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Sprachwissenschaften (Vortragsskript)

Bildung von Komposita im Deutschen

 

 

I. Definition von Komposita in Abgrenzung zu Derivata

Derivata: Es werden Wortbildungs-elemente verwendet, die nicht selbständig als Wörter existieren. => "Zulieferer"; Nachsilben: -ig, -lich, -keit; Vorsilben: ver-, be-, ent-, un- etc.. Problem: Nachsilben sind in bestimmten phonologischen Umgebungen keine Nachsilben;

 

Arbeitshypothesen: Komposita sind die Verbindung zwischen zwei oder mehr frei vorkommenden Morphemen oder Morphemfolgen (Wörter).

Beziehungen zwischen Kopomsitionsgliedern werden nicht durch Flexive angezeigt.

Unterscheidung zwischen freien und gebundenen Morphemen;

Schwierigkeit: Abgrenzung zwischen Derivata und Flexiva;

 

Gebundene Morpheme können unterschiedliche Funktionen ausüben.

 

1. Suffix -en

a) Flexionsmorphem -en: Infinitivendung bei Verben, z.B. komm+en

b) Derivationsmorphem -en: Adjektivierung von bestimmten Nominalen, z.B. gold+en

 

2. Suffix -er

a) Flexionsmorphme -er: Pluralendung, z.B. Rind+er

b) Derivationsmorphme -er: Nominalisierung von Verben, z.B. Find+er

 

 

II. Untergliederung in Determinativ- und Nominalkomposita

 

Determinativkomposita: Hauptyp der nominalen Komposition. Definition als Kompositum, bei dem ein Wortglied (Determinantum) das andere (Determinans) näher bestimmt. (Wortbildungstherorie von H. Marchand: The Categories and Types of Present-Day English Word Formation. 60ziger Jahre. Ders.: Studies in Syntax and Word Formation)

Im Deutschen bestimmt das Erstglied das Zweitglied. [Im Französischen und anderen romanischen Sprachen verhält sich das umgekehrt. Bsp.: café filtre oder caffè latte] Das Determinatum ist der Kopf und bestimmt Wortart und Genus.

Beispiele: Kochbanane = Banane, die man kochen kann oder Haustür = Tür des Hauses

Bedeutung eines Determinativkompositiums kann mit AB angeben werden. Anders ausgedrückt. B, das etwas mit A zu tun hat.

Determinativkomposita gehören oft ganz unterschiedlichen semantischen Gruppen an. Beispiel Haus: Schulhaus, Puppenhaus, Frauenhaus, Armenhaus

(H. und L. Ortner: Zur Theorie und Praxis der Kompositatforschung. Tübngen 1984.

 

Nominalkomposita: Kompositum mit einem nominalen Zweitglied.

Im verbalen Bereich ist (H. Glück: Metzler-Lexikon Sprache. Stuttgart 1993. S. 453) umstritten, ob die ebenfalls sehr produktive Bildung von Partikelverben gleichfalls als Ergebnis der Komposition anzusehen ist oder nicht.

Partikelverben: auch Partikelkompositum, Distanzkompositium.

Definition als zusammengesetzte Verben in german. Sprachen, welche aus als Präposition frei vorkommende Partikel und dem Stamm gebildet sind, etwa anfahren, abladen, austrinken.

1. Partikelverben sind trennbar, d.h. in den meisten Kontexten sind Partikel und Stamm getrennt.

2. Im dt. Hauptsatz nimmt der flektierte Stamm die Position des finiten Verbes ein. Das Partikelverb schließt die Satzklammer. Bsp.: Er läd die Waren ab.

3. In Infinitvkonstruktionen steht "zu" zwischen Partikel und Stamm. Bsp.: um die Waren abzuholen. Im Partizip Perfekt "+ge". Bsp.: ausgeladen.

4. Neben der Trennbarkeit unterscheiden sich Partikelverben von Präfixverben durch den Akzent, der auf dem Partikel liegt: befáhren vs. ábfahren, úmfahren vs. umfáhren. Eine Isolierung einer eigenen Bedeutung der Partikel ist jedoch im Regelfall unmöglich. (Glück, S. 478; auch L. Lipka: Ein Grenzgebiet zwischen Wortbildung und Wortsemantik: Die Partikelverben im Englischen und Deutschen. Tübingen o.J.)

 

 

III. Weitere Untergliederung von Komposita

nach: C. Bhatt: Einführung in die Morphologie. Köln 1991. S. 27

 

a) usuelle Bildungen: Bahnhof, Brombeere

b) okkasionelle Bildungen: Auto-Jagd, Edelstahlspüle

c) potentielle Bildungen: Heulecke, Vatersprache

Usuelle und okkasionelle Bildungen werden nicht bei jedem Gebrauch zusammengesetzt, sondern werden als Einheiten gelernt, gespeichert und erkannt. Potentielle Bildungen hingegen sind grammatikalisch und morphologisch erlaubte Zusammensetzungen. Okkasionelle Bildungen können irgendwann usualisiert werden

 

 

IV. Kritik

 

Charakterisierung der Komposition als Kombination freier Morpheme führt im Deutschen zu Schwierigkeiten. Anders als im Englischen benötigt nämlich ein Einzelbestandteil eines Kompositum im Deutschen möglicherweise noch eine Flexionsendung um (außerhalb des Kompositum) "frei" vorkommen zu können.

1. Verben

Verbformen kommen im Deutschen nur flektiert vor (Ausnahme: Imperativ Singular), in Komposita jedoch kommen Verben als Erstglieder nur unflektiert vor.

Bsp.: Rührgerät vs. *Rührengerät, Prüfling vs. *Prüfenling, Turnvater vs. *Turnenvater

2. Nomina

Auch einige Nomina benötigen "an sich" (um frei vorkommen zu können) noch Wortbildungsmorpheme, die sie in Komposita und Derivata "verlieren".

Bsp.: Ehr+e, Ehr+gefühl, ehr+bar vs. *Ehr+e+gefühl, +ehr+e+bar, Stachel+beer+e, Stachel+beer+kompott vs. *Stachelbeer+e(n)+kompott

Um der bisherigen Begriffsbildung zu entsprechen, müßte man Ehr- als freies Morphem auffassen oder die Komposition Ehr+gefühl als Derivata und nicht als Komposition begreifen.

Widerspruch zur Definition der Komposition als Verkettung freier Morpheme. Schlußfolgerung: Die Termini "frei" und gebunden sind nur bedingt verwendbar.

 

 

V. Endgültige Definition

 

Die Komposition im Deutschen ist eine Verbindung von frei vorkommenden Wörtern (Wurzeln oder Stämmen) und bilden neue Wörter (Komposita). Häufig treten dabei weitere Zeichen auf, die sog. Fugenmorpheme.

Bsp. von oben: Ehrgefühl ist dann die Zusammensetzung aus den Stämmen Ehr- und Gefühl. Stachelbaare ist eine Komposition der Stämme Stachel- und Beer-. Das Kompositium Stachelbeer- muß dann noch flektiert werden, um ein Wort zu ergeben.

 

Problematisierung des Begriffs der Fugenmorpheme

Fugenmorpheme [Bsp.: -(e)s, -er, -en] haben sich historisch betrachtet aus Flexionsmorphemen (Plural- und Genitivmorphem) entwickelt. Bsp.: Freundespflicht ("Pflicht eines Freundes"), Löwenmähne ("Mähne eines Löwen"), Kinderheim ("Heim für Kinder"). Häufig ist der Ursprung der Fugenmorpheme nicht mehr transparent. So ist Scheunentor kein "Tor von Scheunen", sondern nur von einer Scheune. F. Holst (Morphologie. Einführungspapier mit Arbeitsaufgaben. Trier 1978.) stellt fest, daß Fugenmorphme -(e)s auch bei Femina vorkommt, die den Genitiv gar nicht auf -(e)s bilden. Bsp.: Liebesgott (Gott der Liebe; nicht der *Liebes). Auch bei Fällen die eindeutig eine Vielheit bilden kommt das Fugenmorphem -(e)s vor. Bsp.: Freundeskreis (Kreis von Freunden; nicht Kreis eines Freundes). Außerdem können an demselben Erstglied verschiedene Fugenmorphem auftreten. Bsp.: Kind+Æ+taufe, Kind+s+kopf, Kind+es+raub, Kind+er+zimmer

 

Es gibt auch Komposita, deren zweites Glied immer gleich ist, und unterschiedliche Fugenmorpheme an den Erstgliedern auftreten. Bsp.: Reh+Æ+braten, Kalb+s+braten, Schwein+s+braten, Rind+er+braten

 


VI. weitere Regeln

 

1. mögliche Kompositionstypen aus verschiedenen Wortarten; N+N (Eisenbahn), A+N (Kleinholz), V+N (Gehweg), N+A (steinreich), A+A (dunkelblau), V+A (fahrbereit), N+V (haushalten), A+V (schönfärben), V+V (rennsegeln), P+N (Zwischenbericht), Q+N (Dreirad);

2. Strukturierung von nominalen und adjektivischen Komposita durch Konstituenten (Binary Branching Condition)

3. Regel: X ==> YX, wobei X,Y unflektierte lexikalische Katergorien sind.

4. Das Komposition gehört der Kategorie an, der das am weitesten rechts stehende Glied angehört. ("Righthand Head Rule" RHR-Regel) Der Kopf ist Träger der morpho-syntaktischen Eigenschaften. Bei Präfigierung gibt es Ausnahmen.

           

 

VII. Rektionskomposita und Argumentenvererbung

 

Der Unterschied zwischen Rektions- und Nichtrektionskomposita sieht Olsen (Zitiert in: Bhatt, S. 44) darin, "daß bei den Rektionskomposita die Relationalität durch die grammatisch charakterisierbare Rektion eines der Glieder gegeben ist, während sie bei den Nichtrektionskomposita nicht grammatischer Art ist und daher durch den Sprecher aus einem der Kompositionsglieder erst erschlossen werden muß."

Dem Suffix -er inhäriert das Agens, dem Suffix -ling das Thema. Das jeweils verbleibende Argument kann innerhalb des Kompositums realisiert werden. Thema ist das durch die Komposition realisierte Argument.

a) FilmThema - kritiker - erAgens

b) ProfessorenAgens - prüf - ling Thema

Sofern ein Argument innerhalb des Kompositums realisiert ist, steht die ihm inärierende q-Rolle nicht mehr zur externen Realisierung zur Verfügung.

Argumentenvererbung als Ableitung eines q-Rasters aus dem Basiswort. Argumentenvererbung kann aber auch außerhalb des deverbalen Nomens realisiert werden.

a) ein Kritiker von Filmen

b) ein Prüfling des Professors

 

Abgeleitete Nomina, deren Basis ein transitives Verb ist, können auch mit einem Element ein Kompositum bilden, das keine q-Rolle des Baisverbs realisiert. Diese werden nicht als Rektionskomposita bezeichnet. Die nichtregierten Elemente können natürlich auch außerhalb der nominalen Ableitung realisiert werden.

a) WDR-Kritiker

b) Mathematik-Prüfling

a) der Kritiker vom WDR

b) der Prüfling in Mathematik

 

In Rektionskomposita steht das realtionale Kompositionsglied rechts, während das regierte Argument den linken Teil des Kompositums bildet. Die Rektion erfolgt demnach nach linkns. In Komposita, in denen das linke Element ein relationales Nomen ist, tritt die Rektionslesart nicht auf.

Bsp.: In: Bhat, S. 45.

 

 

VIII. Weitere Literatur

(außer der bereits genannten):

 

G. Grewendorf, Fritz Hamm, Wolfgang Sternefeld: Sprachliches Wissen. Frankfurt 1987.

J. Buscha, G. Helbig: Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Leipzig 1979

G. Drosdowski [Hrsg.]: Duden. Grammatik der deutschen Gegenwartssprache. Mannheim 1995.



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte