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Altersspezifische Tode: der Tod von Kindern in der griechischen und römischen Antike

- unkorrigiertes Vortragstyposkript -

 

 

I. Ungewollte Kinder

 

A) Abtreibungen

 

Nach dem römischen Recht war die Abtreibung von Kindern nicht illegal und sie findet nur insofern Eingang in die Digesten, als daß Modalitäten aufgeführt werden, unter denen sie strafbar sein kann. Vor der Geburt hatte das Kind keinen eigenen Status, es konnte weder unter die potestas des Vaters fallen, noch etwa sui iuris, also eigenen Rechts, sein. Der Jurist Paulus meint dazu: "Das Kind im Mutterleib ist geschützt, als wäre es ein Teil der menschlichen Gesellschaft, soweit es um die Vorteile des Kindes nach seiner Geburt geht, obgleich es einem anderen vor seiner Geburt keineswegs von Nutzen ist." (Digesten I.5.7) Ulpian in Digesten 25.4.I: "Der Fötus ist ein Teil des Körpers der Mutter." L. Glantz kommt in der Untersuchung Is the Foetus a Person? A Lawyer's View zu einem ähnlichen Fazit, der Fötus stelle kein Rechtssubjekt dar. Allerdings bedeute dies nicht, daß er keine Rechte und keinen Schutz genossen habe. In den Digesten 25.5; 25.6 und 37.9 wurden Folter und Exekution einer verurteilten Schwangeren auf die Zeit bis nach der Geburt des Kindes aufgeschoben.

Sowohl die Rechtsstellung der Mutter zwischen dem Zeitpunkt der Zeugung und der Niederkunft als auch der im voraus in Bezug auf das werdende Kind postulierte Anspruch auf ein Erbe waren relevant. Für die frühe Kaiserzeit findet Jane F. Garnder in Women in Roman Law and Society einige literarische Zeugnisse für Abtreibung sowie Anleitungen zur Abtreibungen in einigen medizinischen Büchern von Soranos und des älteren Plinius. Auch sind darin keine Hinweise enthalten, daß Abtreibung illegal sein könnte, sie können jedoch einen Scheidungsgrund darstellen. Nero etwa, so wird durch Tacitus berichtet, wirft seiner Frau folgende Verfehlungen als Scheidungsgründe vor: Unfruchtbarkeit, Ehebruch, Verrat und Verschwörung mit dem Flottenkommandanten sowie Abtreibung. Etwas paradox bleibt, inwiefern eine Frau, die unfruchtbar sein soll, abtreiben kann. Der Vorwurf der Abtreibung zielt vermutlich auf die Bestimmung, daß eine Abtreibung durch die Ehegattin wider des Willens des Ehemanns dazu führte, daß dieser ein Achtel der Mitgift behalten konnte.

Cicero hingegen mißbilligt aus moralischen Gründen die Abtreibung, weil eine solche Tat ganz allgemein zum Aussterben von Familien und zum Sinken der Anzahl freier Bürger führen würde. Hintergrund dafür, ich will hier kurz Bezug auf unsere 2. Sitzung in diesem Semester zur Historischen Demographie nehmen, war die Tatsache, daß die Kindersterblichkeitsrate von etwa 45 Prozent innerhalb der ersten fünf Lebensjahre dazu führten, daß sich Mortatlitäts- und Fertilitätsrate etwa die Waage hielten, wenn jede römische Frau etwa fünf Kinder gebar. Zu Ciceros Fall zurück: Die beiden Frauen waren angeklagt, nach dem Tode ihrer Männer deren Kinder abgetrieben zu haben, weil sie von anderen Männern bestochen wurden, deren Interesse es war, daß der Verstorbene keine legitimen Nachkommen mehr bekam.

Unter den severischen Kaisern wurde Abtreibung, so Jane Garnder, schließlich zum strafwürdigen Verbrechen: In einem Reskript verfügen Septimius Servus und Antonius Pius, daß eine Frau, die abgetrieben hatte, für einige Zeit verbannt werden sollte, da es dem Juristen Marcianus zufolge "unbillig erscheinen konnte, daß sie ihren Ehemann um ihre Kinder betrogen habe." Auch Ulpian nimmt Bezug auf diesen Fall. Demnach war es im Umkehrschluß auch in dieser Zeit nicht strafbar, wenn der Ehemann einer Abtreibung zugestimmt hatte. Bestraft wurden Leute, die Abtreibungsmittel, Liebestinkturen oder empfängnisfördernde Drogen vertrieben, sofern diese Mittel zum Tode führten.

 

 

B)Kindesaussetzungen & Kindestötungen

 

"Auch ist ihr für das Werk der Liebe jedermann,

wer auch gerade kommt, gleich als Genosse recht.

Aufs Liebeslager ist sie dennoch gierig aus,

dem Mann, der mitmacht, aber wird's zum Speien übel."

 

Danach fährt Hesiod fort, man solle nur einen Sohn haben. Schuller verweist in Frauen in der griechischen Antike darauf, daß diese Hesiod-Stelle falsch interpretiert worden sei. Demnach habe Hesiod nicht einen Rat geäußert, sondern einen Wunsch. "Auf Grund einer Fehlinterpretation der Hesiod-Stelle als Rat, wohl auch verführt durch die Aussetzungsgeschichten der griechischen Sage und vielleicht auch wegen eines direkten Zeugnisses aus dem hellinistischen Ägypten ist man leicht geneigt, insbesondere für die archaische Zeit, aber auch für später, eine kräftig praktizierte Kindesaussetzung anzunehmen, und vor allen Dingen eine Aussetzung von Mädchen. Direkte Zeugnisse haben wir aber keine, und die Schlüsse, die man aus sonstigen Nachrichten und Tatsachen ziehen kann, deuten eher in die Richtung, daß man die Kinder, die man bekam, auch aufzog." (Schuller, 1985, S. 29) Schuller macht allerdings für Sparta eine Ausnahme: In Sparta wurden sogenannte mißgebildete Mädchen und Jungen nach der Geburt aus Gründen der Wehrtüchtigkeit sowie bei Mädchen der Fruchtbarkeit wegen umgebracht. "Sonst, so Schuller weiter, hat die hohe Kindersterblichkeit das ihre getan." Schuller argumentiert weiter, daß Hesiod, wenn es denn Kindestötungen in Form von Aussetzungen gegeben hätte, nicht beim bloßen, von ihm geäußerten Wunsch nach einem Sohn belassen, sondern hätte sich zu diesen Vorgängen geäußert. Ich für meinen Teil halte eine derartige Argumentation, daß es etwas nicht gegeben habe, nur weil ein Autor es nicht erwähnt hat, für recht problematisch - zumal im Abstand von 2500 Jahren und in Unkenntnis der Frage, ob Kindestötungen vielleicht gar tabuisiert waren. Wenn andererseits, wie in Sparta, eine abstrakte Norm wie die Wehrhaftigkeit des Volkes als Legimitationsbasis für die Vernichtung sog. unwerten Lebens offensichtlich ausreichte, dann ist es m.E. nicht ganz von der Hand zu weisen, daß in Fällen massiver, ganz realer existentieller Not - man denke etwa an arme Bauern - eine Kindestötung durchaus eher vorzustellen ist - zumal wenn sie einem mentaltitätsbezogenen Kontext zur Bevölkerungspolitik Spartas angesiedelt ist.

 

In Rom zumindest war das Töten von Neugeborenen, die nicht krank oder behindert waren, ein Thema, das mit einem Tabu belegt war. Der jüdisch-hellinistische Philospoph Philon etwa behauptete, daß Neugeborene manchmal erdrosselt oder ertränkt würden und sieht auch die Kindesaussetzung als gleich schlimm wie Mord an: "Manche setzen sie an einem verlassenen Ort aus, wobei sie - wie sie angeben - hoffen, daß die Kinder gerettet würden, in Wirklichkeit sie aber dem schlimmsten Schicksal überlassen." (de specilibus legibus 3.114-115) Gemäß der Rechte des paters, konnte dieser ein Kind als sein eigenes anerkennen und es aufziehen oder auch aussetzen. Dieses Befugnis hatte er auf Grund seines Rechtes über Leben und Tod, ius vitae necisque. Jane Gardner berichtet davon, daß dieses Recht gegenüber heranwachsenden Kindern vermutlich bereits in der früher Kaiserzeit nicht oder kaum mehr angewandt wurde. Sofern eine derartige Strafe als notwendig erachtet wurde, sollte das Kind dem Magistrat übergeben werden. Kaiser Hadrian ließ einen Vater bestrafen, der seinen Sohn auf Grund eines Ehebruchs mit seiner Stiefmutter umgebracht hatte. In Bezug auf Neugeborene jedoch bleibt das Recht auf Tötung auch in dieser Zeit existent. Erst zur Zeit der severischen Kaiser begann man, Kindesaussetzung als Mord anzusehen, gesetzlich untersagt wurde sie jedoch erst 374 n.Chr..

Vermutlich in der Zeit das Kaisers Trajan erging das senatusconsultum Plancianum sowie durch einen Senatsentscheid aus der Zeit Hadrians wurde bestimmt, daß der Ehemann, wenn ihn seine geschiedene Frau binnen 30 Tagen von einer Schwangerschaft informiert hatte, entweder seine Vaterschaft ausdrücklich ablehnen mußte oder aber das Kind, selbst wenn er es nicht als sein eigenes anerkannte, aufziehen mußte. Bei beiden Möglichkeiten verwirkte er das Recht, das Kind aussetzen zu lassen. Das erklärt sich insofern, als daß der Vater eines illegitimen Kindes keine patria potestas erwarb und konnte folglich auch nicht von seinem Recht, es aussetzen zu lassen, keinen Gebrauch machen.

Die ausgesetzten Kinder fielen meist wilden Tieren oder Raubtieren anheim. Gelegentlich mögen sie auch von Fremden aufgenommen worden sein. Sofern sie versklavt wurden, mußten sie jedoch in dem Fall freigelassen werden, wenn sie ihren Status als Freigeborene beweisen konnten. In Ägypten, wo sich die meisten Zeugnisse für Sklaven-Findlinge finden, so Jane Gardner, riskierte jeder, der einen solchen Findling als sein eigenes Kind adoptiere, den Verlust von einem Viertel seines Vermögens bei seinem Tod. Aus welchem Grund diese Regelung bestand, konnte ich nicht herausfinden. (Verweis auf Herrn Distelrath)

Trotz der patria potestas kann man wohl davon ausgehen, daß sich in den Fällen, in denen eine Familie aus Gründen der Armut nicht noch ein zusätzliches Kind ernähren konnte, sich der Vater der Zustimmung der Mutter versicherte, bevor er ein Kind aussetzte. Von Gaius Melissus aus Spoletum, einem Findling, der später ein Bibliothekar Kaiser Augustus' werden sollte, war es allgemein bekannt, daß dieser auf Grund eines Streites seiner Eltern ausgesetzt wurde.

Sofern die Mutter ohne Zustimmung des Vaters in einer Ehe, in der die manus bestand, ein Kind aussetzte, konnte dieser mit guter Aussicht auf Erfolg ein Rechtsverfahren anstreben, da sie etwas, das ihm gehörte, entfernt hatte. Im Falle illegitimer, freigeborener Kinder verhielt es sich bei der Aussetzung anders: Die Mutter hatte in diesem Fall das Kind nicht direkt getötet, da es keiner pater familias und somit auch keine patria potestas gab, konnte niemand einen Besitzanspruch auf das Kind erheben. Wenn die Mutter das Kind unmittelbar tötete, handelte es sich rein rechtlich um Mord, jedoch wurde derartige Fälle selten geahndet, weil niemand ein direktes Interesse an Strafverfolgung hatte und der Beweis, daß es sich um Mord handelte, angesichts der hohen Säuglingssterblichkeitsrate teilweise sehr schwer zu erbringen war.

 

 

C) These: Mädchen wurden häufiger ausgesetzt als Knaben

 

Diese relativ weitverbreitete Forschermeinung ist für die historische Zeit meist mit dem sog. Gesetz des Romulus begründet worden, wonach alle freien Knaben aber nur alle erstgeborenen Töchter aufgezogen werden mußten. Cassio Dio, der Geschichtsschreiber, stellt in seiner Historiae (54.16.2) fest, daß es im Jahre 18. v. Chr. bedeutend mehr männliche als weibliche Freigeborene gab. Dies ist für sich genommen durchaus ein Beleg für die These. Für Ägypten gibt es in jener Zeit mehr Belege für Kinder, die vom Misthaufen geholt wurden. Sie wurden, sofern sie versklavt wurden, an Ammen gegeben. Daher sind Ammenverträge erhalten - insbesondere aus Alexandria, in denen auch das Geschlecht der Kinder hervorgeht. Da nur sehr selten Mädchennamen zu finden sind, könnte man im Umkehrschluß meinen, daß vielleicht sogar Knaben häufiger ausgesetzt wurden. M.E. verhält es sich jedoch eher so, daß die Besitzer eher Jungen von den Misthaufen mitnahmen und die Mädchen liegengelassen haben. In den Grabinschriften zweier großen römischen Familien, der Statilii und der Volusii, kann man folgendes feststellen: Bei den Volusii wurden als Sklavenkinder nur drei Mädchen gegenüber sieben Knaben aufgezogen, bei den Statilii sogar nur drei Mädchen gegenüber siebzehn Knaben. Sicherlich kann dieses empirische Material nicht als repräsentativ angesehen werden, jedoch deutet sich hier eine zweifache Benachteiligung der Mädchen an: Erstens wurden sie wohl häufiger ausgesetzt; Zweitens wurden sie auch wohl häufiger liegengelassen, was sowohl durch die Ammenverträge als auch durch die Knaben-Mädchen-Relation in den beiden beschriebenen Haushalten anbelangt.

 

 

II. These: Die Griechen bzw. Römer kümmerten sich nicht um ihre Kinder

 

Die folgenden Ausführungen basieren im Wesentlichen auf den Text von Mark Colden: Did the ancients care when their children died?, der 1988 in der Zeitschrift Greece & Rome erschien. Golden verweist zunächst auf einen Text eines Autors namens Antiphon. Demnach ist die Kindheit voller Angst und Sorge. Diese Angst und diese Sorge vor dem Kindstod finden ihren Ausdruck in vielfältigen Amuletten aus Hirschgeweihen oder Wolfszähnen, die dazu dienen, Vampire und den bösen Blick abzuwenden. Des weiteren wird diese Angst Ausdruck verliehen in einer speziellen Kinderheilkunde, wonach der vierzigste Tag und der siebte Monat im jungen Leben eines Babys besonders bedrohlich seien. Wenn all diese Vorsicht versagte, war der Schmerz der Eltern, so Golden, groß. Fannia verbarg ihren Kummer vor ihrem Mann, Caecina Paetus. Plinia betrachtete ihre Selbstbeherrschung nach dem Tod ihres Kindes als größer als ihren berühmten Selbstmord (Zu Plinia habe ich übrigens nichts gefunden). Eine gewisse Xenocleia starb auf Kummer über ihren verstorbenen achtjährigen Sohn. Das Grab von Paresia, einem dreijährigen Mädchen, plapperte angeblich weiter nachdem Stimme des toten Mädchens es nicht mehr konnte. Die Eltern des süßen Solon, eines halbjährigen Knabens, hätten das Schicksal bitter angeklagt. Es scheint, so Golden, daß der Heracles von Euripides Recht hatte: "Beide, die Besten und den Sterblichen und solche, die ein niemand sind, lieben Kinder. Sie unterscheiden sich in materiellen Dingen; einige haben Besitz, einige nicht; aber die ganze Rasse ist kinderlieb."

Diese Privatmeinungen findet auch ihre Fortsetzung in den Handlungen von Gemeinschaften. Die Geburt eines Kindes wurde ermutigt durch Einschränkungen für die Kinderlosen und Belohnungen durch Staaten wie Sparta und Rom. Offensichtlich war es so - sonst hätte es solcher Maßnahmen nicht bedurft -, daß es Bürger gab, die nicht willig waren, einige oder überhaupt Kinder zu bekommen und zu erziehen. Und in der Tat läßt sich insbesondere die Bevölkerungspolitik Spartas, wie ja auch hinfällig in der Gefangennahme von 300 Spartiaten im Peloponnesischen Krieg durch die Athener und die anschließende Kapitulation Spartas zeigt, Rückschlüsse auf das massive Staatsinteresse an einer ausreichenden Anzahl von Soldaten zu. Jenseits dieses Staatsinteresses gab es natürlich auch einen anderen Anreiz. Da es in antiken Staaten - einmal abgesehen von den sozialpolitischen Ansätzen in Rom - keine soziale Absicherung für das Alter gab, stellten Kinder ihrerseits eine Gewähr dar für die Versorgung im Alter. Es ist schwierig, zwischen gefühlsmäßigen und praktisch-finanziellen Beweggründen eindeutig zu unterscheiden, meist handelt es sich bei der Entscheidung, Nachwuchs zu zeugen, vermutlich aus einem Konglomerat aus beidem. Die griechische Bezeichnung tokos weist bereits zwei Bedeutungen auf: Tokos bedeutet sowohl Kind als auch Interesse. Selbst wenn die Kinder nur aus eigenem ökonomischen Vorteil aufgezogen würden, so E.P. Thompson, "Feelings may be more, rather than less, tender or intense because relations are economic and critical to mutual survival" ("... entscheidend für das gegenseitige Überleben"). M.I. Finley meint, daß jeder Grieche und jeder Römer, der das heiratsfähige Alter erreicht hatte, sicher sein konnte, daß er eines oder mehrere seiner Kinder begraben werden müßte - sehr oft sogar sehr kleine. Finley behauptet nicht, daß sie ihre Kindern ohne das Gefühl von Verlust begraben hätten, sondern daß es in einer Welt, in der so frühe Tode und Begräbnisse an der Tagesordnung standen, sozusagen die Intensität und die Dauer emotionaler Reaktionen ungleich der modernen Reaktionen waren. Auch Philippe Ariès argumentiert in seiner Geschichte der Kindheit, daß Zuneigung und Liebe in vorindustriellen Gesellschaften nicht erwartet werden könne, da die hohe Mortatlität gefühlsmäßige Verpflichtungen und Bindungen, insbesondere zu Kindern, zu gefährlich für Individuen und nicht unterstützungswert für deren Gesellschaften seien. Bezogen aus das vorindustrielle England, schreibt Stone, müßten Eltern ihre mentale Stabilität sichern und das Maß ihrer psychische Verbundenheit zu ihren Kindern beschränken. Wörtlich: "Since there was a small reward ... and care on such ephemeral objects as small babies". Ein weiterer Aspekt ist die Praxis Kinder in die Hand von Ammen zu geben, häufig sogar weit entfernt auf Landgüter. Viele Mütter, so meint E. Shorter, sähen die Entwicklung ihrer Kinder mit Gleichmut oder Gleichgültigkeit. Diese Praxis wird von Plato und Plutarch und vielen anderen mehr kritisiert. Gleichwohl scheint starke regionale Unterschiede in Bezug auf die Inanspruchnahme von Ammen zu geben. Zudem gibt es ökonomische Gründe, die nicht von der Hand zu weisen sind. Viele junge Mütter mußten bereits Tage nach der Niederkunft wieder arbeiten. Golden bemerkt, daß die Fälle von Mißhandlungen bei Kindern, die von Ammen versorgt wurden häufiger vorkamen als bei anderen Kindern und diese auch eine höhere Mortalitätsrate gehabt hätten. Oftmals hätten die Ammen zuerst ihre eigenen Kinder gestillt und dann erst die fremden.

Was die Frage von zur Adoption freigegebenen Kindern und deren Unterbringung in Pflegeheimen anbelangt, so bemüht Golden den Vergleich mit westafrikanischen Einwandern, die sich aus Sorge um ihre Kinder zur Freigabe entschlossen hätten, um auch so einen höheren sozialen Status als ihren eigenen zu erlangen. So richtig das vielleicht auch für die Gegenwart sein mag, ist diese Argumentationsweise m.E. etwas abenteuerlich, weil sie einfach die heutige Motivationslage ohne Vorhandensein von Aussagen aus der Antike auf diese überträgt.

Vielleicht kann man angesichts eine Sterblichkeitsrate von bis zu 30 und 40 Prozent allein im ersten Lebensjahr die Einschränkung emotionaler Bindungen zu Kindern bedingt nachvollziehen - mit den normativen Maßstäben des 20. Jahrhunderts werden wir - so fürchte ich - dem Sachverhalt jedoch nicht gerecht. Über Kinder, die unter zwei Jahren verstarben, wurde in keinem Fall festgestellt, daß sie ahoros, also "nicht gelegen" - wie etwa die Formulierung bei anderen Verstorbenen, verstorben wären. Cicero meint etwa: Wenn ein Kind stirbt, soll man sich einfach trösten. Wenn eines in der Wiege versterbe, so solle man darauf keine Aufmerksamkeit verwenden. Auf dem Grabstein von Julia Pothousa, einer 12jährigen Arkadierin, wünschten sich die Eltern, sie wäre früher gestorben bevor sie sich so eng aneinander gebunden hätten. Auch dies soll sein Beleg dafür sein, daß die Römer und Griechen eine enge emotionale Bindung zu ihren Kindern hatten, auch wenn die Aussage des Grabsteins aus heutiger Warte etwas befremdlich anmutet.

 

Die Tatsache, daß bei Kindern andere Beerdigungsriten durchgeführt wurden als bei Erwachsenen, kann damit begründet werden, daß sie noch nicht vollständig in die Gemeinschaft eingetreten seien, so daß auch der Übergang aus dieser einfacher gestaltet werden kann. Das Begräbnis von Kindern im Haus selbst, muß nicht unbedingt ein Zeichen dafür sein, daß man ein Kind als für nicht wichtig genug erachtete, ein eigenes Grab zu erhalten, sondern, so Golden, kann auch eine Form eines sympathischen, magischen Brauches darstellen, ein Statement, daß der Haushalt Kinder willkommen heißt oder Zeichen des elterlichen Widerwillens, ihre Kinder aus ihrer Erinnerung zu tilgen.

Golden verweist selbst auf die hohe Rate an Kindesaussetzungen, die ja Schuller beispielsweise relativiert, und meint insbesondere die Aussetzungen von neugeborenen Mädchen sei in der Antike weitverbreitet gewesen. Aber diese Tatsache, so Golden weiter, sage nichts darüber aus, wie sie sich gegenüber dem Tod von Kindern verhielten, für deren Aufzucht sie sich entschieden hätten. Für mindestens problematisch halte ich den Vergleich, den Golden im Folgenden aufmacht: Er vergleicht die Kindesaussetzung mit der Motivlage heutiger Frauen für eine Abtreibung. Darauf will ich nicht näher eingehen.

Richtig ist, daß bereits Polybius bemerkte, daß die Entvölkerung Griechenlands kausal damit zusammenhängt, daß viele Eltern nur ein oder zwei Kinder haben wollen, was natürlich bei einer entsprechend hohen Sterblichkeitsrate der Kinder zur Bevölkerungsabnahme führt. Musonius Rufus klagt reiche Eltern an, die nicht alle ihre Kinder aufziehen wollen, so daß sie den Erstgeborenen all ihren Besitz vererben können.

 

 

III. Literatur

  • Ariès, P.: Geschichte der Kindheit. München 1978.
  • Gardner, Jane F. Woman in Roman Law and Society. London 1986.
  • Golden, Mark: Did the Ancients care when their children died? In: Greece & Rome. Vol. XXXV. 1988.
  • Humphreys, S.C.: The family, women and death. Comparative studies. London/Boston/Melbourne/Henley 1983.
  • Kytzler, Bernhard: Frauen der Antike. Von Aspasia bis Zenobia. Zürich 1994
  • Schuller, Wolfgang: Frauen in der griechischen Antike. Konstanz 1985.

 



Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte