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Prognose 353 + X Wahlmänner für Barack Obama

UJN 08.11.2008

 

Schon seit vielen Jahren beschäftigt mich das politische System der USA. Im Sommer nach dem spannenden Vorwahlkampf der Demokraten und Barack Obamas Rede vor der Berliner Siegessäule [hier die Variante "Obama auf Schwäbisch" bei youtube] fasste ich einen – zugegebenermaßen etwas naiven – Entschluss: Ich wollte das mir Mögliche tun, um zu verhindern, dass sich im Jahr 2008 in Ohio das wiederholt, was im Jahr 2000 im Bundesstaat Florida geschah. Damals ging es um etwas mehr als 500 Stimmen – damit aber um die die Wahlen entscheidenden 27 Wahlmännerstimmen Floridas - und um Wahlmanipulation. Darüber sprachen die Vorsitzende meiner ehemaligen Partei, Claudia Roth MdB und ich Ende August 2008 in ihrem Büro. Wir haben uns dann überlegt, wie wir als Linke und Grüne aus Europa überhaupt Einfluss nehmen können. Da waren wir zunächst ziemlich ratlos. Aber aus der Ratlosigkeit heraus entstand folgende Idee:  Open Letter to America, wir dachten an eine Art Initiative der europäischen Linken und Grünen mit dem Ziel, dass durch die Kandidaturen von Kleinstparteien und Einzelpersonen, wie etwa Ralph Nader (ehemals US-Grüne), nicht eine Präsidentschaft des demokratischen Kandidaten Barack Obama verhindert wird.  Diese sollten, so der Plan, in den Bundesstaaten ihre Kandidaturen zurückziehen, die als swing states gelten. In den swing states ist der Abstand zwischen den beiden großen Parteien so knapp, dass sie sowohl von Republikanern als auch von Demokraten gewonnen werden können. Der Gewinner bekommt ja dann bekanntlich alle Wahlmännerstimmen des betreffenden Bundesstaates - mit Ausnahme von Maine und Nebraska, wo andere Regelungen gelten. Dann fragte mich Claudia: „Du sag' mal Uwe, wo isch's denn g'rad' knapp in Amerika, i moin, in welcha Bundestaata.“ Halb allemanisch-schwäbisch antwortete ich, das wäre zu untersuchen, ich kümmere mich darum so als Politologe. Das tat ich dann auch erstmalig Anfang/Mitte September im Rahmen einer ziemlich umfangreichen Berechnung und Zusammenfassung der Umfragen in allen 50 Bundesstaaten seit Januar 2008 und daraus wurde der Blog "Election of the US-President 2008". Die Idee des Open Letter to America hat sich Ende September schliesslich erledigt, als sich die Stimmung zugunsten Obamas drehte.

 

Meine Berechnungen, welche ich am 4. November, dem Wahltag, dann doch noch einmal vornahm (einfach weil ich wissen wollte, ob meine Methode wirklich funktioniert) ergaben, dass Obama mindestens 353 electoral voters (Wahlmänner) + X gewinnen würde. Das bestätigte sich noch in der Wahlnacht dahin gehend, dass er vor der Auszählung der beiden knappen Bundesstaaten North Carolina und Missouri 349 electoral voters (und schließlich insgesamt 365 vs 173) zugesprochen bekam. Da bin ich ziemlich erschrocken darüber, wie knapp ich  mit meiner Prognose daneben lag, und habe mich auf der Wahlparty der demokratischen Kampagne in Berlin im Kino Babylon, direkt gelegen neben meiner neuen Bundesgeschäftsstelle, dem Karl-Liebknecht-Haus in Berlin-Mitte, ziemlich betrunken. Irgendwie fand ich den Weg trotz des vielen Bieres nach Hause. Man sagte mir, die Party sei bis morgens um 10 Uhr gegangen.

 

Es gibt viele Einwände gegen die USA, das weiß ich wohl, aber es bleibt die Tatsache, dass dort seit 232 Jahren ein Staatswesen organisiert ist, das relativ stabil ist, und sich begründet auf dem Prinzip des Parlamentarismus'. Für die Demokraten in den USA zu sein, ist nur der Weg des kleineren Übels, so wie das oftmals im Leben ist. Ich selbst würde mich als linken Ökologen bezeichnen, aber leider hätte man eingedenk des politischen Systems der USA mit den damit verbundenen Konzepten keine Chance.  Es ist unrealistisch zu glauben, der Wahlmodus, das relative Mehrheitswahlrecht auf Ebene der US-Bundesstaaten, würde in den kommenden Jahren verändert werden. Daher haben Kleinstparteien - Liberale, Grüne oder Sozialisten - kaum eine Chance, auch nur in den einzelnen Bundesstaaten Parlamentssitze zu erringen. Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen, wie etwa Bernie Sanders, ein Senator aus Vermont, der  als unabhängiger Kandidat bei der Senatswahl 2006 ins Rennen ging und gewann. Er bezeichnet sich selbst übrigens - was für ein Novum für den US-Senat - als Sozialisten. Es bleibt an dieser Stelle in Bezug auf Barack Obama festzuhalten, wie es auch die Süddeutsche Zeitung geschlagzeilt hat, dass Amerika sich mit sich selbst versöhnt hat. Das Amerika der vielen Kulturen ist bei sich selbst angekommen, die Dominanz der Hautfarbe ist gebrochen.

 

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Uwe Ness | Texte zu Politik, Literatur & Geschichte