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Auf der Fährte von Sonnenland 

 

 

Am Morgen wurde Lucas durch das helle Läuten der metallenen Schiffsglocke geweckt. Es war ihm jäh und ziemlich unpassend, da er soeben noch in einem langen Traum inbegriffen war, dessen Ausgang jedoch dem Klingeln der Glocke zum Opfer fiel. Für gewöhnlich hatte er sich in seinem recht leichten Schlaf dem Wechsel von Hell und Dunkel, Tag und Nacht angepasst, doch heute war ihm die Nacht entschieden zu kurz. Noch etwas trunken von Schlaf taumelte er Deck. Die mehr halben Gedanken und doch ganzen Einsichten der Nacht drohten im Licht des neuen Tages zu verblassen, was er zu verhindern versuchte, sie sollten mehr als eine vage Erinnerung bleiben. Seine Träume, Ahnungen und Gedanken waren für Lucas wieder genauso wirklich geworden wie die Welt der Dinge, der Natur und der Menschen darin. Er wollte an ihnen festhalten, ihnen gewahr und bewusst bleiben, nachdem er viele Jahre sein eigenes Innenleben fast sträflich vernachlässigt und ihm nur wenig Beachtung geschenkt hatte. So wie er es als Kind vermochte, hatte Lucas wieder begonnen, seine innere Welt neugierig zu erfühlen und freudig zu erkunden – kurzum, sich auf sie einzulassen.

Ohne eine Morgentoilette, die später folgen sollte, trat er aus dem Dunkel des Unterdecks heraus, verlor kurz in der gleißendhellen Morgensonne die Orientierung, wandte sich dann aber in Richtung der Kombüse. Dort fand er Jimmy vor, den schwarzen, ziemlich korpulenten Schiffskoch aus South Carolina. Von Jimmy erhoffte er sich einen starken, schwarzen Kaffee. „Hohohoooo, Mr. Leòn, did you sleep well?“, feixte Jimmy in seinem bärig-brummigen Singsang und mit einem feisten Grinsen über seinem runden, stets etwas schwitzigen Gesicht. Was für eine überflüssige Frage, grollte insgeheim Lucas, denn sein zerzaustes Haar und die dicken, dunklen Ringe unter den Augen lieferten bereits beredtes Zeugnis davon ab, wie es ihm wohl gehen mochte.

„Sure, did I sleep well, but the only thing I need right now is a big, strong black coffee“, erwiderte Lucas mit tiefer Stimme und log damit ein wenig. Dabei brachte er immerhin ein Lächeln zustande und war darüber recht froh. So kurz nach dem Aufstehen, noch kaum zu einer Wortsilbe fähig, wählte er den nahe liegenden Weg des geringsten Widerstandes. Für sich selbst hatte Lucas die kleine Lüge bereits verziehen, bevor er sie überhaupt ausgesprochen hatte. Sein erstes Ziel war, in der Welt des Faktischen anzukommen und hierzu diente ihm Jimmy’s schwarzer, starker Kaffee als vermeintlich sublimes Vehikel. Jimmy gab ihm diesen endlich und unterließ es auch, weiter nachzubohren. Jimmy dachte wohl, so wie der Kerl heute wieder aussieht, hat er gestern sicher kräftig und wiederholt dem Whiskey zugesprochen. Das jedoch verstand er gut und so gab er Mr. Leòn mit einem breiten Grinsen die große Tasse. Für Leòn war es in diesem Augenblick nicht weiter wichtig, was Jimmy mutmaßen mochte und deswegen verzichtete er darauf, ihm irgendeine Erwiderung entgegen zu setzen. „Thank you, Jimmy for that“, murmelte Leòn, warf ihm einen dankbaren Blick zu, lächelte ein wenig, indem er in die weiße Zuckerdose griff, um den Kaffee zu süßen, und ging davon.

Lucas Leòn nahm nichts weiter wahr, das Gehen und das Herumbalancieren der etwas übervollen Tasse erforderte die völlige Bündelung seiner halbwachen Sinne. So schlurfte er Richtung Freideck, setzte sich auf ein leeres Holzfass, drehte sich aus dem dunkelbraunen, nach seinem Geschmacke etwas zu feuchten Tabak eine Zigarette, zündete diese an, sog den Rauch tief ein und nahm den ersten Schluck. Sofort spürte er die belebende Wirkung beider Gifte. Des Morgens bringen sie den Körper in Schwung, helfen einem, sich der Nacht zu entbinden, um im Tag und in der Welt anzukommen, dachte er. Inwieweit die wiederholte und dauerhafte Verwendung der beiden Stoffe vielleicht mehr ein lange gepflegtes Ritual als von echter physiologischer Wirkung war, diese ernste Frage beließ er fürs Erste, wie er meinte, aber im Grunde genommen schon seit ziemlich langer Zeit ohne eine Antwort. Da die ganze Welt so voller Rätsel war, mussten die banalsten Dinge nicht immer zuerst geklärt werden, entschuldigte er sich vor sich selbst.

 

Lucas nahm den zweiten Schluck, zog etwas zu stark an der Zigarette, hustete kurz und blickte in die Welt: Es mochte gegen neun Uhr sein, die Sonne hatte bereits ein Viertel ihres täglichen Weges hinter sich gebracht und erst jetzt wurde ihm klar, dass er sich inmitten von Menschen wieder fand. Auf dem Deck des Schiffes herrschte unter den Männern lärmende Geschäftigkeit und emsigste Anspannung, so wie er sie bisher selten verspürt hatte. Gereizte Blicke, harsche Befehle, flotte Widerworte erfolgten in raschem Wechsel während der eifrigsten Betriebsamkeit. Er wunderte sich ein wenig darüber, dass ihn dieses hektische Treiben nicht viel früher aufgeweckt hatte, gerade eingedenk seines leichten Schlafes. Das Schiff war während seiner nächtlichen Fahrt, wie man durch die lautstarken Mitteilungen der Mannschaft untereinander erfuhr, von seinem Kurs abgekommen: Ob durch Strömung, Wind oder Versehen des zweiten Steuermanns, das war strittig. Die Männer verrichteten ihre Arbeit unter Hochspannung und bisweilen hörte man auch Flüche, die sich abwechselnd an den Himmel, den Wind und das Wasser richteten, aber am meisten gegen die bekannte Trunksüchtigkeit des zweiten Steuermanns, nämlich Olaf Coxy. Es war dies die Ursache, welche unter den Männern entschieden die größte Anhängerschaft fand. Für sie war sein ständiges Saufen, auch während des Dienstes, fast ohne Zweifel der wahre Grund für den falschen Kurs, auf dem sich das Schiff nun befand. Da der Wind in der Nacht gegen den Kurs des Schiffes gestanden hatte, waren die Segel eingeholt worden. Entweder hatte man die Strömung falsch eingeschätzt, die das Schiff in Folge vom Kurs abbrachte, oder aber - und das war das Wahrscheinlichere - hatte der zweite Steuermann in der Nacht das Ruder nicht nur um ein paar Grade, sondern in beträchtlichem Ausmaß falsch gelenkt.

Die Männer hatten es nun zu richten, das Hauptsegel, die Neben- und Navigationssegel wurden gehisst, der Kurs neu berechnet, das Ruder neu ausgerichtet, um das Schiff wieder auf seinen planmäßigen Kurs zu bringen. Behände schlängelten sie sich an den drei Schiffsmasten empor, kletterten von da auf die Rahen, hingen dort, alleine mit ihren Füßen und Knöcheln in den dicken Tauen verschlungen, um die Segel zu straffen und zu hissen. In diesen fand sich alsbald wieder Wind ein, der das Schiff nun zurück- und voranbrachte auf dem Kurs zum nächsten Hafen, dem vorläufigen Ziel. Für Lucas Leòn jedoch war der nächste Hafen kein Ziel, sondern bloß eine Zuflucht vor dem Gestern, dem Bisherigen. Den Männern der Mannschaft hingegen versprach er vieles: Land- und besser noch Freigang, festen Boden unter den Füßen, Lohn, gutes Essen, wohlfeile Weiber, billigen Whiskey, bis spät zechen und lange Ausschlafen, kurzum das, was sie gern immer hätten. Aber dieses Plaisir währte meist nur ein paar Stunden, selten einige Tage und war meist auch nur befristet und mitunter sogar erkauft. „Was soll’s auch?“, dachten sie sich, sie lebten im Heute und zerbrachen sich nicht den Kopf über das Morgen. Nicht von ungefähr kommt es, dass seit Menschengedenken in den Bierkneipen und Weinstuben der Hafenstädte allerlei herzhaft gebratenes Fleisch und Fisch gereicht wird und diese zudem von zahllosen Mädchen und Frauen bevölkert werden. Doch bis dahin sollte es noch dauern.

Während Lucas dies dachte, war er vollends aus der trüben Nacht in der lichten Helle des Tages und auf dem Deck des Schiffes angekommen. Er blickte hoch zum Hauptmast und in den Himmel und sah die Matrosen, zumeist Anfang Zwanzig oder ein paar Jahre älter, bei ihrer Arbeit. Sie lärmten, riefen einander zu, „Du, mach’ rüber das Seil, ich fang’ es“, tauten, streckten und hissten schließlich das Hauptsegel. Dabei waren sie nicht ganz frei von einer gewissen Selbstgefälligkeit, wie Lucas alsbald bemerkte.

Viele Norweger und Dänen mit semmelblondem Kraushaar gab es unter ihnen, doch zunächst verfing und hielt sich Lucas’ Blick fest an einem jungen Vietnamesen. Es fiel ihm stets schwer, das Lebensalter eines Menschen zu bestimmen, er war trotz guter Beobachtungsgabe darin nicht wirklich der Glücklichste, zu all dem war sein Blick eher an Europäern geschult. So schätzte er ihn schließlich auf knapp zwanzig Jahre. Er sollte sich täuschen, kurz darauf erfuhr er nicht nur seinen Namen, sondern später auch sein Alter und noch viel mehr. Eigentlich war er viel zu groß für einen Vietnamesen. Er war mit besonderem Eifer bei seiner Arbeit, winzige Perlen von Schweiß bildeten sich durch die Anstrengung auf seiner dunklen Haut. In kleinen, feinen Rinnsalen flossen sie von seinen Muskeln herab, sammelten sich an den deutlich sichtbaren Sehnen und Adern seiner Arme und Beine und fielen von dort bei jeder raschen Bewegung und im hellen Licht des Morgens gut sichtbar von seinem Körper ab. Sein tiefschwarzes Haar, an den Seiten kurz gehalten, kräuselte sich über den ganzen Kopf von vorne nach hinten in die Höhe und dieser Haarkamm gab ihm etwas Wildes, betonte seine Jugend. Sein Gesicht war nicht etwa rund, wie es angesichts seiner Herkunft zu erwarten gewesen wäre, sondern eher länglich wie bei Europäern. Die tiefdunklen Augen und die vollem Lippen hingegen waren rund und weich geformt. Die Nase wiederum war ganz und gar europäisch ausgebildet: Für einen typischen Vietnamesen wäre sie viel zu groß gewesen, aber in sein Antlitz fügte sie sich wohl ein und war überaus recht an ihrem Platze. In seinem Mund blitzten weiße Zähne. Dieser selbst schien einem steten Spiel der Launen verfallen zu sein und legte beredtes Zeugnis ab von einer reichen Gefühls- und Stimmungswelt, wie Lucas dachte. Er vermutete bei Phong eine sehr natürliche, unverfälschte, bisweilen vermutlich nicht ganz einfach zu beherrschende, kurzum eine überaus rege und wache Emotionalität. Irgendwie kam es Lucas vor, als schwebe und bewege sich Phongs Wesen zwischen den beiden Polen eines kindlich-wilden Drangs und einer beherrscht-melancholischen Demut. Die Größe, Kraft und die deutlichen Konturen Europas, so schien es Lucas, verwoben sich mit der Weichheit, Sinnlichkeit und tiefen Melancholie Asiens.

Neugierde weckt nicht das Offenkundige, Eindeutige und Zweifelsfreie, sondern immer das Rätselhafte, Vermutende und Mehrschichtige, so auch bei den Menschen. Anmut und Sinnlichkeit treten zumeist bei den Menschen am Ausgeprägtesten zu Tage, in denen sich die Völker der Welt, ihre Formen und Hautfarben, Größen und Eigenschaften vermengen. Ja, mehr noch, die Völker vermischen sich nicht nur in ihnen, sondern verbinden und steigern sich gegenseitig, schaffen neue Anmut und begründen eine nur ihnen innewohnende besondere Grazie, so hatte es Lucas schon immer empfunden. Was für ein schönes Menschenkind Phong war, so unbestimmt in seiner Herkunft und so unentschieden in seinem Wesen!

Phong hing ganz weit oben im Hauptmast und war mit dem langen Tau des erst unlängst gehissten Hauptsegels beschäftigt. Er war für diese Arbeit wohl bestimmt worden, weil er zum einen sehr wendig, zum anderen sehr kräftig und groß gewachsen war. Die anderen Matrosen brüllten ihm von den Masten zu „Phong, there it is“, dann wieder, „Phong, gib’ das Tau ihm rüber, mach’ es fest“. Phong also war ein Name. Phong war unermüdlich, er war gefangen in seinem Tun und in der in ihm aufkeimenden Idee, schließlich doch den Augenblick zu erleben, in dem er für alle sichtbar wurde und sich im Zentrum aller Aufmerksamkeit befand. Monatelang hatte er gehofft und gehadert, was er denn auf dem Schiff mehr tun sollte, als lediglich seinen Lebensunterhalt auf eine mehr schlechte als rechte Art und Weise zu verdienen und ob das Ganze nicht mehr als das allein sein durfte. Er hatte gewartet nicht im Sinne von kalkulierter Berechnung, sich gezielt in den Vordergrund zu rücken, aber er wollte doch offenkundig für alle unter Beweis stellen, dass er seinen Platz auf diesem Schiff zu Recht einnahm. Er wollte an- und aufgenommen werden, beweisen, dass sein Dasein an Bord dem Sinn des Ganzen entsprach.

So ergab es sich, dass er an diesem Morgen ganz unvermittelt und obschon er sich eigentlich auf einem nachgeordneten Posten befunden hatte, urplötzlich wiederfand im Mittelpunkt des Geschehens: Er wurde nicht nur mit allerlei Aufgaben betraut, sondern auch mit aufmunternden Sprüchen seiner Mannschaft belohnt, die Erwartungen, gar Hoffnungen auf gutes Gelingen und schließlich auch Lob an ihn richtete. Eigentlich wurden sie erst jetzt zu seinen Kameraden. Er gefiel sich wohl in dieser Rolle, weniger aus Gründen der Selbstverliebtheit oder Selbstgefälligkeit, viel mehr aus dem schüchtern-bescheidenen Wunsch heraus zu ihnen zu gehören. Er wollte nicht bloß geduldet, sondern aufgenommen werden. Fern der Allüren eines gefeierten Schauspielers oder Sängers, war er aber doch der Überzeugung, dass sein völliges Verschmelzen mit der Mannschaft voraussetzte, dass er sich zuvor ihr gegenüber und eigentlich auch jedem einzelnen auszeichnete. Er musste zeigen, dass er als einzelner in ihrer Mitte viel vermochte, um schließlich, wenn er dies erreicht hatte, sich nicht etwa als Wort- oder Rädelsführer zu gebärden und nach weiteren Erfolgen zu streben. Vielmehr wollte er als ein geachtetes Glied, als ein nicht so einfach zu ersetzender, so doch zentraler Teil der Mannschaft fortan leben und sich dadurch vor sich selbst rechtfertigen.

Lucas wandte sich ab vom Geschäft der Mannschaft, trank den letzten Schluck seines Kaffees, warf die Zigarette über Bord und ging auf die Schiffskombüse zu, wo er mit den anderen Fahrgästen gemeinsam zu frühstücken pflegte. Selbstredend nicht in der Schiffskombüse selbst, wo stets ein Wirrwarr aus Töpfen, Pfannen, Schüsseln und Eimern herrschte und in denen es gleichzeitig brodelte, spritzte, dampfte, köchelte und bruzelte. Vielmehr waren auf dem Freideck darüber unter einem großen dreieckigen, straff gespannten Sonnensegel fünf hölzerne Tische mit Stühlen aufgebaut. Die Tische waren eingedeckt mit Frühstücksgeschirr, Besteck, Gläsern und Tassen. An den Anblick gewöhnt, wie in europäischen Hotels die Frühstückstische und Büfetts auszusehen pflegten, erschien ihm dieses morgendliche Arrangement zwar etwas unbeholfen, aber doch erfrischend schlicht.

Der Himmel war azurblau, die Sonne grellte, die See bläute, das Schiff schipperte leicht dahin in einer sanften Brise Richtung Süden. Mit keiner weiteren Störung von Seiten der Natur war zu rechnen. Lucas roch Ei und Speck und angesichts der reinen Salzluft des Meeres verspürte er ungemeinen Appetit. Auf dem Freideck fanden, sofern es die Witterung erlaubte, stets die Mahlzeiten der Passagiere statt, mitunter gesellten sich auch die Schiffsoffiziere dazu. An diesem Morgen jedoch, weil sich das Schiff fern seines anvisierten Kurses befand, waren die Passagiere unter sich. Denn die Offiziere waren mit neuen Berechnungen über die augenblickliche Position, den zukünftigen Kurs und mit Instruktionen, welche sie der Mannschaft zu erteilen hatten, gänzlich in Beschlag genommen. Selbst Kapitän Eton Fagan fehlte in der morgendlichen Runde. Sonst war er gerne geneigt, sich aus den kleinlichen, technischen Details an Bord herauszuhalten und bei Tisch mit Passagieren und Offizieren mehr oder minder geist- und gehaltvolle Kommunikation zu pflegen - andere sagten, zu üben. Lucas setzte sich mit einem „Guten Morgen“ an den Tisch, welches von den anderen etwas nachlässig erwidert wurde und aß fast ohne Unterlass: Vom orangegelbem Ei, gebraten in sämiger, golden schimmernder Butter, dazu den knusprigen, leicht salzigen Speck, das feste weiße Brot und den zwar etwas runzligen, so doch pikant eingelegten grünen Gurken und schwarzen Oliven. Dazu trank er wegen seines Whiskeybrands nur Wasser. Nach dem Essen wollte er sich abermals einen tiefschwarzen und zuckersüßen Kaffee geben lassen, den  Jimmy im Hafen von Freetown, der Capitale Sierra Leònes, erstanden hatte. Er hoffte so, seine Lebensgeister endgültig zu zwingen, im Jetzt anzukommen.

 

In Freetown hatte das Schiff vor einigen Tagen angelandet, um die Vorräte zu ergänzen und dahin hatte die Schiffsführung auch die Reederei in Hamburg angewiesen, die Post für das Schiff und die Mannschaft schicken zu lassen. Zwischen Guinea im Norden und Osten sowie Liberia im Südosten gelegen, erstreckt sich Sierra Leone über ein paar Hundert Kilometer entlang der Küste Westafrikas. Es befindet sich genau an der Stelle, sofern man sich die Umrisse Afrikas als die eines Revolvers vorstellt, wo dieser seinen vorderen Übergang zum Revolvergriff hat. Das Land erhielt seinen Namen „Löwenberge“, da die portugiesischen Entdecker auf der Halbinsel, auf der das heutige Freetown angesiedelt und die dem Festland ein wenig vorgelagert ist, Löwen vermuteten. Die Portugiesen glaubten sogar, von ihren Schiffen aus das Gebrüll der Löwen zu hören. Die Mende, Temne und Limba, die Völker Sierra Leones, hingegen erklären sich den Namen mit den Umrissen der beiden runden Berge, die vom Meer aus gesehen als erstes Zeugnis des nahe liegenden Landes sich vom Horizont abheben und aus deren Gestalt man in der Tat vermuten könnte, es liege da ein schlafender Löwe. Ein gewisses Maß an Phantasie braucht man hierfür schon, dachte Lucas, als er sich auf dem Schiff dem Hafen von Freetown näherte. Aber daran mangelte es ihm ja zu kaum einer Zeit in seinem Leben.

Wie mit seinem Namen, so verhält es sich auch mit dem Land an sich: Eigentlich hätte der mit mineralischen Schätzen reich gesegnete Staat ein gute Chance, sich zu entwickeln und zu entfalten. Zumindest müsste er nicht zu den ärmsten Staaten der Welt zählen und die Menschen müssten auch nicht so früh wie kaum irgendwo sonst auf der Welt sterben, wenn sie in Frieden leben könnten und die Bedingungen anders wären. Inzwischen von den anderen Ländern zur Kenntnis genommen und leidlich befriedet, sind die Zeugnisse des viele Jahre herrschenden Bürgerkrieges vor allem als Spuren an den Menschen immer noch augenfällig. Die Schätze des Landes, Diamanten, Chrom und Bauxit, waren damals an der Staatskasse vorbei verscherbelt worden, um einen langen und schmutzigen Krieg zu bezahlen, der im benachbarten Liberia geführt wurde und der immer wieder auf Sierra Leone übergriff und auch dieses Land heimsuchte. Mme de Meester hatte dies angelegentlich eines kurzen Gesprächs mit Lucas Leòn berichtet, das beide an Deck stehend beim Einlaufen des Schiffes in den Hafen von Freetown führten. Sie hatte viele Jahre lang bis zum frühen Tod ihres Gatten, eines protestantischen Missionspredigers aus Antwerpen, mit diesem in Sierra Leone gelebt. Dann war die robust-resolute Belgierin mit Ende Vierzig in ihre Heimat zurückgekehrt, wurde jedoch einige Jahre später erneut von Fernweh gepackt, buchte sich eine Schiffsreise und gelangte so an Bord der Alex Hume. Mme de Meester erzählte Leòn, wie Menschen zu dieser Zeit planmäßig und massenhaft verstümmelt, wie Kinder mit elf oder zwölf Jahren in die Armee gezwungen und zu Soldaten gemacht wurden. Auch Lucas Leòn fielen während seines halbtägigen Aufenthalts an Land die vielen krüppelhaften Gestalten in Freetown ins Auge. Beim zweiten Blick sah er die zahllosen Wunden an den Seelen, welche in solchen Kriegen an Menschen, besonders an Kindern, geschlagen werden und die viele Jahre später noch brennen und eitern, um schließlich dann doch zu verkrusten und vernarben. Bloß sichtbar, dachte Lucas Leòn, bleiben sie ein ganzes Menschenleben lang. Ein Spaziergang durch so eine Stadt, in der vor kurzem noch Blut vergossen wurde, so als ob man Wasser verschütte, wurde ihm ganz unversehens zu einem Bad in einem Meer von traurigen Menschenaugenpaaren. Mme De Meester hatte sogar selbst gesehen, wie manche Menschen einfach vor Erschöpfung oder Krankheit auf offener Strasse umfielen, liegen blieben und keiner sich um sie kümmerte. Tagelang war sie an so einer ausgemergelten Leiche vorbei gegangen und sie erzählte mit der fachlich-nüchternen Gelassenheit eines altgedienten Pathologen, die Leòn mehr verwunderte als entsetzte, wie erst in dichten Schwaden die dicken, schwarzen Fliegen mit den schillernd grünen Augen kamen, sich an Nase und Ohren zu schaffen machten und in den Mund krabbelten und kletterten. Darin legten sie dann ihre Eierbrut ab, aus der alsbald die Larven schlüpften und denen der modernde Menschenschädel als grausig-wohlige Kinderstube und Fress-Stätte diente. Dann kamen nachts die Ratten und nagten an Rumpf und Gliedmaßen, rissen ganze Stücke heraus, schließlich gesellte sich allerlei anderes Getier hinzu, insbesondere Insekten, wie dicke, schwarze Käfer. Wohl aus der Furcht heraus, einmal selbst auf der Straße einfach so zu verrecken und liegen zu bleiben oder vielleicht aus bloßen ästhetischen Gründen erbarmten sich irgendwann die anderen Menschen dann doch ihrer Artgenossen, sammelten die halbverwesten Körper ein und verbrannten sie in offenen Holzfeuern am Straßenrand.

Für gewöhnlich stets zum Plaudern, Erzählen und Zuhören am Tisch geneigt, beschränkte Lucas Leòn sich an diesem Tage, gerade wegen der jüngsten Bilder und Eindrücke aus Freetown, welche ihn nun reichlich und gerade zur Unzeit überströmten, auf höflichen Small-Talk über unverfängliche Dinge, wie etwa das Wetter, die vermutliche Position des Schiffes und das Essen. Er aß unterdessen und trotz der grausigen Gedanken rasch, doch ohne nervöse Hast seine Eier mit Speck, danach ein paar der Früchte, welche in Sierra Leone gekauft worden waren und die sich noch einige Tage an Bord gehalten hatten. Er war müde von der ruhelosen Nacht und beabsichtigte, sich für einige Stunden zurückzuziehen. Er wollte für sich alleine sein und ausruhen in dem großen Netz, welches zwischen dem Vordermast, der fast rechtwinklig über das Meer ragte, und dem Bug des Schiffes gespannt war. Mit einem kurzen Gruß in die Runde verabschiedete er sich, suchte das Vorderdeck auf und fand dort nach all der Aufregung, die vor Stundenfrist auf dem Deck noch geherrscht hatte, niemand sonst von Mannschaft und Passagieren vor. Die Besatzung war nun selbst beim Essen, die anderen Passagiere beim vergnügten Plaudern, Sonnenbaden oder Angeln. Glücklicherweise war auch das Netz, einer seiner liebsten Plätze auf dem Schiff, von niemandem besetzt, und so kletterte er über den Schiffsbug hinüber, krabbelte über die groben Maschen des straff gespannten Netzes, drehte sich darin und legte sich auf den Rücken.

 

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte