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Ich war, ich bin, ich werde sein!

Vom Versuch, eine Idee zu delegitimieren

24.12.2016 [bearbeitet]


Andreas Wehr erinnert in seinem Text Die Sache mit dem Kommunismus[1] daran, dass DIE LINKE innerhalb ihres europäischen und internationalen Engagements selbstredend mit Parteien, wie etwa dem Parti Communiste Francais oder der Rifondazione Communista, kooperiert, die beide ganz selbstverständlich bereits in ihrem Namen den Bezug zum Kommunistischen Manifest von Marx und Engels herstellen. Beide Parteien haben im letzten Jahrhundert eine Tradition begründet, auf die sie zu Recht stolz sind, denn schließlich kämpften während des II. Weltkriegs zahlreiche Mitglieder gegen die deutsche Besatzung und trugen, wie etwa der PCI im Comitato di Liberazione Nazionale, die Hauptlast im Widerstand gegen Nazi-Deutschland. Viele italienische Städte wurden nicht etwa von den Alliierten befreit, sondern durch lokale Aufstände, die vor allem von Kommunisten getragen wurden, ähnlich sah es in Frankreich und im besetzten Benelux aus. Für ihren mutigen Kampf gegen den Faschismus zahlten Abertausende von Kommunisten in ganz Europa einen hohen Blutzoll. Nur in Deutschland herrschten Kadavergehorsam und Friedhofsruhe bis zuletzt.

 


Europäische und deutsche Wege

 

PCF und PCI spielten in der Nachkriegsordnung ihrer Länder eine zentrale Rolle, erhielten 20 und mehr Prozent der Wählerstimmen und waren an den Übergangsregierungen oder der Ausarbeitung der Verfassungen beteiligt. So kam es etwa im ersten Artikel der italienischen Verfassung zu der etwas paradoxen Formulierung: "Italien ist eine demokratische, auf die Arbeit gegründete Republik". In Nachkriegseuropa emanzipierten sich die westeuropäischen Kommunisten zusehends von der sowjetischen Dominanz, die sie unter der Bedingung des Exils akzeptieren mussten, und verurteilten etwa die Niederschlagung des Prager Frühlings. Einige Jahre später postulierten sie mit dem Eurokommunismus einen eigenständigen dritten Weg zwischen den Blöcken. Die Kompromissbereitschaft der italienischen Kommunisten ging dabei sogar so weit, dass sie eine Art Pakt, den Historischen Kompromiss mit der Democrazia Cristiana – der Stellvertreterpartei des Vatikans und der Mafia – schließen wollten, um die Italienische Republik vor Umsturzgefahren von rechts zu schützen[2]. Es ist im Wesentlichen dem geringen deutschen Widerstand gegen das NS-Regime, später der innerdeutschen Konfliktlage mit der unmittelbaren Blockkonfrontation sowie der massiven Präsenz der US-Amerikaner geschuldet, dass in der alten BRD eine antikommunistische Paranoia geschürt wurde, die im Verbot der KPD 1956 gipfelte, deren Parolen jedoch bis heute nachwirken und das politische Klima vergiften.

 

 

"Gedankenverbrechen"?

 

Dabei steht in der Diskussion der Begriff Kommunismus überhaupt gar nicht zur Debatte: Weder findet er sich in den programmatischen Eckpunkten oder im Parteiprogramm, noch gar im Parteinamen der LINKEN. Gesine Lötzsch griff in ihrem Artikel damals für die junge Welt lediglich den Titel der Veranstaltung auf, auf der sie sprechen sollte, und referierte die ihr vorgegebene Fragestellung nach den "Wegen zum Kommunismus"[3]. Ansonsten stellt sie in ihrem Text eine brave Reform-Agenda für ein anderes Regierungshandeln zusammen. Es geht ihren lautesten Kritikern, die sich teilweise in der eigenen Partei finden, natürlich nicht darum, das Wesen einer Gesellschaft zu erörtern, in der alle gleich sind und jeder nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen sich mit sich selbst und seinem Lebensentwurf in Einklang bringt. Nein, es geht ihnen per se um die Diffamierung der Möglichkeit, dass etwas anderes vorstellbar ist und diskutiert wird, als eben dieses System, in dem wir uns befinden. Es ist das "Ende der Geschichte"[4], das nach der Implosion des sog. Ostblocks von den "ZEIT-Intellektüllen" (Volker Pispers) verkündet wurde, und das nicht hinterfragt werden soll. Warum sonst sollte der Ex-Bürgerrechtler Werner Schulz (GRÜNE) in einer Talkshow bei Maybrit Illner bereits den "Traum von einer besseren Welt" als "Hirngespinst von vorgestern" denunzieren? Es wird schon der Versuch verunglimpft, dass Menschen sich eine Welt ohne imperialistische Kriege, 30.000 Hungertote täglich und zerstörerische Ausbeutungsverhältnisse für die überwiegende Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten wünschen, dafür streiten und kämpfen. Es ist die Delegitimation der Vision einer anderen Welt. Und diese erfolgt durch Tabuisierung und Etablierung eines "Neusprechs" (George Orwell: 1984) im öffentlichen Diskurs, der bereits die Verwendung des Begriffs Kommunismus, so George Orwells Begrifflichkeit, zum "Gedankenverbrechen" erklärt. Nur Menschen lassen sich nicht der Fähigkeit berauben, sich eine Welt ganz anders vorzustellen, auch wenn sie ihre Gegenentwürfe und ihre Begrifflichkeiten neu fassen müssen.

 

Bild von Kindern mit Hammer und Sichel im Getreidefeld

 

 

Gauck'sche Geschichtsklitterei

 

Um die herrschenden Verhältnisse zu rechtfertigen, wird als Vergleichsmaßstab gleich die ganz große Keule geschwungen und – Andreas Wehr verweist am Beispiel einer geplanten Resolution des Europäischen Parlaments darauf – Kommunismus mit Faschismus gleichgesetzt. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu den neoliberalen Apologeten einer New World Order vom Schlage eines Joachim Gauck. Nichts anderes als eine Dämonisierung stellt es dar, wenn dieser etwa meint: "Im Westen währte die braune Diktatur 12 Jahre, im Osten aber kamen noch 44 rote Jahre dazu."[5] Wer beide Systeme unter den nebulösen Begriff Diktatur subsumiert und nicht differenziert zwischen einem System mit industrialisiertem Massenmord und Angriffskriegen auf der einen Seite und einer verknöcherten Parteioligarchie mit über 200, aufrichtig zu beklagenden Mauertoten auf der anderen Seite, verharmlost entweder die Verbrechen des sog. "III. Reiches" oder übersteigert die miefige Piefke-DDR ins Unermessliche. Auch die Nennung beider Jahreszahlen erzeugt rein assoziativ den Eindruck, als wäre die DDR als System ja eigentlich sogar noch schlimmer gewesen, denn diese hat ja schließlich gleich fast viermal so lange angedauert wie das sog. "III. Reich".

 


Die seltsamen Ansätze des Andreas Wehr

 

So sehr ich den Grundtenor seines Textes auch gut heiße – obschon ich eine zentrale Denkfigur des mutmaßlich vorhandenen "linken Selbsthasses"[6] für empirisch nicht verifizierbar halte und mich deshalb auch nicht damit aufhalte - so irrt er doch in zwei kardinalen politischen Punkten: "Tatsächlich vertrat sie [Rosa Luxemburg] … in Fragen der Kollektivierung und der Behandlung der nichtrussischen Nationen unrealistische, wenn nicht gar sektiererische Positionen." Einmal davon abgesehen, dass Wehrs Terminologie an dieser Stelle doch arg an stalinistische Vorwürfe gegenüber Trotzki und dessen konstruiertes Abweichlertum erinnert, war just die Privatisierung und Zerstücklung ehemals adeligen Landbesitzes durch Lenin im Rahmen seiner "Brot und Frieden"-Strategie Ausgangspunkt für den ersten großen Sündenfall der Russischen Revolution. Selbstredend würden die Kulaken, die nach der Revolution Land erhielten, mit Nägeln und Klauen sich später gegen eine stets vorgesehene Enteignung und Verstaatlichung wehren. Nicht Luxemburg irrte, die in ihrer bekannten Schrift Zur russischen Revolution[7] diesen Schritt Lenins zurück zum Privateigentum kritisierte, sondern Lenin, indem er just durch die Landreform eine tendenziell reaktionäre Schicht von neuem Besitzbauerntum in den Dörfern etablierte. Als Stalin dann doch die Zwangskollektivierung einleitete, waren Millionen ermordeter Bauern und eine unglaubliche Hungersnot die Folge. Ein Gutteil der Toten, die man heute als Opfer des Kommunismus bezeichnet, resultiert aus der Praxis persönlicher Regimes, die weder an einem marxistischen Diskurs interessiert waren, noch irgendeine wie auch immer geartete Emanzipation des Menschen forcierten und bestenfalls sprachliche Versatzstücke zu Machterringung und Herrschaftssicherung missbrauchten. Genau dies ist eines der Hauptthemen bei George Orwell.

 

Auch in der Nationalitäten-Frage zeigte sich Luxemburg nicht "sektiererisch"[8], wie Wehr an dieser Stelle meint, sondern konsequent: Wenn man den Prozess vom Sozialismus zum Kommunismus als stetig fortschreitendes Verschwinden von Unterdrückung, Ideologie, Bevormundung und Ausbeutung durch den Überbau der alten Klassengesellschaft begreift, wird der Mensch zusehends befreit, ganz gleichgültig, ob es sich dabei um patriarchale Strukturen oder Nationalstaaten mit ihren spezifischen Chauvinismen handelt. Daher bemaß Luxemburg weder dem polnischen Streben nach Unabhängigkeit, noch frauenspezifischen Themen eine derartige Bedeutung bei, als dass sie sich in diesen Fragen besonders engagierte, ja teilweise sich sogar massiv dagegen verwehrte.

 

Wenn der Mensch an sich befreit wird – und nichts Geringeres verkörpert die Idee des Kommunismus – fällt nicht nur der ideologisch-rechtliche Überbau, sondern auch alle Fesseln der Nationalitäten und der Geschlechter werden gelöst. Man kann das Kommunismus nennen oder auch anders. Jedoch: Der Mensch wird zum Menschen, indem er dafür kämpft, dass die Bedingungen für alle menschlicher werden.

 

 


Anmerkungen

 

[1] Andreas Wehr: Die Sache mit dem Kommunismus, in: junge Welt, 15.01.2011.  Zur verniedlichenden Rezeption der Werke Rosa Luxemburgs in Teilen der LINKEN vgl. a.: Missbrauchte Rosa.

[2] Vgl. a.: Transformismo: Die Entwicklung vom PCI zum PDS.

[3] Gesine Lötzsch: Wege zum Kommunismus in: junge Welt, 03.01.2011.

[4] Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man. New York 1992.

[5] Joachim Gauck im Interview: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. in: Neue Zürcher Zeitung, 22.05.2010; Vgl. a. Bloggerin "Magda": Joachim Gaucks totalitäre Aufklärung in: DER FREITAG, 22.05.2010.

[6] Beide Zitate: Andreas Wehr: a.a.O..

[7] Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution in: Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 332-365. Berlin 1974. (Hier im Netz zu finden.)

[8] Andreas Wehr: a.a.O..

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte