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Bundeswehr- / Wehrmachtssoldat

 

 

Die Bundeswehr zwischen Bruch und Kontinuität der Traditionen

 


1. Tradition und ihre soziologische Funktionen

 

Tradition ist in soziologischer Sicht das, was über geschichtliche Brüche hinweg, wie etwa Revolutionen, Verbindungen zu vergangenen Epochen herstellt. Tradition meint die Konservierung von Beziehungen zwischen Individuen, Gruppen und Institutionen, ihren Erhalt während einer Epoche und über diese hinaus. Insofern wirkt Tradition sowohl gesellschaftlich als auch politisch stabilisierend, sie ist also per se konservativ. Ausdrucksformen der Tradition sind als beispielhaft verstandene Handlungen, etwa die von Freiheitskämpfern, aber auch von Intellektuellen oder Politikern, sowie Symbole. Konvention, etwa in Form von Liedern, Riten etc., und Tradition unterscheiden sich darin, daß Konventionen erst dann zu Traditionen werden, wenn ein einleuchtender, für einen bestimmten Kreis von Menschen nachvollziehbarer Bezug zu Vergangenem hergestellt wird. Damit werden indirekt die Verhältnisse zur Zeit der Entstehung des zu Tradierenden gerechtfertigt.

 

Man kann zwischen zwei grundlegenden Funktionen von Tradition unterscheiden:

Interne Funktion: Hierbei werden Verhaltensweisen, wie etwa Unterordnung und Umgangsformen, tradiert und als Vorgabe für das Verhalten innerhalb einer Gruppe begriffen. Gleichzeitig hat Tradition eine identitätsstiftende Funktion, die durch spezifische Verhaltensmuster und eigene Gesetzlichkeiten ausgedrückt wird.

Externe Funktion: Spezifische Verhaltensweisen und Regelungen isolieren die Gruppe von der Gesellschaft und betonen ihre Stellung in Staat und Gesellschaft. Gleichzeitig bedingten die Ansprüche der Gruppe die Legitimation von Forderungen an die Gesellschaft.

 

Darüber hinaus unterscheiden Lucian Kern et al.[1] noch nach verschiedenen Komponenten, die quer zu der ex- bzw. internen Funktion liegen.

  • Die berufliche Komponente: Verhalten und Zugang zu der Gruppe werden durch bestimmte Regelungen festgelegt. Darunter fallen Zugangsklauseln, wie etwa Geschlecht oder Alter, aber auch Verhaltensmuster, wie etwa ein Verhaltens- oder Ehrenkodex.
  • Die sozio-emotionale Komponente: Sie beinhaltet eine konstitutives und antigesellschaftliches Moment. Eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht, das alle sozialen oder bildungsspezifischen Unterschiede innerhalb der Gruppe überlagert. Gegenüber der Gesellschaft entsteht das Bild einer Elite.
  • Die politisch-strukturelle Komponente: Damit ist die interne Struktur von Institutionen gemeint, etwa der formale Dienstweg oder der Befehlszwang, kurz die Hierarchie. Gegenüber der Gesellschaft kommt dies in der faktischen, institutionellen Macht zum Tragen. Dabei spielt es eine Rolle, inwiefern etwa Militär- und Polizeigewalt voneinander getrennt sind.
  • Die normative Komponente: Sie bezieht sich auf den Zweck der Gruppe, auf ihre Vorstellung dessen, was sie in einer Gesellschaft bewirken will - natürlich vor dem Hintergrund eines gruppenspezifischen Wertekatalogs.

 

2. Vorarbeiten

 

2.1. Die Himmeroder Denkschrift

 

General a.D. Gerhard Graf Schwerin, Konrad Adenauers ständiger Berater in Militär- und Sicherheitsfragen, beauftragte Oberst i.G. a.D. Graf Kielmansegg, ehemalige Militärs in das Eifelkloster Himmerod zu bitten. Zwischen dem 5. und 9. Oktober 1950 machten sich die Teilnehmer darüber Gedanken, welcher Art und welchen Umfangs der westdeutsche Beitrag zur westeuropäischen Verteidigungspolitik sein sollte. Die fünfzehn ehemaligen Wehrmachtsoffiziere einigten sich schließlich auf ein Papier, die Himmeroder Denkschrift[2]. Das Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) bezeichnete das Papier in einer Neuausgabe aus dem Jahre 1985 im Rückblick als „Magna Charta“[3] der Bundeswehr. Obwohl das Papier selbst nie von offiziellen Gremien, wie etwa dem Deutschen Bundestag, behandelt oder gar beschlossen wurde, diente es auch als Grundlage für die Verhandlungen mit den Westalliierten über den westdeutschen Militärbeitrag. Aus dem Kreis der Autoren gingen sieben Generale der Bundeswehr hervor. „Darüber hinaus bildete der Himmeroder Kreis aber auch ein Glied in der Kette der personellen Kontinuität zwischen Wehrmacht und Bundeswehr[4]. Insofern muß dem Dokument große Bedeutung beigemessen werden.

 

Die Schrift wurde in verschiedene Teile untergliedert, wobei hier nur auf die Aspekte Bezug genommen wird, in denen das Traditionsverständnis bzw. die nach Meinung der Autoren zu tradierenden Ereignisse bzw. Verhaltensmuster zum Ausdruck kommen.

 

Die „Wehrkraft[5] [Hervorhebungen im Original] sei im „deutschen Volk wohl vorhanden, doch fehlt in weiten Kreisen noch der Wehrwille[6]. Daran schuld sei „die Diffamierung der letzten 5 Jahre[7] und damit sei auch der „Gedanke an Landesverteidigung systematisch untergraben worden[8]. Die Autoren fordern die Anerkennung der BRD als einziger deutscher Staat und die Gleichberechtigung innerhalb des sich abzeichnenden gemeinsamen Militärsystems. Alternativen Wehrverfassungsmodellen, etwa einem milizartig organisiertem Verteidigungssytem, stehen die Autoren ablehnend gegenüber. Simple Begründung: „Das deutsche Volk, die deutsche Geländegestaltung und Bodenbedeckung sind für diese Kampfweise nicht geeignet.“[9] Weitere Alternativen werden erst gar nicht erörtert, geschweige denn wirklich analysiert. Die Armee soll also auch offensiven Charakter haben, zentral kontrolliert sein und viele Hierarchieebenen haben - ähnlich den vorausgegangenen Armeen und mit allen systembedingten Gefahren. Der politische Oberbefehl[10] soll zwar bei dem Bundespräsidenten liegen, dieser auch schlußendlich über Beförderungen etc. entscheiden, aber der faktische Oberbefehl, vor allem im Kriegsfall, soll von einem „Inspekteur des deutschen Kontingents oder Chef des Verteidigungsamtes“[11] ausgeübt werden - von einem Militär, der alle Teilstreitkräfte zugleich befehligt. Diese Person würde zur zentralen Figur und befände sich in einem demokratiefreien Raum. Auf Grund der oben beschriebenen Haltung des Himmeroder Kreis trifft Herzfelds Einschätzung, „In der Dienststelle Blank [...] war allen Beteiligten klar, daß der Primat der politischen Führung über eine disziplinierte Armee unter allen Umständen gewahrt werden mußte[12], eben nur auf das Amt Blank und nicht etwa auf die gesamte spätere Führungsebene der Bundeswehr zu.

 

Von den Westmächten erwarteten die Autoren die „Rehabilitierung des deutschen Soldaten[13]. Da keine Differenzierung zwischen schuldlosen und schuldigen Soldaten vorgenommen, zudem noch von dem Soldaten gesprochen wird, der Ausdruck also im Singular gehalten ist, hieße das einen Persilschein für alle Verbrechen auszustellen, die von der Wehrmacht verübt worden waren. Außerdem: „Freilassung der als ‘Kriegsverbrecher’ verurteilten Deutschen, soweit sie nur auf Befehl gehandelt und sich keiner nach den alten Gesetzen strafbaren Handlung schuldig gemacht haben[14]. Vor dem Hintergrund, daß die große Masse der Deutschen wegen des Krieges immer noch an den Schäden der Zerstörung litt, irritiert die schon fast erpresserische Forderung nach Regelung der Versorgung aller Offiziere durch den Staat - zumal der Krieg von eben diesen Offizieren geführt worden war. Des weiteren sollten die „beiden Soldaten[15] - damit waren die beiden Generale a.D. Karl Dönitz und Erich Raeder gemeint, die als Kriegsverbrecher verurteilt in Spandau einsaßen - freigelassen werden. Schlußendlich konnte sich jeder, der unter Verdacht stand, Verbrechen verübt zu haben, auf Befehle einer höheren Ebene berufen, auch dann, wenn er in der Art der Ausführung besonders brutale Methoden angewandt hatte. Kein Wort wird in der Denkschrift darüber verloren, daß die geplante Wiederbewaffnung sowie die Integration in ein supranationales, westliches Militärbündnis den Weg zur Teilung Deutschlands zementieren würde. Demgegenüber beschäftigt sich der größte Abschnitt in der Himmeroder Denkschrift mit militärstrategischen und -strukturellen Bedingungen eines sowjetischen Angriffs auf Westeuropa[16]. Hier besteht auch eine erstaunliche Kontinuität des deutschen Militärs: ob Reichswehr, Wehrmacht oder Bundeswehr, alle zeichnen sich durch einem mehr oder weniger offen eingestandenen Antikommunismus aus; eine Konstante also, die in der herrschenden (west)deutschen Militärdoktrin seit Beginn diesen Jahrhunderts vorhanden ist. Jedoch sind auch in diesem Dokument die Positionen der Reformer vertreten: von Graf Baudissin etwa stammte die Passage zum „Inneren Gefüge[17], einem Begriff, den er selbst prägte. Damit ist auch eine besondere Erziehung des Soldaten gemeint. Immerhin wurde festgestellt: „Damit sind die Voraussetzungen für den Neuaufbau von denen der Vergangenheit so verschieden, daß ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht heute grundlegend Neues [Hervorhebung im Original] zu schaffen ist.“[18]

 

Mit seiner kritischen Bewertung der Rolle des Militärs im sog. III. Reich konnte Graf Baudissin sich jedoch nicht durchsetzen. Baudissin war im Amt Blank Chef der Stabsabteilung Inneres Gefüge und bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 1958 besonders für die Fragen der militärischen Tradition verantwortlich. Dort schuf er einen Beirat für Fragen der Inneren Führung, dem neben seinem Stab auch Vertreter anderer Stabsabteilungen angehörten. Ulrich de Maizière übte den Vorsitz aus. Themen waren neben der rechtlichen Stellung der Soldaten vor allem auch verschiedene Gesetzesentwürfe sowie die Planung des deutschen Vorgehens bei den Verhandlungen um die Pariser Verträge. Baudissin ging davon aus, daß der Zusammenbruch des Jahres 1945 dazu führen müsse, daß alle Werte - gleichgültig, ob individuelle oder nationale - zu hinterfragen seien. Er schlug einen Weg zwischen Restauration und einem rein revolutionären Weg vor: „Ein selbstvergessener Traditionalismus, der bewahrt um des Bewahrens willen, führt ebenso zu Halbwahrheiten, wie geschichtsvergessene Traditionsfeindlichkeit, die erneuern will, nur um des Erneuerns willen.“.[19] Er wies auf die Verwandtschaft der preußischen Heeresreformen Anfang des 19. Jahrhunderts mit den aktuellen hin. Diese gingen, so Baudissin, davon aus, daß die Armee die Untertanen eines Herrschers zu Bürgern des Staates machen sollte. Bräuche, welche die Soldaten zu Objekten degradieren würden, sollten abgeschafft und die Launen von Unteroffizieren, die abstumpfende Routine des Kasernenlebens und der Exerzierplätze verhindert werden. Freizeit und Dienst sollten strikt voneinander getrennt werden. Nicht traditioneller Gehorsam, sondern der Glaube an die gemeinsame Sache, die Verteidigung einer Demokratie und eines freien Westeuropas, sollte die Motivation für den Kampf darstellen. Bürger in Uniform wurde dafür das Schlagwort, das von Baudissin stammt. Kurzum, einige dieser Gedanken fanden auch Eingang in die Denkschrift.

 

 

2.2. Die Siegburger Tagungen

 

Die Siegburger Tagungen, die seit 1952 stattfanden, sollten unter Einbeziehung von Historikern und Journalisten ein geeignetes Traditionsverständnis für die Bundeswehr erarbeiten und konkrete Reformmaßnahmen vorschlagen, gerade auch im Hinblick auf den Entwurf einer Allgemeinen Disziplinarordnung. Die Teilnehmer konnten sich kaum auf eine begriffliche Klärung einigen. Einigen waren die „edelsten Traditionen der Vergangenheit[20] (Erich Rothacker) erhaltenswert, andere, etwa Hans Bohnenkampf, meinten, daß Traditionen an sich bereits Werturteile seien. Bräuche und Methoden würden erst dann als Traditionen angesehen, wenn diese in Frage gestellt worden seien. Zudem sei die Frage, was zu tradieren sei, auch in der deutschen Bevölkerung sehr umstritten. Schlußendlich würde die Pflege nationaler Traditionen eine europäische Armee eher behindern als befördern. Hans Bohnenkamp sprach sich auch gegen einen Katalog von zu übernehmenden Traditionen aus. Statt dessen wurde von Hartmann angeregt - getreu dem Rat des Bundespräsidenten Theodor Heuss -, eigene Traditionen zu schaffen, etwa in der Verteidigung Westeuropas gegen einen gemeinsamen Feind. Hartmann bemüht die griechische Tradition, „die immer den Wehrstand als eine große und ausdrückliche Form menschlichen Gemeinschaftslebens verstanden habe.[21] In der Tat waren auch die altrömischen comitia, die Heeresversammlungen, einer der Ursprünge für die Partizipation der Bürger an der politischen Macht. General Heusinger pflichtete Baudissin und dessen Ansatz im Grundsatz bei, betonte jedoch stärker das Problem der personellen Kontinuität in den Streitkräften, vor allem im Hinblick auf seine eigenen Erfahrungen, die er während des Übergangs von kaiserlichen zu demokratischen Streitkräften nach dem I. Weltkrieg gemacht hatte. Jüngere Offiziere hätten sich damals vergeblich für neue Ideen engagiert, der Versuch allein sei schon von älteren Offizieren „niedergebügelt[22] worden. Er führt als weiteren Grund für den damaligen Mißerfolg an, daß die Diskussion um die Tradition lediglich im Offizierskorps erfolgt sei und keine Vernetzung mit der Gesellschaft stattgefunden habe.

 

 

2.3. Die Arbeit des Personalgutachterausschuß

 

Seit 1953 reiften Pläne, die nötigen Rekrutierungen von Offizieren für die neuzuschaffende Armee einer Art Ausschuß zu übertragen. Diesem Ausschuß gehörten dann neben Militärs auch Vertreter von Kirchen, Jugendorganisationen, Gewerkschaften und Parteien an. Schließlich wurden zwei Ausschüsse eingerichtet: der sog. Personalgutachterausschuß (PGA) für die Obersten- und Generaldienstgrade sowie die Annahmeorganisation für alle übrigen Dienstgrade. In den Richtlinien des PGA heißt es: „Aufgeschlossenheit für die Zeit, politisches Urteil und Anteilnahme am geistigen Leben sind von dem künftigen soldatischen Führer zu verlangen. Blick für gültige Werte der Tradition und nüchternes Erkennen des Überholten sind erforderlich.“[23] Außerdem soll den Obersten und Generälen bewußt geworden sein, „daß das Zurücktreten der politischen Denkweise hinter die rein militärische und daraus entsprungene Entscheidungen zum Unglück des deutschen Volkes beigetragen haben.“[24]

 

Da die verantwortlichen Reformer es bis zu diesem Zeitpunkt versäumt hatten, eine verbindliche Richtlinie zum Traditionsverständnis zu formulieren, gewann die von dem PGA verlangte Stellungnahme der Bewerber zu den Widerständlern des 20. Juli 1944 eine besondere Bedeutung. Ein Kriterium dafür, daß menschliche Reife, politische Urteilsfähigkeit und sachliche Eignung vorhanden waren, sei die Anerkennung der sittlichen Bedeutung des Widerstandes gegen Adolf Hitler. An dieser Frage entschied sich schlußendlich für die Prüfer die Eignung des Bewerbers. Damit baute der PGA auch Mitläufern goldene Brücken, schließlich wurde nicht die eigene Rolle des Bewerbers während des sog. III. Reiches untersucht. Lediglich die Motive der Attentäter mußten anerkannt werden. Die eigene Auffassung des PGA bzw. die von Theodor Blank ist in dieser Frage sehr bezeichnend für die damalige Meinung unter den Reformern und eigentlich paradox: „Im letzten Krieg konnte man Deutschland sowohl durch den Widerstand gegen Hitler wie auch durch des Bekämpfung des Feindes dienen; die Konsequenz dabei war, daß der Widerstand als auch das Fehlen dieses Widerstandes gerechtfertigt waren.“[25] Gleichzeitig versäumten es die Verantwortlichen nicht, darauf hinzuweisen, daß es innerhalb einer Demokratie nicht erforderlich sei, Widerstand zu leisten.

 

Zum 20. Juli 1944: Die Widerständler, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler verübten, waren zweifelsohne herausragende Persönlichkeiten, die endlich die Initiative gegen Hitlers Krieg ergriffen, aber sie waren keinesfalls Demokraten, deren Motive für Soldaten innerhalb einer Demokratie tradierenswert wären. Die führenden Männer des 20. Juli leisteten nicht etwa gegen ein verbrecherisches System an sich Widerstand, sondern gegen Hitlers Person selbst bzw. dessen Krieg, den sie 1944 spätestens als verloren glaubten, und gegen die „Abenteurerpolitik des Nazismus[26]. In ihrer Mehrheit waren diese Männer Anhänger antiquierter Gesellschaftsentwürfe, wie etwa einem ständisch verfaßten Kaiserreich. General Beck forderte Lebensraum im Osten und Kolonien, ein Verfassungsentwurf von Ulrich von Hassel[27] aus dem Jahre 1940, der die Zustimmung der führenden Männer fand, sah eine Militärdiktatur vor. Insofern stellt sich die berechtigte Frage, ob der 20. Juli 1944 als Beispiel für Widerstand tradierenswert ist und es einer demokratischen Republik und ihrem Militär angemessen ist, die Wiederkehr des 20. Juli mit militärischem Zeremoniell zu feiern.

 

Bis zum Jahr 1957 hatte der PGA 600 Bewerber geprüft, 500 davon wurden der Bundesregierung zur Übernahme empfohlen, 51 wurden abgelehnt, 49 zogen ihre Bewerbung zurück. Es ist anzunehmen, daß fast alle Bewerber in der nationalsozialistischen Wehrmacht gekämpft hatten. Insofern darf behauptet werden, daß die neue Bundeswehr mit Hitlers Führerschicht aus der Wehrmacht aufgebaut wurde, wenn auch ein nicht unerheblicher Teil der Bewerber ausgesiebt wurde. Dies wurde seitens der Politiker damit gerechtfertigt, daß es angesichts der weltpolitischen Situation besonders dringlich sei, möglichst rasch eine neue Armee aufzubauen und deshalb die Prüfungen möglichst schnell abgeschlossen werden sollten. Kurzum: man spekulierte wohl auch auf eine biologische Lösung.

 

Was die soziale Herkunft der Offiziere anbelangt, kann festgestellt werden, daß die Bundeswehr im Gegensatz zu Wehrmacht, Reichswehr und kaiserlichem Militär mit einer ganz entscheidenden Tradition brach: Der Anteil der Offiziere, die aus „sozial erwünschten Kreisen[28] stammten, nahm merklich ab: Während 1903 noch 79%, 1930 sogar 87% der Offiziere aus Offiziers-, Beamten- oder Gutsbesitzerfamilien entstammten, waren es in der Bundeswehr 1962 noch 38%[29]. Allerdings war diese Gruppe damit immer noch stark überrepräsentiert.

 

 

3. Tradition in der Praxis: Kommißmethoden, Skandale und wilde Traditionsübernahmen

 

Während sich die Generale und Intellektuellen darüber unterhielten, was Tradition sei und wie diese praktiziert werden könne, wurden in vielen Truppenteilen Fakten geschaffen, da ein verbindlicher Rahmen für die Traditionspflege nach wie vor fehlte. Für die Truppe selbst waren die Diskussionen an der militärischen Spitze nur bedingt nachvollziehbar. Derweil feierten in der Truppe „Kommißmethoden [...] fröhliche Urstände[30], so zumindest Donald Abenheim. Gleichsam scheint eine Art Rollback des Konzepts der Inneren Führung begonnen zu haben.

 

Iller-Unglück: Am 3. Juni 1957 ertranken 15 Rekruten der 1. Luftlandedivision, als sie dem Befehl folgten, den reißenden Fluß Iller zu überqueren, obwohl sie das nach den neuen Wehrgesetzen hätten verweigern können.

 

Traditionsübernahmen: In den Jahren 1957/58 beantragten immer mehr Gruppen ehemaliger Soldaten, Traditionsverbände und Kommandeure von Truppen die Bewidmung von Einheiten mit Verbänden der früheren deutschen Armeen. 1958 etwa übernahm das Panzerjägerbataillon 2 in Hemer/Westfalen feierlich die Traditionen der drei Husarenregimenter, darunter auch die der Danziger Totenkopfhusaren. Besonders prekär war dies auch deshalb, weil durch die Bewidmung mit Truppenteilen, die auf ehemalig deutschem Boden stationiert waren, der Eindruck des Revanchismus entstehen konnte. Das Verteidigungsministerium wollte hingegen eigene Traditionen wachsen lassen und General Heusinger gab die Weisung aus, daß vorerst in der ganzen Frage weitgehende Zurückhaltung zu üben sei. Eine Gutachtergruppe riet dem Verteidigungsministerium dann auch davon ab, da viele Traditionsverbände eine Tradition pflegten, die blutige Opfergänge verherrlicht hätte.

 

Affäre Zenker: Karl Adolf Zenker war Chef der Marineplanungsabteilung und Kapitän zur See. In seiner ersten Ansprache vor der Marineausbildungskompanie in Wilhelmshaven im Januar 1956 verteidigte er den soldatischen Ruf von Raeder und Dönitz, den Hitler zu seinem Nachfolger bestellt hatte. Zenker teilte seinen Zuhörern mit, daß er Raeder um Erlaubnis gebeten habe, in der Bundesmarine zu dienen. Trotz formalem Bekenntnis zu der BRD und dem Prinzip der Inneren Führung galt offenbar nach wie vor die Bindung an das nationalsozialistische System, sogar über den Tod des Befehlshabers und den Untergang des Systems hinweg. Vielmehr begriff Zenker die Bundesrepublik, ähnlich der Weimarer Republik, lediglich als Zwischenstadium zu einem anderen politischen System und wollte sich wohl gegenüber den zukünftigen Machthabern absichern.

 

Der Inspekteur der Marine, Friedrich Ruge, begegnete in einem Kommandeurrundbrief[31] den Äußerungen Zenkers, allerdings verrät auch er noch geistige Bindungen an die nationalsozialistische Terminologie: Jede Tradition werde im Feuer der Geschichte immer wieder geglüht. Das, was nicht wertbeständig sei, falle als Schlacke ab. Der Kern aber bleibe der neuen Generation. Bei allem guten Willen, den man Ruge in diesem Fall unterstellen darf, erinnert die Vorstellung von Feuer und Geschichte, der sich von der Schlacke trennende Kern usw. schon sehr an die technikidealisierende Wortwahl der Nazis und gleichzeitig an deren deterministische, biologistische Geschichtsvorstellung, wonach sich schlecht und gut usw. trennt und das als negativ Definierte zugrunde geht.

 

Nagolder Schleiferaffäre[32]: Mitte 1963 wurde der Öffentlichkeit von Mißhandlungen an Fallschirmjägern durch Offiziere in der Nagolder Kaserne berichtet. Die Ausbilder wandten Methoden an, bei denen Soldaten mißhandelt wurden und Gewaltmärsche ableisten mußten. In einem Fall führte das sogar zum Tode eines Soldaten. Zudem fand in der Kaserne eine Feier zum Jahrestag der deutschen Invasion auf Kreta im Jahre 1941 statt.

 

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Vizeadmiral a.D. Hellmuth Heye, geht angesichts dieser Zustände im Jahre 1964 an die Öffentlichkeit und kritisiert den „barschen Korporalston[33], die Schleifermethoden, die Pflege eines Überlegenheitsgefühls sowie das Elitebewußtsein innerhalb der Bundeswehr. „Der Trend zum Staat im Staate ist unverkennbar.“[34] Mit dieser Aussage verweist Heye auf die Rolle der Reichswehr in der Weimarer Republik, insbesondere was ihre Sonderrolle unter den staatlichen Organen und ihre vermeintliche Neutralität anbelangt. Traditionspflege könne, so Heye, auch in der Benennung von Kasernen nach den jeweiligen Ländern zum Ausdruck kommen - ein Brauch, der bereits in den früheren Armeen üblich gewesen war.

 

Um die Fragen der Tradition endgültig für die Bundeswehr zu lösen und lokalem Wildwuchs zu begegnen, wird Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre das Projekt Traditionserlaß begonnen. Hierzu werden Historiker, wie etwa Gerhard A. Ritter und Hans Bohnenkamp einbezogen. Die Historiker melden Bedenken an, ob es überhaupt möglich sei, eine Art Geschichtsbild - wie von manchen Militärs gefordert - zu erlassen. Das könne immer nur in Geschichtsfälschung münden. Gleichwohl bestand in der Truppe der Wunsch, einzelne, zu erläuternde Beispiele von möglichen Vorbildern präsentiert zu bekommen. Die Offiziere wollten einen Katalog für die Tradition, die sie den Soldaten zu vermitteln hätten. 20 Vorstudien und Vorläufer werden schließlich angefertigt. Erst Oberst Eberhard Wagemann, innerhalb des Verteidigungsministeriums für Bildungs- und Erziehungsfragen zuständig, bringt unter Mithilfe des Beirats für Innere Führung (Vorsitzender: Bohnenkamp) die Vorarbeiten zum Abschluß.

 

 

4. Der I. Traditionserlaß vom 1. Juli 1965

 

Im Juli 1965, also zehn Jahre nach der Wiederbewaffnung, stellte Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel den Erlaß „Bundeswehr und Tradition[35] der Öffentlichkeit vor.

 

Im ersten Teil des Erlasses werden allgemeine Äußerungen zur militärischen Tradition getätigt, wie etwa zu den klassischen Soldatentugenden „Entschlußfreude, Mut und Tapferkeit vor dem Feinde[36]. Allerdings spricht sich der Erlaß gegen eine ikonenhafte Verehrung von Vorbildern aus: „Nur Soldaten, die auch als Menschen ihrer Verantwortung genügt haben, sind Vorbilder, die Bestand haben.“[37] Dies impliziert gleichzeitig, daß diese Vorbilder nicht isoliert als Kriegshandwerker zu betrachten sind, sondern immer auch ihre Rolle und Werte, abhängig von den historischen Bedingungen, in denen sie lebten.

 

Im zweiten Teil, Gültige Überlieferungen der deutschen Wehrgeschichte, heißt es unter Punkt 10: „Die Übersteigerung und Entartung des Nationalbewußtseins hat aber fälschlich die eigene Nation zum Maß aller Dinge gemacht. Solcher Nationalismus hat in unserem Jahrhundert die Welt in das Unglück zweier großer Kriege gestürzt.“[38] Nach dem Erlaß zu urteilen, sind also beide Weltkriege durch einen übersteigerten Nationalismus verursacht worden und insofern vergleichbar. Sicherlich war Nationalchauvinismus bei allen Kriegsbeteiligten wesentliche Triebfeder und auch Voraussetzung für den I. Weltkrieg. Der II. Weltkrieg kann damit allein aber keinesfalls erklärt werden: dieser war eindeutig ein Aggressionskrieg Deutschlands gegen die anderen Staaten in Europa und insofern ist es viel offensichtlicher, daß Deutschland die Kriegsschuld trägt. Wenn zudem noch eine Art Unglück, das gleichsam schuldlos über Deutschland und Europa wie eine Naturkatastrophe hereinbrach, bemüht wird, um diesen Krieg zu erklären, dann tritt der Verdacht der Relativierung der eigenen Verantwortlichkeit auf. Die Vaterlandsliebe[39], welche die Autoren als naturgegeben ansehen, quasi durch Geburt determiniert, solle erweitert werden und sich auch auf Europa beziehen.

 

Ein feierliches Gelöbnis bzw. ein Eid begründen Gehorsam und Pflichterfüllung sowie Treue gegenüber dem Dienstherrn. Der Dienstherr, also im Kriegsfalle der Bundeskanzler, verkörpere „Recht, Volk und Staat[40] und sei ebenfalls an diesen Eid gebunden. Verletzt dieser, also die Person, die der verfassungsgemäße Repräsentant in einer Demokratie ist, den Eid, so darf der Soldat „Widerstand aus Verantwortung[41] leisten. Zu dem militärischen Widerstand gegen Hitler stellt der Erlaß fest: „Zuletzt nur noch dem Gewissen verantwortlich, haben sich Soldaten im Widerstand gegen Unrecht und Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bis zur letzten Konsequenz bewährt.“[42] Der Konflikt zwischen Gehorsam und vermeintlicher Pflichterfüllung löst auch der Erlaß nicht auf. Norbert Wiggershaus: „Solange noch der Großteil der Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr aus der Wehrmacht übernommen war, mußte die Traditionspflege den Weg des ‘Sowohl als auch’ gehen, wie es auch der Traditionserlaß [...] tut.“[43] Offensichtlich werden weder die Motive der Widerständler aus militärischen Kreisen hinterfragt, noch werden andere Formen des Widerstandes als tradierenswert angesehen. Widersprüchlich wird diese Aussage, wenn man sie in den Kontext setzt, daß ja nicht allein die militärischen Leistungen der Vorbilder, sondern auch ihre persönlichen Motive in die Bewertung einfließen sollten. Allein der Umfang des militärischen Widerstandes gegen Hitler entspricht nur einem geringen Anteil an allen Gruppen, die Widerstand geleistet haben. Jene jedoch werden nicht einmal erwähnt. Hans-Jürgen Schulz etwa stellt fest, daß im „Zusammenhang mit dem 20. Juli [...] 700 Personen verhaftet worden [sind]. Das sind 0,02 - 0,03 % aller politisch Verfolgten“.[44] Allein die Dimension der Zehntausenden an Deserteuren, welche die Verbrechen des Krieges nicht mittragen wollten, verdeutlicht den Umfang des Widerstandes unter den Soldaten. Desertion aus einer verbrecherischen Armee allerdings erschien dem Verteidigungsministerium nicht tradierenswert, obwohl „Mitdenken und Mitverantwortung ... zur guten Tradition deutschen Soldatentums[45] gehören. Dem Erlaß fehlt hier die stringente Konsequenz.

 

Im dritten Teil, Traditionspflege in der Bundeswehr, schließlich werden Anlässe, Symbole und Formen der Traditionspflege benannt, wie etwa Fahne, Wappen, aber auch das „Eiserne Kreuz als Sinnbild sittlich gebundener Tapferkeit[46], allerdings mit der Einschränkung, daß Symbole[47] mit dem Hakenkreuz von der Bundeswehr nicht aufgestellt und gezeigt werden. Nach den Erfahrungen mit wilden Traditionsübernahmen in den fünfziger Jahren schließt der Erlaß die offizielle Übernahme von Traditionen ehemaliger Truppenteile durch die Bundeswehr aus. Gleichwohl werden auf kameradschaftlicher Ebene Kontakte erlaubt, indem die Truppenteile die in ihrer Umgebung wohnenden ehemaligen Soldaten in ihre Aktivitäten integrieren sollen. Allerdings müsse dabei sichergestellt sein, „daß die Bundeswehr sich in ihrer politischen Einordnung, ihrer Aufgabe und ihrer Struktur von den Streitkräften früherer Wehrverfassungen unterscheidet.[48] Verbände, Schiffe und Kasernen dürfen nur noch mit Zustimmung des Verteidigungsministers „nach Persönlichkeiten benannt werden, die in Haltung und Leistung beispielhaft waren.[49]

 

Die Kritik von der äußeren politischen Rechten scheint sich auf wenige Äußerungen, etwa von Albrecht Schlee, zu konzentrieren. Schlee, Abgeordneter der CSU im Bundestag und Vertreter der Hilfsgemeinschaft ehemaliger Waffen-SS-Angehöriger (HIAG), kritisierte, daß es keine offiziellen Kontakte zwischen Bundeswehr und ehemaligen Waffen-SS-Angehörigen geben sollte.

 

Die andere Seite bemängelte, daß es das BMVg versäumt habe, die überliefernswerten Leistungen denn zu benennen, so etwa Bernd Hesselein, Lothar Jansen und Joachim Fest in der Fernsehsendung Panorama[50]. Das BMVg habe sich nicht wirklich mit der Vergangenheit beschäftigt und sei in „wortreiche Unerheblichkeiten[51] geflüchtet. Angesichts von Formulierungen, wie etwa „Vater, Mutter und Stunde der Geburt, Vaterland, Muttersprache und eigene Stellung in der Geschichte sind jedem Menschen vorgegeben. Niemand kann sich ihnen nach Belieben entziehen.“[52], ist dieser Vorwurf sicherlich nicht ganz ungerechtfertigt. Mit solchen Formulierungen würde sogar ein falsches Traditionsverständnis befördert. Auch Baudissin, inzwischen im Hauptquartier der Alliierten Mächte in Paris, vermißte präzisere Aussagen, eine Art „Ahnengalerie[53].

 

Aus der Truppe selbst heraus wurde bemängelt, daß das Erbe des einfachen Frontsoldaten nicht berücksichtigt werde, daß es an Pathos fehle und überhaupt im Erlaß nichts anderes stehe, als die Truppe bereits seit Jahren praktizieren würde. Viele Offiziere hielten den Erlaß schlicht für ungeeignet innerhalb der alltäglichen, erzieherischen Arbeit mit den Soldaten.

 

 

5. Traditionspflege am Beispiel von Namenspatronen

 

Die Bundeswehr übernahm zunächst einmal alle Kasernennamen aus Hitlers sog. Traditionsoffensive aus den Jahren 1937/38, mit Ausnahme der Kasernen, deren Namen auf Grund des Gesetzes zur Befreiung von Faschismus und Militarismus verändert worden waren. Jakob Knapp[54] etwa kommt in seinem Buch zu drei wesentlichen Ergebnissen: Freiherr von Fritschs Erbe scheint den Planern in der Bundeswehr als besonders traditionswürdig, immerhin werden nach ihm sechs Kasernen benannt. Werner Freiherr von Firtsch wurde 1934 Chef der Heeresleitung. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik zeichnete er sich durch antisemitische und antirepublikanische Äußerungen aus. Er fabulierte über das „Bolschewistenherz Herrn Philipp Scheidemanns[55] in einem Brief an den Reichswehrchef von Seeckt. Im Juli 1933 vertritt er die Auffassung, die „nationalsozialistische Ideenwelt sei zum Träger deutschen Geisteslebens schlechthin geworden.[56] Fritsch war maßgeblich für die deutsche Wiederaufrüstung verantwortlich, äußerte allerdings militärische Bedenken gegen Hitlers Expansionspläne. Hitler ließ eine Affäre inszenieren, in der Fritsch der Homosexualität bezichtigt wurde, und setzte ihn als Chef der Heeresleitung ab. Nach seiner Absetzung bis zu seinem Tode rechtfertigte er die „Schlacht [...] gegen die Juden. Und der Kampf gegen die Juden ist der schwerste[57]. Gleichwohl scheinen die Motive Fritschs denen der Attentäter vom 20. Juli 1944 ganz ähnlich zu sein. Fritsch ging es nicht etwa um eine generelle Abkehr vom nationalsozialistischen Verbrecherregime, sondern darum, den Krieg gegen die Sowjetunion zu verhindern, zumindest jedoch keinen Zweifrontenkrieg zu führen. Zwischen häufiger Nennung im Wehrmachtsbericht und der Chance, auf den Sockel der Bundeswehr gestellt zu werden[58], scheint ein Zusammenhang zu existieren. Gleichwohl bestreitet die Bundeswehr einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Benennungen von Kasernen und soldatischen Leistungen, die sich für die Bundeswehr anscheinend immer noch in Abschüssen von feindlichen Fliegern und Zerstörung von Panzern bemessen.

 

Außerdem scheinen die Leistungen von Flieger- und Panzerhelden aus der nationalsozialistischen Wehrmacht besonders tradierenswert für die Bundeswehr zu sein. Allein durch die Beispiele von Hans-Joachim Marseille, Helmut Lent und Erwin Rommel, nach denen in der Bundesrepublik Kasernen benannt worden sind, wird belegt, daß es für in vielen Fällen entscheidendes Kriterium war, inwiefern die Soldaten großartige militärische Leistungen vollbracht hatten. Und nicht etwa, inwieweit sich die Soldaten im zivilen Leben, etwa in ihrer Haltung oder ihrem Widerstand gegen das System, bewährt hatten. Ja selbst die Standortbroschüren für die verschiedenen Kasernen richten fast ihr ganzes Augenmerk auf das Militärische. So heißt es etwa über Hans-Joachim Marseille, Kasernenpatron in Appen-Uetersen: „Im Jahre 1942 strebte Hans-Joachim Marseille in kurzen Schritten dem Zenit als Jagdflieger zu; zugleich sollte sich sein junges Leben vollenden.“[59] Was folgt ist eine detaillierte Liste der Auszeichnungen und Beförderungen, vor allem der Anzahl von Feindflügen und Abschüssen: Bezeichnend auch die Verwendung des Wortes vollenden, als wäre Marseille nach einem sinnerfüllten Leben gestorben und hätte nicht Zerstörung im Auftrag eines verbrecherischen Regimes über Städte gebracht, bei dessen Ausführung er dann einen sinnlosen Tod erlitten hat. Auch das zweifelhafte Erbe der Männer aus dem militärischen Widerstand wird im Rahmen der Kasernenbewidmung gepflegt.

 

Demgegenüber finden sich nur wenige Kasernenpatrone, die nach dem Selbstverständnis der Bundesrepublik ein tradierenswertes Leben gelebt haben. Lediglich Julius Leber, ein sozialdemokratischer Politiker, erscheint der Bundeswehr so würdig, daß man seiner gedenkt. Andere Motive und Formen, etwa von Kommunisten oder auch von Deserteuren, scheinen der Bundeswehr nicht als traditionswürdig. Daneben finden sich noch einige Politiker und Militärs aus der Nachkriegszeit, etwa Franz Josef Strauss, Graf Baudissin, Johannes Steinhoff und Josef Kammhuber.

 

Fazit: In der Traditionspflege jedenfalls, sofern sie in Kasernenbennungen ihren Ausdruck hat, finden sich wenige Personen, „die auch als Menschen ihrer Verantwortung genügt haben[60] und die somit Vorbildfunktion für die Bundeswehr haben könnten[61].


 

6. Schlussbemerkung

 

Tradition, verstanden als die Gesamtheit von Erfahrungen und Werten vergangener Epochen, ist unabdingbar für jede menschliche Gemeinschaft, den worauf sollte Gegenwart begründet werden, wenn nicht auf die Vergangenheit?

 

In der Arbeit wurde versucht, sich dem Begriff Tradition zu nähern und von Konvention abzugrenzen sowie die verschiedenen Funktionen von Tradition zu erläutern.Bereits die als Vorarbeiten verstandenen Tagungen von Himmerod und Siegburg sowie die Arbeit des Personalgutachterausschuß zeigten, daß auch die neuzuschaffende Armee nicht einfach neu begründet wurde, sondern sie zu einem erheblichen Teil Produkt der zeigenössischen Umstände war. Auf Grund ihrer personellen und strukturellen Ausgangsbedingungen griff sie fast zwangsläufig auf das Erbe der Wehrmacht zurück - zumal sich militärische und sicherheitspolitische Kompetenz fast nur unter früheren Wehrmachts-Offizieren fand. Mit diesem Erbe allerdings hatte die Bundeswehr noch lange zu kämpfen. Vor allem waren fast alle Akteure, die sich an der Gründung der Bundeswehr beteiligten, selbst in Fragen nach Legitimität von Widerstand gegen Hitler involviert. Solange verbindliche Regelungen seitens des Verteidigungsministeriums fehlten, nutzten einzelne Kommandeure die ihnen belassenen Freiräume. Damit kann allerdings nur ein Teil der wilden Traditionsübernahmen erklärt werden, keinesfalls jedoch die Kommißmethoden, die sich mancherorts einstellten - sie widersprachen vor allem den gültigen Wehrgesetzen. An dieser Stelle wird ein Aspekt berührt, der weit über den Rahmen dieser Arbeit hinausgeht, nämlich die Frage, ob herkömmliche Armeen mit ihrer spezifischen Struktur überhaupt mit einer demokratischen Staatsform vereinbar sind. Trotzdem kann davon ausgegangen werden, daß sich unter Verdacht stehende Kriegsverbrecher erst gar nicht für die Aufnahme in die Bundeswehr bewarben oder rechtskräftig verurteilt waren. Schließlich lehnte der PGA auch einen Teil der anderen Bewerber ab.

 

Die Diskussionen über die Tradition, was überhaupt Tradition sei, zogen sich über viele Jahre hin bis schließlich der I. Traditionserlaß herausgegeben wurde. Auch der Traditionserlaß vom 1. Juli 1965 macht einen Spagat zwischen den beiden Polen unbedingter Gehorsam und Widerstandsrecht (besser: -pflicht) gegenüber einem als verbrecherisch erkannten System. Gleichwohl könnte man von einer Armee, die Instrument und Bestandteil einer Demokratie ist, erwarten, daß die Erfahrungen und Werte, die eine solche Armee rezipiert, auch den Ansprüchen eben dieser Demokratie genügen. Auch das Erbe der Attentäter des 20. Juli ist zu hinterfragen, vor allem aber die Tatsache, daß innerhalb der Bundeswehr nach wie vor - und das 40 Jahre nach ihrer Gründung - durch Kasernennamen das Andenken an Hitlers Heldenfiguren bewahrt wird - und diese Kritik macht sich nicht alleine an einer Dietl-Kaserne fest. 40 Jahre sind eigentlich ein ausreichend langer Zeitraum, um eigene Traditionen, so der ursprüngliche Plan der Gründerväter, zu entwickeln.

 

 

7. Literaturverzeichnis

 

  • Abenheim, Donald [1989]: Bundeswehr und Tradition. Die Suche nach einem gültigen Erbe des deutschen Soldaten. München 1989.
  • Bald, Detlev [1981]: Vom Kaiserheer zur Bundeswehr. Sozialstruktur des Militärs: Politik der Rekrutierung von Offizieren und Unteroffizieren. In Europäische Hochschulschriften. Reihe XXXI. Politikwissenschaft. Bd. 28. Frankfurt am Main / Bern 1981.
  • Bald, Detlev [1982]: Der deutsche Offizier: Sozial- und Bildungsgeschichte des deutschen Offizierskorps im 20. Jahrhundert. München 1982.
  • Baudissin, Wolf [1969]: Soldat für den Frieden. Entwürfe für eine zeitgemäße Bundeswehr. München 1969.
  • Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.) [1985]: Von Himmerod bis Andernach. Dokumente zur Entstehungsgeschichte der Bundeswehr. Führungsstab der Streitkräfte I 3. O.O. 1985.
  • Bundesministerium der Verteidigung (Hrsg.) [1965]: Bundeswehr und Tradition. Bonn 1965. In: Abenheim, a.a.O., Anlage 1. S. 225-229.
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1993.
  • Deutscher Bundestag [1957]: Tätigkeitsbericht des Personalgutachterausschusses für die Streitkräfte mit Anlage 3. Bonn 1957. (BT-Drucksache 109).
  • Harder, Hans-Joachim / Wiggershaus, Norbert [1985]: Tradition und Reform in den Aufbaujahren der Bundeswehr. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Entwicklung deutscher militärischer Tradition. Herford 1985.
  • Herzfeld, Hans [1965]: Die Bundeswehr und das Problem der Tradition. In: Picht, Georg (Hrsg.): Studien zur politischen und gesellschaftlichen Situation der Bundeswehr. Erste Folge. Witten/Berlin 1965.
  • Hesslein, Bernd C. [1977]: Traditon und Militär oder die unbewältigte Vergangenheit der Bundeswehr. In: Hesslein, Bernd C. (Hrsg.): Die unbewältigte Vergangenheit der Bundeswehr. Fünf Offiziere zur Krise der Inneren Führung. Hamburg 1977.
  • Kern, Lucian / Kruse, Herbert / Petrelli, Siegfried [1981]: Die Argumentationsmuster in den Auffassungen gesellschaftlich relevanter Gruppen zurTraditionspflege in der Bundeswehr. Ein Materialbericht. In: Berichte. Heft 23. Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr (Hrsg.). München 1981.
  • Kern, Lucian / Klein, Paul [1986]: Tradition. Eine Untersuchung zu Auffassungen über Tradition und militärische Tradition in der Bevölkerung und der Bundeswehr. In: Berichte. Heft 41. Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr (Hrsg.). München 1986.
  • Knab, Jakob [1995]: Falsche Glorie. Das Traditionsverständnis der Bundeswehr. Berlin 1995.
  • Kutz, Martin [1980]: Tradition und soldatische Erziehung. Zu den gegenwärtigen historischen Leitbildern der Offiziersausbildung der Bundeswehr. In: Schulz, Karl-Ernst [Hrsg]: Streitkräfte im gesellschaftlichen Wandel. Bonn 1980.
  • Rautenberg, Hans-Jürgen/Wiggershaus, Norbert (Hrsg.) [1977]: Die Himmeroder Denkschrift vom Oktober 1950. Politische und militärische Überlegungen für einen Beitrag der Bundesrepublik Deutschland zur westeuropäischen Verteidigung. Freiburg 1977.
  • Schulz, Hans-Jürgen [1977]: Militarismus und Kapitalismus in der Bundesrepublik. Frankfurt am Main 1977.
  • Stuckmann, Heinz D. [1964]: Es ist so schön, Soldat zu sein oder Staatsbürger in Uniform. Reinbek bei Hamburg 1964.
  • Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Nr. 3/1980. S. 370f.

 



Fußnoten

 

[1] Vgl. a. Kern/Kruse/Petrelli, 1981, S.5f. Die Darstellung der drei Autoren diente als Anregung, nicht als ausschließliche Grundlage. Deshalb wurde nicht zitiert. Außerdem: Kern/Klein, 1986, S. 9-32.

[2] In: BMVg, 1985, S. 64-92.

[3] Ebd., S. 64.

[4] Rautenberg/Wiggershaus, 1977, S. 19.

[5] BMVg, 1985, S. 64.

[6] Ebd..

[7] Ebd..

[8] Ebd..

[9] Ebd., S. 66.

[10] Zur Tradition des Oberbefehls: Herzfeld, 1965, S. 37ff.

[11] BMVg, 1985, S. 72f.

[12] Herzfeld, 1965, S. 42f.

[13] BMVg, 1985, S. 66.

[14] Ebd., S. 67.

[15] Ebd..

[16] Die Himmeroder Denkschrift umfaßt in der zitierten Ausgabe insgesamt 28 Seiten. Davon widmen sich 16 Seiten allein der militärstrategischen Situation und der sowjetischen Bedrohung.

[17] BMVg, 1985, S. 84f.

[18] Ebd., S. 84f.

[19] Graf Baudissin: Soldatische Tradition und ihre Bedeutung in der Gegenwart. „Wehrkunde“ vom September 1956. In: Baudissin, 1969, S. 79.

[20] Protokoll der Siegburger Tagungen. In: Abenheim, 1989, S. 74.

[21] Hartmann. In: Ebd., S. 75.

[22] Heussinger. In: Ebd., S. 77.

[23] Deutscher Bundestag, 1957, S. 24f.

[24] Ebd., S. 25.

[25] Blank. In: Abenheim, 1989, S. 94.

[26] Schulz, 1997, S. 92.

[27] Ebd., S.93.

[28] Bald, 1981, S. 21.

[29] Ebd.. Es ist anzunehmen, daß seitdem dieser Anteil weiter zurückgegangen ist.

[30] Abenheim, 1989, S. 118.

[31] Ruge. In: Abenheim, 1989, S. 132.

[32] Vgl. a. Stuckmann, 1964, S. 94-103. Stuckmann hat außerdem eine Befragung unter Soldaten durchgeführt. Demnach antworteten Soldaten aus 11 von 15 Einheiten mit „Ja“ auf die Frage, ob der sog. Maskenball in ihren Einheiten noch üblich sei. Unter Maskenball wird das minutenschnelle Wechseln der Dienstkleidung verstanden. Allerdings gelangt Stuckmann auch zu dem Ergebnis, daß viele der in der Wehrmacht üblichen, schlimmsten Schleifermethoden in der Bundeswehr nicht mehr gebräuchlich sind.

[33] Artikel des „Kölner Stadt-Anzeigers“ vom 13. Juni 1964. In: Stuckmann, 1964, S. 158.

[34] Artikel in „Quick“ vom 21. Juni 1964. In: Stuckmann, 1964, S. 158

[35] BMVg, 1965, S. 225-229.

[36] Ebd., S. 225.

[37] Ebd., S. 225. Inwiefern die Bundeswehr etwa in der Benennung ihrer Kasernen diesem Anspruch gerecht wird, soll Thema des 6. Abschnitts sein.

[38] Ebd., S. 226.

[39] Ebd.: „Vaterlandsliebe gründet in den natürlichen Bindungen des Menschen an Heimat, Land, Volk, deren Geschichte und Kultur.“

[40] Ebd..

[41] Ebd..

[42] Ebd., S. 227.

[43] Harder/Wiggershaus, 1985, S, 112.

[44] Schulz, 1977, S. 92.

[45] BMVg, 1965, S. 227.

[46] Ebd., S. 228.

[47] Zu dinglichen Symbolen, etwa Orden, Uniformen, Fahnen usw.,: Vgl.a. Harder/Wiggershaus, 1985, S. 105f.

[48] BMVg, 1965, S. 229.

[49] Ebd. S. 228.

[50] In: Abenheim, 1989, S. 153f.

[51] Ebd.

[52] BMVg, 1965, S. 225.

[53] In: Abenheim, 1965, S. 154.

[54] Knapp, 1995, S. 70-98.

[55] In: Knapp, 1995, S. 72.

[56] In: Knapp, 1995, S. 72.

[57] Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1980, S. 370.

[58] Knapp, 1995, S. 71.

[59] In: Knapp, 1995, S. 76.

[60] BMVg, 1965, S. 225.

[61] Als 1990 die Bundeswehr im Rahmen der deutschen Vereinigung die Liegenschaften der früheren Nationalen Volksarmee übernahm, wurden zahlreiche Kasernen umbenannt, so etwa die Rudolf-Breitscheid-Kaserne in Stallberg bei Pasewalk oder  auch die Wilhelm-Leuschner-Kasserne in Gotha. Davon waren nicht nur Personen aus dem kommunistischen, sondern auch aus dem demokratischen Widerstand betroffen. Vgl. a. Knapp, 1995, S. 110-118.



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