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Das Zaubermeer



Es war inzwischen später Vormittag geworden, in ein oder eineinhalb Stunden würde die Sonne ihren Zenit erreichen. Der Himmel über dem Schiff war klar und beim Blick nach Osten in einem hellen Blau gehalten, doch von Westen her nahte ein weißes Meer aus Wolken. Wie mit einem riesengroßen Zollstock gezogen war die Linie zwischen den beiden Himmelsphären. Jenseits dieser Grenzlinie jedoch verriet keine auch noch so kleine Lücke, kein Spalt, dass hinter dem leuchtenden Schneeweiß des Wolkenteppichs das endlose Indigo des Himmels über Afrika sich verbarg.

Doch die Linie war bei näherem Blick auf die herannahende Wolkenarmada nicht gar so klar gezogen, wie es Lucas zunächst schien, vor dieser Front jagten bisweilen einzelne Wolken her. Einige davon kamen ihm vor wie Reiter auf wolkigen Pferden, welche dem langsameren Fußvolk in einem Kriegszug vorauseilen, es vorwärts treiben, es aufpeitschen. Manche stürmten voran, andere ließen sich zurückfallen, als ob sie die Verbindung zur Heerschar suchten. Indes stürmte diese Wolkenarmee und ihre luftigen Offiziere - so wie der Don Quichotte gegen die Windmühlen - gegen einen Feind an, den es so gar nicht gab, denn der östliche Himmel war ganz und gar frei und jungfräulich blau. Kein Feind in Sicht. Nirgendwo. Am meisten kämpft man gegen Widerstände und Feinde an, wo gar keine vorhanden sind, bedachte Lucas und lächelte bei diesem Gedanken wissend. Die größten Hemmnisse finden sich doch meist in uns selbst und nicht etwa in einer uns vermeintlich schlecht gesonnenen Umwelt. Er hätte nicht zu sagen vermocht, ob dieses Wolkenspiel, die Abstände zwischen den Offizieren und Armeen, so wie er sie gesehen und festgesetzt hatte, sich tatsächlich mit der Zeit veränderten, oder ob er diese nur empfand, weil am Himmel kein wirklicher Fixpunkt vorhanden war, durch welchen er die Beziehungen und Entfernungen hätte bestimmen können. So lag er wohl recht lange, dachte an nichts und fiel völlig dem Wolkenturnier am Himmel anheim, der freien Welt seiner Einfälle und Gedanken. Endlich ließ er ab vom Spiel der Wolken, wandte seinen Körper um, legte sich auf die Vorderseite und blickte durch das grobmaschige Netz hindurch auf das Meer, auf das Wasser und die Wellen.

Ab und an, wenn das Schiff sich über den schneeweißen Kamm einer der Wellen schob, spritzte das Meerwasser hoch bis zu Lucas in seinem Netz und traf ihn zumeist an seinen Schenkeln. Zwar empfand er diese Kühlung eigentlich als ausgesprochen angenehm, denn es mochte auch an diesem späten Morgen bereits gut dreißig Grad warm sein. Er zuckte dennoch stets ein wenig zusammen, weil diese sich nicht ankündigte, sondern ihn unerwartet wie ein zwar kleiner, so doch kalter Schauer traf und überraschte. Rasch, fast binnen Minutenfrist, sog die Sonne das hochgespritzte Nass von seiner Haut auf, trocknete das Wasser weg und ließ nur noch die feinen Kristalle des Meersalzes darauf zurück. Schon bildete sich auf seinen braunen Waden, besonders an den feinen Härchen seiner Kniehöhle, ein zarter Film aus Salz. Wenn er dieses dann auf der warmen Haut zerrieb, fühlte er sich angenehm erregt und in gewisser Weise wie gereinigt.

Das kräuselnde Weiß der Wellenkämme klatschte immer wieder rauschend und schäumend gegen den Schiffsbug, wurde von diesem gebrochen, nach links und rechts zerteilt und verdrängt, ein anderes Mal entschwand es ohne ersichtliche Ursache und weiteres Aufheben unter dem Schiff. Es war ihm, als ob das Schiff dann über die Wellen gehoben werden würde. Kaum merklich, so doch spürbar, glitt es dahin in einem stetem und sanften Auf und Ab der Wellen, im Rhythmus des Ozeans und ewigen Kreislaufes allen Lebens. Das Spiel des Meeres begründete in Lucas das Gefühl eines ruhigen und steten Taktes, in welchen er sich gerne fallen ließ und sich darin gut aufgenommen fand. Im Fluss des Lebens, dem Takt des Ozeans fühlte sich Lucas so sehr geborgen wie einst in seiner Mama. Das Wasser, empfand Lucas plötzlich zum ersten Mal ganz deutlich, ist der Ursprung allen Lebens. Aus ihm entstammen wir und entfremden uns doch so sehr, dass wir es später erst wieder erlernen müssen, uns darin zu bewegen.

Als Lucas unter die Oberfläche der weiß schäumenden Wellen hinab in die Tiefe des Meeres schaute, wurde er unversehens dreier großer dunkler Schatten im Wasser gewahr, die sich gleichmäßig mit dem Schiff voran bewegten. Vom Äußeren erinnerten sie ihn an die geometrische Form von Rauten, wie er sie aus dem Mathematikunterricht in der Schule kannte. Ihm schien, als ob am hinteren Ende noch eine Art Ausläufer vorhanden sei. Sofort dachte er an die Schatten der Schiffssegel, drehte sich und blickte nach oben, um zu erkunden, um welche es sich wohl handeln möge. Jedoch fiel ihm sogleich ein, dass über und vor dem Schiff bei der Fahrt um die Mittagszeit nach Süden auch die Sonne in südlicher Himmelsrichtung stehen müsste. Deshalb würden die Schatten der Segel nach hinten und nicht nach vorne ins Meer geworfen werden. Und in der Tat, genau so war es auch. Es musste also etwas anderes sein. Er wandte sich wieder dem Meer zu und bemühte aufs Neue und vergeblich die Augen. Er konnte nicht mehr erkennen als zuvor. Lucas war ein wenig enttäuscht, dass sich das Rätsel da unten im Meer seinem Forscherdrang gegenüber so widerspenstig entzog und war sehr versucht, es dabei bewenden zu lassen. Einen letzten Versuch wollte er allerdings dennoch unternehmen: Er hielt seine beiden Handflächen an die Schläfen seines Kopfes, formte sie zu einem zylinderartigen Trichter, um das grelle Sonnenlicht abzuschirmen und endlich besser ins dunkle Grünblau des Meeres hinab blicken zu können. Er sah nun, wie die rautenförmigen Gebilde sich nicht etwa in gleichen Abständen zueinander bewegten, sondern, dass sie sich zuweilen einander annäherten und dann wieder trennten. Vorneweg schwamm der größte Körper, ihm folgten in gleichem Abstand und auf paralleler Höhe die beiden anderen nach und beschrieben auf diese Weise eine Art Dreieck. Es waren Tiere, war Lucas sich nunmehr sicher. Was sollte es auch sonst sein? Dass das Phänomen da unten sich ihm entzog, ihn aufhielt und seiner Erkenntnis gegenüber so hartnäckigen Widerstand leistete, weckte seinen entschiedenen Ehrgeiz, ja reizte ihn sogar in einem gewissem Maße und so hielt er sich viel länger mit dem Phänomen auf, als er zunächst beabsichtigt hatte.

Er versuchte sich auf ein Neues, er schloss die Lider seiner Augen bis zu einem engen Schlitz und erkannte nun tatsächlich, dass die beiden hinteren Schatten etwas kleiner waren als der vordere. Der Unterschied war kaum merklich, so doch vorhanden. Auch sah er nunmehr überraschend deutlich den lang gezogenen Schweif, welchen die Figuren hinter sich herzogen, und zudem an der Vorderseite zwei weitere Ausbuchtungen, die sich ausnahmen wie zwei längliche Lappen. Es musste sich um Fische handeln, Schatten oder Spiegelungen waren ja auszuschließen, dachte er. Er war jedoch völlig ahnungslos, wie er die fabelwesenartige Gestalt von einer Raute mit zwei länglichen Ausläufern nach vorne und einem Schwanz nach hinten in der Welt der Fische oder des sonstigen Meeresgetiers einzusortieren hätte. Da die Wesen ihm doch einigermaßen groß vorkamen, wunderte es ihn, dass er sie nicht kannte, da man ja stets dazu neigt, bevorzugt die größten Lebewesen zu studieren, zu schematisieren und zu katalogisieren. Er versuchte den Abstand, in welchem sie unter ihm schwammen, zu bestimmen, berücksichtigte dabei die wohl drei Meter zwischen der Meeresoberfläche und seinem Ausguck, überlegte sodann, wie tief er wohl ins recht klare Salzwasser blicken könnte. So vielleicht zehn oder fünfzehn Meter, schätzte er, war sich aber auch dabei nicht sicher, ihm mangelte einer Art von Referenzobjekt, etwas von bekannter Größe, das sich in messbarer oder zumindest in abschätzbarer Entfernung befunden hätte. Sie kamen auch nicht näher, sondern schwammen mit regelmäßiger Geschwindigkeit und mit gleichem Abstand zum Schiff, bisweilen nur ihre Anordnung ein wenig verändernd. Auf jeden Fall mussten sie einige Meter groß sein. Mit seinem Latein nun wirklich am Ende, entschied er fürs Weitere, das Rätsel der sich da tummelnd-schwimmenden Meeresgeometerie - er dachte dabei wieder an die Raute - als ungelöst zu belassen. Da fiel ihm endlich ein, er könnte Jimmy befragen, den Schiffskoch. Dieser hatte gute Kenntnis von dem, was in der See und an deren Boden so kreuchte und fleuchte, krabbelte und zappelte. Kein Wunder hatte er dieses Wissen, immerhin musste er diese Fische und allerlei anderes Getier zerlegen und irgendwie zu essbaren Mahlzeiten verarbeiten - mitunter erfolgte dies zugegebenermaßen nur unter Zuhilfenahme von allerlei Tricks und geheimen Finessen, wie Lucas wohl wusste.

 

Inzwischen war es fast Mittag geworden und die Sonne des Äquators stand in ihrem Zenit. Sie brannte gnadenlos hernieder, doch der Fahrtwind kühlte bei steter und mäßiger Geschwindigkeit sachte und leicht Lucas’ Körper. Das Meer plätscherte unter dem sanft dahin gleitenden Schiff leise und Lucas war durch die unruhige Nacht erschöpft. Es war eine überaus traute Stimmung seitens der Außenwelt, an deren Grundgefühl er sich anzugleichen vermochte. Es überkam und überwältigte ihn alsbald eine warme Mattheit, ein drängendes Bedürfnis nach Schlaf oder zumindest nach ein wenig Schlummern, Dösen und sich Fallenlassen. Und bald schlief er halb, halb wachte er. Halb träumte er, halb erinnerte er sich an früher, an ganz früher …

Seine Kindheit, so sein eigenes Urteil bis vor einiger Zeit, bevor alles begann sich zu verändern, war exemplarisch schön gewesen: Lucas wuchs als kleiner semmelblonder Junge, eines jedermanns Sonnenschein inmitten einer durchschnittlich-glücklichen Familie im nördlichen Schwarzwald auf. Seine Vorfahren waren aus dem südlichen Italien dorthin bereits vor einigen Generationen eingewandert und hatten sich nach wenigen Jahren schon so sehr eingelebt, dass auch Ehen mit der schon lange im Schwarzwald ansässigen Bevölkerung geschlossen wurden. So verhielt es sich auch mit der Ehe seiner Eltern, denn seine Mama entstammte im Gegensatz zu seinem Vater aus einem kleinen Dorf, gelegen am Rande des Schwarzwaldes. Seine Mama, eine zwar körperlich robuste, doch gleichwohl feinsinnige Frau, gab ihm den Namen Lucas. Obschon sie selbst des Lateinischen unkundig war, wusste sie doch immerhin, dass sich aus dem lateinischen Wort lux, lucis das Helle und das Licht herleitete und begründete. Bezogen auf das starke und stolze Raubtier Afrikas, auf den der Nachname Leòn verwies, so hatte sie sich wohl gedacht, müsste für ihren Sohn der Name Lucas Leòn als ein schöner und beständig zu erfüllender Anspruch an sein Leben gelten, solange er leben würde. So entwarf seine Mama sein Leben. Dafür, dass es zunächst – und auch für viele Jahre - anders kam, ja dafür konnte sie natürlich nichts.

Fast in jedem Lebensalter konnte sich Lucas zu denjenigen Menschen zählen, welchen auf Grund ihres Äußeren ein höheres Maß an Aufmerksamkeit genießen als die meisten anderen. Manche reagierten gegenüber diesem ihm eigenen Reiz mit Eroberungswillen, andere hingegen mit schroffer Ablehnung. Schon als Kind nutzte Lucas diesen Charme seiner Erscheinung. Er kam fast nicht umhin, dieses Geschenk der Natur, als da waren, das helle Blau seiner Augen, das lichte Blond seiner Haare, die lustigen Sommersprossen auf Nase und Wangen, das sommerliche tiefe Braun seiner Kinderarme und Beinchen für seine eigenen Zwecke zu nutzen. Gepaart war diese einnehmende äußere Erscheinung mit einem steten Lachen und Grinsen und einem wachen und regen Nachfragen in die Welt der Erwachsenen hinein. Seine Mama, so war der kleine Lucas alsbald überzeugt, hatte nicht nur einen Bauchnabel, wie ihn jeder andere Mensch auch hat, sondern darüber hinaus viele weitere Löcher im Bauch, verursacht von den Fragen, welche er ihr insbesondere auf dem Reich der Tiere und Pflanzen stellte. Denn bisweilen, wenn er gar zu beharrlich auf Auskunft drang und sich gar nicht abschütteln ließ, schlug sie die beide Hände über dem Kopf zusammen, schüttelte diesen und meinte bloß: „Ach Lucas, Du fragst mich ja lauter Löcher in den Bauch!“ Verwundert war sein Blick dann stets bei jedem Besuch im Freibad, denn er konnte am Bauch seiner Mama kein Loch entdecken, sondern sah nur den Bauchnabel, der sie selbst einst mit seiner Großmama verbunden hatte.

So war es nicht weiter verwunderlich und von Lucas’ Mama auch nicht ganz frei von Eigennutz, dass sein erstes, nur für ihn gekauftes Buch ein dicker, großformatiger Wälzer war, ein Lexikon mit allen Tieren und Pflanzen dieser Welt. Darüber brachte er, mit fünf Jahren des Lesens noch unkundig, viele Nachmittage, Abende, Wochen und Monate zu. Da gab es alles: das Gewürm, das man mitunter zertrat, wenn man als Kind barfuß durch taunasses Gras lief, besonders die im Schwabenland so bezeichneten Zigeunerschnecken, deren gelblich-klumpiges Inneres ihm manchmal zwischen den Fußzehen hervorquoll und ihm fortan einen gewissen, allzu verständlichen Ekel vor dem Barfußlaufen in hohem Gras einimpfte.

Die Feldmäuse, Maulwürfe und Rotkehlchen waren darin genauso versammelt, wie Lucas sie mitunter auch in Wirklichkeit auf der Terrasse seines Elternhauses vorfand als Beute seines Katers Paule. Dorthin schleppte der sportlich-stolze Kater stets seine erhaschte und erlegte Jagdbeute, ohne sie allerdings hernach zu verspeisen, sondern sich kurz darauf mit gewöhnlichem Katzenfutter zu bescheiden. Es war, als wolle sich Paule mit der Jagd nur Appetit holen und der Gastfamilie Geschenke darbringen. Gar manches Mal war Lucas sehr traurig und voller Mitleid wegen der vielen Tierleichen, welche sein Kater erjagt hatte, aber lange konnte er dem Tierchen nicht grollen, denn der Kater war bald sein erster und liebster Gefährte geworden. Auch seine Mama meinte, es sei halt seine Natur und seine Art, Zuneigung zu zeigen, wenn er Lucas und vor allem seiner Schwester diese Jagdbeute bringe und auf den Steinplatten der Terrasse präsentiere.

 

Oftmals beobachtete Lucas den Kater Paule, wie er auf der weitläufigen Wiese, die gleich an das Haus seiner Eltern grenzte, saß, dort regungslos verharrte und auf ein Loch in der Erde starrte, in dem er die kleinen Feldmäuse mit dem süßen Blut vermutete. Da Kater Paule dieses Blut roch und es seinen wilden Raubtierinstinkt weckte, verschlang er seine Beute mitunter auch lustvoll, sobald er ihrer habhaft wurde. Lucas ging derweil weiter seinen Kinderbeschäftigungen nach, baute an seinem kleinen Holzhüttchen im Garten, badete mit dem Nachbarsmädel Beate und dem rosa-weißen Plastikdelphinchen im Kinderschwimmbecken aus aufblasbarem Gummi und blickte von Zeit zu Zeit in Richtung seines Katers. Es konnten viele Stunden, ja halbe Nachmittage vergehen, Paule verharrte regungslos vor dem Mausloch auf der Wiese. Während all der Zeit rührte er sich um keinen Zentimeter, so als wäre er in Stein gemeißelt. Dabei wirkte er besonders im hellen Licht der Sommersonne überaus lebendig, denn man konnte jeden angespannten Muskel unter seinem glänzenden, pechschwarzen Fell sehen. Wie Paule, der kleine schwarze Puma, diese körperliche Anspannung, diese bedingungslose Bündelung seiner Sinne über eine so lange Zeit aufrecht erhalten konnte, sich gleichsam über Stunden unter Hochspannung hielt, war Lucas größtes Rätsel und darin wurzelte seine Bewunderung für Paule Puma. Wenn dann eine der hellbraunen Feldmäuse tatsächlich ihr kleines, haariges Schnäuzchen aus dem Erdloch reckte und versuchte mögliche Gefahren zu wittern, dann war es um sie in der Regel auch schon geschehen: Mit einem beherzten Satz sprang Paule ganz dicht vor das Loch, zwängte die rechte Pfote hinein, gelangte mit dieser hinter die Maus und hebelte sie aus ihrem Erdloch hinaus ins Freie. Dann war das Spiel aus - sofern sie nicht rasch in ein anderes Loch entfliehen konnte. Eingedenk der Jagdqualitäten Paules geschah dies jedoch selten genug und er packte die Maus am Nacken, schleppte sie Richtung Terrasse, um dort ein mörderisches Katz-und-Maus-Spiel zu veranstalten. Lucas konnte dem nicht lange zusehen und versuchte manchmal die Maus zu retten, was ihm kaum je gelang. Meist wandte er sich ab, um schließlich Stunden später an den Ort der Hinrichtung zurückzukehren, die inzwischen tote Maus zu bergen und sie unter Anteilnahme des Nachbarskindes Beate in feierlicher Stimmung in der hintersten Ecke des Gartens zu vergraben. Dort war im Laufe von Paules langem Katerleben, das immerhin fast fünfzehn Jahre währte, ein regelrechter Tierfriedhof entstanden. Doch Paules Geschenke wurden mit den Jahren unregelmäßiger und seltener, was entweder an seinem voranschreitenden Alter lag, das mit einer gewissen, sich einstellenden Langsamkeit und Behäbigkeit einherging. Oder aber Paule Puma war zu der Überzeugung gelangt, dass es dieser Gastgeschenke nicht mehr bedurfte, da er längst selbstverständlicher Teil der Familie geworden war. Wie dem auch sei, der Tierfriedhof geriet in Vergessenheit und irgendwann wuchs auf den zahllosen Leichen ein kleines Fliederbäumchen mit hellgrünen Blättern, dessen rosafarbene Blüten im Sommer betörend dufteten.

Vom Spiel mit dem Tode in gewissem Maße abgestoßen und zugleich doch schaurig angezogen, fand Lucas Zuflucht in seinem Lexikon. Darin waren die Abbildungen bloß gemalt und nicht gar so drastisch-plastisch wie die blutige Wirklichkeit auf der Terrasse seines Elternhauses. Besonders die exotischen und außereuropäischen Tiere regten ihn an, stimulierten seine Phantasie und folgten ihm auch des Nachts in seinen Träumen nach. Meist waren diese nicht weiter bedrohlich, sondern eher interessant, oft auch amüsierte er sich darüber, was die Natur so alles an Formen und Farben, an Variationen des Lebens hervorbrachte. Eine Spezies aus der Welt des Ozeans und der Fische allerdings, sie wurde im Lexikon als ‚Schwarzer Tiefseeangler’ bezeichnet, bescherte ihm  manchen unwohligen Traum. Von der Physiognomie des Fisches her war dies überaus verständlich: Der Körper bestand zu Zweitdritteln, so konnte man der Abbildung entnehmen, aus seinem bloßen Maul, aus diesem ragten zudem lange, scharfe, spitze Zähne, außerdem besaß er eine bösartig-fiese Fratze und war in einem dunklen Violett gehalten. Er würde nie im Indischen Ozean schwimmen gehen, auch wenn dieses Monster nur in der dunkelsten Tiefsee vorkommen und ihm nie begegnen würde, ergänzte er die Regelsammlung seines noch jungen Lebens.

Viele Monate später fiel ihm eines Morgens das Lexikon erneut in die Hände, er blätterte darin, brütete darüber und schlug zufällig die Seite mit dem garstigen Getier, dem Schwarzen Tiefseeangler, wieder auf. Hätte er ihn bloß bei seiner ersten Begegnung ein wenig genauer studiert, ihm wäre manches unerfreuliche Wiedersehen im Traume erspart geblieben, denn nunmehr las er zu seiner tiefen Erleichterung, dass der Fisch, so dämonisch er auch aussehen mochte, nur ein Fischchen war, weil er lediglich vier Zentimeter groß wurde. Was sollte das Ding schon abbeißen können?

 

Lucas öffnete die Augen, schloss sie alsbald wegen des grellen Lichts der Mittagssonne wieder, dachte und träumte von der Zeit, als er dieses Buch von seiner Mama geschenkt bekommen hatte. Es überströmtem ihn Bilder, Momente, Situationen und Menschen, die ihm lange Jahre nicht mehr in den Sinn gekommen waren und von denen er nicht geahnt hatte, dass sie überhaupt noch in seinem Inneren wohnten. Lucas war ein durchaus liebenswerter Junge, obwohl er bereits früh gelernt hatte, sich zur Geltung zu bringen und seine zunächst kindlich-harmlosen Interessen auch gegen entschiedene Widerstände durchzusetzen. Wohl auf Grund seiner gewinnenden Erscheinung und weil er zudem der lange ersehnte Sohn war, nachdem zuvor seine beiden älteren Schwestern geboren worden waren, verzieh man ihm Vieles, was ansonsten – sofern Ähnliches sich bei seinen Schwestern ereignet hätte – eine Menge an familiärem Aufruhr verursacht hätte.

In seiner Kindheit, das waren die späten siebziger und frühen achtziger Jahre, war das heutige Kompaktwaschmittel noch längst nicht erfunden und schon gar nicht das Waschmittelkonzentrat. Damals war jeder Waschgang mit der guten, alten, müden Miele-Maschine mit einem ungeheueren Einsatz des weißen, leicht ätzend riechenden Pulvers verbunden. Dieses wurde, wie es in Kinderaugen erschien, in sagenhaft riesigen Papptrommeln von zehn Kilo verkauft. Diese leeren Waschmittelpapptrommeln weckten schon früh Lucas Interesse: In sie stieg er als kleiner Junge hinein, rollte sie durch das Wohnzimmer, das Esszimmer, über die Terrasse hinweg in den Garten und weiß der Teufel wo sonst noch hin. Diese Papptonnen fanden genau deshalb sein reges Gefallen, weil sie zwar größer waren als er selbst, er ihnen dennoch wegen ihres leichten Materials und trotz seiner beschränkten Kinderkräfte die Richtung vorgeben und sie lenken konnte. Je größer ein Gegenstand war, den er bewegen konnte, umso stärker erschien er sich natürlich auch selbst.

Eines Tages, Lucas mochte wohl ungefähr vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, entdeckte er in einer Ecke der Waschküche eben eine dieser leeren Tonnen, die er mit einiger Mühe erklomm. Schließlich setzte er sich auf diese und strahlte wegen seines Triumphes einen kurzen Augenblick lang über das ganze Gesicht. Doch plötzlich gab der von innen in die Tonne eingelassene Pappteil dem Druck von außen, der von Lucas Körper ausgeübt wurde, nach und dellte ein. Lucas’ Ober- und Unterkörper rutschte nach unten, wurde in die Tonne gedrückt, er selbst durch die stabile Pappröhre zusammengefaltet und blieb dergestalt mit seinem kleinen Hinterteil darin stecken. Wie die dicken Käfer im Garten, wenn sie auf den Rücken gefallen waren, so zappelte er energisch mit Armen und Beinen. Jedoch half ihm das wenig, er blieb in der Trommel stecken. So war kein Entrinnen möglich. Wir vermuten nicht zu Unrecht, dass es ein grotesker Anblick war, den er einem Betrachter geboten hätte. Da er bei verschiedenen anderen Gelegenheiten und Ereignissen bereits früh das Gefühl der Bloßstellung vor anderen Menschen und damit Peinlichkeit verspüren musste, stellte er zu seiner tiefen Erleichterung fest, dass niemand sonst zugegen war, der ihn als Zeuge des Geschehens beobachtet hatte, gleichzeitig jedoch auch niemand, den er um Hilfe hätte bitten können. Dadurch doch ein wenig beruhigt, besann sich Lucas schließlich: Laut um Hilfe zu rufen, verbot sich aus vielerlei Gründen von selbst. Es half ihm nichts anderes, als dass er gezielt die Tonne und sich selbst zum Umfallen brachte, was freilich ein gewisses Risiko einer Verletzung in sich barg. Denn diese müsste er nicht bloß verschmerzen und ertragen, sondern er müsste sie vor allem in der Welt der Erwachsenen rechtfertigen. Auch auf diesem Wege würde sein Missgeschick letztlich für alle offenkundig und er selbst zum Gespött aller und – wovor ihm besonders graute – vor allem seiner beiden Schwestern. Dies alles bedachte er kurz, er kam nicht umhin, es musste gewagt werden, schließlich war ihm auch der augenblickliche Zustand zutiefst unerträglich. Wenn er vom Rumpf ausgehend eine Schaukelbewegung beginnen könnte, so müsste die Tonne mit ihm irgendwann umfallen, so dachte er. Da er aber nicht mit dem Vorder- oder Hinterkopf auf den nackten Waschbetonboden knallen wollte, versuchte er dieses Schaukeln in Richtung der beiden Seiten hin zu erreichen. Nach einigen Wippen nach links und rechts erfolgte tatsächlich der geplant-gezielte Sturz in die gewünschte, ungefährlichste Richtung: Er fing sich mit dem rechten Arm auf und nach einigen Sekunden des Wälzens auf dem Boden gelang es ihm, eine Position auf der Vorderseite zu erreichen. Durch Anspannung und Druck von Beinen und Bauch auf die Tonne vermochte er endlich diese abzustreifen und sich so selbst zu befreien.

Aber diese Geschichte war es nicht, die eigentlich erzählt werden sollte, Erwähnung findet diese Selbstbefreiung aus der Persilwaschmitteltonne nur angelegentlich, weil es just um letztere ging und sie doch einen gewissen Einblick in Lucas’ Art bietet. Vielmehr ging in seiner Familie die Kunde, aus eigener Erinnerung vermochte Lucas sie nicht zu rekonstruieren, von folgender Begebenheit: Aus unerfindlichem Grund befand sich eines überaus heißen Sommertages eine dieser großen Waschmitteltrommeln, die gerade gekauft und daher noch gefüllt war, inmitten des Wohnzimmers auf einem großen Teppich, der über einem hellbraunen Holzparkett mit Grätenmuster lag. Lucas muss wohl die riesige und schwere Trommel umgestoßen haben. Wie ihm das als kleiner Junge bei einer zehn Kilogramm schweren Waschmitteltrommel gelang, muss ein Rätsel bleiben, zu dessen Aufklärung niemand mehr beitragen kann. Freilich war dies eigentlich nur dergestalt denkbar, dass er sich mit ganzem Körpergewicht dagegen stemmte, der Boden dieser Tonne durch den Teppich recht gut fixiert und somit blockiert war. Daher konnte sie nicht wegrutschten und erlag offenbar dann irgendwann dem Drücken Lucas’. Er muss sie irgendwie geöffnet haben, denn schließlich ergoss sich das schneeweiße Persilpulver auf den in einem artifiziellen Muster gefertigten und in Braun- und Rottönen gehaltenen Wohnzimmerteppich. Mitten darin saß alsbald der kleine Lucas, baute Häufchen zu Berge, bildete flache Ebenen mit Flüssen und wohl auch Seen drauf, zog die Linien von Weltmeeren mit Küsten und Inseln. In diesem schöpferischen Tun selig begriffen, wurde er von seiner Mama vorgefunden, die noch viele Jahre später zum allgemeinen Amüsement diese Begebenheit im Familienkreise zum Besten gab. Sich des angerichteten Schadens so gänzlich unbewusst, stammelte er ihr plötzlich etwas vor von „Snee, Snee … Snee“, wo er sich doch gerade noch als Weltenschöpfer und Geograph betätigt hatte. Offensichtlich meinte er damit den Schnee, der in seiner Kindheit schon mitten im Herbst fallen konnte und sich im Garten des Hauses und im Dorf mitunter fast einen Meter hoch bis tief in den März des neuen Jahres hinein hartnäckig hielt. Was Lucas da nun genau auch immer getan haben mag und wie er es erklärte, muss ein Rätsel bleiben, denn seine Mutter, die einzige Zeugin seines harmlosen Verbrechens, verstarb zu früh, um weitere Auskünfte zu erteilen. Sehr böse konnte sie ihm wohl nicht gewesen sein, denn er bot wohl einen liebenswerten Anblick...

 

 „Hey, sorry Mr. Leòn there you are, finally I found you!“, schallte Lucas Leòn eine helle Jungenstimme plötzlich von oben entgegen und setzte seinem Tagtraum ein abruptes Ende. Er öffnete die Augen und sah zunächst einmal gar nichts, weil die Sonne sehr hoch am Horizont stand und ihm von dort direkt ins Gesicht schien. Er nahm seine Hand zu Hilfe, um das Licht abzudecken: Vor ihm stand auf dem Schiffsbug einige Meter entfernt ein farbiger Junge von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, der für gewöhnlich Jimmy in der Kombüse zur Hand ging. Fragend blickte Lucas ihn an und in Unkenntnis seines wirklichen Namens meinte er bloß: „What’s up, boy?“ Dieser antwortete kurz, dass er ihn suchen sollte, um ihn zum Essen zu rufen. Wie lange hatte er in dem Netz gelegen? Dem Stand der Sonne nach musste es gegen halb zwei, zwei Uhr sein. Schnell sortierte sich Lucas in die Zeit ein, in den Lauf der Stunden und des Tages. Etwas unbeholfen und mit ein wenig steifen Gliedern, durch das lange Liegen in dem grobmaschigen Netz verursacht, das den Blutfluss in seinem Körper gehemmt hatte, und etwas benebelt vom Schlummern in der Sonne, kletterte er über das Netz und die straff gespannten Seile auf das Vorderdeck zurück.

Er müsste unbedingt seine Kabine aufsuchen, um die aufgeschobene Morgentoilette doch noch nachzuholen, bevor er sich zum Essen begeben konnte. Die Zeit drängte, sicher saßen alle schon am Tisch. Er rasierte sich rasch, wusch sich flugs, bändigte sein Haar etwas rücksichtslos, putzte sich die Zähne flott, machte auch sonst weiter wenig Aufhebens um sein Äußeres und griff zu den am Nächsten liegenden Kleidungsstücken: Ein weißes T-Shirt, eine etwas ausgefranste und in die Jahre gekommene Jeans kamen ihm in die Hände, er streifte T-Shirt und Hose schnell über und schlüpfte mit bloßen Füßen in seine ledernen, braunen Sandalen. Es kam ihm sehr entgegen, dass auf diesem Schiff die Sitte herrschte, jeder nach seiner Façon. So war man auch in Fragen der Garderobe nicht etwa nur nachsichtig, weil man Fehlgriffe verziehen hätte, nein, es war vielmehr eine unausgesprochene Forderung von Seiten der Schiffsführung, dass sich die Passagiere so kleideten und verhielten, wie sie es selbst am Angemessensten und Passendsten empfanden. Keineswegs, wie man nun geneigt sein könnte zu glauben, führte dies etwa zu einer Art Verwahrlosung der Passagiere oder zu häufigen Etiketteverletzungen im Umgang oder im Gespräch untereinander. Zwar konnte es durchaus passieren, dass einer, wie etwa Mr. Farnsworth, ein reicher Banker aus London von ungefähr Anfang Fünfzig mit Glatze und einem geräumigen Vorderbau als Bauch, nach anfänglicher Steifheit sich von einem Tag auf den anderen gänzlich umstrukturierte, aber er war eigentlich der einzige erwähnenswerte Fall. Trug er zu Beginn der Reise noch eine Art Outfit, das dem Freizeitdress eines Bankers entsprach, etwa einen braunen Leinenanzug, dazu ein weißes Hemd, dieses höchstens einmal ersetzt durch ein in hellen Tönen gehaltenes Poloshirt. Eines Morgens jedoch trauten die anderen Passagiere kaum ihren Augen: Lediglich mit Bermudashorts bekleidet - Lucas Leòn wäre jede Wette eingegangen, dass Mr. Farnsworth ein derartiges Kleidungsstück nicht besaß – außerdem mit nacktem, ziemlich behaarten Oberkörper, und zudem noch barfuß, setzte er sich an den Tisch. Beide Varianten seines Outfits, das bedarf keiner weitergehenden Erörterung, waren gleichermaßen inadäquat, die letztere hingegen ziemlich unappetitlich. Das hing freilich mehr mit seiner fellartig-dichten Behaarung und seinem fortgeschrittenen Lebensalter zusammen als mit seiner Nacktheit, wie Lucas sich selbst eingestehen musste. Doch überraschenderweise blieben auch die anderen Passagiere gelassen und taten so, als bemerkten sie nichts und aßen unbekümmert weiter. Lediglich die robust-resolute Mme De Meester zog ihre linke Augenbraue leicht hoch und verband dies mit einem direkten Blick in die Augen von Mr. Farnsworth. Wohl führte diese offen artikulierte Missbilligung dazu, dass er bereits nach wenigen Minuten vom Frühstückstisch aufstand, in seine Kabine ging und zusätzlich zu den braunen Bermudashorts mit einem rosa Poloshirt und grünen Badeschuhen zurückkehrte. Für die ungewöhnliche Farbenzusammenstellung fand Lucas nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder zeugten sie von tiefster Geschmacklosigkeit, die Lucas jedoch in diesem unglaublichen Unmaß so niemanden zu zutrauen geneigt war, oder sie sollte einen schreiend-grellen Protest gegen den tadelnd-mißbilligenden Blick von Mme De Meester zum Ausdruck bringen. Diese jedoch kümmerte sich nicht weiter um Mr. Farnsworth, zumindest tat sie dies nicht augenblicklich, so doch mitunter recht rege, wie Lucas später erfahren durfte. Derartige Begebenheiten trugen sich, wie erwähnt, sonst an Bord eigentlich niemals zu. Obschon das Leben an Bord des Schiffes frei von Regeln und Zwängen war, etablierte sich fast wie von selbst unter den Passagieren untereinander wie auch im Umgang mit der Mannschaft eine Art kollektive Empfindung von Anstand und Angemessenheit. Ohne dass diese jemals artikuliert oder festgesetzt worden wäre, so wurde sie doch von jedem nach einer gewissen Zeit, in welcher sich das Gespür für sie erst entwickeln und entfalten musste, eingehalten. Die gemeinsame Empfindung erwuchs beinahe aus dem natürlichen Gefühl heraus und wurde aus innerer Freiheit, mitnichten aus äußerem Zwang respektiert.

Bei dieser Gelegenheit fiel Lucas ein, dass seine ihm so lieb gewonnene, fast zur zweiten Haut gewordene Jeans, die er just auch an diesem Tage trug, bald nicht mehr tragbar sein würde. Die an Fußenden und Taschen der Jeanshose sich bildenden Fäden und Fransen, zudem das kleine Loch, das er ihr erst unlängst beim Klettern in den Masten zugefügt hatte, wären noch verzeih- und tolerierbar gewesen. Aber es würde nicht mehr lange dauern, bis der dünn gescheuerte Stoff insbesondere am Gesäß dasselbe – wahrscheinlich in einer gänzlich unpassenden Situation, nämlich im Beisein anderer und das wäre ihm überaus unangenehm gewesen –freilegen würde. Allein der Gedanke daran, ließ ihn fast erröten. Spätestens dann, sofern er dieses Risiko der öffentlichen Bloßstellung überhaupt gewillt war, in Zukunft weiterhin einzugehen, würde der Zeitpunkt ihrer endgültigen Trennung gekommen sein. Lieber früher als zu spät, entschied er, noch ging es mit der Hose, während er über das Deck des Schiffes eilte und beim Mittagstisch anlangte.

 

Lucas Leòn fand dort einen leeren Stuhl zwischen Mr. Varnsworth und Signor Ferro vor, auf den er sich setzte. Die beiden Herren waren in einer erregten Unterhaltung über die politischen Zustände in Italien vor den demnächst anstehenden Parlamentswahlen begriffen, aus der sich Lucas tunlichst heraushielt. Es widerstrebte in gewisser, verständlicher Hinsicht seinem Gefühl von Behaglichkeit beim Essen, dass die beiden Herren ihr Gespräch auch über seinen Kopf hinweg fortsetzten und sich von seiner Anwesenheit nicht weiter stören ließen. Leòn schlug Signor Ferro schließlich vor, mit ihm den Platz zu tauschen, was dieser zunächst nicht verstand, schließlich doch aber darin einwilligte. Es duftete zwar etwas beherrschend, so doch auch einladend und Appetit verursachend nach Fisch, genauer nach Thunfisch. Diesen hatten die Matrosen am Vormittag in Stunden des Müßiggangs in einer Art Wettkampf geangelt. Dazu gab es gelb gefärbten, ziemlich klebrigen Reis in dunkler Sojasauce und allerlei Gemüse, das sich gerade noch einige Tage nach der Verproviantierung des Schiffes im Hafen von Freetown gehalten hatte. Verschiedene afrikanische Früchte und eine Sorte von Nüssen, die Lucas unbekannt waren, fanden sich in der Sauce. Ein Besuch bei Jimmy kam ihm mehr als überfällig vor, wollte er diesen doch wegen des Essens loben und wegen des beobachteten Getiers im Ozean um Auskunft bitten.

 

Jimmy war gerade beim Backen in seiner Kombüse, als Lucas bei ihm auftauchte. Er hatte weißes Mehl auf den Tisch gestreut und war dabei, einen massigen Klumpen Teig zu formen, zu kneten und ihn von Zeit zu Zeit hochzuheben. Dann schleuderte er diesen mit ganzer Kraft auf den Tisch, zog und zerrte ihn  auseinander, um so weiteres Mehl hinzufügen zu können und ihn auf diese Weise zu bearbeiten und zu vermehren. Lucas grüßte fröhlich und Jimmy grinste feist. Jimmy freute sich ehrlich, als Lucas ihm sagte, wie gut, obschon ein wenig eigenwillig er sein Essen gefunden hatte. Dann beschrieb Lucas ihm ausführlich, zugegebenermaßen etwas wortreich-umständlich seine ozeanischen Schatten. Lucas liebte den Umgang mit Jimmy, gerade auch weil er selbst natürlich in gewisser Weise ein verkopfter Typ war, der jenseits kluger Gespräche aber mindestens genauso dankbar war für Erdungen durch ganz normale Menschen. Lucas mochte es gern, wenn sich Menschen in ihrem Tun verloren und die Dinge, die zu tun waren, einfach vornahmen, ohne diesen einen Widerstand entgegenzusetzen und ohne sich einen Kopf über die Sinnhaftigkeit zu machen. Und bei Jimmy war all dies in besonderem Maße der Fall.

Jimmy war auf Lucas‘ Frage zunächst ziemlich ratlos, schien jedoch schließlich eine Idee zu haben und meinte: „Oh Mr. Leòn, don’t describe it with words. Just try to draw the thing you saw in the sea with your fingers in the flour on the table!”

Zunächst etwas verwirrt von seinem Ansinnen, auch verstand er das Wort ‚flour’ erst im Kontext von Jimmys demonstrativem Hinweis auf das Mehl, das den Holztisch bedeckte. Lucas zog also mit dem Zeigefinger die Konturen der Figuren, welche er im Meer gesichtet hatte, in das auf dem Tisch gerade eben großflächig ausgesiebte Mehl. Jimmy wollte nun wissen, wo bei der Zeichnung denn hinten und vorne sei. Lucas zeigte ihm dies und der Schiffskoch meinte nach einigen Sekunden, in denen sich seine Stirn in Falten legte und er mit der vom Mehl noch bestäubten rechten Hand seinen schwarzen Nacken rieb: „Well, it’s totally clear, you said, regarding it’s size, it’s about a few meters long? Right?“

Lucas nickte zustimmend. “It’s a ray, Mr. Leòn, it has been three rays that you saw in the water.” Nun wäre Lucas klüger gewesen, sofern er das Wort ‚ray’ hätte übersetzen können, seine Kenntnisse des Englischen waren zwar durchschnittlich gut, genügten selbstverständlich für ein Alltagsgespräch und hielten selbst einer Unterhaltung über Literatur stand, sie fanden aber doch dort ihre Grenze, wo es um Tiere und die Natur, um spezielle Speisen oder die Wirtschaftswelt ging.

Lucas dankte Jimmy, senkte den Kopf und verabschiedete sich lachend: „If you continue touching your body with your hands full of flour, you’ll become soon a white man as well!” Jimmy hatte daraufhin zunächst bloß ein großes Fragezeichen im Gesicht, bemerkte aber gleich darauf seine vom Mehl weiß bestäubte Hand, blickte auf seine linke Schulter, verstand nun die Andeutung, lachte darüber laut und schallend. Dann rieb er sich mit einem Tuch das Mehl aus seinem Nacken und trocknete sich das schwarze schweißige Gesicht damit. Lucas grinste und dachte bloß, jetzt ist er auch noch gepudert, sagte jedoch nichts weiter, sondern lachte schalkhaft in sich hinein und ging davon.

 

Er würde Mr. Varnsworth fragen, denn dieser war Engländer und sprach recht gut Deutsch. Varnsworth musste allerdings, als Lucas ihn unmittelbar darauf in seiner Kabine aufsuchte, selbst ein wenig nachdenken, meinte aber dann „Zu Deutsch heißt das Rocken.“

„Hmm, vielleicht Rochen?“, korrigierte Lucas.

„Ja, Entschuldigung Rochen natürlich. Welche Farbe hatten die Rochen denn?“ wollte er wissen.

Lucas meinte, er könne sie nicht genau bestimmen, denn es seien ja mehr dunkle Schatten als wirkliche Lebewesen gewesen. Nachdem Varnsworth von Leòn alle verfügbaren Informationen und Einschätzungen gewonnen hatte, sei es zu Größe, Gestalt, Farbe und den Gewässern, in denen sie sich mit dem Schiff gerade befanden, war er entschieden der Meinung, dass es sich um Mantas aus der Familie der Teufelsrochen handle, welche gerade auch im Atlantischen Ozean beheimatet seien. Er entpuppte sich im Verlaufe des Gesprächs zu Leòns Verwunderung als wirklicher Kenner der Fische, weniger in kulinarischer, als vielmehr in biologisch-anatomischer Hinsicht. Diese würden, so referierte Varnsworth weiter, bis zu sieben Meter in ihrem Durchmesser groß, besäßen eine fast als singulär zu bezeichnende Art der Fortbewegung im Reich der Tiere, indem sie von einen großen Brustmuskel angetrieben würden, der sich als Flosse rund um den Körper fortsetze. Durch eine wellenartige Bewegung der Flossen schwebten sie mehr im Wasser, als lediglich mehr oder weniger ruckartig zu paddeln. Trotz ihrer Größe und ihrem imposanten Auftreten seien sie aber friedlich-harmlose Krill- und Planktonfresser. Sie würden ihre Jungen wie die Wale oder Delphine lebend gebären und so mancher Forscher sei der Meinung, sie lebten paarweise und über eine lange Zeit hinweg zusammen. Lucas wunderte sich und fragte Mr. Varnsworth, woher dies alles wisse. Tatsächlich eröffnete Varnsworth ihm, dass er mehrere Semester - und er meinte damit eher zahlreiche Studienjahre - zugebracht habe, die maritime Zoologie zu studieren. Wie er trotzdem als Banker an der Londoner Börse Karriere gemacht hat oder machen konnte, musste wohl familiäre Gründe haben. Und da er sich darüber ausschwieg, Leòn allerdings auch nicht insistierend nachgefragt hätte, weil er bereits die Auskunft über sein Studium nur widerwillig gegeben hatte, beließ er es damit fürs Erste.

 

Des Nachmittags schlenderte Lucas über das Schiff, leicht und heiter war der Tag bisher gewesen, nichts beschwerte ihn, so ungezwungen und frei fühlte er sich. Lucas ging, wohin ihn seine Füße trugen, grüßte mit einem Augenzwinkern oder einem kurzen Gruß jene, die ihm begegneten, hielt sich mit ihnen aber nicht länger auf. Ihm schien, er suchte anderes.

So gelangte er vom Hinterdeck an Jimmys Kombüse vorbei in das Innere des Schiffes. Für einen Augenblick lang nahm ihm das Deckinnere, das aus dunklem Holz gefertigt war, die Sicht, dann stieg er jedoch behände eine schmale Holztreppe hinab. Hier war er noch nie gewesen, es waren die Quartiere der Mannschaft und er würde als Passagier sich erklären müssen, wenn er hier angetroffen werden würde. Lucas besann sich daher kurz und da die Mannschaft entweder ihren Dienst an Deck versah oder aus dem heißen Inneren des Schiffsrumpfes geflohen war, um die Schatten der Segel als Schutz vor der prallen Sonne aufzusuchen und mit Fischfang mittels langer Angelleinen beschäftigt war, so musste er mit keiner weiteren Begegnung im brütend-warmen Unterdeck rechnen. Er beschloss also, weiter ins Schiffsinnere vorzudringen. An den beiden Mannschaftsräumen mit den etwas wirr über- und untereinander gespannten Hängematten und den vielen, teilweise offenen Metallspinden an den Wänden vorbei, gelangte er schließlich zu einer Tür, die einen Spalt breit geöffnet war. Aus diesem entwich ein kleiner Strom feucht-warmen Dunstes, der sich jedoch vor Lucas‘ Füßen schnell auflöste und in der Luft verlor.

Lucas spähte vorsichtig durch den Spalt hindurch, sah beige Waschbecken und große, weiße Handtücher an den bronzefarbenen Metallhaken der hölzernen Wände hängen. Offenbar war es der Waschraum der Mannschaft, der vor ihm lag. Lucas wollte schon die Tür ganz öffnen und hinein gehen, um sich sein Gesicht, das von der prallen Morgensonne noch brannte, mit etwas kaltem Wasser zu kühlen, als er plötzlich im hinteren Teil des Raumes des Matrosen Phong gewahr wurde, den er am Morgen erst bei seiner Arbeit im Hauptmast beobachtet hatte. Lucas zuckte zurück und blieb hinter dem Türspalt stehen: Phong saß, lediglich ein weißes Handtuch um seine bloßen, braunen Lenden geschlungen, auf einem Holzschemel vor der Wand, hatte das rechte Bein auf den Boden gesetzt und den linken Fuß auf das rechte Knie gelegt. Es schien, als ob er seine Fußsohle untersuche, und tatsächlich rann über den Fuß ein kleiner Strom tiefroten Blutes, der von der Ferse in stetem Tropfen zu Boden fiel und dort bereits eine kleine, dunkelrote Lache bildete. Lucas konnte nunmehr erkennen, dass inmitten der Fußsohle, just an der Stelle, an welcher der vordere Ballen aus harter Haut übergeht in das ovale Weich, ein dicker, dunkler Spreißel aus Holz steckte. Phong musste sich diesen beim Hinauf- oder Hinunterklettern von einem der hölzernen, eigentlich doch blank gehobelten und von Wind und Wasser verwitterten Schiffsmasten geholt haben. Obschon er sein Gesicht halb von Lucas abgewandt hatte, war darin deutlich eine Mischung aus Schmerz, verursacht durch die Verletzung, und Missmut über sich selbst zu lesen. Denn es ärgerte Phong wohl sehr, dass er sich bei seinem alltäglichen und hundertmal geübten Geschäft dergestalt verwundet hatte, so dass er nunmehr für Tage, womöglich gar für Wochenfrist seinen Dienst nicht mehr oder nur mit empfindlichen Einschränkungen verrichten könnte.

An Phongs tiefbraunem Rücken perlte der Schweiß hinab, ob vor Schmerzen oder Erregung oder nur auf Grund des stickigen und dampfend-heißen Waschraumes, war nicht festzustellen. Er schien zu hadern und zu grübeln, dann jedoch sich zu besinnen, und wirkte plötzlich entschlossen, sich des Missstandes selbst mächtig zu werden und dessen Ursache zu beseitigen: Er legte die linke Hand an den Fuß und hielt ihn fest. Mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand bekam er den Spreißel zu fassen und grub die Nägel seiner Finger in das weiche Holz. Er nahm alle Kraft zusammen, die Muskeln seines Oberarms spannten sich an, die Adern seines Unterarms traten hervor und die Sehnen seines Handrückens wurden deutlich sichtbar. Er richtete seine völlige Aufmerksamkeit auf seine Erlösung von dem Schmerz und zog mit präzise gezielter Gewalt den hölzernen Eindringling aus seiner Fußsohle. Diesen warf er schließlich ohne Hast, doch mit offenkundiger Freude über das Gelingen in eine Ecke.

Schlagartig fielen Anspannung und Schmerz von ihm ab. Tiefste Erlösung herrschte auf seinem Antlitz. Zufällig blickte er genau in diesem Augenblick in den Spiegel, der an der Wand gegenüber seinem Schemel aufgehängt war, sah sich und erschrak. Sein ganzes Wesen war in diesem kurzen Moment, als er mit eigener Hand und unter striktester Bündelung seiner Kräfte sich des Schmerzes entledigt hatte, so voller wilder Grazie und selbstgenügsamer natürlicher Anmut, wie er sich selbst noch nie gesehen hatte. Der ganze Ablauf seiner Bewegung, jede kleinste Regung seines Körpers, selbst die allerletzte Faser waren so stimmig, so harmonisch, so eins mit dem Ganzen und dieses wiederum so vollkommen ausgerichtet auf die Befreiung von dem Übel. Alles, das war das Geheimnis seiner vollendeten Harmonie, war diesem Zweck untergeordnet. Sein Körper war so sehr sein Wille, wie auch umgekehrt der Wille bedingungslos dem Körper diente. Kurzum, er war ein vollständiger, ein ganzer Mensch, bei dem Geist und Körper zu einer völligen Einheit verschmolzen waren. Lucas hätte in diesem Augenblick nicht zu sagen vermocht, wo das eine beginnt und das andere aufhört. Phong war so sehr er selbst und in sich ruhend, dass er auf jeden Betrachter menschlich schön und wiederum auf andere auch männlich erotisch wirken musste. Lucas war gleichermaßen überrascht, wie von ihm angetan, wie auch peinlich berührt, Zeuge eines solch intimen Augenblicks geworden zu sein. Ein wenig beschämt wandte er sich von Phong ab und wollte gehen, warf jedoch einen weiteren kurzen Blick in den Waschraum hinein und sah Phong, wie dieser versuchte, den Vorgang und die Bewegungen zu wiederholen. Der Versuch misslang, so auch ein zweites und drittes Mal. Es musste misslingen, dachte Lucas betrübt, es ist die Erkenntnis, die uns hindert … . Er versprach Phong insgeheim, ihn in sein Geheimnis, den Verlust der natürlichen Unschuld und deren Gesetze, einzuweihen. Angelegentlich, schränkte Lucas ein, sofern er bereit sei, seine verbotenen Beobachtungen einzugestehen, sich eine passende Gelegenheit ergeben sollte und er mit ihm einen vertraulichen Umgang gefunden hätte. Er ging.

 

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte