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V. Das Gesetz

 

Bereits die Überschrift „Vor dem Gesetz“, welche Franz Kafka der eigenständigen Veröffentlichung des Textes gab, baut einen Widerspruch auf: Die lokale Präposition erzwingt ein Objekt, das einen Ort darstellen muss. Das Gesetz muss – so die textimmanente Logik – also ein Gebäude oder aber zumindest ein abgrenzbares Objekt sein, vor dem sich etwas oder jemand befinden kann. In Der Prozeß spricht der Gefängnisgeistliche von den „einleitenden Schriften zum Gesetz“[1], innerhalb derer sich die Legende befinde. Das Gesetz muss als eine Art „Sammlung von Aussagen und Bestimmungen“[2] gelten und kann daher eigentlich nicht räumlich aufgefasst werden. Der erste Satz „Vor dem Gesetz steht ein Türhüter“ setzt dem „Abstraktum“[3] ein „Konkretum“[4] gegenüber. Bereits mit dem ersten Satz zwingt der Erzähler den Leser in einen vermeintlichen Widerspruch: Dieser sieht vor seinem geistigen Auge das Gesetz aus einem abstrakten Etwas, aus Gesetzestexten oder auch aus einer Art Weltengesetz, je nachdem, was er individuell mit dem Begriff Gesetz verbindet, in eine Art Gebäude sich verdinglichen. Der Schritt in die Welt vor dem Gesetz ist seitens des Lesers erfolgt und deren Gesetzlichkeiten sind damit anerkannt, der Leser liefert sich Kafkas Welt aus. Im weiteren Fortgang der Legende werden Türhüter und das Gesetz näher beschrieben: Das Gesetz besitzt ein Tor und der Mann kann dadurch in dessen Inneres blicken. Es muss also – so der unweigerliche Gedankenschluss des Mannes und des Lesers – ein Gebäude sein. Vor diesem Tor steht ein Türhüter, der nicht als Fiktion, sondern als reale Gestalt mit sämtlichen Details geschildert wird. Der Mann vom Lande und der Leser erkennen das Gesetz als vorhandene Institution und den Türhüter als dessen Repräsentanten an, mit dem interagiert werden kann. Am Ende der Türhüter-Legende jedoch wird das Konkretum Gesetz wiederum in ein Abstraktum transferiert: Der Erzähler berichtet von einem „Glanz“. Das Paradoxon wird also aus der fassbaren Figur des Türhüters und diesem Gesetz, das sich – so zumindest Hartmut Binder - in einer „immateriellen Lichterscheinung“[5] ausdrückt, reproduziert. Das „Tor“ als räumliches Gebilde wird abstrahiert auf seine Funktionalität reduziert: Es wird zum „Eingang“, oder besser ausgedrückt zum Zugang zum Gesetz, welchen sich der Mann kurz vor seinem Lebensende durch Erfahrung geschaffen hat. Der Mann hat den Glanz nicht etwa gesehen, sondern er „erkennt“ ihn. Ulrich Gaier: „Der Widerspruch ist ... lösbar, wenn die dem Konkretum zugewandte Existenz in ihrer Zeitlichkeit aufgehoben ist oder wenn die Abstraktion und Allgemeinheit des Gesetzes konkret und individuell erscheint.[6]
Ulrich Gaier beschreibt hier zwei Wege, um das Paradoxon aufzulösen. Zum einen altert der Türhüter im Gegensatz zum Mann nicht, er ist – genauso wie das Gesetz – den Gesetzen der Zeit enthoben. Dem Gesetz als metaphysisches Gebilde, zu dem jeder strebt, kann eine grundsätzliche, allgemeingültige Bedeutung zugeordnet werden. Zum anderen bekommt die Suche des Mannes einen zutiefst subjektiven Charakter. Dies ist vor allem bedingt durch die Tatsache, dass er in all den Jahren als einziger Mensch Einlass zu dem Gesetz begehrte und es eigens für ihn eine Tür und einen Türhüter gab. Das Gesetz müsste ein wirkliches Gebäude sein, wie es ja auch zu Beginn der Türhüter-Parabel auf rein sprachlicher Ebene als solches konstruiert wird. Beide Wege lassen sich jedoch nicht widerspruchslos begehen: Beim ersten Weg muss außer Acht gelassen werden, dass das Gesetz in der Tat ein konkretes Gebäude mit einem Türhüter und einem Tor sein muss; beim zweiten, dass der Glanz ein Charakteristikum darstellt, das auf etwas Immaterielles hindeutet. Zudem – und das widerspricht der zweiten Lesart – müsste man die Äußerung des Gefängnisgeistlichen unterschlagen, wonach das Gesetz keine räumlich fassbare Institution ist, vor dem man stehen kann, sondern sich lediglich aus Schriften zusammensetzt. Die Verwendung des Begriffes Existenz, so wie bei Ulrich Gaier, ist jedoch problematisch, weil damit intendiert wird, es würde eine Existenz im Sinne eines Lebensentwurfs gewählt. Dem ist bei keinem der Protagonisten der Fall: der Türhüter unterliegt einer Art Beamtendasein und der Mann beschied sich während der vielen Jahre mit einem Dasein vor dem Gesetz. Mitnichten hat einer von beiden sein Leben entworfen und gewählt. An dieser Stelle sei auf den Roman Stiller von Max Frisch verwiesen, in welchem just dieses Thema Kernstück des Lebenswerkes wurde und in diesem Roman exemplarisch erarbeitet wurde.


Die Frage, woraus das Gesetz denn nun eigentlich besteht, drängt sich auf: Eine wahrnehmbare, also sinnlich-faßbare, stets vorhandene Lichtquelle jedenfalls, so wie man zunächst geneigt ist zu meinen, kann es auf Grund der Logik der äußeren Umstände nicht sein. Ansonsten könnte der Mann vom Lande, dessen Augenlicht schwächer geworden ist, diese Lichterscheinung nicht erst am Ende wahrnehmen; zumal er sie bei seinem ersten Blick ins Innere nicht gesehen hat, als er noch jünger und sein Sehvermögen noch besser war. Der Glanz muss als Chiffre, etwa als Licht der Erkenntnis verstanden werden. Diese Chiffre jedoch ist aus den Informationen, welche dem Leser durch die Lektüre der Legende gewährt werden, allein nicht deutbar. Insofern wird die Fragestellung universell und subjektiv zugleich. Im Rahmen des Romans Der Prozeß betrachtet, sind die Parallelen zwischen dem Mann vom Lande und Josef K. augenfällig: Beide sehen sich mit einer Art Behörde konfrontiert. Ob der Mann vom Lande ähnlich wie Josef K. durch einen morgendlichen Überfall heimgesucht wurde oder wie K. in Das Schloß einen Ruf erhielt, um in das Gebiet des Schlosses zu reisen oder aber ob er aus inneren Zwängen oder dem genauen Gegenteil, nämlich aus innerer Freiheit heraus, zum Gesetz kam, kann aus der Legende allein nicht festgestellt werden. Der Mann und K. müssen sich mit Mittlerfiguren auseinandersetzen. Josef K. steht vor einem Gericht, der Mann vom Lande steht vor dem Gesetz oder besser vor den Schranken des Gesetzes in Gestalt eines Türhüters. In beiden Fällen wird das Sujet, um das es vorgeblich geht und das den eigentlichen Anlass darstellt, nicht definiert: K. erfährt nie den Grund seiner Anklage, er fragt auch übrigens nie danach. Was sich hinter dem, was der Mann vom Lande so hartnäckig sucht, denn verbergen könnte, bleibt ebenfalls im Nebel des Unbestimmten. Was kann schließlich ein Gesetz, „nach dem alle streben“ und zu dem jeder jederzeit gelangen können sollte, denn letztlich anderes sein als eine Art universelles Gesetz oder ganz simpel eine Art raison d’être, eine individuelle Sinnstiftung für das Leben? Wenn aber für jeden Suchenden ein persönlicher Eingang „bestimmt“ ist, also von irgendjemandem oder irgendetwas für den Mann vom Lande vorgesehen ist, dann kann es sich entweder um kein allgemeingültiges Gesetz handeln, sondern nur um etwas zutiefst Individuelles, oder aber jeder muss seinen ganz persönlichen Weg zu einem allgemeinen Gesetz finden. Nur auf Grund der Offenheit und der Universalität der möglichen Antworten auf eine zudem unbestimmte Fragestellung verbietet sich per se die letztgenannte Variante.

Es verbleibt, sich mit den Spekulationen anderer auseinanderzusetzen. Viele Rezensenten begreifen das Gesetz als Chiffre für das Absolute und heben es sogar in den „Rang eines paradiesischen, eines himmlischen Ortes“
[7], so zum Beispiel Carsten Schlingmann. Dieser stützt seine Ausführungen auf den Begriff Amhorez, welcher von Heinz Politzer geprägt wurde, um den Mann, „der in Toradingen unwissend und ungelehrt nur auf das praktische Leben ausgerichtet ist und so den Weg zu seinem Heil verfehlt[8]“, zu charakterisieren. Jede weitere Aussage über das Gesetz erhält dann eine mehr oder minder starke Betonung des Religiösen – selbst die „Lehren der Kabbala“[9] werden bemüht. Zugegebenermaßen sprechen einige Indizien für diese Annahme: Franz Kafka hat das Gespräch über die Legende zwischen dem Gefängnisgeistlichen und Josef K. im Prozeß selbst als „Exegese“[10] bezeichnet. Bereits Hartmut Binder hat aufgezeigt, dass Franz Kafka bei der Etikettierung seiner Prosaarbeiten andere Maßstäbe benutzte als diejenigen, welche gemeinhin gebräuchlich waren.[11] Deshalb muss es sich bei der Türhüter-Legende nicht zwangsläufig um einen religiösen Text handeln. Zum anderen könnte mit Exegese, womit gemeinhin ja die Deutung von Bibeltexten gemeint ist, auch eine Auslegung von juristischen Texten gemeint sein – zumal sich Josef K. in einem Gerichtsverfahren befindet und die Türhüterlegende in die einleitenden Schriften zum Gesetz aufgenommen wurde. Warum hätte Franz Kafka schlussendlich eine primär theologische Fragestellung in den Kontext von Josef K.s Prozess setzen sollen, in dem es zunächst doch einmal nur um juristische Fragen geht? Auch hier bieten sich mehrere Lesarten an.
Was sich hinter dieser Chiffre vom Glanz verbirgt, lässt sich vermittels der textbezogenen Informationen nicht nachvollziehen. Das Gesetz bleibt schlussendlich eine nicht deutbare Chiffre, genauso wie folgender Tagebucheintrag Franz Kafkas:

"...[I]ch bekam einen Einblick in den kalten Raum unserer Welt, den ich mit einem Feuer erwärmen müßte, das ich erst noch suchen wollte."
[12]

Die korrespondierenden Motive sind augenfällig, sind sie gleichsam Chiffre für das nicht Auszusprechende, für das Tor, durch das man nicht gehen sollte, wenn man nicht weit jenseits der dem Text innewohnenden Informationen angreifbare Aussagen über Kafkas Texte machen will. Man kann beschreiben, mit welchem sprachlichen Mitteln er seine Welt mit ihren Eigengesetzlichkeiten erschafft, gleichwohl sieht für jeden Leser das Innere dieser Welt anders aus. Insofern sind Interpretationsansätze, welche sogar noch Allgemeingültigkeit erheben und gewisse Lesarten antizipieren sollen, gegenüber Kafkas Texten anmaßend. Natürlich finden sich zahlreiche Entsprechungen und Motivationen aus seinem Judentum, seiner Biographie
[13], seinem Verhältnis zum Vater und zu Frauen, auch psychoanalytische Ansätze mögen mitunter greifen, genauso wie es erkenntnisversprechende existentialistische Lesarten gibt, gleichwohl bleibt alles nur Stückwerk, wenn man versucht, Kafkas innere Welt dadurch zu beschreiben, indem man ihr ein Etikett aufklebt und somit sinnvolle Aspekte anderer Ansätze von Anfang an ignoriert. Franz Kafkas innere Welt lässt sich eben nicht bequem in eine Schublade pressen.
Kehrt man zu Kafkas eigener Sprache in der Türhüter-Parabel zurück, so ist folgender Sachverhalt zum Abschluss noch wichtig und erwähnenswert: Der „Glanz“ – vom Worte her verstanden – ist selbst nicht etwa eine Lichterscheinung, der Hort der Lösung aller Lebensfragen. Etwas, das glänzt, muss etwas Gegenständliches sein, das von einem Licht angestrahlt wird. Im Grunde genommen könnte aber auch dieses Licht einen anderen Glanz oder einen Spiegel darstellen. Kafka kannte nicht die Lösung aller Lebensfragen, bestenfalls seine persönlichen. Der Glanz und der individuelle Eingang zu eben just diesem Gesetz – das sind ganz persönliche Lebensfragen. Ob dieser Glanz als raison d’être, als Gott oder als Humanismus etikettiert wird, ist insofern in Ordnung, wenn es um die Bewertung durch den Leser geht, gleichwohl sollte man daraus keine Wissenschaft im Sinne einer Interpretationsrichtung machen. Meines Erachtens sind die geeignetsten Begrifflichkeiten für den Text: Suche, Findung und Überwindung. Die Modernität Kafkas Texte rührt nicht zuletzt auch daher, weil darin sich Aspekte finden einer sich ständig individualisierenden Gesellschaft, welche gekoppelt ist mit stetem technischen Fortschritt und einer sich abzeichnenden totalitären Verfügungsgewalt staatlicher Institutionen über das Individuum. Hier findet sich eine Geistesverwandtschaft zu George Orwells 1984.


 
 

[1] Kafka, Franz [1983], Bd. Der Prozeß, S. 182.
[2] Gaier, Ulrich [1974], S. 118.
[3] Ebd., S. 118.
[4] Ebd., S. 118.
[5] Binder, Hartmut [1993], S. 57.
[6] Gaier, Ulrich [1974], S. 118.
[7] Schlingmann, Carsten [1995], S. 100.
[8] Ebd., S. 100.
[9] Ebd., S. 100.
[10] Kafka, Franz [1983], Bd. Tagebücher 1910-1923, S. 326.
[11] Vgl. Hartmut Binder: „Legende, Geschichte oder, wie es einmal im Tagebuch heißt, Türhütergeschichte, Prosastück und Erzählung – die Vielzahl der Etikettierung, die Kafka für Vor dem Gesetz gebraucht, lassen sich nicht für die Deutung des Textes nutzbar machen: Interpretationsergebnisse, die allein durch analytische Textarbeit zu gewinnen sind, können nicht durch die Andeutung ungenauer und einander widersprechender Gattungsbezeichnungen erschlichen werden.“ In: Binder, Harmut [1993], S. 94f..
[12] Kafka, Franz, In: Wagenbach, Klaus [1964], S. 35.
[13] Hier sei nur die erst unlängst erschienene Biographie von Rainer Stach [2002] erwähnt. Er schildert darin die Initiationsjahre Franz Kafkas, in welchen seine Grundmotive und Bilder wurzeln oder erstmals artikuliert wurden. Häufig zunächst nur in Gestalt von Tagebuch-Einträgen und Briefen. Da dies jedoch weit über das Anliegen dieser Arbeit hinausgeht, soll es beim schlichten Verweis auf diese Biographie bleiben.
 


Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte