaltet, ist die Richtung dieser Arbeit bereits vorgegeben: Es handelt sich hierbei zwangsläufig nicht um eine Beschreibung der alltäglichen Lebensumstände im engeren Sinne, wie etwa Ernährung, Kleidung, Tagesablauf oder dergleichen, sondern um Lebensumstände im weiteren Sinne, wie Erb- und Besitzrechte, Anliegen der Kaufleute oder Handwerker, Bedeutung von Streitigkeiten inner- und außerhalb der Stadtgrenzen etc.. Gleichwohl sind auch diese Lebensumstände von alltäglicher, von realer Bedeutung.

 

Im dritten Abschnitt schließlich wird versucht, drei Sachverhalte, die in der Quelle auftauchen, in einen allgemeineren Zusammenhang einzuordnen. Daran schließt sich eine Schlußbetrachtung an.

 

Auf ein Literaturverzeichnis im Anhang wurde verzichtet, da sich diese Arbeit lediglich auf die unten angegebene Quelle bezieht.


 

sog. Freiburger Handfeste

 

 

I. Zur Quelle

 

Quellengattung: Es handelt sich bei der vorliegenden Quelle zur Gründung der Stadt Freiburg um eine Handfeste (mittellat. manufirmatio). Handfesten sind Urkunden, in denen ein Herrscher meist öffentlich-rechtliche Privilegien verleiht. Recht bekannt ist die Culmer Handfeste aus dem Jahre 1233, in der die rechtliche Stellung von landbesitzenden Bürgern, die in Städten Culm und Thorn wohnten, geregelt wurde. Das Culmer Recht wurde dann zur Grundlage vieler mittelalterlicher Stadt- und Landrechtsordnungen, vor allem bei Städtegründungen im Deutschordensland.

 

Entstehungszeit und -ort: Das in der Handfeste beschriebene Ereignis, nämlich die Verleihung der Privilegien an die Stadt Freiburg, und das Verfassen der Handfeste liegen eng beisammen. Entstanden ist die Handfeste vermutlich am Hofe des Herrschers, der die Privilegien verlieh. Auf Grund der geringen zeitlichen Distanz zwischen Ereignis und Entstehung des darüber Bericht erstattenden Dokuments kann zunächst einmal, was diesen Gesichtspunkt anbelangt, von einem relativ hohen Grad an Authentizität ausgegangen werden.

 

Autor/Verfasser: Vermutlich hat Konrad, Herzog von Zähringen, der in der Handfeste als „ich, Konrad,“[2] auftritt, einen Schreiber mit der Abfassung der Handfeste beauftragt. Insofern ist die Rolle des Auftragsschreibers unbedeutend, da man davon ausgehen kann, daß er sich an die Vorgaben seines Auftraggebers gehalten hat. Der eigentliche Autor Konrad von Zähringen[3] wurde 1095 geboren und starb am 8. Januar 1152, er war Sohn Bertholds II. und Agnes von Rheinfelden und besaß den Beinamen dominus und puer adolescens. Konrad zog bereits im Alter von 25 Jahren in den Krieg, griff Schaffhausen an und gründete auf seinem eigenem Gut den Marktort Freiburg. Das Motiv, das Konrad zu dieser und weiteren Städtegründungen bewegte, war wohl die Erkenntnis, daß Städte als relativ stabile ökonomische Faktoren, etwa was den jährlichen Zins oder die kriegsnotwendige Waffenproduktion anbelangt, für die Kriegführung von wesentlicher Bedeutung waren. Diese Vorteile waren durch eine Herrschaft über ländliches Gebiet mit Dörfern nicht oder nicht in dem Maße gegeben.

 

Adressat: Wie bereits mehrfach in der Quelle selbst genannt, richtete sich die Handfeste an die „Geschäftsleute“ oder an die „Geschäftsmänner“, an „alle[n] im Marktort Begüterten“[4] bzw. am Ende an „meine Bürger“ und an den „freien Mann“[5]. In den drei Einfügungen, die in die Handfeste später vorgenommen wurden, wird außerdem die Bezeichnung „Städter“[6] verwandt.

 

Sprache[7]: Die Handfeste war, wie wohl die überwiegende Mehrzahl der mitteleuropäischen Urkunden des 12. Jahrhunderts, in Latein geschrieben. Da Latein damals als eine Art Amtssprache diente, verwundert dies nicht weiter. Problematisch ist dies allenfalls insofern, als daß die Menschen, an die sich das Dokument wandte, in ihrer Mehrheit kein Latein verstehen konnten. Dieses Vorrecht war dem Klerus sowie den höheren Adeligen und Teilen der Verwaltung vorbehalten.

 

Wahrheitsgehalt: Bereits aus der Quellengattung (Urkunde) geht hervor, daß es sich nicht etwa um persönliche Aufzeichnungen handelt, sondern um ein Dokument, das die Beziehungen zweier Parteien miteinander regelt. Insofern kann davon ausgegangen werden, daß die in der Handfeste beschriebenen Regelungen und Vorgänge einigermaßen unbestritten, vielleicht sogar wahr sind.

Kurzum, die Quelle kann - was die äußeren Bedingungen anbelangt - als glaubwürdig gelten.

 

 

II. Zum Inhalt

 

Konrad erklärt, daß er von überallher angesehene Geschäftsleute zusammengerufen habe, um den Marktort Freiburg zu gründen. Jeder Geschäftsmann bekommt ein Stück Land zur Errichtung einer Hofstätte zugeteilt. Für diese Hofstätte ist demnach jährlich am Fest des Martin (also am 11. November) ein Zins zu bezahlen. In der Einfügung, die vermutlich vor 1218 vorgenommen wurde, wird die Größe dieser Hofstätten festgelegt, nämlich auf eine Länge von 100 und eine Breite von 50 Fuß.

Als Zweck der Vertragsurkunde wird mitgeteilt, daß die darin enthaltenen Bestimmungen für lange Zeit im Gedächtnis bleiben sollen, so daß die Rechtsnachfolger beider Seiten sich auf diese Regelungen berufen können.

 

Konrad verspricht allen Reisenden und Bürgern in seinem Herrschaftsbereich Frieden und sichere Reise. Er übernimmt sogar die Garantie dafür, daß geraubtes Eigentum entweder wieder beigebracht oder gar von ihm selbst ersetzt wird. Angesichts der ständigen persönlichen und materiellen Bedrohung von Handeltreibenden auf Reisen durch Raubritter erscheint diese Regelungen als äußerst vorteilhaft für die Betroffenen. Allerdings muß dieses Versprechen von Konrad nicht unbedingt als Privileg gewertet werden. Bereits in den frühmittelalterlichen Lehnsverhältnissen stellte der materielle und persönliche Schutz der Belehnten ein wesentliches Moment dar.

 

Den Freiburger Bürgern werden „für immer“[8], wie es ausdrücklich heißt, mehrere Privilegien verliehen:

  • Frauen mit ihren Kindern dürfen ihren Ehegatten ohne jede Einschränkung beerben.
  • Die Bürger dürfen die Lehen nutzen, die Konrad den Bauern der Umgebung gewährt hat. Aufgelistet werden Wiesen, Flüsse, Weiden und Wälder.
  • Der Herzog erläßt allen Geschäftsleuten den Marktzoll.
  • Er gesteht den Bürgern das Recht zu, die Vögte, also die weltlichen Vertreter des Klerus (advocatus ecclesiae, kirchlicher Beistand), genauso wie die Priester zu wählen.
  • Streitereien zwischen Kaufleuten sollen nicht einfach nach dem Gutdünken eines weltlichen Herrn, sondern nach dem Gewohnheitsrecht aller Geschäftsleute, dem Kölner Kaufmannsrecht, entschieden werden.
  • Der Herzog sichert den Bürgern das Recht zu, die ihnen zugeteilten Hofstätten zu verkaufen, sofern sich der Besitzer der Häuser in Not befindet. Gleichwohl bleibt der Grund Eigentum des Herzogs und der Käufer ihm und seinen Nachkommen zinspflichtig.

Der „reale“ Wert der Handfeste

Um die Verbindlichkeit der in der Handfeste enthaltenen Bestimmungen zu betonen und die jeweiligen Rechtsnachfolger beider Seiten darauf zu verpflichten, sichert Konrad gemeinsam mit zwölf seiner „namhaftesten Ministerialen“[9], die auf die Reliquien der Heiligen einen Eid geleistet haben, die Einhaltung der Bestimmungen noch einmal zu. Dies bekräftigt er gegenüber den Marktgeschworenen, also dem Gremium, das den städtischen Markt und die Einhaltung der Marktbestimmungen überwacht, mit einem Handschlag. Eid und vor allem der Handschlag, mit dem Kaufleute ja auch Geschäfte besiegeln, sind für die Bürger ungleich verbindlicher als die Urkunde selbst, die in Latein geschrieben ist und dessen sie nicht mächtig sind. Gleichsam bezeichnend ist, daß die Gültigkeit durch eine religiöse und eine weltliche Beteuerung betont wird. Der Eindruck könnte entstehen, daß es nicht vorrangig um die Verleihung bürgerlicher Rechte, wie etwa die Lehnsfreiheit ging, sondern um eine Art Geschäft. Dies wird neben dem Handschlag auch dadurch untermauert, daß der Herzog nicht etwa den Bürgern die Hand reicht, sondern den „Marktgeschworenen“. Ihre hervorgehobene Stellung verdanken sie gerade ihrer Funktion als sozio-ökonomisches Regulativ. Der Eindruck, daß es sich bei der Zeremonie auch um eine Art Geschäft handelt, wird dadurch bestärkt, daß der Herzog auf „Antrag und Wunsch“[10] die Privilegien gewährt. Für die realen Machtverhältnisse kann man schließen, daß die beiden Seiten zwar nicht gleichberechtigt sind, gleichwohl aber der Herzog die Geschäftsleute akzeptiert und respektiert.

 

Zu den „Einschüben“

 Arno Borst hat in der von ihm herausgegebenen Fassung der Freiburger Handfeste drei Textpassagen mit eckigen Klammern versehen. Diese Einzelbestimmungen, „die vermutlich vor 1218 in die Handfeste eingeschoben wurden“[11], konkretisieren in mehrfacher Hinsicht die älteren Textpassagen. Der Zweck der Einschübe in die Urkunde - wer sie tatsächlich vorgenommen hat, bleibt unklar - ist wohl einerseits, Fragen zu regeln, die erst durch das Zusammenleben selbst aufgeworfen wurden. Andererseits - und dieser Verdacht drängt sich angesichts der Datierung dieser Einschübe auf - kann es auch so gewesen sein, daß die Freiburger Bürgerschaft ihre Position gegenüber der Obrigkeit stärken wollte. 1218 stirbt der letze Zähringer und die Herrschaft geht auf den Grafen von Freiburg über. Bei diesem Wechsel wollen die Freiburger Bürger für sich eine möglichst günstige Ausgangsbasis erschaffen. So sind denn auch die Einschübe meist zum Vorteil der Bürger zu deuten, indem sie ursprünglich allgemein gehaltene Bestimmungen konkretisieren, auf ein Mindestmaß heben und die Bürger so gegen den Herrscher einen gewissen Anspruch erheben, wie etwa durch die Festlegung der Größe der Hofstätten.

 

 

Im Einzelnen betreffen diese Einschübe folgende Bereiche:

 

Erbrecht: Meldet kein Nachkomme Anspruch auf den Besitz eines Verstorbenen an, so fallen diese Güter zu je einem Drittel der Pflege des Seelenheils, dem Herzog und der Stadt oder ihrer Kirche zu. Damit wird der Anspruch des Herzogs (aber auch des Verstorbenen) beschränkt[12].

 

Eigentumsrechte/Bestrafung: Wesentliches Anliegen der Handwerker und noch mehr der Kaufleute ist es, das durch Arbeit erworbene Gut auch innerhalb der eigenen Familie vererben zu dürfen. Die grundlegende Motivation eines Geschäftsmannes ist es, sein Eigentum zu mehren, Kapital zu akkumulieren, um so neue Geschäfte (Investitionen) vornehmen zu können. Dieses Recht wird den Bürgern bereits durch Konrad selbst verliehen. Durch den zweiten Einschub jedoch wird die große Bedeutung von Eigentum zusätzlich noch betont: Derjenige, in dessen Hofstätte jemand eindringt, darf diesen Eindringling töten, ohne daß er dafür von einem Gericht belangt werden könnte. Diese doch aus unserer heutigen Sicht recht harten Strafen können wohl zudem damit erklärt werden, daß Übergriffe auf das Eigentum anderer im Mittelalter wohl recht häufig vorkamen. Da es an einem starken Staat ermangelte, der Zuwiderhandlungen effektiv sanktionieren konnte, blieb der Bürgerschaft nichts anderes übrig, als die „Selbstjustiz“ zu akzeptieren. Das zentrale Motiv der Bürger, nämlich ungestört produzieren und verkaufen zu können, erklärt denn auch, warum die Bürger bei der Störung des Stadt- und Marktfriedens hart reagieren: Schlägt einer den anderen blutig, so wird dem Delinquenten die Hand abgehauen. Gleichwohl scheint es auf den mittelalterlichen Märkten wohl recht häufig über Qualität der Ware, Preis oder falsch geeichte Maße und Gewichte zu blutigen Händel gekommen zu sein. Es wird von der traditionellen Sippenhaft Abstand genommen. Die Angehörigen oder Nachkommen eines Delinquenten sind nicht mehr kollektiv haftbar für Verbrechen einzelner Familienmitglieder. Das Haus eines flüchtigen Straftäters wird zwar zerstört, auf dem Grund jedoch können die Angehörigen oder Nachkommen nach einem Jahr wieder bauen. Die Bürger machten sich auch hier eine wesentlich pragmatischere Sichtweise zueigen, als vielmehr die ganze Sippe aus gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Leben auszuschließen.

 

Geschlechterverhältnisse: Frauen und Männer sind, was das Erbrecht anbelangt, völlig gleichberechtigt, sie können einander beerben. Diese Aussage stärkt die Stellung der Bürgersfrau: Ohne den Verweis auf ihre Kinder - wie er sich in der ursprünglichen Fassung[13] fand - wird ihr hier ein eigenständiges Erbrecht eingeräumt. Die Aufgabe der Frau, nämlich die stellvertretende Verwaltung für die eigentlichen Erben, die Kinder, entfällt hier völlig. Sicherlich läßt diese Regelung für sich genommen noch keine Rückschlüsse auf die realen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zu, aber man sollte diese Bestimmung auch nicht unerwähnt lassen. Handel, Handwerk und sonstiges Gewerbe lagen natürlich nach wie vor in Männerhand.

 

Städter und Obrigkeit: Bereits die mehrfache Beteuerung der Rechte und Privilegien in Konrads Handfeste macht deutlich, welch gewichtige Stellung den Städtern gegenüber der Obrigkeit eingeräumt wurde. Erhebt ein Lehnsherr Anspruch auf einen entlaufenen Hörigen, der inzwischen in der Stadt wohnt, so muß der Lehnsherr und sieben Nächstverwandte seinen Anspruch vor dem Herzog beschwören. Erst dann, also auf den Eid von acht Adeligen, wird der vermeintliche Hörige ausgeliefert. Lebt jedoch ein Höriger ein Jahr und einen Tag in der Stadt und es hat niemand während dieser Zeit auf ihn Anspruch erhoben, so ist er frei.

 

Gewalt und Stadtfrieden: Sicherlich provoziert das Zusammenleben von Menschen auf relativ engem Raum, die Streitereien beim Handel sowie persönliche Animositäten auch mehr Gewalt als etwa auf dem Land. Vermögensdelikte treten zudem vermehrt dort auf, wo es Vermögen gibt, das sich andere aneignen können. Das heißt, Geldwerte und andere, leicht zu entwendende Besitztümer konzentrierten sich natürlich eher in der Stadt als auf dem Lande. Waffengewalt, die im Affekt - also spontan, zum Beispiel bei einem Aufruhr - entsteht, bleibt in der Stadt straffrei. Vorsätzliche Gewalt hingegen, zum Beispiel nach Herbeiholen von Waffen, wird vom Herzog mißbilligt. In diesem Zusammenhang legen die Bürger fest, daß Lehnsleute, Ministeriale und Ritter nur nach Beratung und Zustimmung aller Städter in der Stadt wohnen dürfen. Bezeichnenderweise werden diese Personengruppen im Zusammenhang damit erwähnt, daß „jemand in Waffen“[14] zu einem Aufruhr „dazukommt“. Die Bürger fürchten also, daß durch die bewaffneten Edelleute Konflikte eskalieren könnten. Auffällig ist auch, daß die Einwohner zunächst einander rechtlich gleichgestellt sind. Während in Streitigkeiten zwischen Adeligem und entlaufenem Hörigem der Adelige schlußendlich die gewichtigere Rechtsposition besitzt, werden Zeugnisse von Bürgern für Bürger auf Grund von tatsächlichem Sehen und Hören erbracht, das heißt, einer wirklichen Zeugenschaft. Allein die Standeszugehörigkeit, wie etwa bei Adeligen, legitimiert die Aussage noch nicht.

 

„Wenn Bürger als Freunde die Stadt verlassen und (draußen) miteinander zanken, soll jeder dem Schultheißen drei Schillinge Buße zahlen. Wenn sie aber als Feinde hinausgehen und einander in die Haare geraten, ist ihnen die Huld des Herzogs entzogen.“[15] Entsteht unter Bürgern draußen, also vor den Toren der Stadt, Zwist und tragen sie diesen in die Stadt hinein, müssen sie eine Strafe zahlen. Gehen sie jedoch bereits als Feinde hinaus und zanken sich, ist ihnen lediglich die Huld des Herzogs entzogen, das heißt, sie werden nicht materiell bestraft. Auch diese auf den ersten Blick recht befremdliche Regelung kann mit dem zentralen Motiv der Bürger erklärt werden, dem Wunsch in Frieden produzieren, Handel treiben und leben zu können. Im ersten Fall stören sie auf Grund externer Ereignisse den Stadtfrieden, da sie ja als „Freunde“ hinausgegangen sind. Im zweiten Fall wird ein interner Konflikt extern ausgetragen. Zwar kann auch diese gewaltsame Lösung nicht vom Herzog gebilligt werden, gleichwohl wiegt diese Tat weniger schwer. Nur Bürger können gegen Bürger zeugen, „Auswärtige“[16] werden ausdrücklich von der Zeugenschaft ausgeschlossen. Durch diese Regelungen scheint auch durch, wie die Bürger, „die Welt da draußen“ vor ihren Stadttoren empfanden: Innerhalb einer unwirtlichen Umgebung, in der Leben und Besitztümer bedroht sind, liegt eine Art Schutzraum, der durch die Mauern auch real seinen Ausdruck findet, in dem man ein einigermaßen friedliches Zusammenleben bewerkstelligen will.

 

 

III. Einzelaspekte

 

Konrad nennt die Bewohner seiner Stadt Bürger. Das Wort, hergeleitet aus dem mittelhochdeutschen burgaere, bedeutet zunächst nicht mehr als Bewohner einer burc. Damit wird im Hochmittelalter zwischen den Städtern einerseits sowie den Bauern der Umgebung, dem in der Stadt wohnenden Klerus und den weltlichen Machthabern andererseits unterschieden. Man kann davon ausgehen, was die realen Vermögensverhältnisse anbelangt, daß in Freiburg zunächst alle Bewohner durch die Errichtung von Hofstätten und das dauerhafte Siedeln zu Bürgern wurden und somit alle Rechte genossen und Pflichten zu leisten hatten. Erst später kann man auch für Freiburg annehmen, daß durch Zuzug von entlaufenen Hörigen und anderen Besitzlosen eine breite städtische Unterschicht entsteht. Die alteingesessenen und besitzenden Bürger jedoch behielten die Rechte für sich. Reisende, Klerus und Juden sowie andere bloße Einwohner wurden als advena (Ankömmling), medewoner  und beisasse bezeichnet. Die Stellung als Bürger, die ursprünglich allen Städtern zufiel, wurde zusehends zum sozialen und traditionellen Vorrecht der alteingesessen Bevölkerung. Bis zum Spätmittelalter erfolgt in den meisten Städten eine starke Schichtung der Bevölkerung. Die ehrwürdigen Gründerfamilien sind inzwischen zu Reichtum gelangt und bestimmen die politischen und wirtschaftlichen Geschicke der Stadt, etwa über das Gremium der Marktgeschworenen. Gegenüber der dörflichen Gemeinschaft ist in der Stadt eine stärkere soziale Schichtung festzustellen.

 

Die Stadt erkauft sich durch Natural- und Geldleistungen vom Herzog die Freiheit, nicht an Kriegen teilnehmen zu müssen, während der Adel Gefolgschaft leisten muß. Zumindest ist in der Handfeste nicht davon die Rede, daß die Stadt ein Kontingent für Kriegszüge stellen müßte. Vielmehr findet sich nur eine einzige Aussage zu diesem Thema und diese besagt, daß die Bürger dem Herzog, wenn dieser zum Aufgebot des Königs zieht, gewisse materielle Leistungen (hier: Stiefel und Sandalen) erbringen müssen. Die Städter haben natürlich neben persönlichen Gründen auch ein handfestes wirtschaftliches Interesse daran, nicht in den Krieg ziehen zu müssen, weil dadurch Geschäft und Gewerbe brachliegen bzw. in möglicherweise unkundige Hände gegeben werden müssen. Dies allerdings wäre - vor allem im Hinblick auf Einnahmeausfälle, kriegsnotwendige Waffenherstellung, Mannschaftsversorgungen etc. - auch nicht im Interesse des Herzogs gewesen. Jedenfalls wurde das alte wechselseitige Gewähren von Schutz durch den Lehnsherrn und von Gefolgschaft durch Vasallen bzw. Aftervasallen durchbrochen.

 

Die Geschäftstreibenden benötigen einen sicheren Rahmen, in dem sie ihren Handel betreiben können. Darüber hatte ein spezielles Gremium, die Marktgeschworenen, zu wachen. Genauso wurden erstmals die bürgerlichen Eigentumsrechte, wie etwa freier Kauf und Verkauf sowie Vererbung, schriftlich fixiert. Eine Eigentumsordnung wird etabliert, die das individuelle Eigentum hervorhebt, während der kollektive Besitz, etwa in den Dörfern in Form von Allmenden, in der Stadt selbst eine geringere Rolle spielt.

 

 

IV. Schlußbetrachtung

 

In der Arbeit wurde dargestellt, daß der Herzog zur Förderung der Stadt ein ganzes Bündel an Maßnahmen realisiert: Zölle werden abgeschafft, eine Institution eingerichtet, die über die Einhaltung der Marktbestimmungen wacht, der Frieden für Handel, Gewerbe und Menschen in der Stadt wird oberstes Ziel, Eigentumsbestimmungen werden festgelegt, ja sogar die Dörfer der Umgebung müssen es dulden, daß die Städter ihre Allmenden mitbenutzen. Gleichwohl sind diese Maßnahmen ein Beispiel für eine mittelalterliche Wirtschafts- und Strukturpolitik, wenngleich unter ganz anderen Ausgangsbedingungen. Immerhin machte sich der Herzog darüber Gedanken, wie er die politische Vorgabe, seine Besitztümer auszudehnen und festigen zu können, realisieren kann. Hierzu sind die Städte mit ihrem Waffenhandwerk, ihrem Menschenpotential und ihrer finanziellen Potenz wesentliche Faktoren. Zudem: Bürger, die ihre eigene Freiheit gegen mögliche Angreifer zu verteidigen haben, sind natürlich ungleich motivierter, ihre Stadt auch im Kampfe zu behaupten als bloße Untertanen.

 

Die Arbeit versuchte weiter aufzuzeigen, daß mit dem Zusammenleben von Menschen in Städten neue Schwierigkeiten entstehen: die Frage etwa, wie Streitigkeiten, die sich aus dem geschäftlichen Leben ergeben, behandelt werden sollen. Oder, wie mit der Tatsache umgegangen werden soll, daß innerhalb der Familien immer größere Vermögenswerte angesammelt und wie diese an die nächste Generation weitergegeben werden.



[1] Borst, Arno: Lebensformen im Mittelalter. Frankfurt am Main 1995.

[2] Handfeste des Zähringer Konrad. In: Borst, A.: A.a. O. S. 395-398.

[3] Die Informationen zu Konrad sind entnommen: Bautier, Henri (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters. Bd. 5. München/Zürich 1991. [Stichwort: Konrad].

[4] Die drei vorausgegangenen Zitate in: Borst, A.: A.a.O. S. 396.

[5] Beide Zitate in: Borst, A.: A.a.O.. S. 398.

[6] Borst, A.: A.a.O.. S. 397.

[7] Zur realen Bedeutung des Schriftstücks für die Bürger einerseits und zur „zeremoniellen Gestik“ (Handschlag) andererseits: S.a. S. 4.

[8] Borst, A.: A.a.O.. S. 396.

[9] Borst, A.: A.a.O.. S. 398.

[10] Borst, A.: A.a.O.. S. 396.

[11] Borst, A.: A.a.O.. S. 395f.

[12] Borst, A.: A.a.O.. S. 396.

[13] Vgl. Borst, A.: A.a.O.. S. 396, 3. Abs., Satz 3 sowie Ebd. S. 397, 3. Abs., Satz 1

[14] Borst, A.: A.a.O.. S. 397.

[15] Borst, A.: A.a.O.. S. 398.

[16] Borst, A.: A.a.O.. S. 398.



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte