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An Bord und auf See

 

 

Der Himmel der Nacht über dem tiefschwarzen, sanft wogenden Meer war klar. Lucas Leòn stand leicht nach vorne gebeugt an der Reeling des Schiffes und hielt sich mit beiden Händen an dem Geländer fest. Er blickte auf das Meer hinaus und atmete langsam. Die Nacht war dunkel, die Luft roch salzig, war kühl und rein. Er atmete langsam, sog sie in langen Zügen, in stetem Takt ein. Bis tief in seine Lunge drang sie ein, wirkte belebend und reinigend auf Körper und Seele. Es war gut gewesen, aus der Enge der Kabine heraus und vor den Gespenstern der Nacht in das Freie zu fliehen und die Weite der nächtlichen Welt zu suchen.

Lucas wandte seinen Blick nach oben: Es war nichts zu sehen, kein Himmel, kein Mond, keine Sterne, bloß ein einziges endloses Schwarz. Eine lichtlose Welt um ihn und über ihm. Er suchte den Horizont und sah, wie in geringer Entfernung die Wellen des Meeres entschwanden, um sich schließlich ganz im Dunkel der Nacht zu verlieren. Er suchte nach der Stelle, an der sich treffen mussten das Meer und der Himmel. Dort, so dachte er, würde er Nuancen im Schwarz finden. Vielleicht sogar erst am fernen Horizont, an dem Himmel und See sich gegenseitig begrenzen würden. Dort fände sein Auge Halt und Ziel. Doch das Ende des Meeres und der Beginn des Himmels fielen zusammen schon in der nahen Finsternis.

So dunkel war sie, so unendlich schwarz war die Nacht. Nichts, kein Unterschied, keine Linie. Lucas nahm sich zusammen, wischte sich die Augen, spannte seine Sinne erneut an, strengte sie an, bemühte sie, aber vergeblich. Ziellos starrte er in das dunkle Nichts der Nacht. Es blieb ein einziges Schwarz, ob oben am Himmel oder ob vor ihm das Meer.

Ein leichter Wind hob an, ein zarter Hauch streichelte seinen Nacken, die kleinen Härchen seiner Haut bewegten sich, zitterten und richteten sich auf. Er spürte zunächst ein zartes, fast erheiterndes Kitzeln bloß, darauf ein sanftes Frösteln, das sich aber bald zu einem heftigen, kalten Schütteln verstärkte. Es setzte sich fort über den Körper bis hin zu allen Gliedern seines Leibes. Binnen der Frist weniger Sekunden wurde ihm bitterkalt und das, obschon das Segelschiff sich in der Nähe des Äquators befand, nicht fern der Westküste Afrikas. Lucas Leòn war ganz alleine. Das Land, das er verlassen hatte, lag viele tausend Kilometern hinter ihm in einer anderen Welt, in einer ganz anderen Zeit und doch in der gleichen Gegenwart. Er musste diese verlassen. Die Leichen der Vergangenheit, die Halbmenschen dort, sie drohten ihn zu erdrücken. Er musste weg.

 

Obschon es dunkel war, schloss er die Augen: Gesichter im Halbschatten tauchten auf. Er roch den Duft von eben Gebackenem und frisch umgegrabener, dampfender Erde im Frühjahr. Bruchstücke von Musik aus Kirche und Hitparade erklangen, Stimmen von Menschen ertönten wirr und laut. Alles war ihm bereits vor einem halben Lebensalter begegnet und er hatte geglaubt, all dies längst vergessen zu haben. Ein krudes Wirrwarr von Eindrücken und Gefühlen überflutete ihn. Kaum mehr war es ihm möglich, das, was sich so ungestüm den Weg zu seinem Bewusstsein bahnte, willentlich zu steuern, so wie er es über Jahrzehnte hinweg vermocht hatte. Wie die Bäume eines Waldes, an denen er in einem Eisenbahnzug vorbeifuhr und von denen er nur jeden zehnten oder zwanzigsten für einen kurzen Augenblick lang genauer betrachten konnte, kam ihm all dies vor. Bald erklangen Töne, bald roch er Düfte und vor seinen geschlossenen Augen flackerten Gesichter aus seinem Leben auf, für Sekunden zutiefst lebendig, real und so auch wahr. Noch längst nicht verschwunden, schoben sich andere Figuren darüber, die vorherigen verblassten und ihre Konturen verloren sich im Nichts. Es war ihm, als zöge ein Gutteil seines kleinen und insofern allzu menschlichen, weil unvollkommenen Lebens an ihm vorüber. Aber es war seins und ihm vertraut. Er traute sich endlich in sein Inneres und wurde sich dadurch vertraut. Dieses Gefühl spendete ihm für einen Augenblick lang Trost.

 

Lucas Leòn richtete sich ein wenig auf, abermals fuhr ihm die Kälte in den Körper. Er schüttelte sich, als wollte er den dicken Alb abschütteln, der auf ihm lagerte, lauerte, ihn lähmte, die Luft nahm, ja beinahe erdrückte. Wohin wollte er? Er wusste es nicht. Er musste sich diese Antwort, wie er sich eingestand, für einige Zeit wohl noch schuldig bleiben. Das Schütteln ergriff und packte ihn abermals. Seine Knie wurden weich, die Hände begannen zu zittern. Sein Körper drohte, sich seinem Geist zu entziehen und sein Animus war gefährdet – das wusste er sofort. Er drohte zu entweichen und zu entgleisen wie ein schneller Zug. So stand er für Sekunden, Minuten da, die sich für ihn wie Stunden ausnahmen. Fast hätte sich Lucas auf die blanken Dielen des Deckes gelegt und wer weiß, ob er je wieder hätte aufstehen können?

 

Lucas, das erzählte er mir viele Jahre später, war in dieser Situation fast am Ende, aber er fasste den Entschluss, er müsse seiner selbst Herr werden. Zunächst des Körpers, das war dringlich, denn dieser drohte ihm zu entgleiten. Er hob die Brust an, die klare, leicht salzige Luft des Weltenmeeres strömte in ihn ein. Das tat ihm wohl. Lucas reckte und streckte sich, setzte die Muskeln seines Körpers unter den größten Druck. Dann ließ er die Arme und die Schultern fallen, gab alle Anspannung auf und erlaubte, dass sich alles weiten durfte und so seine Muskeln sich entkrampfen und sein Körper sich beruhigen konnte. Sofort spürte er den schnellen Schlag des Herzens, das geschwinde Strömen des Blutes, den Fluss des Lebens. Sein Herz pumpte in jede Ader, in jeden Muskel, jeden Winkel, in die allerletzte Faser das belebende, weil lebenspendende Blut. Lucas war froh, diesen schweren Moment überstanden zu haben. Kurz  ließ er wie in einem wilden Tanze oder wie die Holzglieder einer Marionette Arme und Beine zappeln und tun, was ihnen Körper und Schwerkraft vorgaben. So eroberte sein wilder Wille zum Überleben, sein Leben wieder und das wider seiner natürlichen Anlage. Nun wusste er, dass ihm nichts mehr widerfahren konnte. Er wusste, so wie er seinen Körper zum Gehorsam zu zwingen vermochte, könnte er auch so manche chronisch-üble Überlegung aus seinem Schädel durch seinen befreiten Willen verbannen und endgültig tilgen.

 

Die Kabine und die Schlafkoje, gerade eben noch von dunklen Träumen und halben Ahnungen erfüllt, erschienen ihm als der bessere Ort als das dunkle Freideck inmitten der zugigen, hoffnungslosen Nacht und der Fahrt ins schwarze Nichts. So kehrte er schließlich in seine Kabine zurück, fand dort eine halbleere Flasche Whiskey vor und drehte sich eine Zigarette. Diese zündete er an, machte sich keine weiteren Umstände und nahm einen beherzten Schluck aus der Flasche.

 

Es überkam Lucas in dieser einsamen Nacht ein trotzig-glückliches Gefühl: Er war mutig gewesen, er hatte das Zutrauen zu sich gefunden und alles hinter sich gelassen. Er hatte die Brücken abgebrochen nach hinten, nach gestern und früher, in die Vergangenheit und das, obschon noch keine neuen gebaut waren in die Zukunft. Es gab nur den Augenblick, das Jetzt und Gerade musste ihm genügen. Mit seinem Leben verhielt es sich genau wie mit dem Schiff, auf dem er seine Reise vor einigen Wochen begonnen hatte. Es hatte seinen Hafen verlassen und steuerte in der Ferne einen neuen an, nur mit dem Unterschied, dass Lucas den Namen seines eigenen Hafens noch nicht kannte. Es würde nicht der Nächste sein, in dem er und sein Leben anlanden sollten, auch das Schiff würde noch Dutzende von Häfen in vielen Ländern ansteuern. Zunächst spürte er es nur, dann ahnte und schließlich wusste er es fast sicher, dass er den einen, weil seinen Hafen einst erreichen würde. Der schwierigste und schmerzlichste Teil, die Trennung vom Gestern, von wo man kommt und welche die wenigsten jemals so richtig und gänzlich vollziehen können und doch so viele müssten, lag bereits hinter ihm. Das Ärgste war ihm bereits widerfahren, so dass er alles auf ihn Zukommende, Zukünftige, Mögliche neugierig und freudig begrüßen würde.

 

Lucas Leòn war weit davon entfernt, mit sich und seinem Leben zu hadern, wie man meinen könnte, er war fast ein wenig froh, dass sich alles bereits für ihn geklärt hatte. Denn er wusste nur zu gut, dass der Weg, den er eingeschlagen hatte, ein weiter ist und sich auf die ganze Lebensfrist eines Menschen bemessen kann. Zu Ende, bevor sie ihr natürliches, weil biologisches Ende finden, gehen ihn die wenigsten. Und Lucas Leòn war gerade erst Anfang dreißig geworden. Wie auch Lucas früher, halten viele Menschen die Weisheit, Ironie und Abgeklärtheit des Alters für ein Zeichen dafür, dass sie diesen Weg gegangen sind. In Wahrheit sind diese bloß die stete Gewöhnung und die wachsende Gelassenheit gegenüber dem schon seit langem Bekannten. Und der Mensch neigt dazu, durch beständige Wiederholung und alltägliche Gewöhnung selbst die abartigsten Dinge irgendwann für normal und richtig zu halten, das wusste Lucas nur zu gut aus seinem eigenen Leben. Gepaart ist diese scheinbare Gelassenheit meist mit Zynismus, da der Mensch, je mehr Jahre er zerrinnen und zerfließen sieht, sich umso drängender seiner eigenen Begrenztheit bewusst wird. Der meisten Menschen Leben ist und währt kurz, obschon es lange anzudauern vermag, kam ihm in den Sinn. Diesem schlechten Gewissen gegenüber den vielen, arglos verschleuderten Potentialen, die jeder einmal hatte, begegnen die meisten mit beißendem Sarkasmus gegenüber anderen und ätzender Ironie gegenüber sich selbst. Diese Potentiale sind aber, wie Lucas selbst erst unlängst erfahren hatte, auch wenn sie vor langer Zeit bereits zugeschüttet wurden, nicht gänzlich verloren. Vielmehr kann man sie auch nach vielen Jahren reizen und hervor kitzeln, selbst dann noch, wenn man längst in einem Leben gefangen ist, das sich doch so zufällig, eigentlich planlos entwickelt und seinen Fortgang gefunden hatte.

Eine der Voraussetzungen für diesen zugegebenermaßen schwierigen und auch gefährlichen Prozess, so ahnte er, müsste eine Art Fernsein vom alltäglichen Leben, von Beruf, Familie und Freunden sein. Diese Entfernung und Distanzierung gegenüber dem eigenen Leben kann auf einer längeren Reise gewonnen werden, die man allein unternommen und auf die man wenig mitgenommen hat, was einen an sein Leben und dessen vermeintlich große Sorgen erinnert. Dann geschieht vieles fast von selbst. Gleichsam unversehens und unverhofft eignet man sich so neue Werte und Gesetze an und sieht alles viel deutlicher und grundsätzlicher, als man es bis dato jemals vermochte. Es schien Lucas, als sei er endlich zu dem innersten Kern seines Wesens, seines Ichs vorgedrungen, der hinter all dem Gestrüpp, von dem er glaubte, es sei sein Leben, verborgen lag. Seine Lebenslügen, die so jeder Mensch hat, lagen plötzlich bloß. Durch diese tiefen Einsichten hatte er seit einiger Zeit eine Gelassenheit und Heiterkeit gewonnen, die er viele Jahre lang vergeblich gesucht und mitunter auch gespielt hatte, die aber erst jetzt ganz ehrlich und natürlich geworden waren. Lucas war frei geworden vom täglichen Spiel der Rollen und Zwänge, die immer wieder durch falsche und in die Irre führende Erwartungen anderer entstehen und worauf wir uns nur allzu willig viele Jahre lang einlassen.

Es war ein langer und beschwerlicher Weg, von dem er oft versucht war abzukommen, denn alles wirkliche, vollständige Leben erwächst aus der Gefährdung, aus der Krise, so dachte Lucas. Und weil dieser Weg kein einfacher sein würde, war Lucas manchmal dazu geneigt, vermeintliche Abkürzungen zu nehmen. Man erreicht den Zustand der Freiheit und das Vermögen, zugeschüttete Potentiale freizulegen und zu nutzen, jedoch erst dann, wenn man gegangen ist durch ein läuterndes Feuer, das einen zu entflammen und zu verbrennen droht, oder über einen schmalen Grat, von dem man links und rechts in die Tiefe stürzen kann und man doch aus eigener Kraft wieder den festen Boden erreicht.

Das Land, das sich dann vor uns öffnet und wie das breite Delta eines Stromes sich weitet, ist so bunt und betörend, unermesslich groß und unendlich weit, dass uns unsere bisherige Heimat, unsere Vergangenheit, kurzum all das, was wir für unser Leben hielten, nunmehr wie eine kleine, falsche Idylle erscheint. Als heile Welt kam sie uns bloß deshalb vor, weil sie uns seit Langem vertraut war, wir uns mehr schlecht als recht darin einrichteten und sie für unser Leben hielten. Wir ahnten noch nicht einmal, wie groß und farbig die richtige Welt ist, also wie konnten wir sie vermissen, uns nach ihr sehnen oder gar nach ihr streben? Um wie viel riesiger und bezaubernder ist jedoch das Land, das nunmehr vor uns liegt? Endlich war Lucas so frei geworden, dass er sich auf alles einlassen konnte, auf andere nicht weniger als auf sich selbst. Dies empfand und erkannte er als seine wohl wertvollste Gabe.

 

Nach einiger Zeit, es mochten Viertelstunden gewesen sein, verspürte Lucas ein wohliges Behagen und eine tiefe Zufriedenheit. Er war unendlich erschöpft, eine träge Schlaffheit überkam ihn aus seinem Inneren, legte sich über ihn und seine Glieder wurden schwer. Ein taubes Kribbeln in den äußersten Spitzen der Finger und Zehen mahnten ihn an die Verausgabung der vielen arbeitsreichen Tage und fiebrigen Nächte, welche sich zu Jahren addierten, in denen er nicht wirklich bei sich selbst gewesen war. Er nahm einen weiteren tiefen Schluck aus der Whiskeyflasche und schlief alsbald wohlig-warm und geborgen ein.


 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte