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VII. Der Aspekt der Macht

 

Das grundsätzliche Problem der verschiedenen Interpretationen liegt darin, dass der Mann vom Lande, der Türhüter und das Gesetz als statisch angesehen und gedeutet werden. In ihrer überwiegenden Mehrheit gehen diese von konstanten Machtkonstellationen aus, welche sich im Verlauf des Geschehens angeblich fortsetzen. Jürgen Kobs[1] beispielsweise behauptet, der Türhüter sei dem Mann vom Lande überlegen, weil er sowohl das Wissen als auch die Macht über den Zugang zum Gesetz besitze. Dieses Wissen um das Gesetz kann, wie ausgeführt wurde, nicht durch den Türhüter selbst erworben worden sein, er kann es sich allenfalls durch die Berichte anderer angeeignet haben, genauso wie der Mann vom Lande, welcher ja bereits zu dem Gesetz mit seinen Vorstellungen und Erwartungen kommt. Man könnte gegen Jürgen Kobs einwenden, dass der Türhüter den Mann getäuscht haben könnte – seine Äußerungen und seine Verweigerung wären dann Ausdruck einer Willkür, welche sich der Türhüter anmaßt und nicht etwa eine „überlegene Einsicht“[2].

 

 Gerecht wird man dem Text am ehesten, wenn man versucht, die verschiedenen Machtverhältnisse als dynamischen Prozess zu beschreiben. Diese verändern sich und werden schließlich spiegelbildlich verkehrt. Am Beispiel des Gesetzes wurde bereits aufgezeigt, wie dieses sich von einem Abstraktum in ein Konkretum in eine gegenständliche Räumlichkeit wandelt. Das findet seinen Fortgang im Laufe der Legende: Die Details werden beschrieben – das Äußere des Türhüters, das Tor etc.. Plötzlich jedoch verliert sich das Gesetz ins Ungewisse, es wird wieder abstrakt. Der Mann erkennt den „Glanz“, auch scheint der Türhüter jeglichen zeitlichen Einflüssen enthoben zu sein, da er im Gegensatz zum Mann vom Lande nicht altert. Der Mann tritt als freies Subjekt vor den Türhüter, er bittet zunächst offenbar nur pro forma um die Erlaubnis, ins Gesetz eintreten zu dürfen, schließlich gehörte das Nachsuchen um Eintritt bei einem Türhüter vor öffentlichen Gebäuden zu den Gepflogenheiten in Kafkas Heimatstadt Prag. Keiner käme ernstlich je auf den Gedanken, dass dieser Bitte nicht entsprochen werden würde. Der Türhüter tritt zur Seite, und der Mann wirf einen Blick ins Innere. Erst danach baut sich der Türhüter vor dem Mann vom Lande auf und beruft sich auf die anderen Türhüter. Der Mann gerät ins Grübeln und entschließt sich zu warten. Im weiteren Verlauf wird der Türhüter tatsächlich mächtiger: Er gewährt ihm einen Schemel. Der Mann ermüdet den „große[n] Herren“ durch seine unbedeutenden Fragen. Dieser lässt sich herab und stellt „teilnahmslose“ Fragen. Der Türhüter wird dem Mann so übermächtig, dass dieser lieber von ihm ablässt und die Flöhe im Pelz des Türhüters um Hilfe bittet. Diese nämlich befinden sich immer noch näher an der Macht als er selbst, so seine Logik. Sie befinden sie sich immerhin sehr nahe am Türhüter, indem sie sich in seinem Mantel tummeln. Nachdem der Mann vom Lande den Glanz, welcher aus dem Inneren nach Außen strahlt, erkannt hat und der Türhüter auf die Frage des Sterbenden antwortet, dieser Eingang sei nur für ihn vorgesehen gewesen, verändert sich ein weiteres Mal das Verhältnis zwischen dem Mann vom Lande und dem Türhüter. Es stellt sich plötzlich heraus, dass die Existenz- oder besser die Daseinsberechtigung des Türhüters auf der Suche und dem Warten des Mannes gründet. Nicht nur das Dasein des Türhüters, immerhin gleichzeitig auch Repräsentant des Gesetzes, gründet auf der Suche des Mannes, sondern vermutlich das Gesetz selbst. Bei Kafka handelt es sich nicht um eine Art Weltgesetz, sondern um eine individuelle Sinnstiftung.

 

 

 


[1] Kobs, Jürgen [1974], In: Beicken, Peter U. [1974], S. 280f..

[2] Ebd.. S. 280.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte