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II. Der Mann vom Lande

 

Die starke Deklination des Dativ-Objektes im Ausdruck Mann vom Lande ist ein sprachliches Gestaltungs­mittel, das Franz Kafka gezielt einsetzt. Während zum Beispiel die Unschuld vom Lande einen fest­stehenden Begriff darstellt, bei dem sich gleichzeitig auch die früher gebräuchliche starke Deklination des Dativ-Objekts erhalten hat, ist dies beim Mann vom Lande lediglich ein Kunstgriff des Autors. Durch den Gebrauch der veralteten Grammatikform wird das Gefühl hervorgerufen, bei der Legende handle es sich um eine Begebenheit, die in grauer, mythischer Vorzeit stattgefunden hat, oder aber – und diese Lesart ist genauso legitim - es werde ein Geschehen beschrieben, welches entlang einer Zeitschiene nicht einzuordnen ist.
Der Leser assoziiert mit dem Mann vom Lande unweigerlich die Unschuld vom Lande. Lutz Röhrich definiert diesen Ausdruck wie folgt: „ein einfaches, naives, unerfahrenes Mädchen vom Dorfe sein, das in der Stadt auffällt und durch die Redensart charakterisiert und verspottet wird.“
[1] Übertragen auf die Legende folgen daraus für die Charaktereigenschaften des Mannes Unbedarftheit und Naivität. Die Bezeichnung impliziert außerdem einen Gegensatz zur Stadt. Man könnte nun Über­legungen darüber anstellen, inwiefern ein Mann aus der Stadt, dessen Wesenszüge denen des Mannes vom Lande entgegen­gesetzt sein müssten, sich verhalten hätte. Einen interessanten Aspekt hat Heinz Politzer[2] entdeckt. Er übersetzt den Ausdruck Mann vom Lande ins Hebräische und stellt fest, dass die Über­setzung Am-ha´arez im hebräischen Sprachgebrauch für einen einfältigen, tölpelhaften Landmann steht, der sich dem Alltag zuwendet und keine Zeit zur Reflexion findet. Etwas konstruiert mutet es allerdings an, wenn Politzer fortfährt: Das Volk („Am“[3]), also gerade auch die Erniedrigten und Beleidigten, denen Jesus besondere Aufmerksamkeit angedeihen ließ, habe einen Bund mit Gott geschlossen. „Ha´arez jedoch, das Land, nahm ihre Dienste in Anspruch und hielt sie dem Gesetz, dem geistigen Zentrum der Nation, ferne. Durch die Jahrhunderte behielt dann das Wort Am-ha´arez die Spuren dieser ursprünglichen Spannung zwischen dem Priesterlich-Abstrakten und dem Tätig-Konkreten“[4]. Tatsächlich findet Heinz Politzer in Franz Kafkas Tagebuch vom 26. November 1911 auch für den Begriff den entsprechenden jiddischen Ausdruck Amhorez:

"Aus dem Talmud: Geht ein Gelehrter auf Brautschau, so soll er sich einen Amhorez mitnehmen, da er, zu sehr in seine Gelehrsam­keit versenkt, das Notwendigste nicht merken würde."
[5]

Während Heinz Politzer für die Bezeichnung einen Wider­streit zwischen Religion und alltäglichem Leben postuliert, wird sie in diesem Eintrag ins Tagebuch nur gebraucht, um den Amhorez (Mann), welcher die spezifischen Erfordernisse (hier die praktischen Erwägungen bei der Braut­schau) kennt, mit dem Bild des der Wirklichkeit abgewandten Priesters zu kontrastieren. Eingedenk des Faktums, dass es kaum eine Religion gibt, welche so sehr den kulturellen Nutzen, etwa im Felde der Hygiene, mit religiösen Riten verbindet, wie die jüdische Religion, erscheint diese Aussage bereits von dieser Warte her als problematisch. Da Franz Kafka nur an dieser Stelle der Tagebücher und in dieser Bedeutung den Begriff in seine Werke aufnimmt, ist es nicht anzunehmen, dass er in der Türhüter-Legende eine andere Verwendung gefunden haben könnte. Darauf dann aber auch noch eine Interpretation zu begründen, entfernt uns weit vom vorliegenden Text.

 

Der Mann macht sich zwar auf den Weg zum Gesetz, macht aber Halt und kommt an beim Türhüter vor dem Gesetz. Das ist der entscheidende Irrtum, welchem der Mann unterliegt. Alle Versuche des Mannes sind nur auf diesen einen Türhüter ausgerichtet. Bereits im zweiten Satz ist diese ausschließliche Fixierung vorhanden, so dass alles weitere lediglich eine Forcierung dieses Versuchs darstellt. Der Mann ist autoritäts­gläubig, da er den Türhüter bittet, ihn doch eintreten zu lassen. Es hätte vermutlich gar keiner Frage bedurft, sondern ein einfaches Zunicken oder Grüßen gegenüber dem Türhüter wäre ausreichend gewesen. Es entsteht ein Abhängigkeits­verhältnis, aus dem sich der Mann nicht mehr lösen wird. Er nimmt die Weigerung des Türhüters – zuge­gebener­maßen unter Protest – hin, obwohl ein Anspruch auf Einlass existiert, zumindest behauptet der Mann das. Das verwundert umso mehr, als dass das Gesetz als Institution „immer und jedem zugänglich“ sein soll, und Behörden niemals Selbstzweck, sondern Einrichtungen für den Bürger sind oder besser sein sollten. Ernst Fischer[6] jedenfalls sieht in dem Mann einen rechtlosen Untertanen, der vor dem Staat (=Gesetz) stehe. Nicht umsonst ist die Legende im Roman Der Prozeß angesiedelt. Zwar mag dieses durchaus ein Aspekt des Textes sein, finden sich doch schließlich auch in anderen Werken Franz Kafkas entsprechende Hinweise: Die Protagonisten sehen sich mit einer anonymen Staatsmacht konfrontiert, Individuen empfinden äußere und innere Zwänge, Totalitarismus wird in nucleo antizipiert. Auch kannte Franz Kafka aus eigener Anschauung das Innenleben einer Büro­kratie: Er charakterisierte die Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen und Mähren, in der er viele Jahre arbeitete, als „dunkles Bürokratennest"[7]. Keinesfalls jedoch heißt diese Sichtweise der Vielschichtigkeit, welche dem Werk inne wohnt, gerecht zu werden, wenn man nur diesen Aspekt betrachtet.


Vom Äußeren des Mannes erfährt man nur indirekt etwas: er scheint recht groß zu sein, weil er sich „bücken“ muss, „um durch das Tor in das Innere zu sehen.“ Vielleicht ist er sogar kräftig, schließlich sind die Menschen auf dem Land in der Regel Bauern und arbeiten recht hart. Der Schluss, der Mann weise Bauern­schläue auf, verbietet sich angesichts der Tatsache, dass der Mann alles andere als gewitzt ist. Er braucht recht lange, um sich die Situation, nicht in das Gesetz eingelassen zu werden, zu vergegen­wärtigen. Erst hernach entscheidet er sich: „Der Mann überlegt und fragt dann...“, er hat „solche Schwierig­keiten... nicht erwartet, ...denkt er, aber als er jetzt den Türhüter...genauer ansieht...entschließt er sich, doch lieber zu warten.“ An dieser Textstelle wird erneut manifest, dass die Vorgänge im Innern des Mannes im Vordergrund stehen und nicht primär die des Türhüters. Der Erzähler tritt an dieser Stelle völlig hinter die Protagonisten zurück.
Indem er sich auf die Reise begeben hat, kommt der Mann als handelndes Subjekt zum Gesetz mit dem Türhüter. Erst nachdem er sich diesen genauer angeschaut hat, lässt er sich von dessen Aussehen abschrecken. Zuvor war er offenbar zunächst durchaus bereit, ohne Erlaubnis in das Gesetz einzutreten. Während er bis zu diesem zentralen 13. Satz zumindest ein ebenbürtiger, wenn nicht gar überlegener Gegner des Türhüters ist, ordnet er sich diesem nunmehr unter. Versinnbildlicht wird dieses Unterordnen dadurch, dass er sich zu Füssen des Türhüters auf einen Schemel niedersetzt und die Tür zum Gesetz freigibt. Ab dem 14. Satz konzentriert er sich vollständig auf den Türhüter, er „macht viele Versuche, eingelassen zu werden“, die viele Jahre dauern, er besticht ihn und wendet dafür seinen gesamten Besitz auf. Die Ausrüstung des Mannes wird bezeichnender­weise erst dann erwähnt, als sie für das Geschehen von unmittelbarer Bedeutung wird. Im 22., 23. und 24. Satz verwendet Franz Kafka eine Anapher. Sie besteht aus drei aufeinanderfolgenden Sätzen mit dem Subjekt „Er“ am Satzanfang. Mit ihr wird auf rein sprachlicher Ebene folgender Inhalt verdeutlicht: Der Mann verliert, je weiter die Zeit fortschreitet, immer mehr sein ursprüngliches Ziel aus den Augen. Durch die Klangfigur der Anapher wird die Wiederholung sinnloser Versuche und die damit verbundene Monotonie ausgedrückt. Franz Kafka hat Literatur und ihren Wert immer auch danach beurteilt, wie „mündlich“ ihre Wirkung ist, indem er sie laut las. In seinem Tagebuch findet sich, um das Argument der Mündlichkeit zu untermauern, folgender Eintrag in Bezug auf eine Begegnung mit Felice Bauer:

"Ich habe ihr auch vorgelesen, widerlich gingen die Sätze durcheinander, keine Verbindung mit der Zuhörerin, die mit geschlossenen Augen auf dem Kanapee lag und es stumm aufnahm"
[8].

Darüber welchen „unglücklichen Zufall“ der Mann verflucht, kann man nur Mutmaßungen anstellen, da sich dieser Ausdruck auf mehrere Begriffe des vorausgegangenen Satzes beziehen kann. Meint er mit „Zufall“ diesen einen Türhüter, der sich so widerspenstig verhält, oder überhaupt die Türhüter, von denen es, glaubt man der Aussage des Türhüters, noch viele mehr gibt? Oder meint er gar den Zufall, der ihn dazu gebracht hat, eine Reise zu diesem Gesetz zu unternehmen? Josef K. begibt sich im Roman Das Schloß ebenfalls auf eine Reise, weil er einen Ruf erhalten hat. Der Mann hat offenbar schon in der Vorgeschichte eine Verbindung zum Gesetz, immerhin weiß er von der Vorstellung zu berichten, dass das Gesetz „doch jedem und immer zugänglich sein“ soll.
Die Bitte an die Flöhe macht deutlich, dass der Mann kindisch wird und steht exemplarisch für seine verkehrten Bemühungen. Er wird alt, sein Augenlicht in Folge dessen schwächer, und selbst darüber ist er sich nicht im Klaren, fragt er sich doch, ob seine Augen schwächer werden oder ob es dunkler wird. Trotz dieses äußeren Verfalls „erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz“. Das scheint der Auslöser für den bald folgenden Tod zu sein, weil er „nun“ – als er den Glanz gesehen hat – nicht mehr lange lebt. Zwar könnte der Tod durch das Erkennen des Glanzes ausgelöst werden, schlussendlich stellt der Tod aber auch ein logisches Resultat des allmählichen Verfalls des Mannes dar. Paradox erscheint das Verb „erkennen“, das auf den Glanz bezogen ist: Obwohl der Mann zunehmend das Sehvermögen verliert, sieht er plötzlich einen Glanz, den er beim ersten Blick in das Gesetz, kurz nachdem er angekommen war, nicht bemerkt hat. Der Widerspruch ist auflösbar, wenn man davon akzeptiert, dass mit „erkennen“ nicht das sinnliche Fassen, sondern die zweite Bedeutungsebene, nämlich das geistige Durch­schauen oder auch Durchdringen gemeint ist. Geschickt wird mit den verschiedenen Bedeutungsebenen gespielt. Während der Mann die Flöhe im Pelz des Türhüters erkennt, womit eindeutig das Sehen be­schrieben wird, erkennt schließlich auch der Türhüter, dass der Mann am Ende ist. Im letzten Fall sind beide Komponenten, nämlich das sinnliche Fassen und das geistige Durchschauen gemeint: Dass der Mann gealtert und somit sein Tod unmittelbar bevorsteht, ist unübersehbar; dass er zugleich auch erfolglos bleibt, also sein Ziel, ins Gesetz eingelassen zu werden, nicht erreicht, kommt hinzu. Dies durchschaut auch der Türhüter, er erkennt das offensichtliche innere und äußere Scheitern des Mannes.

 

 

 

[1] Röhrich, Lutz [1973], S. 1103.
[2] Vgl. Politzer, Heinz [1978], S. 279f..
[3] Ebd., S. 280.
[4] Ebd., S. 280.
[5] Kafka, Franz [1983], Bd. Tagebücher, S. 130.
[6] Vgl. auch Fischer, Ernst [1966], S. 164f..
[7] Janouch, Gustav: Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen. Frankfurt am Main 1951. In: Wagenbach, Klaus [1990], S. 68.
[8] Kafka, Franz [1983], Bd. Tagebücher, S. 335.
 


Uwe Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur