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Thomas Mann: Der Zauberberg"Ein Seher höheren Menschentums"

Anmerkungen zu Thomas Manns Roman Der Zauberberg (Essay)

 

 

Musik als Katalysator

 

Das Lindenbaum-Lied ist am Ende des sog. Musik-Kapitels angesiedelt. Nachdem alle Lieblingsstücke[1] von Hans Castorp angeführt worden sind, holt der Erzähler gleich mehrfach aus und betont, dass es sich bei dem nunmehr folgenden Stück um "etwas sogar besonders und exemplarisch Deutsches"[2] handle. Das Lied entstammt dem Werke von Franz Schubert, einem typischen Vertreter der deutschen Romantik. Im Text des Liedes wird eine unbedingte Todessehnsucht ausgedrückt – ein zentrales Motiv, das insbesondere in der frühen Romantik häufig Verwendung findet. Martin Swales[3] stellt die These auf, wonach die Liebesthematik, welche in ihren konkreten Adressaten (Musik, Pribislav Hippe, Clawdia Chauchat) den gesamten Roman durchzieht, in der Liebe zum Lindenbaum-Lied ihren Höhepunkt finde.

 

Dem Inhalt des Liedes entspricht auch seine Struktur: Die Passagen, welche sich auf den Lindenbaum bzw. dem Sehnen danach beziehen, sind in E-Dur gehalten, das harte Leben hingegen[4] in E-Moll bzw. der Sänger muss gegen das Klavier, das in diesem Fall den Sturm verkörpert, ankämpfen[5]. Der letzte Satz "Du fändest Ruhe dort"[6] wird zunächst unter starker Betonung des Verbs im Konjunktiv gesungen, um dann noch einmal in abgeschwächter (unbetonter) Form wiederholt zu werden. Durch Verzicht auf die Betonung bei der abermaligen Wiederholung wird der Satz zur wirklichen Handlungsoption.

 

 

Das Lied als Ausdruck für "Rückneigung"

 

Hans Castorp erkennt, dass das Herbeiwünschen von Schlaf, ewiger Ruhe und Todessehnsucht, wie es sich im Liede wiederfindet, die "geistige Sympathie ... mit dem Tode"[7] ist. Obwohl er grundsätzlich gegenüber den pädagogischen Bestrebungen Settembrinis Distanz bewahrt, fußt diese Erkenntnis auf Settembrinis Ausspruch, wonach die Liebe zur Musik "geistige Rückneigung in die Anschauungen jener finsteren Zeiten"[8] darstellt und er sie deshalb als Krankheit klassifiziert.

 

"Allein das war eine Frucht, die, frisch und prangend gesund diesen Augenblick oder eben noch, außerordentlich zu Zersetzung und Fäulnis neigte, reinste Labung des Gemütes, wenn sie im rechten Augenblicke genossen wurde, vom nächsten unrechten Augenblicke an Fäulnis und Verderben in der genießenden Menschheit verbreitete. Es war eine Lebensfrucht, vom Tode gezeugt und todesträchtig."[9]

 

Ähnlich wie die Liebe zu Clawdia Chauchat, deren Physiognomie an mehreren Stellen in die Sphäre des Pathologischen gerückt wird, werden auch im Lindenbaum-Lied Liebe und Tod miteinander verwoben. Schließlich wird in dieser Textstelle das erotisch attribuierte Motiv der Frucht, welche den tödlichen Samen bereits in sich trägt, zum Vergleich herangezogen.

 

Der Begriff der Rückneigung verweist auf die geistigen Bezüge, welche über dieses typische Lied der Romantik bis hin zum Mittelalter hergestellt werden. Zur richtigen Zeit genossen, nämlich zur Zeit der Romantik, also in einer Zeit französischer Hegemonie sowie der kulturellen und politischen Zersplitterung, stellt die Bezugnahme auf das Mittelalter mit der Utopie eines geeinten, auch multinationalen Heiligen Römischen Reiches einen unter Umständen noch progressiven Gedanken dar. Gut hundert Jahre später jedoch ist diese romantische Utopie in sich imperialistisch und chauvinistisch gebärdenden Nationalstaaten durch die Wirklichkeit ad absurdum geführt. Die "Wirkung der Opiate"[10], zu denen Settembrini die Musik zählt, "schafft [...] Beharrung, Untätigkeit, knechtischen Stillstand."[11] Das Lied und damit der Geist, auf den es gründet, besitzen also durchaus politische Implikationen und verhindern den gesellschaftlichen Fortschritt. Einsichtig bezeichnet Heltmut Guttman diese Haltung, welche von Settembrini benannt und von Hans Castorp rezipiert wird, mit zwei Begriffen von Thomas Mann selbst, nämlich im politischen Kontext als "Reaktion"[12] bzw. in der "Sprache der Schönheits- und Seelenlehre"[13] als "Obskurantismus".[14]

 

 

Der Konflikt zwischen Wagner und Nietzsche

 

Essentiell für das Musikverständnis von Thomas Mann ist seine Bewertung des Werkes von Richard Wagner, den er als "späten Sohn der Romantik"[15] tituliert. Dieses Verständnis wird prägnant in seinem "Vorspruch zu einer musikalischen Nietzsche-Feier"[16] zusammengefasst. Nicht unbedingt die Tatsache, dass Thomas Mann diese Rede unmittelbar nach Abschluss des Zauberberges hielt, würde dafür sprechen, dass ein Bezug zum Musikkomplex des Romans gegeben ist, sondern vielmehr, dass die letzten Absätze des Zauberberg-Kapitels Fülle des Wohllauts teilweise ganz wörtlich in die Rede eingehen. Über Friedrich Nietzsche und dessen Überwindung von Wagners Musik sagt Thomas Mann:

 

"Dies ist er für uns: ein Freund, [....] ein Seher höheren Menschentums, ein Lehrer der Überwindung all dessen in uns, was dem Leben und der Zukunft entgegensteht, das heißt des Romantischen. Denn das Romantische ist das Lied des Heimwehs nach dem Vergangenen, das Zauberlied des Todes, und das Phänomen Richard Wagner, das Nietzsche so unendlich geliebt hat und das sein regierender Geist überwinden mußte, war kein anderes als ... welterobernde[r] Todestrunkenheit."[17]

 

Aufgrund der Vermengung der Motive und der Terminologie, die sich sowohl im Zauberberg als auch in Briefen wiederfinden, äußert sich Thomas Mann an dieser Stelle gleichzeitig über sich selbst, wenn er über Friedrich Nietzsche und dessen Verhältnis zu Richard Wagner spricht.

 

Man kann zwischen Hans Castorp und Friedrich Nietzsche insofern Parallelen sehen, als dass beide in einer Art Faszination der romantischen Musik anheim fallen. Bei Friedrich Nietzsche handelt es sich um das Werk Richard Wagners, bei Hans Castorp um das Lindenbaum-Lied. Geht man davon aus, dass für Thomas Mann in seinen Werken zumindest bis zum Zauberberg stets der Begriff der Musik gleichbedeutend ist mit Wagner-Musik und er Richard Wagner zudem als späten Romantiker bezeichnet, so wird klar, dass anstelle des Lindenbaum-Liedes auch ein Wagner-Stück hätte verwendet werden können. Denn gerade dann würde es sich ebenfalls um etwas "besonders und exemplarisch Deutsches"[18] handeln. Hanjo Kesting kommt bei der Analyse der Wirkung von Wagner-Musik in den Werken von Thomas Mann zu folgendem Schluss: "Für sie alle [gemeint sind Figuren in Buddenbrooks, Wälsungenblut, Tristan und Isolde, Tod in Venedig; A.d.A.] ist Wagner-Musik Symptom und Inbegriff ihrer Unfähigkeit, die Existenz zu ertragen, ihrer Krankheit zum Tode."[19]

 

Im Zauberberg bezeichnet Hans Castorp den "Autor[en] des Lindenbaumliedes"[20] als "Seelenzauberkünstler"[21], von Friedrich Nietzsche wird Richard Wagner als "dieser alte Zauberer"[22] demaskiert. Friedrich Nietzsche postuliert angesichts der wagnerianisch-romantischen Musik: "Il faut méditerraniser la musique"[23] und fordert die "Rückkehr zur Natur, Gesundheit, Heiterkeit, Jugend, Tugend"[24]. Diese Begriffe könnten gleichzeitig auch als Überschrift für das Schnee-Kapitel verwendet werden, in dem just unter Verwendung dieser Terminologie eine Art gesellschaftlicher Utopie skizziert wird.[25]

 

"Man braucht nicht mehr Genie [...], um als Seelenzauberkünstler dem Liede Riesenmaße zu geben und die Welt damit zu unterwerfen."[26]

 

Was zunächst als ästhetizistischer Disput zwischen Richard Wagner und Friedrich Nietzsche begann, wird im Zauberberg um eine politische Dimension erweitert, die sich vor allem auf den I. Weltkrieg bezieht.

 

 

Der Begriff der "alchemistischen Steigerung"

 

Nachdem Hans Castorp hinter verschlossenen Türen in der Nacht nach den anderen Musikstücken schließlich das Lindenbaum-Lied gehört hat, heißt es im Roman:

 

"Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der Überwindung dieser Liebe sein, - dieses Seelenzaubers mit finsteren Konsequenzen! Hans Castorps Gedanken oder ahndevolle Halbgedanken gingen hoch, während er in Nacht und Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, - sie gingen höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch gesteigerte Gedanken."[27]

 

Thomas Mann um 1929; Grafik: Wikimedia CommonsDas Lied bewirkt also eine Veränderung von Hans Castorps mentalen Fähigkeiten. Nachfolgend soll dargestellt werden, inwiefern für den Prozess der Steigerung tatsächlich Aspekte aus der alchemistischen Lehre eine Rolle spielen: Das Wort Alchemie (oder auch Alchimie genannt) leitet sich her aus dem ägyptischen Wort kême, dieses wiederum geht vermutlich auf das Arabische al-kimiya (schwarze Erde) zurück. Dieses Wort steht als Symbol für die "prima materia"[28], welche von den Alchemisten gesucht wurde. Die alchemistische Erhöhung untergliedert sich in sieben Stufen. Zudem gehen die Alchemisten von sieben Metallen und Planeten aus.[29]

 

Die Zahl Sieben ist gleichzeitig einer der Zugänge zum Roman: Hans Castorp verbringt sieben Jahre auf dem Zauberberg, der Roman ist in sieben Kapitel gegliedert, die Addition der beiden Ziffern aus der Zimmernummer von Hans Castorp, nämlich 34, ergibt ebenfalls sieben. Auf der Taufschale der Castorp-Dynastie sind zudem sieben Großväter vermerkt. Die Reihe von derartigen Beispielen ließe sich noch weiter fortsetzen.[30]

 

Die Alchemie geht des weiteren von einer sexuellen Dualität aus. Ziel der Alchemie ist es, die Antagonismen von Maskulinem und Femininem zu vereinen. Auf stofflicher Ebene bedeutet dies die Verschmelzung des maskulinen Elements, des Schwefels, mit dem femininen Element, des Quecksilbers, um das Androgyne, das Mischwesen aus Mann und Frau, zu erreichen.

 

"Ich will es wagen, in diesem Zusammenhange, der ein politischer Zusammenhang bleibt, mit aller gebotenen Behutsamkeit und Ehrerbietung von dem besonderen Gefühlsbezirk zu reden, ... ich meine jene Zone der Erotik, in der das ungültig geglaubte Gesetz der Geschlechtspolarität sich als ausgeschaltet, als hinfällig erweist, und in der wir Gleiches mit Gleichem, reifere Männlichkeit mit aufschauender Jugend, in der sie einen Traum ihrer selbst vergöttern mag, oder junge Männlichkeit mit ihrem Ebenbilde zu leidenschaftlicher Gemeinsamkeit verbunden sieht."[31]

 

Es geht also nicht primär um das Geschlechtliche bei diesem "Homo Dei"[32].

 

 

Voraussetzung: Hans Castorps Initium

 

Um diesen Aspekt der Steigerung und Selbstüberwindung, welche im Verhältnis zum Lied ihren Ausdruck findet, zu verstehen, muss auf die vorherigen Kapitel des Romans zurückgegriffen werden. Dieser Prozess, der verschiedentlich als Initium – gerade auch in Abgrenzung zu Bildung - bezeichnet wird, setzt nicht erst nach dem Hören des Lindenbaum-Liedes ein, sondern untergliedert sich in Vorstufen.

 

Dislokation: Helmut Koopmann[33] verweist auf den Aspekt der Dislokation als Bedingung für das Initium und insbesondere auf die verschiedenen Sphären des Flachlandes versus denen des Zauberberges. Damit verbunden ist auch das Kappen von emotionalen Bindungen: Hans Castorp versucht, sich gegen den "Vorstoß des Flachlandes"[34], der ihm angesichts des Besuches seines Onkels droht, zu wappnen.


Zeiterfahrung: "Drei Wochen sind freilich fast nichts für uns hier oben, [...] Man ändert hier seine Begriffe."[35] Es herrscht auf dem Zauberberg eine radikal veränderte Zeiterfahrung[36], wie sie von Joachim Ziemßen bereits bei Hans Castorps Ankunft beschrieben wird: Das bisher Gültige wird negiert, Zeit relativiert und eigene Begrifflichkeiten werden konstruiert.

 

Veränderung der Kategorien (Begriffe): Gesundheit wird als Flachlanderscheinung verachtet, Krankheit gilt als höhere Form des Lebens. Krankheit als höhere Form der Gesundheit entstammt der Philosophie Nietzsches. Bereits in der Novelle Der Tod in Venedig bzw. im ersten Roman Die Buddenbrooks. Verfall einer Familie von Thomas Mann spiegeln die verschiedenen Krankheiten, an den die Figuren leiden, stets ein Abweichen von der bürgerlichen Ordnung wider. Die Krankheit (dessen ungeachtet, ob er nach medizinischen Kriterien überhaupt als krank zu gelten hat – also selbst die Vorstellung davon, eine Krankheit zu besitzen) ist zentral für Hans Castorps Steigerung. Durch die Krankheit wird sein Aufenthalt im Sanatorium bedingt und sie liefert gegenüber der Außenwelt die Begründung und Rechtfertigung. Damit wird an diesem besonderen Ort die Isolation vom aktiven Leben erreicht, die für den Prozess der Steigerung und Selbstüberwindung notwendig ist.

 

Todeserfahrung: Ein weiterer Faktor stellt die persönliche Erfahrung des Todes dar. Hans Castorp rafft sich im sog. Schnee-Kapitel mit allerletztem Überlebenswillen auf und kehrt zum Berghof zurück. Diese Erfahrung wirkt sich qualitativ für sein Bewusstsein anders aus als der Tod seines Großvaters oder Joachims, weil sie eine reale physische Gefahr für ihn bedeutet. Mit dem Tode des Großvaters assoziiert er eher eine spanische Halskrause als dass er wirkliche Trauer empfindet. Beim Tode seines Vetters kommt ihm beim Vergießen der obligatorischen Tränen eine Gold-Creme in den Sinn, welche manche Gäste in Davos verwenden, um ihre Wangen gegen die Sonnestrahlung zu schützen. In beiden Beispielen wird der eigentlich ernste Aspekt des Todes mit persiflierend wirkenden Assoziationen verbunden, so dass die von Hans Castorp oft bemühte Aussage von seiner frühen Begegnung mit Tode keinen existentiellen, sondern eher einen ästhetischen Aspekt beinhaltet.

 

Berghotel "Schatzalp" - Im "Zauberberg" mehrfach erwähnt; Grafik: Wikimedia Commons

 

Am siebten Tag [sic!] auf dem Zauberberg begibt sich Hans Castorp auf eine Bank am Wasser, welche sich im weiteren Fortgang des Geschehenes als besonderer Ort entpuppen sollte[37]. Er erinnert sich auf Grund der Begegnung mit Clawdia Chauchat im Traume an Pribislav Hippe, dem Jungen in der Schule, von dem er sich einen Bleistift entlehnt hat. Nach diesem Traum kehrt er in das Sanatorium zurück und hört einen Vortrag von Dr. Krokowski zum Thema "Die Liebe als krankheitsbildende Macht"[38]. Dieser meint, das "Krankheitssymptom sei verkappte Liebesbetätigung und alle Krankheit verwandelte Liebe".[39] Hans Castorp erklärt sich dann die alten, vernarbten Stellen in seiner Lunge als Resultat seiner ersten Liebe zu Pribislav Hippe – entsprechend dieser Pathologisierung der Liebe durch Dr. Krokowski.

 

 

Steigerung und Selbstüberwindung

 

Wesentliche Momente seiner Steigerung, wie die Liebe zur Musik (insbesondere zum Lindenbaum-Lied) und die homoerotische Beziehung zu Pribislav Hippe sowie die frühe (ästhetische) Auseinandersetzung mit dem Tode, bringt Hans schon aus dem Flachland mit. Dies sind die wesentlichen Ausgangsaspekte des Initiums. Einzig die fiebrige Atmosphäre des Zauberbergs – im Gegensatz zur Sphäre des aktiven Flachlandes - stellt ein geeignetes alchemistisches Labor, den Katalysator dar. Nur hier können die im Keime angelegten Infekte im klinischen Sinne – um in der Terminologie des Zauberberges zu agieren - zum Ausbruch, zur Steigerung kommen. Selbstredend gilt dies insbesondere für die geistige Steigerung, deren Ursachen ja ebenfalls in den Erlebnissen des Flachlandes wurzeln. Überhaupt lassen sich die physiologischen Vorgänge nur bedingt von den mentalen trennen: Eine wechselseitige Vermengung findet statt.

 

Die pädagogischen Einwirkungen, denen Hans Castorp durch Settembrini und Naphta ausgesetzt ist, spielen insofern eine Rolle als sie seine geistige Verfeinerung erreichen und er sich die Fähigkeit zur geistigen Distanz[40] erwirbt. Die Verwendung des Begriffes "Bildung" ist m.E. in diesem Kontext zu vermeiden, da er eine eindeutige gattungsgeschichtliche Zuordnung bedingte. Für diese Verfeinerung hätte er sich im Flachland und mitten im bürgerlichen Erwerbsleben stehend niemals oder zumindest nicht in dieser Intensität geöffnet. Dies kann nur an einem Orte erfolgen, an dem Anzahl der verflossenen Jahre unbedeutend wird, weil die Gesetze der Zeit relativiert sind.

 

Die Alchemisten versuchten ein neues Element zu erschaffen, im Roman hingegen findet sich der Begriff des "Homo Dei"[41]. Dieser "göttliche Mensch" hat die Macht der Coincidentia Oppositorum und in diesem Sinne muss auf der Aspekt der Androgynität verstanden werden. Clawdia Chauchat, deren Physiognomie unentwegt mit Pribislav Hippe in Verbindung gebracht wird, steht dafür als Ausdruck. Geschlechter werden vermengt und die Sexualität universal. Richard Miskolci meint, dass Novalis mit seiner Idee des Androgynen als des vollkommenen Menschen der Zukunft Urheber dieses Gedankens sei. Die mitunter zitierten Novalis-Studien von Thomas Mann[42], welche just in die Zeit der Entstehung des Zauberberges fallen, mögen zudem als Indiz gelten.

 

Unter dem Aspekt der Vermengung der Geschlechter kann folgendes Zitat von Naphta über das Wesen der Alchemie verstanden werden:

 

"Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung, Stoffverwandlung und Stoffveredlung. Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung also, - der lapis philosophorum, das mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die res bina, die zweigeschlechtliche prima materia war nichts weiter, nichts Geringeres als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere Einwirkungen, - magische Pädagogik, wenn Sie wollen."[43]

 


"Allsympathie"

 

Wenn man versucht, die Handlungsmaximen des Homo Dei auf das praktische Leben zu transferieren, könnte man dies vielleicht als "Allsympathie"[44], als grundsätzlich positive Einstellung gegenüber der Welt bezeichnen. In seinem späteren Roman Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull hat Thomas Mann diesen Gedanken weiter ausgeführt: Ein Glockenspiel an der Tür der Krull'schen Villa spielt im Windfang die Melodie "Freut euch des Lebens"[45]. Wiederum wird ein Lied gewählt, um das Verhältnis eines Protagonisten zur Welt zu versinnbildlichen. Dieses Lied kehrt als Leitmotiv im sog. „Kuckuck-Exkurs“ wieder. Gegenüber Kuckuck erwähnt Felix Krull dieses Lied, nachdem dieser unter anderem referiert hatte: "Das Leben ist eine Episode, und zwar im Maßstab der Äonen, eine sehr flüchtige."[46] Krull bemerkt, "ich habe es [das Lied; A.d.A..] früh erklingen hören und immer gern gehabt, aber durch Ihre Worte [...] nimmt es nun freilich eine ausgedehntere Bedeutung an."[47] Kuckkuck meint gegenüber Krull, daß die dem Sein angemessenste Einstellung die Allsympathie sei. Der Mensch als Krönung der Evolution habe (und das unterscheide ihn von der organischen Natur) das Wissen um die Endlichkeit allen Seins, das "Wissen vom Anfang und Ende"[48]. Auf den Zauberberg gemünzt, könnte man diesen Aspekt so beschreiben, dass dieser Menschen auch das Wissen um das Geschehen im Tempel hat und sich angesichts dessen ein freundliches carpe diem der sog. Sonnen-Leute zueigen macht.

 

 

Schlussbetrachtung

 

Der Prozess der Steigerung kann dergestalt zusammengefasst werden, dass dieser mit der Faszination für den Tod beginnt und mit der Entscheidung für Leben und Eros endet, die aber nicht umgesetzt werden kann. Weder wird Hans Castorps Liebe zu Clawdia Chauchat erwidert, noch kann er physisch überleben – im Gegensatz zu seinen metaphysischen Erkenntnissen. Durch die alchemistische Steigerung und Selbstüberwindung bewältigt er stellvertretend die Rückneigung, die Bindung an die Romantik, welche durch das Lindenbaum-Lied ausgedrückt wird, und wandelt seine Sexualität ins Androgyne.

 

"Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der Überwindung dieser Liebe sein – dieses Seelenzaubers [also des Lindenbaumliedes; A.d.A.] mit finsteren Konsequenzen."[49]

 

Der Begriff der Überwindung steht als Widerpart zu Rückneigung. Durch die Steigerung seiner geistigen Fähigkeiten erwirbt sich Hans Castorp die Kritikfähigkeit, um die Wirkung des Lindenbaumliedes zu begreifen. Dass er mit dem Lied auf dem Lippen auf dem Schlachtfeld des I. Weltkrieges stirbt, ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Zeit des "neuen Worts der Liebe und der Zukunft"[50] noch nicht gekommen ist. Sein Initium findet keine Vollendung: Seine Steigerung mag zwar unter den hermetischen Laborbedingungen auf dem Zauberberg gelingen, scheitert gleichwohl aber im Flachland. Nach dieser Lesart müsste die Frage des Erzählers, also "Wird aus diesem Weltfest des Todes [...] einmal die Liebe steigen?"[51], verneint werden.

 

 

Literaturverzeichnis

  • Gutmann, Helmut [1974]: Das Musikkapitel in Thomas Manns ‚Zauberberg’. In: The German Quarterly 47. 1974. S. 415-431.
  • Heftrich, Eckard [1975]: Zauberbergmusik. Über Thomas Mann. Frankfurt am Main 1975.
  • Kesting, Hanjo [1976]: Krankheit zum Tode. Musik und Ideologie. In: Text + Kritik. Sonderband Thomas Mann. München 1976. S. 27-44.
  • Koopmann, Helmut [1983]: Der klassisch-moderne Roman in Deutschland. Thomas Mann, Alfred Döblin, Hermann Broch. Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1983.
  • Mann, Thomas [1974a]: Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Bd. 10. Frankfurt am Main 1974.
  • Mann, Thomas [1974b]: Die Romane. Band: Der Erwählte und Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Frankfurt am Main 1974.
  • Mann, Thomas [1991]: Der Zauberberg. Frankfurt am Main 1991. [hier: 13. Auflage: September 2000]
  • Mann, Thomas [1993]: Von Deutscher Republik. In: Essays – Für das neue Deutschland. 1919 – 1925. Bd. 2. Frankfurt am Main 1993.
  • Miskolci, Richard [2000]: The Alchemic Initation and Orphic Mysteries in Der Zauberberg. In: Itinerários - Revista de Literatura. Araraquara, Programa de Pós-Graduação em Letras: Estudos Literários / UNESP, 2000. Nr.15/16, S. 261-283.
  • Nietzsche, Friedrich [1988]: Sämtliche Werke. Band 6. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden (Hrsg.: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino). München 1988.
  • Saueressig, Heinz [1965]: Die Entstehung des Romans “Der Zauberberg”. Zwei Essays und eine Dokumentation. Biberach an der Riss 1965.
  • Schubert, Franz [1975]: Der Lindenbaum. In: Ders.: Die schöne Müllerin. Winterreise. [Hrsg: Feil, Arnold]. Stuttgart . 1975. S. 164f.
  • Swales, Martin [1972]: The Story and the Hero. A Study of Thomas Mann’s ‘Der Zauberberg’: In: DVjs 46 (1972). S. 359-376.

 

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Anmerkungen


[1] Zur Frage, inwiefern die zuvor genannten Musikstücke mit Aspekten des Romans korrespondieren, äußern sich Helmut Guttmann [1974]: S. 416ff sowie Hanjo Kesting [1976]: S. 39ff.

[2] Thomas Mann [1991]: S. 894.

[3] Marin Swales [1972]: S. 366.

[4] Franz Schubert [1975]: Zeile 9 bis 12.

[5] Ebd.: Zeile 17 bis 20.

[6] Ebd.: Zeile 24.

[7] Thomas Mann [1991]: S. 897.

[8] Ebd.: S. 139.

[9] Ebd.: S. 898.

[10] Ebd.: S. 160.

[11] Ebd.: S. 160.

[12] Helmut Guttman [1974]: S. 421.

[13] Settembrini im Gespräch mit Hans Castorp. Thomas Mann [1991]: S. 139.

[14] Helmut Guttman [1974]: S. 421.

[15] Thomas Mann [1974a]: S. 184f.

[16] Ebd.: S. 182.

[17] Ebd.. S. 184ff.

[18] Thomas Mann [1991]: S. 894.

[19] Hanjo Kesting [1976]: S. 31f.

[20] Thomas Mann [1991]: S. 898.

[21] Ebd.: S.898.

[22] Friedrich Nietzsche [1988]: S. 16.

[23] Ebd.: S. 16.

[24] Ebd.: S. 16.

[25] Gleichwohl ist die Vision einer Welt der "Sonnen-Leute" nicht ausschließlich positiv besetzt: Schließlich wird parallel zu ihrem heiteren Treiben und wohl in ihrer Kenntnis im Tempel ein Blutmahl abgehalten.

[26] Thomas Mann [1991]: S. 898.

[27] Thomas Mann [1991]: S. 898

[28] Thomas Mann [1991]: S. 699. Naphta erwähnt gegenüber Hans Castorp diesen Begriff.

[29] Zu dem Aspekt der Alchemie vgl. insbesondere Richard Miskolci [2000]: S. 261ff.

[30] Wie allerdings Richard Miskolci darauf kommt, dass der Roman 49 Unterkapitel besitze, was wiederum aus der Multiplikation von sieben mal sieben erfolgt, ist angesichts der Tatsache, dass der Roman sich in Wirklichkeit in 51 Unterkapitel gliedert, unklar. Es mag wohl der Wunsch dem Gedanken Pate gestanden haben.

[31] Thomas Mann [1993]: S. 160ff..

[32] Thomas Mann [1991]: S. 679.

[33] Helmut Koopmann [1983]: S. 26ff.. Koopmann klassifiziert den Zauberberg als "Initiationsroman", in dem neben dem Protagonisten auch der Leser initiiert werde. Dass es Thomas Mann nicht um den Helden an sich geht, wird bereits aus dem Vorsatz, den er dem Roman voranstellt, klar. Koopmann: "In jedem Fall aber [...], darf die zu erzählende Geschichte nicht für sich genommen werden, sondern sie erhält eine Bedeutungsschicht und Sinnebene, die es zu dechiffrieren gilt." (Ebd.: S. 35) Genau diese Dechiffrierung soll innerhalb der Trias aus gebildetem Erzähler und Leser sowie dem zu bildendem Helden gerade durch Leser geleistet werden.

[34] Thomas Mann [1991]: S. 586.

[35] Ebd.: S. 16.

[36] Vgl. insbes. das sog. "Schnee-Kapitel", in dem sowohl erzählte Zeit und Erzählzeit in ihrer Ausdehnung fast zusammenfallen als auch die Ereignislosigkeit des Alltagslebens auf dem Zauberberg mit einer hohen Dichte an intensiven Erlebnissen bzw. Träumen kontrastiert wird.

[37] Thomas Mann [1991]: S. 161ff. An diesem Ort hat Hans Castorp nicht nur seine (Nasen)Blutung, sondern hier finden auch das Irren im Schnee, der Ausflug mit Peeperkorn und das Duell zwischen Settembrini und Naphta statt.

[38] Ebd. S. 163.

[39] Ebd. S. 179.

[40] Damit ist gemeint, dass Hans Castorp sich eher aus emotionalen Gründen heraus den Lehren der beiden Kontrahenten widersetzt. Vgl. seine Distanz, welche unter anderem am Ende des Kapitels Operationes spirituales festzustellen ist. Im sog. Schnee-Kapitel wird durch die Beschreibung beider Akteure mit "Windbeutel und Drehorgelmann" bzw. mit "scharfe[r] kleine[r] Jesuit und Terrorist" (Thomas Mann [1991]: S. 653) klar, dass sich Hans Castorp – zugegebenermaßen mit zutiefst subjektiven Begrifflichkeiten – ein Urteil bildet.

[41] Thomas Mann [1991]: S. 679.

[42] Vgl. a. Heinz Saueressig [1965]: S. 15f..

[43] Thomas Mann [1993]: S. 699.

[44] Thomas Mann [1974b]: S. 548.

[45] Ebd.: S. 320.

[46] Ebd.: S. 538.

[47] Ebd.: S. 538.

[48] Ebd.: S. 547.

[49] Thomas Mann [1991]: S. 898.

[50] Ebd.: S. 898.

[51] Ebd.: S. 984.



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